"Dumme" Neuer-Ausflüge, "hilflose" Dortmunder

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Die Sport-Welt blickt heute nach München.

Wenn um 18:30 Uhr der "deutsche Klassiker" zwischen dem FC Bayern München und Borussia Dortmund von Schiedsrichter Manuel Gräfe angepfiffen wird, flimmert das Bild in 208 Länder.

Mit Ausnahme von Nordkorea wird der Gipfel der beiden Großmächte des deutschen Fußballs in jedem FIFA-Mitgliedsland ausgestrahlt.

Erster gegen Fünfzehnter

Die Vorzeichen könnten allerdings unterschiedlicher nicht sein. Während Meister und Pokal-Sieger Bayern auch in diesem Jahr vorne wegmarschiert und souverän die Spitzenposition innehat, ist Vize-Meister und Pokal-Finalist Dortmund in den Startblöcken hängen geblieben.

Erster gegen Fünfzehnter lautet das Duell, 14 Punkte trennen die Erzrivalen. An Brisanz büßt das Aufeinandertreffen trotzdem nicht ein.

Gemeinsam mit dem "Sky"-Experten Christoph Metzelder beleuchten die LAOLA1-Redakteure Christoph Nister und Christoph Kristandl die Brennpunkte zwischen den beiden Rivalen.

 

Christoph Kristandl: Im Moment fehlt wohl eher Plan A. Nach dem Abgang von Lewandowski war Klopp gezwungen, die Spielanlage zu verändern. Dumm gelaufen nur, dass das ausgrechnet in einer Vorbereitung passieren musste, in die die halbe Mannschaft erst verspätet einstieg und in der viele Puzzlestücke des Teams wegen Verletzungen fehlen. Klopp wartet in dieser Saison noch auf die Gelegenheit, dass sich seine Mannschaft einspielen kann. Und da liegt der Hund begraben. Klopps BVB lebte stets von seiner Team-Harmonie, der Eingespieltheit, den automatisierten Abläufen, dem blinden Verständnis, der mannschaftlichen Geschlossenheit. Das bröckelte schon in der Vorsaison, als die Abwehr-Formation ständig umgestellt werden musste. Die nominelle A-Variante der Viererkette - Piszczek, Hummels, Subotic, Schmelzer - konnte beispielsweise seit dem Champions-League-Finale von London 2013 nicht mehr zusammen spielen. Zwar hat Dortmund mehr Qualität und Quantität im Kader als im Vorjahr, Rotieren kann man aber nur einzelne Positionen einer gut funktionierenden Standard-Formation. Die gibt es nicht, es hakt an Fundamentalem, an Basis-Dingen. Solange es keinen ersten Anzug gibt, der passt, bringt einem die Kader-Tiefe wenig.

 

Christoph Nister: Pressing und Gegenpressing, ein enorm hohes Laufpensum und ein blitzartiges Umschaltspiel – über mehrere Jahre begeisterte Jürgen Klopp mit seinem Team die deutschen, aber auch die internationalen Fußball-Fans. Inzwischen scheint es, als sei der „Kloppo-Code“ geknackt worden. Woche für Woche beweisen spielerisch klar unterlegene Teams aus der Bundesliga, dass man dem „Hurra-Fußball“ des  47-Jährigen Paroli bieten kann. Über Wochen hinweg schien Klopp allerdings immun gegen Ratschläge zahlreicher Experten, darunter Trainer-Legende Ottmar Hitzfeld, die ihm nahe legten, doch lieber mal „aus einer kompakten Abwehr heraus zu agieren“. Inzwischen dürfte der zweifache Meister-Trainer seine Beratungsresistenz überdacht haben, erklärte Sebastian Kehl doch nach dem glanzlosen 3:0-Sieg im Pokal beim FC St. Pauli: „Wir wollen ein paar dreckige Siege einfahren, so wie der Trainer das gesagt hat.“ Am Ende des Tages zählen die Resultate. Je besser diese sind, desto größer wird das Selbstvertrauen und desto stärker wird der BVB auch in der Liga wieder auftreten. Klopp scheint das erkannt zu haben. Spät, aber besser spät als nie.

