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Wie bitte?!

17 Spiele der FIFA WM 2014 in Brasilien sind bereits Geschichte.

Jede der 32 teilnehmenden Mannschaften hatte zumindest einmal die Gelegenheit, sich vor einem Weltpublikum zu präsentieren.

Die einen taten es in überzeugender Manier - darunter Deutschland oder die Niederlande. Andere wiederum, hierbei vor allen Dingen die Länder von der iberischen Halbinsel, enttäuschten auf ganzer Linie.

Viel zu häufig im Blickpunkt standen die Schiedsrichter bislang aufgrund zahlreicher Fehlentscheidungen. Dagegen konnte die Torlinientechnik bei ihrem bislang einzigen wichtigen Auftritt überzeugen.

LAOLA1 fasst die brennendsten Themen des ersten WM-Spieltages noch einmal zusammen und diskutiert diese kontrovers:

  • Spanien geht gegen die Niederlande mit 1:5 unter. Ein einmaliger Ausrutscher der "Seleccion" oder ist die Zeit des Titelverteidigers abgelaufen?

Henriette Werner: Nein! Zwar hat der amtierende Weltmeister gegen die Niederlande erschreckende Schwächen aufgewiesen, dennoch wäre es nicht der erste spätere Titelträger, der das Auftaktspiel verliert. Spanien selbst hat es vor vier Jahren vorgemacht: Mit einem 0:1 gegen die Schweiz ins Turnier gestartet, steigerte sich das Team im Laufe der Endrunde und rang im Finale die Niederlande mit 1:0 nieder.

Es ist bei einem derart langen Turnier nicht ratsam, gleich alle Körner am Anfang zu verschießen. Allerdings: Die Kurve muss im Spiel gegen Chile bekommen werden, ansonsten sind die Träume von einer Wiederholung des Titels wohl endgültig ausgeträumt.

Christoph Nister: Mach dir nichts vor, liebe Kollegin! Von mir aus übersteht die "Seleccion" die Gruppenphase - alles andere wäre ja die bereits zweite Peinlichkeit bei dieser WM -, doch den Titel können sich Ramos und Co. abschminken.

Nach drei großen Titeln mit dem Nationalteam in Folge, als Draufgabe sind die Real-Akteure auch noch Champions-League-Sieger, schleicht sich im Unterbewusstsein der Schlendrian ein. Niemand kann permanent 100 Prozent Leistung abrufen. Spanien gehört auch nach dem 1:5 zu den besten Teams der Welt, mehr als das Achtelfinale ist diesmal aber nicht drin. Dort ist gegen Brasilien Endstation!

  • Die Schiedsrichter patzen reihenweise, die Torlinientechnologie funktioniert dagegen einwandfrei. Braucht der Fußball weitere technische Hilfsmittel?

Fabian Santner: Nein. Die meisten Fehler, die von den Schiedsrichtern gemacht wurden, wären auch mit technischen Hilfsmitteln wie dem Videobeweis nur schwer zu vermeiden gewesen oder hätten einen unnötig langen Zeitaufwand nach sich gezogen.

Die Torlinientechnologie ist eine gute Sache, mit ihrer Hilfe kann in Sekundenschnelle entschieden werden, ob der Ball die Linie überquert hat, oder nicht. Alles Weitere würde den Fußball, der auch von umstrittenen Entscheidungen lebt, nur verfälschen.

Matthias Nemetz: Ich sage, ja! Richtige Entscheidungen würden den Fußball verfälschen? Es sind die falschen Entscheidungen, die den Fußball verfälschen. Keine Frage, der Fußball lebt von Emotionen und Diskussionen, das würde auch durch technische Hilfsmittel wie dem Videobeweis nicht genommen werden. Es wäre ja nicht so, dass jede Szene eines Spiels überprüft würde.

Warum lässt man nicht bei knappen Abseits-Entscheidungen weiterspielen - wenn der Stürmer trifft, überprüft man das Abseits und gibt das Tor, oder nicht. Ähnlich einem knappen Touchdown im Football. Mit den Wiederholungen und TV-Bildern ginge das heutzutage sekundenschnell. "Das würde den Spielfluss zerstören", heißt es immer wieder. Doch der Spielfluss wird auch durch den Torjubel, Behandlungen von Spielern und Diskussionen mit dem Schiedsrichter unterbrochen. Solange sich der Einsatz solcher Hilfsmittel in Grenzen hält, her damit.

  • Cristiano Ronaldo bleibt gegen die DFB-Auswahl blass. Hat der Portugiese sein ganzes Pulver bereits für Real Madrid verschossen?

Christoph Nister: Blödsinn! Ronaldo war zuletzt angeschlagen, dazu hat die komplette portugiesische Mannschaft - allen voran ein gewisser Pepe - versagt. Genauso, wie es nicht ein Spieler ist, der an guten Tagen ein Spiel gewinnt, ist es in diesem Fall auch nicht einer (CR7), der gegen den DFB verlor.

