Paderborn - der Klub der zweiten Chance

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Partyborn und PaderVorn wird mittlerweile getitelt – das Wunder der Ost-Westfalen weitet sich aus.

Nach vier Bundesliga-Spieltagen steht der „krasseste Außenseiter“ – Zitat Trainer Andre Breitenreiter - ungeschlagen an der Tabellenspitze und blickt dem Spitzenspiel(!) beim FC Bayern München am Dienstag entgegen.

Wunderbare Geschichten gibt es genug im und rund um das Überraschungsteam. Im Vorjahr sind die Blau-Schwarzen mit dem kleinsten Etat der 2. Bundesliga ins Oberhaus aufgestiegen. Ein örtlicher Möbelhaus-Besitzer leitet seit 17 Jahren als Präsident und Sponsor die Geschicke. Mit 2.000 Stellplätzen wartet das 15.000 Zuschauer fassende Stadion mit dem größten Fahrradparkplatz der Bundesliga auf.

Breitenreiter schickt sich an, der nächste in einer Reihe von Trainern zu werden, der Paderborn als Sprungbrett zu einem Groß-Klub nutzt. Bei den Trainingseinheiten ziehen sich die Profis aufgrund der ausbaufähigen Infrastruktur in der Wohnung eines Hausmeisters um.

Die wahren Wunder spielen sich in Paderborn aber auf persönlicher Ebene ab. Denn der Kader des Aufsteigers ist nicht nur mit Abstand der billigste, er ist auch gespickt mit Spielern, die es anderswo nicht geschafft haben. Sogar ein früherer Obdachloser und ein ehemaliger Gefängnisinsasse gehören der Mannschaft an.

Eine Truppe der Ungewollten

Tormann Lukas Kruse, der von Paderborn nach Dortmund und Augsburg auszog, sich dort aber nicht durchsetzen konnte und nun im Alter von 31 Jahren erstmals Bundesliga spielt, ist einer jener, die hier ihr Glück fanden. Kapitän Uwe Hünemeier arbeitete sich durch die Jugendmannschaften des BVB bis zu den Profis und absolvierte fünf Partien in der ersten Liga, aber auch er konnte nicht überzeugen und landete über den Umweg Cottbus in Paderborn. Moritz Stoppelkamp, der mit seinem 83-Meter-Tor gegen Hannover einen neuen BL-Rekord aufstellte wurde laut eigenen Aussagen in seiner Zeit bei 96 von Fans gemobbt und verließ die Niedersachsen daraufhin. Via 1860 ging es für ihn zum SCP.

Elias Kachunga, mit bereits drei Toren einer der Shootingstars, wurde von Gladbach mehrmals verliehen, ehe er im vergangenen Sommer für rund 300.000 Euro endgültig nach Paderborn wechselte. Mario Vrancic kam bei Mainz nicht über ein BL-Spiel hinaus und schaffte in Dortmund den Sprung zu den Profis nicht. Jetzt zieht er im Mittelfeld des Tabellenführers die Fäden und mischt mit seinen Kollegen die Liga auf.

Beim Klub, dessen Maskottchen „Holli“ bezeichnenderweise keine graue, sondern eine blaue Maus ist, wird aber nicht nur Spielern, die sportlich etwas im Abseits stehen, eine zweite Chance gegeben. An der Pader bekommen auch Menschen, die privat schwierige Zeiten hinter sich haben, die Möglichkeit, ihren Traum vom Bundesliga-Profi zu verwirklichen.

Vom Obdachlosen zum Fußballgott

Daniel Brückner ist mittlerweile 33 Jahre alt, als Teenager hätte er aber wohl nicht gedacht, dass er einmal in der Bundesliga gegen den FC Bayern auflaufen würde. „Bohne“ flog von der Schule und aus seinem Fußball-Verein, hatte familiäre Probleme und war zwischenzeitlich obdachlos, nachdem er von zu Hause abgehauen war. „Es gab ein paar Jahre, in denen es mir nicht gut gegangen ist“, erzählt der gebürtige Rostocker der „tz“ und stellt klar: „Es war nicht so, dass ich unter Brücken geschlafen hätte, aber hatte halt keine Wohnung.“ Mit Gelegenheits-Jobs hielt er sich über Wasser, hatte teilweise nur 50 Euro im Monat zum Leben.

„Ich habe dann irgendwann wieder mit dem Fußball angefangen, beim Landesligaklub Eimsbütteler BC“, erinnert sich Brückner. Der Verein sei sein großer Rückhalt gewesen, seine Familie. Der dortige Manager vermittelte ihn dann zur zweiten Mannschaft von Werder Bremen, über Rot-Weiß Erfurt und Greuther Fürth kam er 2009 zu Paderborn.