 

Christoph Kristandl: Immobile mit Lewandowski zu vergleichen, ist schlichtweg unfair. Der Pole gehört zur absoluten Spitze der Top-Stürmer, ist wahrscheinlich der kompletteste auf seiner Position. Ein solcher Mann kann nicht 1:1 ersetzt werden, weil es ihn kein zweites Mal gibt, das war klar. Wenn man schon vergleichen will, bitte: Immobile hat nach 12 Einsätzen 5 Tore zu Buche stehen, trifft alle 145 Minuten. Lewandowski kommt beim FCB in 14 Einsätzen auf 6 Tore, trifft alle 187 Minuten. Immobile ist der Versuch, sich einen anderen Spielertypen ins Boot zu holen. Dass dieser nicht ins Dortmunder System passt, mag stimmen, aber nur, wenn man vom System der letzten Jahre ausgeht. Klopp probierte in der Vorbereitung viele verschieden Formationen aus, darunter auch mit zwei echten Stürmern. Die schwierige Personalsituation verzögerte aber die Weiterentwicklung. Immobile ist ein guter Stürmer und macht seine Tore. Vermutlich wird er nie die Qualität eines Lewandowski erreichen, aber selbst der Pole hatte einen mehr als holprigen Start in Dortmund, musste sich erst an Klopps System anpassen, war in seiner ersten Saison ein wahrer Chancentod und hatte am Ende der Spielzeit 9 Tore auf dem Konto. Einen Vorwurf muss man dem BVB aber machen: Man wusste lange genug, wann Lewandowski geht und hätte spätestens im vergangenen Winter einen Nachfolger verpflichten müssen, um früher den Umbau einzuleiten und die Eingewöhnung zu erleichtern.

 

Christoph Nister: Nein, das ist er nicht. Der Kardinalfehler besteht darin, in Immobile – oder auch Adrian Ramos – einen adäquaten Nachfolger für Robert Lewandowski zu sehen. Das ist er nicht und das wird er auch nicht. Die Spielweise der beiden ist divergent und somit nur schwer vergleichbar. Was beide auszeichnet, ist ihr Torinstinkt – und den bewies der Italiener bereits mehrfach. Fünf Treffer in elf Pflichtspielen sind eine passable Ausbeute, erst recht, wenn man bedenkt, dass er vor allem in den ersten Wochen Akklimatisierungsprobleme erkennen ließ. Die Frage, die sich mir stellt, ist, ob Dortmund mit ihm stärker ist? Hier kann die Antwort nur „nein“ lauten.

Christoph Metzelder: Es ist auffällig, dass Borussia Dortmund an Champions-League-Abenden richtig gut funktioniert und harmoniert in allen Abläufen – defensiv, man hat kein Gegentor bekommen, aber auch offensiv. Man hat Arsenal geschlagen und auch in Istanbul gewonnen. Frappierend ist, dass es in der Bundesliga nicht klappt. Da ist festzustellen, dass sich viele Mannschaften auf das Spiel von Borussia Dortmund eingestellt haben. Die große Stärke der letzten Jahre, das Pressing, verhindern sie insofern, dass sie mit langen Bällen operieren oder sich in die eigene Hälfte zurückziehen und Dortmund mit den eigenen Waffen schlagen. Es ist immer schwieriger, das Spiel selbst zu bestimmen, als auf Fehler des Gegners zu warten und gegen den Ball zu operieren. Es ist die Metamorphose, die Borussia Dortmund einfach gehen muss. Sie haben ja Qualität im Sommer dazu geholt, zu Saisonanfang haben aber auch viele Kreative gefehlt. Man merkt zum Teil, dass sie im letzten Drittel extrem hilflos sind. Oft auch schon im Spielaufbau in der Viererkette, wenn Mats Hummels nicht dabei war. Es gab wenige Ideen, die Offensivkräfte in Szene zu setzen. An den Abläufen müssen sie weiter arbeiten. Viele Mannschaften werden in Zukunft so auftreten. Das Spiel in München ist aber eines, in dem Dortmund alte Stärken zeigen kann, denn Bayern München ist die einzige Mannschaft in der Liga, die, egal, gegen wen, immer das Spiel gestalten will und sehr viel Ballbesitz hat. Dortmund kann dadurch wieder die Pressingabläufe durchziehen, die das Team stark machen.

