"Argentinien kann Deutschland schon weh tun"

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Einen österreichischen Arbeitgeber haben einige WM-Teilnehmer im Lebenslauf stehen.

Mit Joachim Löw schickt sich bekanntlich der frühere Tirol- und Austria-Trainer an, Deutschland am Sonntag zum WM-Titel zu führen. In seinem Team werkt mit Yann-Benjamin Kugel etwa auch ein früherer Athletik-Trainer Salzburgs.

USA-Teamchef Jürgen Klinsmann vertraute Österreichs Rekord-Teamspieler Andreas Herzog den Assistenz-Trainer-Posten an. Neben Berti Vogts mit dabei im Kompetenz-Team war und ist auch Matthias Hamann, der ehemalige Trainer des LASK.

Der Bayer ist seit rund drei Jahren für das Scouting im Team USA verantwortlich, nämlich was die Spieler in Europa betrifft. So freute sich der frühere Verteidiger freilich mit Julian Green, der es als 19-Jähriger von den Bayern Amateuren zur WM schaffte und sogar einen Treffer erzielen konnte.

Mit Berti Vogts beobachtete Hamann während der WM die kommenden Gegner, unter anderem auch Argentinien, auf das die USA im Viertelfinale getroffen wäre, wenn Belgien nicht in der Runde der letzten 16 zuvor mit 2:1 nach Verlängerung den Platz als Sieger verlassen hätte.

Im LAOLA1-Interview spricht der Deutsche über das WM-Finale und den Weg von Team USA.

LAOLA1: Die WM neigt sich dem Ende zu, Sie waren ein Teil davon: Wie hat sie Ihnen gefallen?

Matthias Hamann: Sehr gut und es ist nicht davon auszugehen, dass dieser Eindruck durch die letzten beiden Spiele getrübt wird. Mir hat besonders gefallen, dass zumeist Offensivmannschaften gewonnen haben und nur sehr wenige Teams eine Defensiv-Strategie gefahren sind. Argentinien ist damit allerdings auch ins Finale gekommen. Dort setzt man eher mehr auf die Defensive als auf eine kreative Offensive, die sich mehr oder minder nur auf Lionel Messi und mit Abstrichen auf Angel di Maria verlässt. Es war insgesamt ein sehr gutes Turnier und ein sehr attraktives für den Sport.

LAOLA1: Was spricht gegen einen Titelgewinn Ihrer Heimat Deutschland?

Hamann: Eigentlich nichts. Ich habe Argentinien zwei Mal live gesehen, da es ein möglicher Viertelfinal-Gegner war. Da wäre uns, also der USA, nicht bange gewesen. Und wenn das bei uns schon nicht der Fall ist, dann ist es jetzt bei Deutschland sicher auch nicht so. Die Gefahr läge nur darin, den mentalen Transfer nach einem 7:1 im Halbfinale gegen Brasilien nicht zu schaffen. Aber das wird sich mit den ersten Minuten erledigen. Es werden wie auch sonst 70.000 Zuschauer da sein, dann spielt Deutschland sein Spiel und wird 1:0, 2:0 oder 3:1 gewinnen.

Matthias Hamann, Bruder von Didi, war 2009/10 LASK-Trainer

LAOLA1: Ist die Zeit für Deutschland, speziell für Spieler wie Lahm oder Schweinsteiger, einfach reif?

Hamann: Sie haben viele große Turniere gespielt, waren auch im Verein schon in viele Halbfinali und Finali dabei. Bayern und Dortmund haben ja in den vergangenen Jahren fast alles unter sich ausgemacht. Sie sind sicher dazu bereit, aber jetzt aus einer Anhäufung solcher Spiele abzuleiten, sind seien dran, das geht nicht. Argentinien hat es sich genauso verdient, sie sind mit einem komplett anderen Ansatz ins Finale gekommen. Messi wird als vierfacher Weltfußballer auch sagen, dass er es sich verdient hätte. Die Argumentation zieht also nicht. Ich denke nur, dass den deutschen Spielern die kumulierte Erfahrung zu Gute kommt und vielleicht auch den Ausschlag geben kann.

