Fußball-Klischees und ihre Widersprüche

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WM-Zeit ist auch Klischee-Zeit. Italien spielt Catenaccio, Brasilien zaubert und am Ende gewinnt Deutschland.

Man kennt die Geschichten, die während jeder Weltmeisterschaft aufs Neue aufgewärmt werden. Vor allem so mancher TV-Experte versucht sich damit zu helfen, sobald sein Fachwissen an Grenzen stößt.

Aber aufgepasst: Vorurteile taugen nichts!

Sie treffen zwar manchmal zu, blenden Widersprüche aber aus. Die Realität ist nicht schwarz-weiß, sondern viel bunter als Klischees es uns vermitteln.

 

Deutschland DEUTSCHLAND

Das Klischee: Die Deutschen tun alles für den Erfolg. Konzentriert wie Maschinen spulen sie ihre Leistungen ab. Deswegen gewinnen sie auch jedes Elferschießen. Übersteiger und Hackentricks sind verboten, denn nur der geradlinige Weg zum Tor zählt. Auf hässliche Weise zu gewinnen, ist ausdrücklich erwünscht. Gary Lineker brachte es einst auf den Punkt: „Fußball ist ein einfaches Spiel: 22 Männer jagen 90 Minuten lang einem Ball nach, und am Ende gewinnen die Deutschen.“

Die Widersprüche: Mario Götze, Mesut Özil oder Marco Reus sind Botschafter des Offensiv-Fußballs, der Deutschland unter Joachim Löw auszeichnet. Doch bereits in der Vergangenheit überzeugten DFB-Auswahlen spielerisch. So war der Triumph bei der WM 1990 keineswegs unverdient, sondern die logische Folge eines starken Turniers. Auch Linekers Pauschal-Urteil hält einer genaueren Analyse natürlich nicht Stand. Es sind ausgerechnet die Deutschen, die in der Geschichte der Weltmeisterschaften die meisten Final-Niederlagen einstecken mussten.

Die andere Seite der Niederländer: Nigel de Jong

Niederlande NIEDERLANDE

Das Klischee: Die armen Niederländer: Sie spielen bei jeder WM den schönsten Fußball, sind aber noch immer ohne Titel. Von den neutralen Zuschauern werden sie dennoch geliebt. Schließlich fallen in Spielen mit niederländischer Beteiligung immer viele Tore, egal ob vorne oder hinten. Dafür sorgt nicht zuletzt ihr offensives 4-3-3-System.

Die Widersprüche: Nigel de Jongs Kung-Fu-Kick gegen Xabi Alonso im letzten WM-Finale ist den meisten wohl noch in Erinnerung. Eine schreckliche Attacke, die die pragmatische Spielweise der „Elftal“ unter Bert van Marwijk widerspiegelte. Der 2012 zurückgetretene Trainer pfiff nicht nur auf schönen Fußball, sondern wich mit einem 4-2-3-1 auch vom heiligen 4-3-3-System ab. Sein Nachfolger Louis van Gaal kündigte unlängst gar an, in Brasilien mit einem 5-3-2/3-5-2 spielen zu wollen.

 

Italien ITALIEN

Das Klischee: Diese wehleidigen Italiener. Alle fünf Minuten liegen sie auf dem Boden, um zu jammern. Dabei teilen sie selbst am meisten aus. Anders könnte ihr Catenaccio gar nicht funktionieren. Sie machen hinten dicht und vorne soll der Geniestreich eines Stürmers das Tor besorgen. Ein Treffer reicht. Denn Verteidigen können die alten Haudegen.

Die Widersprüche: Angeführt von Mittelfeld-Maestro Andrea Pirlo spielen die Italiener einen feinen Offensiv-Fußball. Das haben sie nicht nur zuletzt 2012 bei der EURO bewiesen, sondern schon 2006 beim WM-Titel. Unsympathische Eisenfüße a la Marco Matterazzi sucht man in der Abwehr mittlerweile vergebens. Die aktuelle Dreierkette hinterlässt im Vergleich dazu einen geradezu höflichen Eindruck. Auch Starstürmer Mario Balotelli ist kein wehleidiger Ungustl, sondern eher eine verspielter Teenager. Und so alt ist die aktuelle "Squadra Azzurra" auch nicht - lediglich sechs Kaderspieler sind 30 Jahre oder älter.

Gute Elferschützen: Lampard und Gerrard

England ENGLAND

Das Klischee: Die Vereine in England sind absolute Weltklasse. Aber dort spielen ja nur Legionäre. Deswegen wird die englische Nationalmannschaft auch bei dieser WM nichts reißen. Ihr Kick and Rush ist von vorgestern. Spätestens im Playoff kommt das Aus. Entweder wegen eines Tormann-Fehlers oder im Elfmeterschießen.

Die Widersprüche: Unglaublich, aber wahr: Englische Spieler waren in dieser Saison europaweit die besten Elfmeterschützen. 82 % aller von ihnen getretenen Penaltys wurden verwertet. Rein theoretisch spricht diesmal also nichts gegen ein erfolgreiches Elferschießen der Engländer. Zumal mit Joe Hart ein Torhüter von internationaler Klasse den Kasten hütet. Für eine Überraschung könnte das Team von Roy Hodgson allemal gut sein.