 

Christoph Kristandl: Das taktische Kalkül ist der logische Schritt, das beweist die Bayern-Transferpolitik der Vergangenheit. Ob man nun bei Leverkusen oder Werder wilderte oder in den 90er Jahren den aufstrebenden KSC bis zum Abstieg leerkaufte. Es gibt Verpflichtungen in München, die einzig und allein dazu dienen, anderen Klubs Spieler wegzunehmen bzw. sie so vor einem Wechsel zu einem Konkurrenten abzuhalten. Jeder Transfer vom BVB hat aber zwei Bonuspunkte für den Rekordmeister: Der Abgang schwächt Dortmund UND verstärkt die Bayern. Man kann den Münchnern nicht vorwerfen, die besten Spieler zu kaufen. Das BVB-Pech in diesem Fall ist, zuletzt Weltklasse-Spieler geformt zu haben. Der FCB wäre allerdings auch längst in der Lage, sich an Top-Akteuren aus anderen Ligen zu bedienen, was man mit Xabi Alonso bewies. Würde man Konkurrenz dulden, würde man Dortmund seine Stars lassen. Zwar hört man in München oft, es bräuchte eine starke Bundesliga, diese verbaut man sich aber selbst. Über kurz oder lang schneidet man sich damit ins eigene Fleisch. Unangefochtene nationale Dominanz geht auf Kosten der internationalen Konkurrenzfähigkeit. Immerhin resultiert Bayerns Comeback in Europas Spitze dem Contra von BVB-Seite.

 

Christoph Nister: „Es wäre für die Bundesliga nicht gut, wenn er auch noch zu Bayern geht. Aber es ist klar, dass sich Bayern mit ihm beschäftigen muss.“ Lucien Favre hat in der „BamS“ eigentlich schon alles gesagt. Der Anspruch der Münchner ist es seit Jahrzehnten, die besten deutschen Spieler – gepaart mit internationalen Stars – an der Isar zu vereinen. Reus ist derzeit der beste auf seiner Position, ergo ist es Pflicht, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Hinzu kommt, dass die Bayern seit Jahren eine Abhängigkeit von der Flügel-Zange Ribery/Robben erkennen lässt, die beiden allerdings mit 31 bzw. 30 Jahren nicht mehr zu den Jüngsten zählen. Reus wäre der logische Nachfolger, könnte beide entlasten und erfüllt zudem ein von Pep Guardiola geschätztes Kriterium – er ist flexibel einsetzbar. Wenn Karl-Heinz Rummenigge vom 25-Jährigen schwärmt und im selben Atemzug erwähnt, er wolle aber „jetzt nicht in Dortmund für Unruhe sorgen“, ist das natürlich Unsinn und pures Kalkül. Der Erzrivale befindet sich in einer Krise, jedes zusätzliche Störfeuer können die Borussen nicht gebrauchen. Nach den Transfers von Götze und Lewandowski herrscht Eiszeit zwischen den beiden, Hans-Joachim Watzke wollte ein Muster erkannt haben und formulierte es auf martialische Art und Weise: „Die Bayern wollen uns zerstören.“ Die Vorgangsweise der Münchner mag für viele nicht die feine englische Art sein, sie bricht aber auch keine Regeln und ist Teil des Geschäfts. Über Jahrzehnte haben sich die „Roten“ ihre Ausnahmestellung in Deutschland erarbeitet. Diese Karte spielen sie clever aus, sobald sich ein Konkurrent anschickt, ihnen Paroli zu bieten. Und auch wenn es viele nicht gerne hören, doch für Reus wäre Bayern der nächste – logische – Schritt auf der Karriereleiter.

