So schlimm steht's um die Bayern

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So schlimm steht's um den FC Bayern München

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Was ist nur beim FC Bayern los?

Die Mannschaft, die in der Hinrunde jeden Gegner aus dem Weg räumte, in der Liga ungeschlagen blieb und von Fußball-Europa zum Favoriten auf den Champions-League-Titel erklärt wurde, leistet sich Ausrutscher um Ausrutscher.

Im Pokal-Halbfinale kam gegen den BVB das Aus, in der Champions League avancierte der FC Barcelona in der Vorschlussrunde zum Stolperstein.

Zu allem Überfluss wurden in der Bundesliga zuletzt drei Spiele in Folge verloren - eine Unserie, die es zuletzt im Frühjahr 1998 unter Giovanni Trapattoni an der Säbener Straße gab und in der legendären "Flasche leer"-Rede des Italieners gipfelte.

Physisch und psychisch ausgelaugt

Die Münchner, in der Rückrundentabelle nur auf Position vier, wirken physisch und psychisch ausgelaugt. "Die letzten Spiele nach der deutschen Meisterschaft waren nicht einfach. Jetzt haben wir noch ein Spiel gegen Mainz und dann Urlaub", scheint Trainer Pep Guardiola die Sommerpause herbeizusehnen.

Dem Spanier, lange Zeit als Heilsbringer und Taktik-Gott gefeiert, weht aktuell ein überraschend rauer Wind entgegen. Seine Methoden werden beleuchtet, seine Aufstellungen kritisiert, sein Umgang mit den Spielern hinterfragt.

LAOLA1 analysiert die Krise des FC Bayern anhand von Thesen, die mit allem Für und Wider entkräftet oder bestätigt werden.

THESE: Die Bayern sorgen für Wettbewerbsverzerrung

"In der Regel werden in der Liga ja alle von Bayern hingerichtet. Jetzt ist es plötzlich ganz anders", warf Hannovers Sportdirektor Dirk Dufner den Münchnern indirekt Wettbewerbsverzerrung vor und bekam Unterstützung von Wolfsburg-Geschäftsführer Klaus Allofs, der im "Doppelpass" erklärte: "Ich bin sehr enttäuscht darüber, wie sie die Punkte jetzt teilweise hergeschenkt haben oder hinter ihren Möglichkeiten geblieben sind." Noch entsetzter reagierte 96-Legende Dieter Schatzschneider: "Bayern ist eine Piss-Mannschaft", polterte der 57-Jährige in der "Bild", Pep Guardiola würde er "sofort nach Hause schicken".

Das denkt LAOLA1: Während sich abgesehen von den Bayern-Fans ganz Deutschland für gewöhnlich über Niederlagen der Münchner freut, sind die Konkurrenten derzeit sauer. Ein genauerer Blick zeigt jedoch, dass der eine oder andere Vorwurf unter die Kategorie Populismus fällt.

Es ist unbestritten, dass die Bayern ihr Potenzial derzeit nicht abrufen können, Philipp Lahm gestand in der "Zeit", dass es aufgrund des erneut frühzeitigen Titelgewinns schwer sei, sich weiter zu 100 Prozent für die Liga zu motivieren. Dufner macht es sich aber viel zu einfach, jetzt mit der Keule auf die Münchner zu hauen. Die sind schließlich nicht dafür verantwortlich, dass Hannover eine Katastrophen-Rückrunde absolvierte und deshalb tief im Abstiegsstrudel steckt.

Allofs wird den Bayern sogar noch deutlicher vor, bewusst Spiele zu verlieren. Seine Anschuldigungen werden allerdings von der Statistik nicht gestützt. Bei der 1:2-Niederlage in Freiburg hatten die Bayern 72 Prozent Ballbesitz und ein deutliches Plus an Torschüssen im Vergleich zu den Breisgauern.

Es ist zudem schwer vorstellbar, dass der Rekordmeister unter Vorsatz seinen Ruf aufs Spiel setzt und bewusst Spiele aus der Hand gibt. Er steckt aktuell in einer kleinen Krise und schied nicht von ungefähr auch im Pokal und in der Champions League vorzeitig aus - und das ganz bestimmt nicht freiwillig.