LAOLA1: Das gilt wohl auch für Bundestrainer Joachim Löw.

Hamann: Er ist ebenso durch diese Situationen gegangen, auch wo sie ihn nach schlechten Spielen angegriffen und ihn nach guten in den Himmel gelobt haben. Generell ist früher vielleicht – nicht bei ihm jetzt persönlich – der Fokus auf das große Ziel verloren gegangen. Man hat sich über ein super Viertelfinale gefreut, hat aber „vergessen“, dass man auch noch ein Halbfinale und Finale spielen muss. Wie in Südafrika 2010, wo das Achtel- und Viertelfinale überragend waren und dann war man weg. 2012 war das bei der EM ähnlich. Per Mertesacker hat das ja richtig ausgedrückt, als er in dem einen Interview meinte: „Was wollt ihr? Sollen wir schön spielen und ausscheiden oder eine Runde weiterkommen?“ Das hat gezeigt, dass der Fokus darauf liegt: Finale, siegen, auf Wiedersehen.

LAOLA1: Die USA hat sich nach dem Achtelfinale verabschiedet, bilanziert aber wohl zufrieden.

Hamann: Grundsätzlich ja. Intern erscheint das immer ein wenig in einem anderen Licht, weil man das Leistungspotenzial und die Erwartungshaltung von einem selbst, vor allem von Chefcoach Jürgen Klinsmann kennt. Letztendlich kann man zufrieden sein, weil wir aus der Gruppenphase herausgekommen sind. Da hatten wir auch die Umstände auf unserer Seite, konnten selbst unser erstes Spiel gegen Ghana gewinnen, während Portugal gegen Deutschland verlor. Das versetzte uns in eine gute Ausgangsposition für die zweite Partie, in der wir kurz vor Schluss den Ausgleich gegen Portugal bekamen. Beim Deutschland-Spiel haben wir eigentlich schon mehr auf die andere Partie geschaut. Belgien war dann im Achtelfinale eigentlich klar besser, dennoch hatten wir am Ende Chancen, um das Spiel sozusagen zu klauen. Wondolowski stand kurz vor Schluss alleine vor dem Torwart und ist eigentlich eine Bank bei so einer Möglichkeit, denn er ist ein sehr guter Finisher. So wären wir im Viertelfinale gegen Argentinien gewesen. Da fehlen uns eben noch Kleinigkeiten. Mit dem Wissen, dass einige Spieler nicht zu einhundert Prozent ihr Potenzial abgerufen haben, müssen wir letztendlich zufrieden sein.

LAOLA1: Nach dem Aus wurde in den USA die taktische Ausrichtung mitunter kritisch beäugt, auch Landon Donovan ließ daran kein gutes Haar. Kann man sich dahingehend etwas vorwerfen?

Hamann: Es ist ein normaler Vorgang, dass Spieler, die nicht dabei waren, oder frühere Teamspieler sich danach kritisch äußern. Wir haben so entschieden, wie es uns zu diesem Zeitpunkt am besten erschien. So haben wir das immer durchgezogen und sind aus einer sauschweren Gruppe auch herausgekommen. Neben Deutschland hätten es alle Mannschaften weiterschaffen können, da gab es auch andere Gruppen und keine andere hatte während der WM vier gute Teams in einer. Von daher haben wir unsere Möglichkeiten ganz gut ausgeschöpft.

LAOLA1: Sie haben Deutschland auch als Gegner der USA beobachtet. Wie kann man ihnen weh tun?