 

Christoph Metzelder: Die Bayern wollen Weltklassespieler verpflichten, da zählt Mario Götze dazu, da zählt Robert Lewandowski dazu, aber auch Marco Reus. Das sind Spieler, mit denen sich sechs, sieben Vereine in Europa beschäftigen, Bayern München muss da einfach dazugehören. Erst recht, da es ein deutscher Nationalspieler ist. Dass sie ihren Hut in den Ring werfen, ist völlig normal. Die Art und Weise, wann und wie das passiert, ist wahrscheinlich auch die Folge der Erfolge von Borussia Dortmund. Mit dem 5:2 im Pokal-Finale (2012, Anm.) haben sie die Bayern gedemütigt, das war der Startschuss für eine Transferoffensive, die letztendlich Borussia Dortmund getroffen hat. Ich glaube aber nicht, dass die Bayern Dortmund zerstören wollen. Es gab in der Vergangenheit – bei allem Respekt – sicher auch mal Spieler, wo die Lage nicht ganz so klar war. Dass sich Bayern mit Götze, Lewandowski, Reus und Hummels beschäftigt, ist hingegen absolut klar, weil es herausragende Spieler sind, die für die Münchner infrage kommen. Bayern bedient sich unter anderem bei Dortmund, Dortmund wiederum bei anderen Vereinen. Das ist der normale Gang, jeder kennt das Geschäft, da muss ich dann auch nicht lamentieren.

 „Dortmund braucht einen spielerisch starken Stürmer. Das ist Immobile überhaupt nicht“, urteilte Oliver Kahn bei „Sky90“ und bekam Unterstützung von Lothar Mattähus, der erklärte: „Das Tempospiel, das Dortmund praktiziert, passt nicht zu Immobile.“ Genau hier müsste der BVB den Hebel ansetzen. Das System der Westfalen ist immer noch aufgebaut wie in den letzten Jahren. Der „Prellbock“ Lewandowski, der lange Bälle exzellent verarbeitete und als erfolgreicher Assistgeber selbst mit dem Rücken zum Tor Gefahr ausstrahlte, ist nicht mehr da. Immobile wird aber immer wieder in diese Rolle gedrängt und versucht häufig, sich schon im Mittelfeld die Bälle zu holen (siehe Heatmap). Das ist nicht sein Spiel, damit beraubt er sich seiner größten Waffe – dem Killerinstinkt, den er als Strafraumstürmer in Tornähe zur Genüge bewies. Solange Klopp an seinem System festhält, wird Immobile im Schatten Lewandowskis bleiben.

 

Christoph Metzelder: Dafür ist es viel zu früh, um das zu beurteilen. Stand jetzt hätten wir in der ersten Saison von Lewandowski genauso geurteilt. Es ist verfrüht, aber natürlich müssen wir das bewerten, was wir bisher gesehen haben. Da sage ich: Er wird seine Tore machen, trotzdem wirkt er phasenweise wie ein Fremdkörper. Er hat Qualitäten, die unbestritten sind, diese passen aber momentan noch nicht zu dem, was um ihn herum passiert. Mkhitaryan, Reus und Kagawa sind Kombinationsfußballer, die Robert Lewandowski immer wieder in ihre Kombinationen  um den 16er herum eingebunden haben. Auch die Stärke von Robert, unmögliche Bälle im Eins gegen Eins zu verarbeiten, ist nicht jene von Ciro Immobile. Er ist ein unglaublicher Arbeiter, der viele Wege geht und sich aufreibt, der im 16er richtig gute Abschlüsse hat. Er ist aber nicht der Kombinationsspieler, der Lewandowski ist. Das Problem ist, dass Dortmund mit dem Geld, das man in den letzten Jahren für Weltklassespieler eingenommen hat, keine Spieler mit ähnlicher Qualität bekommt. Vielleicht hatte man nicht den Mut, es ist aber wohl auch eine Strategiefrage, zu sagen: Ich habe ein bestimmtes Gehaltsgefüge und eine Mannschaftshygiene. Wenn ich für 50 Millionen einen Stürmer kaufe, beispielsweise einen Edin Dzeko, dann bringe ich das in Gefahr, was Borussia Dortmund in den letzten Jahren extrem ausgezeichnet hat. Deshalb hat man sich entschieden, die Last auf mehrere Schultern zu verteilen und unterschiedliche Spielertypen zu holen – Adrian Ramos, Ciro Immobile, auch Aubameyang, der oft im Sturmzentrum operiert -, um das in der Breite aufzufangen. Stand jetzt muss man aber sagen, dass ein Ersatz für Robert Lewandowski mit dessen Fähigkeiten fehlt.

