"Hatte ein Gespräch mit Koller"

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Özcan: "Es kann nicht jeder so spielen wie Neuer"

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Ramazan Özcan hat in seiner Karriere schon viele Höhen und Tiefen erlebt.

Bei Red Bull Salzburg gelang dem ÖFB-Goalie nie der Durchbruch. Auch bei seiner nächsten Station Hoffenheim landete er nach kurzfristigen Erfolgen am Abstellgleis. Doch Rambo, wie der Vorarlberger überall genannt wird, kämpfte sich stets wieder zurück nach oben.

Mit Ingolstadt führt der 30-Jährige momentan sensationell die Tabelle der 2. deutschen Bundesliga an. An einen möglichen Aufstieg in die deutsche Bundesliga – es wäre sein zweiter nach jenem mit Hoffenheim – will Özcan aber noch nicht denken: „Ich habe im Fußball gelernt, dass man nicht zu weit in Zukunft schauen darf, sondern immer nur von Spiel zu Spiel.“

Neben den „Schanzern“ läuft es für den 1,88 m großen Schlussmann auch bei der Nationalmannschaft ausgezeichnet. Mit dem ÖFB-Team ist er auf einem guten Weg, nach der EURO 2008 auch an der EM-Endrunde 2016 in Frankreich teilzunehmen.

Bei LAOLA1 spricht Özcan über den Konkurrenzkampf der ÖFB-Torhüter, die Österreicher-Filiale Ingolstadt und seine wechselhafte Karriere.

 

LAOLA1: Rambo, nach 15 Spieltagen liegst du mit Ingolstadt auf dem ersten Platz in der zweiten Liga. Habt ihr vor der Saison damit gerechnet, dass es so gut laufen wird?

Ramazan Özcan: Nein. Ich glaube, das hätte uns fast keiner zugetraut. Natürlich hatten wir aufgrund des starken Frühjahrs schon ein gutes Gefühl, aber wir hätten nie daran gedacht, dass wir in den Top 3 mitmischen können.

LAOLA1: Großen Anteil an eurem Erfolg hat Ralph Hasenhüttl. Was macht ihn als Trainer aus?

Özcan: Er ist ein akribischer Arbeiter, der uns auf den Gegner perfekt einstellt. Seine bodenständige Art kommt gut an. Er hat es geschafft, dass die Jungs für ihn laufen. Genau das mag er – Spieler, die Leidenschaft auf den Platz bringen. Man sieht es an den Ergebnissen und an der Art, wie wir Fußball spielen, dass er eine tolle Arbeit macht.

Ex-Lustenauer Özcan: "Ich bin immer noch der kleine Bub aus Götzis."

LAOLA1: Du hast in deiner Karriere schon viele Ups and Downs erlebt. Momentan läuft es gerade sehr gut. Gibt dir das eine gewisse Genugtuung?

Özcan: Wir brauchen nichts unter den Tisch zu kehren: Ich habe auch schlechte Zeiten mitgemacht. Mir hat keiner den roten Teppich ausgelegt. Ich habe alles aus eigener Kraft geschafft. Deshalb weiß ich all das, was ich jetzt erlebe, sehr zu schätzen. Man muss demütig sein. Die Zeiten, in denen es nicht so lief, haben mich nur stärker gemacht. Ich fühle mich nicht als ein Star, sondern bin immer noch der kleine Bub aus Götzis. Ich lebe meinen Traum.

LAOLA1: In der Saison 2010/11 warst du bei Hoffenheim am Abstellgleis und hast kein einziges Spiel bestritten. Wie hast du diese Zeit in Erinnerung?

Özcan: Das ist keine einfache Situation. Wenn du ein Jahr ohne Anerkennung arbeitest, dann ist das nicht einfach. Ich habe aber immer an bessere Zeiten geglaubt. Das ganze Jahr habe ich hart an mir gearbeitet. Das beweist mir auch mein immer noch guter Kontakt zu Hoffenheim. Die Leute schätzen mich immer noch. Ich habe mich nicht hängen lassen.

LAOLA1: Euer nächstes Spiel bestreitet ihr gegen RB Leipzig – ein Retortenklub, der in Deutschland für Aufregung sorgt. Im Zuge dieser Kommerzialisierungsdiskussion wird aufgrund der Audi-Unterstützung Ingolstadt oft in einen Topf mit Leipzig geworfen. Siehst du Parallelen zwischen den Vereinen?

Özcan: Ich habe keine negative Meinung von RB Leipzig. Ich war selbst in der Red-Bull-Familie, damals in Salzburg. Man muss aber schon klar stellen, dass sich dieses Projekt klar von unserem Klub unterscheidet. Audi hat bei uns einen ganz normalen Sponsorenvertrag. Der Konzern ist der größte Arbeitgeber in unserer Region. Also ist es nur logisch, dass sie uns unterstützen. Sie spielen aber nicht so eine große Rolle wie Red Bull in Leipzig.

