Schulte: "Auch ein Torwart kann ein guter Trainer sein"

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Düsseldorf, die 600.000 Bewohner beherbergende Modemetropole am Rhein, hat vieles zu bieten.

Eines steht in Nordrhein-Westfalen jedoch über allem anderen: Fußball! In dieser Hinsicht hat die Landeshauptstadt aufgrund der enormen Konkurrenz jedoch Aufholbedarf.

Mit Zweitligist Fortuna hat Düsseldorf ein Aushängeschild, das nach einer Rückkehr in die deutsche Bundesliga lechzt.

„Hier wird etwas erwartet. Fortuna hatte eine sehr große Zeit in den 70er und 80er Jahren mit dem Finale des Europapokals der Cupsieger 1979 und zwei Pokalsiegen (1979, 1980) in Folge. Sie haben eine gute Zeit in der oberen Hälfte der Bundesliga gehabt. Das sehnt man natürlich wieder herbei“, weiß Sportvorstand Helmut Schulte im Gespräch mit LAOLA1, welch Druck auf ihm und seinem Team lastet.

Der steinige Weg zu altem Glanz

Mit Michael Liendl, Erwin Hoffer und Christian Gartner schlossen sich auch drei Österreicher dem „Projekt“ an, um den Fortunen zu altem Glanz zu verhelfen.

Nach einem Durcheinander in der vergangenen Saison hat man nun wieder den Durchblick und erlebt als Zweiter vor dem Spitzenspiel gegen Leader Ingolstadt (Freitag, 18:30 Uhr) einen Höhenflug.

Grundsätzlich hält sich in Deutschland der Tenor, dass Düsseldorf in die höchste Spielklasse gehört. Davon können sich Schulte und Co. aber nichts kaufen.

„Wir haben ein wunderschönes Stadion, mit 54.000, eigentlich eine perfekte Arena für einen Bundesligisten. Der Verein ist im Großen und Ganzen schuldenfrei und wirtschaftlich sehr gut aufgestellt, nachdem er vor zehn Jahren noch in der 4. Liga gewesen ist. Hier sind die Voraussetzungen da – von der Stadt, der Größe der Stadt, der Begeisterung der Zuschauer, deren Leidenschaft und von den Voraussetzungen, was Stadion und Einnahmen betrifft.“

„Allein mit Potenzial wird man nichts“

Das Potenzial, eine gute Rolle in der Bundesliga zu spielen, reicht jedoch nicht. Potenzial ist überhaupt ein Wort, das aus Schulte-Sicht zu inflationär verwendet wird.

„Es gibt keinen Menschen, der, wenn er über die Fortuna spricht, nicht spätestens im dritten Satz das Wort ‚Potenzial‘ eingebaut hat. Das ist mir schon aufgefallen. Allein mit Potenzial wird man nichts, wie wir wissen, aber es ist schon mal eine gute Voraussetzung, etwas zu erreichen. Es ist harte Arbeit gefragt“, so der ehemalige Rapid-Sportdirektor.

Helmut Schulte lenkt die sportlichen Geschicke der Fortuna

In dieser Hinsicht kann sich der 57-jährige Deutsche einen kleinen Seitenhieb auf den Red-Bull-Sportchef nicht verkneifen.

„Bei einem Traditionsverein, das haben wir von Ralf Rangnick gelernt, ist das Arbeiten schwieriger als bei den anderen Klubs. Aber es macht halt auch doppelt so viel Spaß, wenn man erfolgreich ist.“

Zielsetzung sieht Aufstieg nicht unbedingt vor

Derzeit ist dieser aufgrund des zweiten Tabellenrangs, der zum Aufstieg berechtigen würde, in Hülle und Fülle vorhanden.

Trotzdem geht die Zielsetzung der Westfalen nicht unbedingt in die Richtung, den Aufstieg auf Biegen und Brechen einzufordern.

„Wir wollen diese Saison oben dabei sein und gucken, was möglich ist. Es gibt keine These zum Aufstieg. Mittelfristig will der Klub schon versuchen, das berühmtberüchtigte ‚Potenzial‘ irgendwie auf die Straße zu bringen“, schmunzelt Schulte.

Dieser musste seit seinem Amtsantritt im Jänner 2014 erst drei Liga-Niederlagen hinnehmen. Trotzdem herrschten im Verein Umstände, die erst einmal gekittet werden mussten.

Mit Schultes Lösungen kehrte Ruhe ein

Ob Themen im Aufsichtsrat, Neubesetzungen im Vorstand oder die offene Trainerpersonalie - erst Schritt für Schritt kehrte wieder Ruhe im Verein ein.

Auch in der Mannschaft wurden einige Änderungen vorgenommen, um mit einem schlagkräftigen Kader die neue Saison in Angriff zu nehmen.

„Wir hatten sehr viele Spieler, die Integrationsprobleme hatten. Das sieht jetzt schon wieder besser aus. Wir haben uns vom einen oder anderen Spieler getrennt, weil ich wie in Wien gesagt habe, dass es schon sehr wichtig ist, dass man sich in einer Sprache unterhalten kann. Das hat dann auch Auswirkungen auf die Zusammenstellung des Kaders gehabt, zudem sind zehn Verträge ausgelaufen. Wir haben halt versucht, insgesamt mehr Kraft in den Kader zu bringen.“

Trainer Oliver Reck war ein Glücksgriff

Neben Neuzugängen wie Liendl und Co., die das Spiel der Fortuna bereichern, hat auch die unorthodoxe Trainerlösung ihren Teil zum Aufschwung beigetragen.

Unorthodoxe Lösung mit Reck funktioniert

Denn mit der Entscheidung, mit Oliver Reck einen ehemaligen Torhüter auf den Chefposten zu hieven, bewies Schulte Mut, der sich bisher auszahlte.

„Das funktioniert sehr gut. Das ist auch die Herausforderung, weiterhin zu zeigen, dass auch ein Torwart ein guter Trainer sein kann.“

Bereits zuvor sprang der 49-jährige Frankfurter interimistisch für Mike Büskens und später durch die Erkrankung von Lorenz-Günther Köstner ein.

„Als klar war, dass dieser nicht zurückkommen kann, haben wir Oli zum Cheftrainer gemacht. So ist es gelaufen. Vom Feeling her hat der Oli jetzt wahrscheinlich ein besseres Gefühl, sonst hat sich nichts geändert“, beschreibt Schulte den Findungs-Prozess.

„Hart in der Sache, sanft in der Form“

Als Chefbetreuer musste Reck in dieser Saison erst eine Liga-Niederlage sowie das DFB-Pokal-Aus gegen die Würzburger Kickers hinnehmen.

Für Schulte war Reck die logische Variante, die sich bisher als richtig herausstellte. Denn die Qualitäten und Eigenschaften des Düsseldorfer Trainers sprechen für sich.

„Ihn macht seine unwahrscheinliche Erfahrung im Profifußball und seine große innere Ruhe aus. Er lässt sich nicht so schnell ins Bockshorn jagen und die Spieler können sich auf ihn verlassen, weil er die richtigen Entscheidungen trifft und so mit der Mannschaft umgeht, wie er ist. Hart in der Sache, sanft in der Form.“

Kann Reck die Sehnsucht der Fans mit dem Bundesliga-Aufstieg stillen, darf sich auch Schulte gratulieren lassen. Und Düsseldorf hätte endlich wieder einmal sein „Potenzial“ ausgeschöpft.


Alexander Karper

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