 

Christoph Kristandl: Man kann Guardila nicht vorwerfen, dass man seine Handschrift klar erkennt. Als man ihn nach München holte, wusste man, was man bekommt und dass man sich zwansläufig zu einer Weiterentwicklung des FC Barcelona machen würde. Ob nun jeder am Weißwurstäquator darüber glücklich ist, dass beispielsweise wenig auf Standardsituationen gesetzt wird oder dass sich die spanische Armada im Kader und Betreuerstab stetig vergrößert, sei dahingestellt - hierbei handelt es sich auch um Geschmackssache. Bedenklich wird es allerdings, wenn Pep seinen Sturkopf zu starr durchziehen will, wie etwa in der Privat-Fehde mit Doc Müller-Wohlfahrt. Wer den unbestritten besten Mann auf diesem Gebiet in den eigenen Reihen hat und trotzdem Spieler zu seinen eigenen Vertrauens-Ärzten nach Spanien schickt, muss dann auch Fehlbehandlungen wie im Falle von Thiago veranworten. Es ist erlaubt, auch einem Pep Guardiola Grenzen zu setzen, das sollte der FCB nicht vergessen.

 

Christoph Nister: Co-Trainer Domenec Torrent, Fitness- und Reha-Trainer Lorenzo Buenaventura, dazu Martinez, Alonso, Bernat, Reina und Thiago – es scheint, als habe sich Pep Guardiola eine spanische Wohlfühloase in München eingerichtet. In der Tat ist der spanische Einschlag im „Mia san mia“-Empfinden längst nicht mehr zu übersehen. Dem Vorwurf, aus dem FCB würde „Espanyol Bayern“, kann ich allerdings nichts abgewinnen. Es ist ein natürliches Procedere, dass ein Trainer sich sein Team zusammenstellt, daher brachte der 43-Jährige die Herren Torrent und Buenaventura mit an die Isar. Martinez war bereits hier und wer den Kollegen Alonso, Bernat, Thiago und Martinez die nötige Klasse absprechen will, hat von Fußball keine Ahnung. All diese Akteure haben das Team in puncto Qualität klar nach vorne gebracht. Einzig über die Rolle von Reina lässt sich streiten, doch ist nicht mehr unüblich (siehe Chelsea mit Courtois, Cech und Schwarzer), drei starke Torhüter in den eigenen Reihen zu haben. Die „Rassismus“-Vorwürfe von Karl-Heinz Rummenigge entbehren natürlich jeglicher Grundlage, eine weitere Aussage war allerdings höchst interessant. „Deutschland nach dem WM-Titel schon wieder als Nabel der Fußballwelt zu verstehen, der keine Einflüsse von außen mehr braucht – solch einer dumpfen und provinziellen Denkweise muss ein Riegel vorgeschoben werden“, erklärte der Vorstandsvorsitzende. Es klang etwas theatralisch, doch der Kern seines Statements ist absolut richtig. Neuer, Lahm, Schweinsteiger, Götze, Müller oder auch Badstuber sind immer noch die Gesichter des Teams, das Knowhow der internationalen Topstars hat das Spiel der Münchner allerdings noch einmal angehoben. Insofern haben die zahlreichen Spanier den Bayern sogar gut getan.