Hinzu kommen Verletzungssorgen (mehr dazu später) und die verkürzte Sommerpause zahlreicher Bayern-Stars aufgrund ihrer WM-Teilnahme. Ein Ansuchen des Klubs, den Liga-Start zu verschieben, lehnten bis auf Dortmund sämtliche Bundesligisten ab, mit der Begründung, dass man dadurch vielleicht größere Chancen hat, die Münchner zu schlagen.

Das ist aktuell der Fall, allerdings kommt diese Schwächephase für Wolfsburg und Co. zu spät. "Die Vorwürfe gehören sich nicht. Wir waren zuletzt in einer Phase, wo es nicht gut gelaufen ist. Aber alle können annehmen, dass wir das Beste geben, um zu gewinnen, und nicht absichtlich verlieren", war Arjen Robben bei "Sport1" sauer über die Anschuldigungen.

THESE: Die Mannschaft ist zu alt, ein Umbruch muss her

Philipp Lahm zählt 31 Lenze, Bastian Schweinsteiger 30, Xabi Alonso hat 33 Jahre auf dem Buckel, Franck Ribery 32, Arjen Robben ist bereits 31. Fünf absolute Leistungsträger sind an ihrem Leistungszenit angelangt oder haben diesen bereits überschritten. "Sie müssen demnächst einen Umbruch machen", unkte Gladbachs Manager Max Eberl vor einiger Zeit in der "FAZ".  Auch Philipp Lahm warnte im "kicker": "Der FC Bayern muss darauf achten, dass es, wenn die jetzige Generation wegbricht, gleich eine nächste gibt, die womöglich aus der Jugend nachrückt und sich genauso mit dem Verein identifiziert." Pep Guardiola hielt indes dagegen: "Es gibt Spieler, die mit 34 fitter sind und mehr Leidenschaft haben als ein 25-Jähriger."

Das denkt LAOLA1: Die Wahrheit liegt wohl in der goldenen Mitte. Die Klasse der genannten Spieler ist unbestritten, sie werden allerdings nicht jünger. Zumal einige der Protagonisten verletzungsbedingt immer häufiger zum Zuschauen verdammt sind.

Auf der anderen Seite gibt es mit Manuel Neuer (29), Jerome Boateng (26), David Alaba (22), Thiago (24) und Robert Lewandowski (26) eine Vielzahl an Stars, denen noch viele gute Jahre prophezeit werden.

"Ich bin überzeugt, dass der Verein einige große Spieler verpflichten wird. (...) Es ist Zeit, für frisches Blut zu sorgen", zitiert "L'Equipe" Franz Beckenbauer. Der "Kaiser" hat bei den Bayern zwar nichts mehr zu sagen, dürfte damit aber Recht behalten. Zahlreiche große Namen werden gehandelt, zwei bis drei Topspieler plus sinnvolle Perspektiv- und Ergänzungsspieler dürften es am Ende werden.

Für Rafinha muss ein Ersatz her, da Guardiola Lahm weiter in der Mittelfeldzentrale einplant. Dort wird ebenfalls eine Schwachstellte geortet, jedoch stünden mit Alaba und Javi Martinez (26) zwei Topspieler parat, die diese vermeintliche Schwäche beheben könnten.

Im Angriff muss ein Ersatz für den scheidenden Claudio Pizarro (36), dazu wäre eine jüngere Alternative zu den Flügeflitzern Ribery und Robben aus Vereinssicht sinnvoll. Bereits fix ist der Transfer von Joshua Kimmich (20), dazu könnte Pierre-Emile Höjbjerg (19) an die Säbener Straße zurückkehren.

