Ex-Fortuna-Sportchef Schulte: "Bin auch nicht Gott"

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Düsseldorf ist eine Reise wert, vor allem wenn man sie mit dem ansässigen Fußballverein verbinden kann.

Der Rhein hier, der bekannte Fernsehturm da und mittendrin und allgegenwärtig die Fortuna. Fußball wird hier – normalerweise – zelebriert, aber nicht in Tagen wie diesen.

Nach nur vier Siegen in den letzten 19 Spielen dümpelt der vermeintliche Aufstiegskandidat im Mittelfeld der 2. deutschen Bundesliga herum. Eine Talfahrt, die in der Modestadt die Alarmglocken schrillen ließ, die Fans gingen auf die Barrikaden.

LAOLA1 nützte die Gelegenheit trotzdem für ein Wiedersehen mit Ex-Rapid-Sportdirektor Helmut Schulte, nur wenige Stunden später wurde der 57-Jährige von seinen Aufgaben als sportlicher Leiter der Fortuna entbunden.

An Schultes Analyse, dem Gesamtzustand der Fortuna und den gescheiterten Versuchen nach Verbesserung änderte sich dadurch freilich nichts. In der Rückblende rollt die St. Pauli-Ikone den Negativlauf, der schlussendlich für das Einzelschicksal des Wien-Liebhabers verantwortlich war, auf.

„Fortuna – die launische Diva vom Rhein“

„Fortuna ist bekannt als die launische Diva vom Rhein. So spielt sie in dieser Saison auch Fußball – sehr launisch“, offenbarte Schulte, damals noch mit einem Schmunzeln, beim Treffen im Mannschaftshotel der Fortuna, das direkt in die Heimstätte ESPRIT-Arena integriert ist.

Seinem Naturell entsprechend nahm er die Entscheidung des Aufsichtsrates nur wenig später mit Fassung. Eine Entscheidung, die allerdings nicht alle im Verein verstehen können, vor allem in einer Phase, in der die Transferplanung für die kommende Saison voll auf Schiene ist.

So ließ der ehemalige Sportchef via „Bild“ nach Bekanntwerden des umjubelten Transfers von Christian Strohdiek wissen: „Jeder, der Ahnung vom Fußball hat, kann sehen, dass dieser Wechsel auf meinem Mist gewachsen ist. Das gilt übrigens auch für weitere Verpflichtungen in den nächsten Wochen.“

Bilanz trotz allem positiv

Schulte hat somit indirekt noch seine Finger im Spiel. Gerne hätte er noch aktiv mitgewirkt, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Doch die Schlinge zog sich von Niederlage zu Niederlage enger zu, „Schulte-raus-Rufe“ – wie schon bei Rapid – waren unüberhörbar.

Frust bei Bellinghausen und Co.

Trotz allem war die fast eineinhalbjährige Tätigkeit keinesfalls ein Reinfall. Über die komplette Amtszeit gesehen, fällt die Bilanz sogar äußerst positiv aus.

„Das erste Jahr war super, wir waren die zweitbeste Mannschaft hinter Ingolstadt. Dummerweise war es keine Saison, sondern nur ein Kalenderjahr, sonst hätte es möglicherweise sogar zum Aufstieg gereicht“, stellte der Sauerländer unter Beweis, dass er trotz sportlicher Rückschläge nie seinen Sinn für Humor verlor.

„Es hat Spaß gemacht, das alles so kennenzulernen, mit einer ganz ordentlichen Perfomance. Das mit Michael Liendl hat im letzten Frühjahr ja super geklappt, er war quasi der Missing-Link, auch die anderen Österreicher – Erwin „Jimmy“ Hoffer und Christian Gartner - haben es sehr gut gemacht.“

Verzweiflung, Ratlosigkeit und Suche nach Gründen

Anfang November wähnte man sich noch auf dem richtigen Weg, stürmte auf Platz zwei und ließ eine ganze Stadt und seine Fanszene vom zweiten Aufstieg binnen der letzten 15 Jahre träumen.

Hängende Köpfe bei der Fortuna

„Woran kann es liegen, wenn ein Kader im Herbst auf Platz zwei steht, einen Punkt hinter dem Tabellenführer liegt, und dann so spielt, dass man den Trainer entlassen muss? Es kommt ein neuer Trainer und das Team spielt nicht wie ein Aufstiegs- sondern wie ein Abstiegsaspirant. Woran kann das liegen? Ein Ansatzpunkt wäre, dass es am Trainer liegt. Aber welche elf Spieler haben denn gespielt? Pro Runde fast die besten. Ab dem Zeitpunkt, an dem wir die nicht mehr zur Verfügung hatten und vier bis acht Leute gefehlt haben, lief es beschissen.“

Wie Michael Liendl im LAOLA1-Interview (Hier gehts zur Story), bemühte auch der Ex-Sportchef den Vergleich mit dem FC Bayern München, da selbst dieser ein immer größeres Lazarett nicht unbemerkt wegstecken konnte. Mögliche Gründe lagen aber ohnehin mehrere auf der Hand.