LAOLA1: Gegen Brasilien durftest du für eine Halbzeit wieder einmal im Nationalteam ran. Wie war dein dritter Einsatz im ÖFB-Dress?

Özcan: Ein geiles Gefühl. Es war mein erstes Spiel im Ernst-Happel-Stadion. Mit Brasilien war der Gegner jetzt auch kein schlechter (lacht). Ich muss den Fans an dieser Stelle ein Lob aussprechen. Was sie das ganze Jahr für uns geleistet haben, das war schon sensationell. Sie waren wirklich wie ein zwölfter Mann für uns. Ich habe versucht, das zu genießen und die tolle Stimmung aufzusaugen.

LAOLA1: In einem Interview mit der „Sportzeitung“ meinte Lukas Hinterseer, dass ihr euch in der Vorbereitung Videos von RB Salzburg angesehen hättet, um von dieser Spielweise zu lernen. Wie viel hat euch das geholfen?

Özcan: Ich habe Lukas selbst darauf angesprochen, weil ich von dieser Aussage überrascht war. Das wurde falsch wiedergegeben. Wir haben mit Sicherheit keiner Mannschaft einen Spielstil nachgemacht. Es wird bei uns einfach jedes Spiel analysiert, egal ob Liga- oder Freundschaftsspiel. Aus unserem Test gegen Salzburg (1:1 am 16. Juli in Kufstein) konnten wir Schlüsse ziehen, wie man gegen ein Team spielt, dass uns offensiv presst. Solche Analysen gehören dazu. Unser Trainer will nichts dem Zufall überlassen. Man muss wissen, wie man auf bestimmte Situationen reagiert.

LAOLA1: Wenn eine Mannschaft vorne hoch attackiert, ist auch der Torwart gefordert, etwas weiter vorne zu agieren. Als Paradebeispiel gilt hier Bayern-Goalie Manuel Neuer, der fast schon als Libero agiert. Welche Torhüter-Philosophie verfolgst du?

Özcan: Primär ist wichtig, dass jeder Torwart seine eigene Spielweise entwickeln muss. Es kann nicht jeder so spielen wie Neuer. Er ist der beste Goalie der Welt. Natürlich beherrscht er das Herauslaufen Weltklasse, aber nicht jeder kann so viel Risiko nehmen. Wenn er einmal einen Ball nicht erwischt und das Gegentor bekommt, dann wird nichts passieren. Viele andere Torhüter dürfen sich aber keinen einzigen Fehler leisten, sonst werden sie einfach ausgetauscht. Ich versuche, meine Spielweise an jene der Mannschaft anzupassen. Unser Team will offensiv verteidigen. Also versuche ich weiter vorne zu stehen, damit keine zu große Lücke zwischen Viererkette und Torwart entsteht. Meine Kollegen sollen wissen: Wenn einer durchrutscht, dann bin ich da.

LAOLA1: Wir haben vorhin schon über deinen Teamkollegen Hinterseer gesprochen. Wie hat er sich in Ingolstadt eingelebt?

Özcan: Luki ist ein bodenständiger Typ, der immer ackert und Gas gibt. Er hat sich sehr schnell akklimatisiert. Seine Leistungen sprechen für sich. Die Tore, die er macht, sind sehr wichtig. Er hat oft das 1:0 oder das Siegestor geschossen. Es ist oft nicht so einfach, in Deutschland den Anschluss zu finden, aber ihm ist das schnell gelungen.

LAOLA1: Hat dir dieser Einsatz gezeigt, dass du noch vor Heinz Lindner die Nummer zwei im ÖFB-Tor bist?

Özcan: Vor dem Russland-Spiel hatte ich ein gutes Gespräch mit dem Teamchef. Er hat mir gesagt, dass ich der Ersatz bin, sollte Robert etwas passieren. Das hat mich persönlich gefreut, aber das Fußball-Geschäft ist so schnelllebig. Wir werden alle weiter hart arbeiten und dann sehen, was rauskommt.

LAOLA1: Kommt dir vielleicht zu Gute, dass Marcel Koller mit dem hohen Attackieren eine ähnliche Spielweise verfolgt wie ihr bei Ingolstadt?

Özcan: Was heißt Vorteil oder Nachteil? Grundsätzlich muss ein Torwart die Kiste sauber halten. Robert macht seine Sache sehr gut. Aber egal, welcher Torwart welche Philosophie bevorzugt. Es kann so schnell gehen, dass sich jemand verletzt. Da muss der andere in die Bresche springen.

 

Das Gespräch führte Jakob Faber

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