"Österreicher sind leistbar"

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"Man muss immer 110 Prozent geben"

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Julian Baumgartlinger hat sich in der deutschen Bundesliga nicht nur gut eingelebt, sondern ist definitiv angekommen.

In seiner ersten Saison absolvierte der 24-Jährige bisher 23 Spiele für seinen Arbeitgeber 1. FSV Mainz 05 – zehn von Beginn an mit insgesamt fünf Vorlagen.

Im LAOLA1-Interview spricht der defensive Mittelfeldspieler über das Abenteuer Deutschland, berichtet über seine Saison-Höhe- und Tiefpunkte und wirft einen Blick auf die österreichische Bundesliga.

LAOLA1: Julian, die Saison neigt sich dem Ende entgegen. Du hast bisher 23 Spiele absolviert, zehn von Beginn an und insgesamt fünf Vorlagen geliefert. Zufrieden mit der Bilanz?

Julian Baumgartlinger: Eigentlich schon. Natürlich wäre von den Spieleinsätzen noch mehr möglich gewesen, aber ich denke, es war trotzdem eine ordentliche Saison. Ich konnte mich des Öfteren in der Bundesliga beweisen. Daher bin ich schon zufrieden.

LAOLA1: Wie groß war die Umstellung von der österreichischen auf die deutsche Bundesliga?

Baumgartlinger: Es ist schon eine gewisse Umstellung, keine Frage. Man glaubt am Anfang, dass es geringer ausfällt, aber es ist doch noch mal etwas anderes. Speziell in Mainz, wo im Sommer ein kleiner Umbruch war. Es sind zahlreiche neue Spieler gekommen. Die ganze Mannschaft hat sich erst finden müssen. An das Niveau der deutschen Bundesliga muss man sich auch erst gewöhnen. Das ist schon ein großer Unterschied gegenüber Österreich. Daher hat es bei mir ein bisschen gedauert, aber ich denke, dass es schlussendlich recht gut funktioniert hat.

LAOLA1: Wie angenehm war bzw. ist es, dass mit Andi Ivanschitz ein weiterer Österreicher bei Mainz unter Vertrag steht?

Baumgartlinger: Ich bin sehr froh, dass Andi da ist. Wir haben uns zwar zuvor nicht gekannt, aber er ist gleich am ersten Trainingstag auf mich zugekommen. Andi hat sich meiner ein bisschen angenommen. Er hat mich in Mainz eingewiesen, hat mir ein paar Sachen gezeigt und mir natürlich auch in der Mannschaft geholfen. Das war wirklich super für mich.

LAOLA1: Trainer Thomas Tuchel ist bekannt für sein Rotations-Prinzip. Ist die Leistung im Training daher doppelt wichtig?

Baumgartlinger: Wir haben einen Riesenkader, teilweise wurde mit 24 Feldspielern trainiert. Dazu drei Torhüter. Da kann man sich ausrechnen, wie groß der Konkurrenzkampf ist. Am Matchtag stehen dann gleich acht, neun Spieler nicht einmal im Kader. Daher ist die Intensität im Training extrem hoch. Das fordert aber auch Trainer Tuchel. Ich habe schon vor meinem Wechsel gewusst, wie es in Mainz zugeht – schließlich erkundet man sich. Andi hat mir dann auch gesagt, dass es normal sein kann, dass man nach einer guten Partie im nächsten Match auf der Bank sitzt. Diese Situation spornt aber hauptsächlich an und hat uns in der Rückrunde in die Karten gespielt.

LAOLA1: Mainz hat den Klassenerhalt quasi in der Tasche. Welche Ziele hat man für die letzten Runden?

Baumgartlinger: Unser Minimalziel sind 40 Punkte. Mit Wolfsburg, HSV und Gladbach haben wir noch drei Spiele, die wir alle gewinnen können. Das wollen wir auch schaffen. Dann würden wir die Saison, die teilweise schwierig war und Höhen und Tiefen hatte, gut abschließen.

LAOLA1: Was waren deine persönlichen Highlights? Die Duelle gegen Bayern und Dortmund?

Baumgartlinger: Nicht unbedingt. Es war eine Mischung aus allem: Das erste Bundesliga-Spiel, der erste Einsatz, das erste Spiel von Beginn an gleich daheim gegen Dortmund. Einfach das Kennenlernen der deutschen Bundesliga, jedes Stadion einmal zu sehen und gegen jeden Gegner zu spielen - sich einfach zu akklimatisieren.