Da haben sich zwei gefunden: Pep Guardiola und sein spanischer Landsmann Xabi Alonso

Christoph Metzelder: Pep Guardiola hat einen gewissen Stil, Fußball spielen zu lassen. Dafür braucht er Spieler, die es mittlerweile auch in Deutschland gibt. Die Bayern haben sich, angefangen hat es unter van Gaal, diese Qualität in Passspiel und Ballbesitz angeeignet. Solche Spieler gibt es aber vor allen Dingen in Spanien und dort vorwiegend in Barcelona. Deshalb bedient er sich bei Xabi Alonso. Er ist der perfekte Spieler für das System, das er spielen lassen möchte. Ich glaube aber schon, dass sie sich auch in Deutschland umschauen und dafür ist wiederum Marco Reus ein geeigneter Spieler. Nicht nur, was den Ballbesitz betrifft, sondern auch, diesen umzusetzen vor dem Tor. Er hat die entsprechende Klasse dafür. Ich glaube auch, dass der Markt inzwischen fast abgegrast ist. Ich denke daher nicht, dass man sich in Zukunft noch dahingehend verstärken wird. Es wird immer eine gute Mischung sein, ich sehe da momentan auch kein Problem.

 

Christoph Kristandl: Das hängt in großen Teilen nicht von Dortmund ab, sondern von der Konkurrenz. Irgendwann wird sich der BVB fangen und dann wird er auch in der Lage sein, eine Serie hinzulegen, womöglich annähernd wie in der Rekord-Rückrunde 2012. Fakt ist aber, die Schwarz-Gelben können machen, was sie wollen, bei zehn Punkten Rückstand auf Platz vier müssen auch die anderen mitspielen, wenn es noch mit der Königsklasse klappen soll. Bayern ist weg, Gladbach wirkt enorm stabil, bleibt abzuwarten, wie das aussieht, wenn es in der Europa League ans Eingemachte geht, aber der Fohlenelf ist zuzutrauen, sich in den Top-3 zu halten. Leverkusen wirkt noch nicht ganz so gefestigt, ein CL-Platz wird es aber wohl schon werden. Hoffenheim muss man am ehesten einen Einbruch zutrauen, während Wolfsburg etwas unscheinbar konstant punktet und von hinten eigentlich nur Schalke echte Ambitionen hegt. Es wird nicht einfach, aber wer sollte es sonst schafffen, wenn nicht Klopps Comeback-Kids. Das Glück im Unglück für den BVB: Die Mehrheit der Niederlagen in den vergangenen Wochen setzte es gegen Hannover, HSV und Co. Duelle mit direkten Konkurrenten um die CL-Ränge gibt es noch genug.

 

Christoph Nister: Zehn Punkte Rückstand auf die Ränge zwei bis vier, die zur Teilnahme an der (Qualifikation zur) Champions League berechtigen, sind eine Menge Holz. Hinzu kommt, dass mit dem FC Bayern (auswärts) und Borussia Mönchengladbach (zuhause) die beiden derzeit formstärksten Mannschaften Deutschlands sich als nächste Hürden vor dem BVB auftürmen und die Liga-Krise der Klopp-Elf weiter verschärften könnten. Es steht außer Zweifel, dass Dortmund hinter den Bayern das größte spielerische Potenzial in den eigenen Reihen versammelt. Die Abwärtsspirale drehte sich zuletzt allerdings immer schneller, sodass das Selbstvertrauen verloren ging. Dagegen sind die Europa-League-Starter Gladbach und Wolfsburg sowie Hoffenheim (ohne Doppelbelastung) besser und besser in Schwung gekommen. Hinzu kommen Leverkusen oder auch Schalke, das man immer auf der Rechnung haben sollte. Dem BVB ist eine Siegesserie absolut zuzutrauen, doch die könnte zu spät kommen. Die Lücke ist riesig, daher lege ich mich fest und sage, dass es in dieser Saison nur für die Europa League (Platz fünf oder sechs) reichen wird.

 

Christoph Metzelder: Ich habe persönlich auch immer wieder mal Situationen erlebt, in der man sich nach ein paar Spieltagen in völlig anderen Tabellenregionen als erwartet wiederfand. Das Wichtigste ist, das anzuerkennen und anzunehmen. Man muss sich mit dem Status quo beschäftigen, was bedeutet, in der Bundesliga zu punkten und da unten raus zu kommen, um wieder in Tabellenregionen zu sein, in der das Selbstvertrauen größer ist, damit man seine Qualitäten, die Borussia Dortmund ja unbestritten hat, wieder ausspielen kann. Ich glaube, momentan verbietet sich der Blick in Richtung Champions League Plätze. Es würde Borussia Dortmund guttun, die aktuelle Situation zum Anlass zu nehmen, um zu sagen, „wir müssen da unten wegkommen“.