Hier hatte er maßgeblichen Anteil am Aufstieg in die 2. Bundesliga, wurde mit mittlerweile 175 Spielen zur Nummer zwei in der ewigen Bestenliste – hinter Markus Krösche – und eroberte sich einen Platz in den Herzen der Fans, die ihn bei jeder Durchsage der Aufstellung mit dem Zusatz „Fußballgott“ feiern.

Aus dem Gefängnis in die Bundesliga

„Als es mir damals so schlecht ging, hatte ich den Traum, Fußballprofi zu werden. Und er ist wirklich noch in Erfüllung gegangen“, sagt Brückner und ist stolz, nicht auf die schiefe Bahn geraten zu sein: „Ich wurde damals nie kriminell. Drogen oder Diebstahl – damit hatte ich nie etwas zu tun.“

Etwas, was Süleymann Koc von sich nicht behaupten kann. Eine Dummheit hätte den heute 25-Jährigen beinahe seine Karriere gekostet. "Ich hatte falsche Freunde. Aber daran bin ich selbst schuld, die habe ich mir ausgesucht", erklärt er der „Neuen Westfälischen“.

Nach mehreren Stationen bei Unterhaus-Klubs seiner Heimatstadt Berlin nahm ihn 2010 Drittligist Babelsberg unter Vertrag. Bald schon zog das aufstrebende Talent auch das Interesse von Klubs aus Liga zwei auf sich, seine Verhaftung im April 2011 durchkreuzte aber alle Pläne.

Er war Teil der „Macheten-Bande“, die mehrere Cafes und Spielcasinos in Berlin-Moabit überfiel. Mit Eisenstangen, Samurai-Schwertern und eben Macheten sollen sie die Angestellten bedroht haben. Drei Jahre und neun Monate lautete das Urteil für Koc, der den Fluchtwagen fuhr. "Ich schäme mich sehr für das, was ich getan habe. Ich habe Menschen viel Leid zugefügt und bereue meine Taten", gibt er geläutert zu.

Mit einem Bein im Gefängnis, mit einem auf dem Platz

Elf Monate saß er dafür hinter Schloss und Riegel, ehe er wegen guter Sozialprognose und der Perspektive bei Babelsberg Freigänger werden durfte. Wer weiß, ob er wieder in die Spur gefunden hätte, wäre der Klub nicht bereit gewesen, ihn wieder aufzunehmen. Aus der Haft hatte sich Koc bei seinen Kollegen entschuldigt, die sprachen ihm im Gegenzug Mut zu. Auch Trainer Dietmar Demuth glaubte an seinen Schützling:

„Ich bin gerne bereit, einem jungen Mann wie ihm die Chance zu geben, wieder Fuß in unserer Gesellschaft zu fassen“. Und so stand einem Comeback nichts entgegen. Koc pendelte zwischen Fußballplatz und Zelle, verbrachte den Tag über beim Training oder Spiel und kehrte jeden Abend ins Gefängnis zurück.

Paderborn schlägt zu

Ende 2013 kam Koc vorzeitig frei, der Zeitpunkt, an dem Paderborn zuschlug. Mit 1. Jänner 2014 nahm man den Ex-Häftling, der beim inzwischen in die Regionalliga abgestiegenen Babelsberg zum Top-Scorer avancierte, unter Vertrag. Es gab auch Stimmen, die Bedenken äußerten, doch SCP-Manager Michael Born ließ sich in den Gesprächen mit Koc überzeugen.

„Er hat eine riesengroße Dummheit begangen, aber er ist auch ein bisschen da reingeraten. Wir sehen es als Aufgabe unseres Vereins an, zur Resozialisation des Menschen Koc beizutragen", machte sich Born sein eigenes Bild. Koc gelobte, das Vertrauen zu rechtfertigen und hielt Wort.

Losgelassen hat ihn seine ungewöhnliche Vita nicht. Vor allem mit dem Aufstieg und seinen persönlichen Leistungen rückte auch seine Geschichte wieder in den medialen Fokus. „Ich spreche nicht gerne über meine Vergangenheit, aber ich weiß, dass ich einfach Klartext reden muss. Es nervt zwar ein bisschen, aber sie ist eben ein Teil von mir", weiß Koc damit umzugehen.

Ein Top-Spieler der Bundesliga

Lieber sind ihm naturgemäß positive, sportliche Schlagzeilen. So wie sie der „kicker“ nach dem vergangenen Wochenende schrieb, als er den Angreifer in seine Top-Elf des vierten Spieltags wählte – der vorläufige Höhepunkt eines rasanten Aufstiegs, für den Koc zuerst tief fallen musste.

„Niemand sollte sich unterkriegen lassen. Ich habe es auch geschafft und bin in der besten Liga der Welt angekommen“, versucht er, Menschen in ähnlichen Situationen Mut zu machen.

Süleyman Koc hat sie genutzt, seine zweite Chance. Und er weiß selbst am besten, wie sehr er sich gewandelt hat:

„Heute bin ich Vorbild, damals war ich ein Vollidiot.“

 

Christoph Kristandl

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