THESE: Bayern-Spieler fallen zu oft und lange verletzt aus

"Nach dem Champions League-Spiel des FC Bayern München gegen den FC Porto wurde aus uns unerklärlichen Gründen die medizinische Abteilung für die Niederlage hauptverantwortlich gemacht", schrieb Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt in einer Aussendung und beendete nach knapp 40 Jahren die Zusammenarbeit mit den Bayern. Eine lieblose Presseerklärung, indem der Klub dem Mediziner seinen "ausdrücklichen Dank" aussprach, war die Antwort. Inzwischen heißt es, dass es im Sommer Gespräche geben soll, um das zerrüttete Verhältnis zumindest halbwegs zu kitten. Unabhängig davon kämpfte der FCB über die gesamte Saison mit außerordentlichen Verletzungssorgen, die am Ende möglicherweise den Ausschlag zwischen Meister-Single und möglichem Triple gab.

Das denkt LAOLA1: Der medial ausgetragene Kleinkrieg zwischen den Parteien war völlig unnötig und brachte nur Wirbel rein, den niemand brauchte. Fest steht, dass die Spieler um Franck Ribery, David Alaba und Arjen Robben auch heute noch zu "Mull" fahren, um sich von ihm behandeln zu lassen. Fest steht aber auch, dass es europaweit keinen Spitzenklub gab, der 2014/15 derart häufig Verletzte beklagte bzw. auf diese verzichten musste (siehe Grafik).

Generell ist eine Tendenz erkennbar, dass - der FC Arsenal gilt als Ausnahme - die deutschen Topklubs häufiger Spieler vorgeben müssen als die Aushängeschilder aus anderen Ländern. Woran das liegt, ist ungewiss, möglicherweise geben Vereine wie der FCB, der BVB oder auch Schalke den Rekonvaleszenten mehr Zeit, um wieder vollständig fit zu sein.

Letztendlich sind die Zahlen der Münchner, die im Schnitt fast ein Viertel des Kaders pro Spiel vorgeben musste, viel zu hoch. Guardiolas Verhältnis zu Müller-Wohlfahrt war von Anfang nicht das beste, angesichts dieser Zahlen kann man das durchaus verstehen.

Ein Streitfall soll Ribery sein, bei dem Gerüchten zufolge erst nach acht Wochen ein Riss im Sprunggelenk festgestellt wurde. Ein Umstand, der so nicht hinnehmbar ist. Guardiola soll zudem erneut gefordert haben, dass ein Arzt permanent am Trainingsgelände anwesend ist.


 

THESE: Pep Guardiola verlässt München spätestens 2016

Ex-Bayer Didi Hamann lehnte sich vor rund zehn Tagen weit raus, indem er auf die Frage, ob Guardiola München im Sommer den Rücken kehrt, meinte: "Ich könnte mir das gut vorstellen." Er hege starke Zweifel an einem Verbleib des Spaniers, die Mannschaft mache "einen ausgelaugten Eindruck" und sei "mental nicht frisch". Wenn die Erfolge ausbleiben, müsse der Trainer am Ende den Kopf hinhalten. Franz Beckenbauer forderte ein klares Bekenntnis des 44-Jährigen: "Es macht keinen Sinn, einen Umbruch zu machen, wenn Guardiola vorhat, nur noch ein Jahr zu bleiben, denn die Spieler kommen ja auch wegen ihm."

Das denkt LAOLA1: Ein Abschied mit Saisonende ist ausgeschlossen, diesen hat Guardiola auch unzählige Male ins Reich der Märchen verwiesen. Ob er über sein Vertragsende 2016 hinaus bleibt, ist allerdings ungewiss. Zwar berichtet die "Sport Bild", dass er sich vorstellen kann, bei Erfüllung einiger Wünsche zwei Jahre länger zu bleiben, doch gab es auch schon zahlreiche gegenteilige Meldungen.

Der Katalane ist ein Typ, der seinen Horizont erweitern und auch neue Kulturen kennenlernen will. Das hat er als Spieler so gehandhabt, so praktiziert er es auch in seiner zweiten Karriere.

Für die Bayern spricht, dass alle Beteiligten von Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge abwärts große Stücke auf Guardiola halten und ihm auch in der aktuell schwierigen Phase den Rücken stärken.