Hamann: Der Ansatz, den Argentinien verfolgt, kann Deutschland schon weh tun. Dass man eben tief steht und physisch spielt, die Härte bekommt den deutschen Spielern nicht. Man hat es auch gegen Algerien gesehen, die haben die Deutschen in die eine oder andere Verlegenheit gebracht – durch das Umschalten mit schnellen Spielern gegen vier Innenverteidiger in der Defensive. Auf der rechten Seite wurde beim DFB mit dem Zurückziehen Lahms umgestellt, die linke Seite böte aber noch einen Ansatzpunkt dafür. Es ist natürlich die Frage, ob di Maria spielen kann und mit seiner Schnelligkeit über den Flügel kommt oder auch Messi auf der Seite Druck macht. Mit der individuellen Klasse könnte Argentinien Gefahr erzeugen. Aber ich glaube, dass es das DFB-Team grundsätzlich schaffen wird, das Zentrum zu schließen und immer einen zu Messi zu stellen. Beim Spiel gegen Nigeria war das etwa frappierend: Da hat sich Argentinien den Ball fast schon lustlos zugeschoben, sie kamen nicht wirklich vorwärts und keiner hat sich vorne auch wirklich bewegt – da spielten Agüero, Higuain und Messi. Auf einmal hat sich Messi sieben, acht Meter zurückfallen lassen, man hat ihm den Ball gegeben und dann begannen alle plötzlich zu laufen. Messi löste das erste 1 gegen 1, dann ergab sich Raum und es passierte was. Ich denke, Deutschland kann das kontrollieren. Sobald man den Ball verliert, wird einer bei Messi sein, damit dieser Passweg schon einmal unterbunden ist. Sollte er den Ball bekommen, wird man ihn doppeln, um ihn den Ball schnellstmöglich abzujagen.

LAOLA1: Deutschland muss nach den letzten Leistungen wohl nur sein Spiel durchbringen.

Hamann: Ich denke, dass die Besinnung auf die eigenen Stärken reichen müsste und sie relativ schnell nach vorne spielen werden sowie hinter die Viererkette kommen wollen. Diese ist nicht sonderlich schnell, da gibt es Ansatzpunkte für Müller oder Özil, intelligente Läufe zu machen. Da passen die Argentinier manchmal nicht auf. Und wenn sie sieben, acht Spieler hinter dem Ball haben, dann haben sie auch in der Defensive keine Probleme, auch wenn Messi den Ball hat.

LAOLA1: 7:1 im WM-Halbfinale gegen Brasilien in Brasilien – wie haben Sie es gesehen?

Hamann: Die Brasilianer wollten das Spiel ihres Lebens machen, haben auch gut begonnen, waren nach dem 0:1 etwas konsterniert und nach dem 0:2 völlig zusammengebrochen. Da geht wohl im Kopf eine Maschinerie los, wenn man bedenkt, wie viele Menschen da im Land und in der Welt zuschauen. Dazu die besondere Situation rund um Belo Horizonte, wo die Nationalmannschaft nicht gerne spielt. Vor über 20 Jahren haben sie dort einmal 4:0 gegen Venezuela gewonnen, wurden aber ausgepfiffen. Danach waren sie dort zehn oder 15 Jahre nicht mehr. Es  gab ein gespanntes Verhältnis, mit dem Achtelfinale gegen Chile (4:3 n.E.), das sie dort gewonnen haben, war es dann wieder halbwegs gut. Aber jetzt sind wohl die alten Wunden wieder aufgerissen. Sie waren paralysiert. Bezeichnenderweise steht dafür das zweite Tor von Toni Kroos, der Fernandinho einfach den Ball abnimmt, Doppelpass mit Khedira spielt und locker trifft. Das war ein Total-Aussetzer nach dem 0:3.

LAOLA1: Jürgen Klinsmann, Andreas Herzog, Berti Vogts – da lässt es sich als Scout arbeiten, oder?

Hamann: Durch ihre Erfahrung haben sie einfach das Wissen, worauf man sich bei so einem Turnier vorbereiten und fokussieren muss. Es wurde immer sehr zentriert auf das nächste Spiel hin gearbeitet. Es war natürlich für mich persönlich fantastisch mit Berti zu Spielen zu fahren, er wurde dabei auch immer wieder von wildfremden Leuten erkannt. Generell hatten wir im Coaching Staff eine tolle Stimmung, sie war sehr positiv geladen und das konnten wir auch zum Teil auf die Mannschaft übertragen, was sich letztendlich in der Leistung widergespiegelt hat.

LAOLA1: Jürgen Klinsmann scheint als Motivator, für den alles möglich ist, zur USA zu passen.