 

Spanien SPANIEN

Das Klischee: Die Spanier und ihr langweiliges Tiki-Taka. Dieses Rückpassorchester hat uns schon bei den letzten Großereignissen genervt. Es wird Zeit, dass die Iberer in alte Muster zurückfallen und bei der WM nach einer starken Vorrunde im Achtelfinale scheitern. Zumal sich die Spieler untereinander aufgrund der Unterschiede zwischen Katalanen, Madrilenen und Basken sowieso nicht verstehen.

Die Widersprüche: Erfolg schweißt zusammen. Die spanischen Nationalspieler sehen sich vor allem als Freunde und nicht so sehr als Vertreter ihrer jeweiligen Heimat-Region. Zumal mit Vicente Del Bosque ein Teamchef am Werk ist, der es versteht, die unterschiedlichen Charaktere zu einer Mannschaft zu formen. Der Coach lässt einen ballbesitzlastigen Fußball spielen, den manche vielleicht als langweilig empfinden. Doch so manches Traumtor wird auch die größten Skeptiker mit der Zunge schnalzen lassen. Außerdem ist es angesichts des Klimas in Brasilien vielleicht nicht die schlechteste Idee, Ball und Gegner laufen zu lassen.

Luiz Gustavo - ein brasilianischer Kämpfer

 Brasilien BRASILIEN

Das Klischee: Brasilien spielt nicht nur schönen Fußball, sie sind damit auch noch erfolgreich. Die Dribbelkünstler vom Zuckerhut tänzeln durch die gegnerischen Abwehr-Reihen. Der Rhythmus liegt ihnen im Blut. Ihr Samba-Kick macht sie zum Top-Favoriten auf den WM-Titel, zumal sie auf den oft beschworenen Heimvorteil bauen können. Auch wenn Superstar Neymar auf Internet-Videos einen besseren Eindruck hinterlässt, als in der Realität.

Die Widersprüche: Was Neymar wirklich kann, hat er nicht zuletzt beim brasilianischen Triumph im Confed Cup gezeigt. Dennoch besteht die „Selecao“ nicht nur aus Artisten. Man denke nur an Ex-Spieler, wie Lucio, Emerson oder Carlos Dunga. Letzterer ließ als Teamchef bei der WM in Südafrika einen disziplinierten Defensiv-Fußball spielen. Das war so gar nicht brasilianisch. Unter Luiz Felipe Scolari agiert die „Selecao“ offensiver, aber auch er setzt im Mittelfeld mit Paulinho und Luiz Gustavo auf zwei Abräumer.

 

SüdkoreaJapan SÜDKOREA UND JAPAN

Das Klischee: Südkorea und Japan sind immer für eine Überraschung gut. Die wendigen und wieselflinken Spieler können große Abwehrrecken vor Probleme stellen. Noch dazu weiß man seit 2002, dass vor allem die Südkoreaner enorm konditionsstark sind. Ihre Probleme haben beide Teams bei Standardsituationen. Dort wird die geringe Körpergröße zum Nachteil.

Die Widersprüche: Natürlich kennt man die beiden asiatischen Fußball-Großmächte in Europa vor allem durch wendige Spieler, wie Shinji Kagawa (ManUnited) oder Heung Min-Son (Leverkusen). Doch auch stämmige Innenverteidiger bringen beide Nationen hervor. Jeong Ho-Hong verteidigt für Augsburg in der Bundesliga, Maya Yoshida für Southampton in der Premier League. Bei der WM in Südafrika musste Japan übrigens keinen einzigen Kopfball-Gegentreffer hinnehmen.

 

Nigeria    Kamerun         Elfenbeinküste          Ghana


NIGERIA, KAMERUN, ELFENBEINKÜSTE, GHANA

Gervinho: Ein untypischer Afrikaner

Das Klischee: Physisch stark waren die zentralafrikanischen Mannschaften schon immer. Auch Superstars, wie Didier Drogba oder Samuel Eto'o, hätten sie in ihren Reihen. Doch es fehlt an der taktischen Finesse, damit endlich einmal ein afrikanisches Team bis ins Halbfinale oder Finale vordringt. Dafür sind sie mental einfach noch nicht weit genug. Zumal ihre verrückten Torhüter stets für einen tollpatischgen Fehler gut sind.

Die Widersprüche: Elf Spiele in Serie blieb Nigerias Nationalgoalie Vincent Enyeama in dieser Saison bei Lille ohne Gegentor. In der Ligue 1 wäre ihm damit fast ein neuer Rekord gelungen. Mit Enyeama hat der aktuelle Afrika-Cup-Sieger also einen sicheren Rückhalt. 2010 hätte es für Ghana beinahe mit dem WM-Halbfinale geklappt, wäre da nicht das Handspiel von Luis Suarez und der daraufhin verschossene Elfmeter gewesen. Die zentralafrikanischen Teams sind längst in der Weltelite angekommen, dazu reicht ein Blick auf die mit hochklassigen Legionären gespickten Teamkader. Vorurteile gegen sie haben oft rassistische Wurzeln. In Zeiten des Kolonialismus und der Sklaverei galten Schwarzafrikaner als unzivilisierte „Wilde“ mit starkem Körperbau, aber unterbelichtetem Verstand.

 

Jakob Faber

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