Man muss allerdings auch ehrlich sagen, dass der ach so tolle Ronaldo bei großen Turnieren auf Nationalteam-Ebene noch nie das abgeliefert hat, was man sich von ihm erwartet. Es würde mich daher nicht überraschen, wenn er auch in Brasilien den eigenen Ansprüchen hinterher läuft.

Niki Riss: Ronaldo ist überspielt und hat sich seinen Gesundheitszustand aufgrund seines Drangs, auch angeschlagen spielen zu wollen, selbst zuzuschreiben. Wer La Liga verfolgt, weiß, dass sich der Weltfußballer bewusst seine Pausen nimmt, um sich im toten Winkel zu verstecken und im richtigen Moment die Abwehr zu überraschen. Wenn diese Pausen physisbedingt aber überhand nehmen und ein gelernter Innenverteidiger in Form von Jerome Boateng wie ein Schatten am 29-Jährigen klebt, verschwindet man für die Fernsehkameras außerdem noch leichter in der Versenkung.

Dem Madridista aber die Klasse bei großen Turnieren abzusprechen, halte ich für Majestätsbeleidigung. Bereits mit 17 Jahren zog der Rekordtorschütze mit Portugal ins Endspiel der Heim-EURO 2004 ein und erst 2012 schoss er sein Land (nach einer vielkritisierten Auftaktniederlage gegen Deutschland) beinahe im Alleingang ins Halbfinale.

 

  • 49 Tore in 17 Spielen, ein beträchtlicher Anteil davon aus Standardsituationen. Hat der Catenaccio ausgedient?

Christoph Nister: Kurz gesagt: Nein! Um es zu erläutern: Wir sprechen hier von einer Momentaufnahme, die vieles, aber ganz sicher nicht repräsentativ ist. Spätestens, wenn wir die K.o.-Phase erreichen, ist Schluss mit Ballern!

Dann tut jeder Fehler doppelt weh und die Teams werden sich hüten, alles nach vorne zu werfen. In der Gruppenphase zu zaubern, ist zwar schön, aber wer den Titel will, braucht eine starke Defensive. Der Spruch "Offense wins games, defense wins championships" kommt nicht von ungefähr.

Harald Prantl: Catenaccio? Also bitte! Der Catenaccio hat längst ausgedient, nicht erst seit dieser WM. Wer immer noch der Meinung ist, dass eine defensivere Spielausrichtung zwangsläufig Catenaccio sein muss, der spricht wohl auch noch von Spielmachern und Liberos.

Die vielen Tore haben meiner Meinung nach damit zu tun, dass aktuell händeringend nach defensiven Strategien gegen individuell extrem starke Offensivspieler, die es in einer nie dagewesenen Fülle gibt, gesucht wird, sich so manche Strategie aber als Fehlgriff entpuppt. Und die Quote von Toren aus Standards liegt mit rund 30 Prozent übrigens im Normalbereich. Und außerdem, lieber Kollege: Das „defense wins championships“-Argument ist ungefähr so lange out wie der Catenaccio.

  • Deutschland liefert zum Auftakt ein 4:0-Offensivspektakel gegen Portugal ab. Ist die DFB-Auswahl damit der neue Topfavorit auf den Titel?

Fabian Santner: Mit einem Wort: Nein! Deutschland hat gut gespielt und seine Zugehörigkeit zum engeren Favoritenkreis mit diesem Auftritt untermauert, aber ähnlich wie beim 4:1 gegen England im Achtelfinale der WM 2010 profitierte die Elf von Jogi Löw vom Spielverlauf.

Waren die Engländer noch ein Gegner, der sich nach einem Rückstand aufbäumt und damals gnadenlos ausgekontert wurde, so waren die Portugiesen noch nie dafür bekannt, Moral zu zeigen. Im Gegenteil, ein umstrittener Elfer-Pfiff und ein Standard-Tor haben gereicht, um bei Pepe die Sicherungen durchbrennen zu lassen und seine Mannschaft dadurch noch mehr schwächten.

Mit einem Zwei-Tore-Vorsprung und einem Mann mehr war es für die Deutschen bei diesen Temperaturen ein Einfaches, Ball und Gegner laufen zu lassen.

Wie eingangs erwähnt, das haben Phillip Lahm und Co. sehr gut gemacht, gegen das am Boden liegende Portugal war dies allerdings auch nicht allzu schwer, weswegen es vermessen wäre, Deutschland jetzt zum alleinigen Topfavoriten zu erklären.

Christoph Nister: Ich kann mich nur anschließen. Die Leistung von Müller und Co. war gut, aber bitte, bitte, liebe deutsche Sportsfreunde - haltet mal den Ball flach. Falls ihr es schon vergessen habt: Seit dem EM-Titel 1996 hat die deutsche Nationalmannschaft immer dann enttäuscht, wenn es um die Wurst aka den Titel ging. So wird es auch diesmal sein.

KP Boateng und "Capitano" Michael Ballack hatten Recht, der Elf von Jogi Löw fehlt ein echter Leader. Nicht von ungefähr spricht der Bundestrainer von Jahren von "flacher Hierarchie". Es gibt schlicht niemanden vom Kaliber eines Franz Beckenbauer, Matthias Sammer oder Oliver Kahn.

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