Hamann: Absolut. Zu den Spielern sprechen ist dabei das eine, die Fokussierung auf das Ziel das andere. Da wurde nicht nur gesagt, wir spielen drei Spiele und dann sehen wir weiter. Es wurde bis einschließlich dem Finale geplant. Wir haben gesagt: Wenn vorher etwas passiert, dann wird eben umgebucht, aber ansonsten bis zum Endspiel – Punkt. Alles inklusive des Scouting-Plans war auf das Finale ausgelegt. Das überträgt sich natürlich auch auf eine Mannschaft, die sich dann nicht mit drei Spielen zufriedengibt, sondern stets einen draufsetzen will. Wir sind schließlich an einer starken Mannschaft gescheitert, aber man hat unseren Willen gespürt und gesehen. Das ist auch bei der Bevölkerung angekommen. Vielleicht ist es dann in Russland so weit, dass wir ins Halbfinale oder einen Schritt weiter kommen. Das ist eine Frage der Zeit, wenn wir weiter so konsequent an Sachen wie Harmonisierung der Ausbildungspläne arbeiten sowie diese Gedanken der Leistungsbereitschaft in die Nachwuchsmannschaften reinbringen. Wenn immer mehr Spieler kommen und wir eine richtige Basis haben, dann kann man unter den ersten Acht landen und sagen, dort wollen wir immer hin. Das kann schon in Russland sein, aber auch später. Das ist das Ziel.

LAOLA1: Ist es dafür zwingend, dass die Spieler in Europa spielen?

Hamann: Zwingend ist es nicht, aber wenn wir auf höchstem Niveau gegen Deutschland, Holland, Brasilien oder Argentinien spielen wollen, dann müssen unsere Spieler auch dort spielen, wo auf höchstem Niveau gespielt wird. Das ist derzeit in Europa und nicht in der MLS. Es wäre einfach wichtig, wenn sich die Spieler schon früh diesem Leistungsgedanken unterwerfen. Es geht darum, als junger Spieler diesen tagtäglichen Druck kennenzulernen und jeden Tag die Leistung abrufen zu können und zu wollen. Philosophisch gesagt, sein Leben dem Fußball zu unterwerfen, um die bestmögliche Leistung abzurufen. Du wirst nur besser, wenn du dich mit den Besten misst.

LAOLA1: Team USA hat im eigenen Land begeistert. Wie sehr haben Sie das mitbekommen?

Hamann: Das hat uns natürlich auch erreicht und uns durch Teile des Turniers getragen. Da waren tausende Menschen auf den Straßen oder in Football-Stadien und haben sich die Spiele per Public Viewing angesehen. Das gab es vorher nicht. Die Einschaltquoten waren teilweise über jenen der NBA-Finals im Juni – das ist schon eine Aussage, dass Fußball die breite Masse erreicht hat, auf der Überholspur ist und sich anschickt, eine ganz große Nummer zu werden.

LAOLA1: Die USA hat wohl auch als nicht klassisches Fußball-Land den Anspruch auf den WM-Titel.

Hamann: Sicher, da braucht man sich nur die Einwohner-Anzahl ansehen und wie viele Spieler da nachkommen. Wir hatten gerade eine richtig gute U17, da kommen auch einige Spieler nach Europa. Die haben das schon verinnerlicht, dass sie Übersee kommen müssen. Da kommt schon was, dauert aber auch noch eine gewisse Zeit. Wir haben 2015 die U20-WM in Neuseeland und 2016 die Olympischen Spiele in Rio. Das sind zwei Turniere, bei denen wir die Jungs unter Wettkampfbedingungen bei erhöhter Medienaufmerksamkeit testen können. Von der Mentalität und dem eigenen Anspruch her ist es sicherlich so, dass die USA Weltmeister werden will. Ob das noch in der Ära Klinsmann, die vielleicht noch zehn, zwölf oder 16 Jahre dauert, oder später passiert, wird man sehen. Es wird aber unausweichlich sein, wenn der Weg so weitergeführt wird, dass die USA irgendwann bei den nächsten zwei, drei Weltmeisterschaften in einem Halbfinale landen.

 

Das Gespräch führte Bernhard Kastler

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