„Vielleicht ist es dem einen oder anderen auch zu gut gegangen. Oder dieser Druck hat die Beine lahm gemacht. Oder die Lösung mit dem Interimstrainer hat dazu geführt, dass der Coach keinen richtigen Durchgriff auf die Mannschaft hatte.“

Das Aufrütteln kam zu spät

Die „Kröte“ der Interimslösung habe man jedoch geschluckt, da man von der Trainerkonstellation ab Sommer vollkommen überzeugt war und die Möglichkeit nicht missen wollte.

Was allerdings dann passierte, ist für viele Beteiligte unverständlich. Auch Schulte wurde in den letzten Wochen von deutschen Medien „Verzweiflung“ und „Ratlosigkeit“ attestiert.

„Wir sind auch wieder ganz gut gestartet, in der Vorbereitung war alles gut. Der Winter hat uns dann unsere Bilanz komplett verhagelt. Seitdem war es anstrengend. Aber das ist normal, wenn man punktetechnisch wie ein Absteiger unterwegs ist, und das waren wir seit Beginn der Rückrunde. Das fühlt sich alles andere als gut an“, so der Manager.

„Wir haben dann den Trainer gewechselt, mussten mit Taskin Aksoy eine Interimslösung etablieren, da uns unser Favorit (Anm.: Frank Kramer) erst im Sommer zur Verfügung stehen wollte. Wenn man das in Vierteln nimmt, waren drei sehr gut und eines nicht.“

„Vielleicht ist es dem einen oder anderen zu gut gegangen“

Letzteres wurde Schulte schlussendlich zum Verhängnis. Trotz positiver Einstellung („Ich bin kein Negativ-Seher“) nagte der großteils unverständliche Einbruch am Nervenkostüm.

Prinzipiell ist Schulte aber überzeugt: „Es gibt keinen alleinigen Grund. Ich bin auch nicht Gott, wenn ich versuche, zu erklären, wo es Ansatzpunkte gibt.“

Offene Kritik ist normalerweise ebenso nicht die Welt des ehemaligen Fußballtrainers. Sein Aufrütteln im Vorfeld der letzten Partie unter seiner Regie gegen Aalen (Endstand: 0:2) kam jedoch zu spät.

„Ich kann nicht glauben, dass die Spieler keine Lust mehr haben – das sind Profifußballer! Jeder Einzelne sollte sich hinterfragen, ob er tatsächlich alles gegeben hat“, hieß es damals.

„Nicht ich suche mir Traditionsvereine aus, die suchen mich aus“

„Das war ein sehr pädagogischer Hinweis von mir“, lachte Schulte. „Es stimmt schon, dass das normalerweise nicht meine Art ist. Aber wenn du hier gefühlt die Möglichkeiten hast, oben ein Wort mitzureden und dann wie ein Abstiegskandidat unterwegs bist, verliere auch ich einmal die Contenance. Dass das erst spät kam, damit haben sie Recht. Aber dann muss man auch die Gretchenfrage stellen. Ich bin aber noch nicht soweit, öffentlich auf die Mannschaft einzuprügeln“, meinte der Ex-Rapidler.

Nach seiner Entlassung am Montag braucht sich Schulte keine großen Gedanken mehr darüber machen, auch wenn ihn die Art und Weise des Scheiterns im Frühjahr wohl noch länger beschäftigen wird.

Nach Tätigkeiten bei St. Pauli, Schalke, Dynamo Dresden oder Rapid nahm auch in Düsseldorf einmal mehr die Erwartungshaltung bei einem Traditionsverein überhand und zwang die Vereinsführung zu diesem aus Schultes Sicht ernüchternden Schritt.

„Die Erwartungshaltung in Düsseldorf ist traditionell hoch, was nicht schlimm ist. Wenn man mal in der Bundesliga gewesen ist, ist sie immer das Ziel.“ Die Station Fortuna will er aber nicht missen.

„Ein Traditionsverein, so wie alle Vereine, für die ich arbeiten durfte. Nicht ich suche mir die aus, die suchen mich aus. Man kann ja selten Wunschkonzert spielen, man muss ja gefragt werden.“ Bleibt abzuwarten, ob das auch in Zukunft der Fall sein wird.


Alexander Karper

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