 

Neuers Ausflüge polarisieren

Christoph Kristandl: Bei allem Respekt für die Leistungen Manuel Neuers, aber ernstgemeinte Forderungen, ihn zum Weltfußballer zu wählen, sind schlichtweg lächerlich. Ganz abgesehen davon, dass es für Tormänner einen eigenen Award gibt: Will denn irgendjemand behaupten, er wäre ein besserer Fußballer und hätte diese Auszeichnung mehr verdient, als Ronaldo oder einer seiner Weltmeister-Kollegen? Er ist einer der besten Tormänner der Gegenwart und ja, wahrscheinlich der entscheidende Mann auf dem Weg zum WM-Titel, den mit jedem anderen Keeper wäre Deutschland gegen Algerien ausgeschieden. Er ist aber auch einer, der vom Glück verfolgt ist oder sich dieses vielleicht erarbeitet hat. Kaum einer seiner Ausflüge, die man teilweise nichts anderes als dumm nennen kann - siehe zB sein Auftauchen an der Mittellinie im BL-Spiel beim HSV - werden geahndet. Wäre seine mitentscheidende Aktion gegen Higuain in Rio geahndet worden, wäre er vielleicht nicht nur nicht Weltmeister, mit Sicherheit würde ihn auch niemand als ernsthaften Kandidaten für den Ballon d'Or ansehen.

 

Christoph Nister: Welttorhüter, bester Keeper der WM, zweifacher Fußballer des Jahres in Deutschland, Zweiter bei der diesjährigen Wahl zu Europas Fußballer des Jahres – es sind nur einige wenige der Auszeichnungen, die Manuel Neuer in den letzten Jahren zugesprochen bekam. Und womit? Mit Recht! Der 28-Jährige ist aktuell der beste Torhüter der Welt und daran gibt es wenige Zweifel bzw. Zweifler- nimmt man den Kollegen Kristandl mal aus. Neuer brilliert auf der Linie wie kaum ein Berufskollege, überzeugt mit sensationellen Paraden und lässt sich nie aus der Ruhe bringen. Doch damit längst nicht genug, hat er das Torwartspiel revolutioniert. Neuer ist kein klassischer Goalie, er ist der moderne Libero. Ohne „Manu“ wäre Deutschland nicht Weltmeister geworden, unzählige Male – vor allem im Achtelfinale gegen Algerien – rettete der Vize-Kapitän der DFB-Auswahl seine Mannschaft vor einem Gegentreffer. Bislang hatte er allerdings auch das Glück des Tüchtigen. Schon bei der WM hätte es schief gehen können, denn Neuer ist ein Grenzgänger. Einen Sekundenbruchteil zu spät – und er fliegt! Doch selbst wenn es einmal schief gehen sollte, rechtfertigt das nicht, an ihm zu zweifeln. Mit seinem Stil hat er dem FC Bayern und dem DFB schon zahlreiche Siege gerettet. Neuer hasardiert, Neuer riskiert, Neuer brilliert – für mich gibt es derzeit keinen Besseren.

 

Christoph Metzelder: Er ist absolut zu Recht die Nummer eins. Seine Fähigkeiten als Torwart sind phänomenal. Er hat eine unglaubliche Reichweite, um an Bälle zu kommen. Auch sein Spiel in der Strafraumbeherrschung ist herausragend. Was bei ihm noch hinzu addiert wird, ist das, was manche als Ausflüge deklarieren. Es ist absolut typisch für ihn, aber auch kein Maßstab für andere. Das ist einfach Manuel Neuer, weil er herausragende fußballerische Fähigkeiten hat und unglaublich gut antizipiert. Damit gibt er seiner Mannschaft die nötige Sicherheit, weil die Mitspieler wissen, dass da noch jemand ist, auf den man sich verlassen kann. Natürlich hat er auch Glück und weiß, dass es auch mal Spiele geben wird, in denen es schief geht. Da es aber jahrelang in so vielen Situationen gutgegangen ist, würde ich fast gar nicht mehr von Glück sprechen. Man kann absolut davon sprechen, dass er das Torwartspiel revolutioniert hat. Es ist eine unglaubliche Fähigkeit, die ihn auszeichnet. Mitzuspielen ist das eine, was er aber bei der WM gemacht hat, lässt sich so von anderen nicht reproduzieren.