"KHR" hat des Öfteren betont, gerne mit dem Fußballlehrer verlängern zu wollen, hinzu kommt, dass sich die Familie an der Isar wohl fühlt. Pep weiß das zu schätzen, wird seinen Verbleib aber wohl davon abhängig machen, inwieweit die Bosse ihm seine Personalwünsche von den Lippen ablesen und entsprechend umsetzen.

Trainer-Legende Ottmar Hitzfeld äußerte indes bei "Bild" seine Vermutung: "Ich glaube eher, dass er verlängert. Bei Bayern hat er alle Möglichkeiten, seine Philosophie weiterzuentwickeln." Zumal er nach den Halbfinale-Pleiten gegen Real und Barca eine offene Rechnung hat: "Das will er besser machen."

THESE: Es war eine schlechte Saison für die Bayern

"Ich weiß, nur das Triple ist genug." Pep Guardiola sprach vor wenigen Wochen in einer Pressekonferenz über die riesige Erwartungshaltung am Weißwurst-Äquator. Spätestens mit dem erstmaligen Triple-Sieg in der Vereinsgeschichte 2013, damals noch unter Jupp Heynckes, ist die Erwartungshaltung rund um den deutschen Meister endgültig ins Unermessliche gestiegen. Die Meisterschaft ist ein Muss, der Pokal gehört inzwischen ebenfalls zur Pflicht, ein Sieg in der Champions League wäre die Kür. Vom Triple 2013 blieb in der Pep'schen Premieren-Saison immerhin das nationale Double, während man 2015 "nur" mit dem Meistertitel vorlieb nehmen darf.

Das denkt LAOLA1: Das Triple war Fluch und Segen zugleich. Einerseits stieg man damit endgültig wieder in den Kreis der größten Teams der Welt empor, andererseits schuf man dadurch in ganz Deutschland eine Erwartungshaltung, die schlicht nicht  zu erfüllen ist.

Ein Triple in der 115-jährigen Geschichte gab es zu feiern, warum sollte es plötzlich reihenweise den Jackpot geben? Der FCB hat zweifellos einen der besten Kader Europas, sofern alle Mann an Bord sind, doch auch andere Giganten a la Real Madrid, der FC Barcelona, Juventus, Chelsea oder PSG schlafen bekanntlich nicht.

Der "wichtigste" (Guardiola) und zugleich "ehrlichste" (Sammer) Titel wurde einmal mehr vorzeitig in trockene Tücher gebracht, die nationale Meisterschaft reicht allerdings nicht. Im Pokal schied man leichtfertig gegen den BVB aus, den man über weite Strecken im Griff hatte. Wer seine Chancen nicht nutzt und hinterher dafür bestraft wird, ist selber Schuld. Und in der Königsklasse musste man - natürlich auch ob des Lazaretts, aber Verletzte sind eben auch Teil des Geschäfts - Barca in diesem Jahr klar den Vortritt lassen.

"Es wird mir zu wenig registriert, was Bayern da leistet", befand Ottmar Hitzfeld in der "Bild" und fand es bedauerlich, dass "keiner mehr über die Meisterschaft redet". Damit hat er grundsätzlich recht, denn ein Titel in einer der stärksten Ligen der Welt sollte immer etwas Besonderes sein.

Wenn jedoch Guardiola nichts aus dem Vorjahr lernt und erneut davon spricht, dass die Liga einige Spieltage vor Schluss zu Ende sei und alle Konzentration nur noch den K.o.-Phasen in den anderen Bewerben gelte, legt man sich in den Reihen der Münchner ein Ei.

In den Jahren, als der BVB zweimal überraschend den Thron erklomm, bekam man zu spüren, welche Bedeutung die Schale hat. Viel zu schnell scheint es, dass der Wert des Titels schon wieder an Glanz verlor. Summa summarum können die Bayern auf eine durchaus erfolgreiche Saison zurückblicken, aufgrund mancher Aussagen und einiger (weniger) schwachen Leistungen bekam sie jedoch eine schiefe Optik.


Christoph Nister

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