LAOLA1: Gab es negative Erlebnisse?

Baumgartlinger: Am ehesten noch das frühe Scheitern in der Europa-League-Qualifikation gegen Gaz Metan Medias. Es war für Mainz ein Riesenerfolg sich erstmals für den Europacup zu qualifizieren. Dann gleich in der ersten Runde so unglücklich im Elfmeterschießen auszuscheiden, war sehr schade. Auch das Pokal-Aus gegen Holstein Kiel vor Weihnachten tat weh. Bitter war auch, dass wir in der Hinrunde sehr viele Spiele hergeschenkt haben. Wir haben sehr viel liegen gelassen und uns dadurch in die Situation gebracht, dass wir sehr lange nach hinten schauen mussten. Richtig negativ war aber für mich nichts.

LAOLA1: Mittlerweile sind zahlreiche Österreicher in Deutschland tätig und haben tragende Rollen. Hast du eine Erklärung dafür?

Baumgartlinger: Es hat sich mittlerweile einfach herumgesprochen, dass Österreicher hochprofessionell zu Werke gehen. Man bekommt in Österreich eine sehr gute Ausbildung. Die österreichische Bundesliga muss sich als Ausbildungs-Liga sehen. Sie leistet in dieser Beziehung auch sehr gute Arbeit. Viele Klubs aus Deutschland sind dadurch auf heimische Kicker aufmerksam geworden.

LAOLA1: Es stimmt also das Preis/Leistungs-Verhältnis?

Baumgartlinger: Ja genau. Es besteht auch kein großer Unterschied mehr zu Spielern aus anderen Ländern. Die technische, taktische und konditionelle Ausbildung passt. Und: Österreicher sind leistbar. Viele wechseln ablösefrei oder für eine geringe Summe nach Deutschland. Das spielt sicher auch eine Rolle.

LAOLA1: Mit welchen Spielern stehst du in Kontakt?

Baumgartlinger: Besonders mit Zlatko Junuzovic. Wir haben schon in Wien fast täglich etwas unternommen. Doch auch mit Martin Harnik habe ich viel Kontakt. Das Schöne ist, dass man sich ja öfters sieht – erst letztes Wochenende gab es ein Wiedersehen mit David Alaba. Für den österreichischen Fußball ist der Umstand, dass so viele Legionäre aus der Heimat hier Fuß fassen nur förderlich.

LAOLA1: Verfolgst du die österreichische Bundesliga?

Baumgartlinger: Selbstverständlich, auch dank LAOLA1.tv (Alle Highlights). Denn bei euch kann ich mir jedes Mal die Spiel-Zusammenfassung ansehen. Ich habe aber auch noch sehr viel Kontakt zu meinen Ex-Kollegen bei der Austria, die mir von der Liga berichten. Außerdem lebt mein Papa in Salzburg – ist also auch mittendrin.

LAOLA1: Ihr habt am vergangenen Wochenende mit dem Remis in München Dortmund quasi zum Meister gemacht. Ist der BVB ein würdiger Titelträger?

Baumgartlinger: Hundertprozentig! Vor ihrer Serie muss man den Hut ziehen. Sie spielen mit einer unglaublichen Power und Dynamik. Das zeigen auch die Wechselspieler. Dortmund hat beide Schlüsselspiele gegen die Bayern verdient gewonnen. Daher muss man ihnen ganz klar zur Titelverteidigung gratulieren.

LAOLA1: Es hieß, die Dortmunder wären hungriger als die Bayern gewesen. Habt ihr das am Platz gemerkt?

Baumgartlinger: Das würde ich so nicht bezeichnen. Sie waren bestimmt genauso hungrig. Als wir jetzt gegen Bayern gespielt haben, war bereits abzusehen, dass es für Dortmund gut aussieht. Die Münchner haben das Spiel gegen uns sicher ernst genommen, aber im Hinterkopf war bestimmt auch schon das CL-Semifinale gegen Real Madrid. Die Bayern können trotz der verpassten Meisterschaft auf eine tolle Saison zurückblicken. Sie stehen im DFB-Pokal-Finale und haben Chancen auf das CL-endspiel.

LAOLA1: Mainz hat neben Dortmund und Gladbach gegen Bayern nicht verloren. Hast du eine Erklärung dafür? Gibt man gegen den FCB automatisch 110 Prozent?