 

Christoph Kristandl: Es ist verständlich, dass die Motivation in den Keller geht, wenn man so in die Bundesliga startet und damit schon nach wenigen Wochen weiß, dass es mit der Meisterschale nichts wird. Auch ein Ausrutscher nach einem CL-Spiel gehört seit Jahr und Tag dazu. Aber sich über Wochen, gegen Gegner, die sich selbst in veritablen Krisen befinden, zu blamieren, ist nicht zu erklären. Den Bundesliga-Titel haben zurecht bereits alle abgeschrieben, der eine oder andere hat vielleicht aber noch nicht kapiert, dass die Qualifikation für die Königsklasse kein Selbstläufer ist, dafür ist die deutsche Liga einfach zu stark. Jeder Einzelne muss erinnert werden, wie schwer es war, dorthin zu kommen, wo man jetzt eigentlich ist, aber auch daran, dass man wahnsinnige Qualität hat. Vergebene Top-Chancen sind beim BVB kein neues Phänomen, die gab es selbst in den Meistersaisonen zuhauf. Genauso wie Wackler in der Defensive, vor allem bei Flanken, schon in der Vorsaison augenscheinlich waren. In der aktuellen Krise werden sie nur deutlicher aufgedeckt und der Glaube, Spiele drehen zu können, ist nicht mehr vorhanden. Es ist vermutlich in Teilen und/oder einzelnen Personen ein charakterliches Problem, sicherlich ist es mittlerweile aber ein mentales Problem der Mannschaft geworden.

Christoph Nister: Blickt man alleine aufs Ergebnis-Tableau, kann man sich des Eindrucks, den Dortmundern fehlt es an Charakter, nicht erwehren. Es wäre allerdings zu einfach, nur die Resultate in Betracht zu ziehen. Es ist ein europäisches Phänomen, dass zahlreiche Topklubs nach Auftritten in der Champions League in der Liga Schwächen zeigen. Die Bundesliga ist der triste Alltag, die Königsklasse die erfreuliche Abwechslung. Hinzu kommt der psychologische Effekt. Die „zwei Gesichter“ sind augenscheinlich, bei Rückschlägen in der Liga – wie einem Rückstand – erkennt man auf den ersten Blick die riesige Verunsicherung, die selbst gegen den ebenfalls kriselnden HSV in einer Niederlage mündete. Diese Zweifel gibt es international nicht, weil es bislang wie am Schnürchen lief. Ein derartig starkes Gefälle bei den Leistungen ist allerdings außergewöhnlich und sollte den Entscheidungsträgern beim BVB zu denken geben. Auch wenn es abgedroschen ist: Die Liga ist das tägliche Brot! Die Spieler sollten sich vor Augen halten, dass es 2015/16 nichts anderes gibt, wenn sie weiterhin nur auf europäischem Parkett ihr Leistungsmaximum abzurufen imstande sind.

 

Christoph Metzelder: Nein, das glaube ich nicht. Man muss auch sagen, dass Arsenal mit einer Attitüde ins Westfalenstadion gekommen ist, schön locker von hinten raus zu spielen. Das passte perfekt zum Spiel von Borussia Dortmund - dasselbe bei Galatasaray. Der RSC Anderlecht hat sicherlich nicht die Kragenweite des BVB, ist aber auch eine Mannschaft, die versucht, Fußball zu spielen. Die Mannschaft tut sich momentan einfach leichter, wenn der Gegner mehr Ballbesitz hat und die Spieler primär gegen den Ball arbeiten können. Wenn aber Gegener wie Hannover 96 sehr, sehr tief steht und gut verteidigt, fehlen die Lösungen und Ideen.

 

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