Baumgartlinger: Gegen die Bayern ist man zusätzlich motiviert, das stimmt schon, aber unser Trainer stellt uns auch immer gut ein. Man muss einfach immer und in jedem Spiel 110 Prozent geben, sonst geht in der deutschen Bundesliga einfach nichts – egal, ob der Gegner Freiburg, Hertha, Bayern oder Dortmund heißt. Das hat mir auch Zlatko Junuzovic bestätigt. Sobald du weniger gibst, hast du keine Chance mehr, kannst nicht gewinnen.

LAOLA1: Dient Mainz für dich als Sprungbrett für höhere Aufgaben? Christian Fuchs hat es ja vorgemacht.

Baumgartlinger: Das ist viel zu weit gedacht. Ich bin nach Mainz gekommen, um zu spielen, um mich weiterzuentwickeln. Mainz ist dafür eine super Adresse. Ich möchte nächste Saison noch mehr Spiele von Beginn an machen. Mit allen anderen Dingen beschäftige ich mich derzeit nicht.

LAOLA1: In Österreich wird gerade gerätselt, warum das Niveau der Liga so schlecht ist. Hat es auch mit dem Ambiente zu tun? Ein Spiel in einem schönen, vollen Stadion mit 40.000 Zuschauern wie in Deutschland sieht einfach besser aus…

Baumgartlinger: Ich würde nicht voraussetzen, dass die österreichische Bundesliga so schlecht ist. Möglicherweise würde diese Diskussion nicht aufflammen, wenn das Drumherum und die Stimmung anders wären. Was ich gesehen und gehört habe, war zum Beispiel die Partie zwischen Sturm und Salzburg ein tolles Spiel, mit vielen Torraumszenen. Es war ein Match auf einem hohen Niveau. Ich glaube, so können andere Vereine in Österreich auch spielen. Man darf einfach den Umbruch bei einigen Mannschaften nicht vergessen. Ich nehme da die Austria, wo ich zwei Jahre tätig war, her. Karl Daxbacher hat dort einen tollen Weg mit vielen jungen Österreichern eingeschlagen. Vor Weihnachten ist er dann plötzlich beurlaubt worden. Es kommt ein neuer Trainer und dann gehen im Winter mit Junuzovic und Barazite zwei Stützen weg. Dann ist es – auch wenn ich es nicht so genau beurteilen und bewerten kann – klar, dass es nicht sofort so weitergeht, wie die Jahre davor. Es dauert seine Zeit.

LAOLA1: Du hast Zeit angesprochen. Fußball ist ein schnelllebiges und erfolgsorientiertes Geschäft. Bleibt dadurch einfach manchmal der „schöne Fußball“ auf der Strecke?

Baumgartlinger: Das eine schließt das andere nicht aus. Es kann auch schöner Fußball erfolgreich sein. Natürlich ist es auch eine Frage des Mutes. Es ist aber auch legitim, taktisch diszipliniert zu spielen und zu schauen, dass die Null steht. Dass sich die Zuschauer nach einer Nullnummer wahrscheinlich nicht denken: „Wow, das war super, ich gehe auch die nächsten drei Spiele hin“, ist auch klar. Ich tue mir bei der Beurteilung ehrlicherwiese etwas schwer, weil ich noch viele Spieler kenne und in Kontakt stehe und weiß, dass das Niveau nicht schlecht ist. Vielleicht ist es wirklich nur eine Phase.

LAOLA1: Kann man sagen, dass die Erwartungshaltung zu groß ist?

Baumgartlinger: Das spielt bestimmt eine Rolle. Auch die Entwicklung der Meisterschaft. Heuer haben extrem viele Vereine die Möglichkeit, um die internationalen Plätze mitzuspielen. Da ist es logisch, dass der Kopf, die mentale Komponente eine große Rolle spielt. Die Hälfte der Partien geht gegen Mitkonkurrenten. Natürlich denkt man in erster Linie daran, nicht zu verlieren. Die Überlegung: Ich spiele lieber dreimal unentschieden, als ich verliere zwei und gewinne eines. Es sind in beiden Fällen nur drei Punkte, aber bei zwei Niederlagen kann mich mein Mitstreiter ein- bzw. überholen. So könnte das Denken aussehen. Diese Situation hat sicher Einfluss auf die Rückrunde gehabt.

LAOLA1: Hast du abschließend noch einen Meistertipp parat?

Baumgartlinger: Die beste Chancen hat Red Bull Salzburg, festlegen möchte ich mich aber nicht. Ich glaube, es bleibt so wie in den letzten Jahren bis zum Schluss spannend.

Das Gespräch führte Martin Wechtl

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