"Man muss ein perfektes Spiel abliefern"

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24 Jahre ist es her, dass Argentinien im Finale einer Weltmeisterschaft stand. 0:1 verlor man damals durch Andreas Brehmes Elfmetertreffer.

Acht Jahre ist es her, dass sich die „Albiceleste“ in Deutschland dem Gastgeber im Viertelfinale nach Elfmeterschießen geschlagen geben musste.

Vier Jahre ist es her, dass Argentinien erneut im Viertelfinale gegen die DFB-Elf die Segel streichen musste. Gründe genug, warum die „Gauchos“ auf Revanche aus sind. Und vor allem die herbe 0:4-Pleite in Südafrika zieht ihre Kreise bis in das sonntägige Endspiel im Maracana. Zum einen, weil in Rio de Janeiro ein Großteil der damals unterlegenen Elf auf dem Feld stehen wird, zum anderen weil die Partie dem heutigen Trainer Alejandro Sabella eine Lehre ist.

„Sie haben damals ein frühes Gegentor bekommen, dass wirft immer alles über den Haufen“, erklärt der Übungsleiter und lässt dabei durchblicken, dass er mit einer defensiv angelegten Taktik ein deutsches Deja vu um jeden Preis verhindern möchte. „Damals und heute, das sind zwei unterschiedliche Mannschaften, auch wenn einige Spieler dieselben sind“, sagt Sabella und spricht damit das neue Argentinien an, ein Argentinien, das auf zwei Säulen basiert: Defensive Stabilität und Teamgeist.

Neue Defensivstärke

Herausragende Einzelspieler und den Ausnahmekönner Lionel Messi hatte der zweimalige Weltmeister auch bei den vergangenen Turnieren. In Brasilien hat sich die Spielweise allerdings geändert.

Das Spiel der Argentinier ist längst nicht mehr auf Offensivspektakel ausgerichtet, das zwangsweise oft eine löchrige Defensive bedingte. „Vielleicht sind wir jetzt konservativer aufgestellt“, sagt der Coach, relativiert aber im selben Atemzug, indem er von einem Zugewinn im Angriff spricht. „Früher hatten wir drei Angreifer, nun vier. Das entscheidende ist aber, dass diese nun auch die Flügel verstärkt besetzen“, erläutert er. „Die Verteilung auf dem Feld ist jetzt eine andere. Das ist eine riesige Leistung der Spieler“, ist er mit dem neuen Gleichgewicht seiner Mannschaft zufrieden.

Schön ist dieses neue Argentinien zwar nicht und auch nicht überzeugend, aber erfolgreich. 2:1 gegen Bosnien und Herzegowina, 1:0 gegen den Iran, 3:2 gegen Nigeria, 1:0 n.V. gegen die Schweiz, 1:0 gegen Belgien und nach torlosen 120 Minuten gegen die Niederlande ein Sieg im Elfmeterschießen.

Minimalistisch könnte man sagen, glücklich könnte man sagen. Doch muss man festhalten, dass Argentinien an seinen Schwächen in der Defensive gearbeitet hat und nach 300 Minuten in der K.o.-Phase ohne Gegentor als Abwehrbollwerk bezeichnet werden kann. Ein Verdienst Sabellas, der seine Mannschaft auf das notwendige Wechselspiel aus Angreifen und Verteidigen einschwören konnte.

Neuer Teamgeist

Zudem ist die Moral der „Albiceleste“, die gegen den Iran und die Schweiz zweimal in den Schlussminuten das Siegestor besogte, nicht von der Hand zu weisen. Resultat womöglich auch des verbesserten Teamgeistes, auf den Sabella großen Wert legt.

„Die Erziehung durch meine Eltern, Lehrer, Professoren und Trainer hat mir immer mitgegeben, dass man nur gemeinsam erfolgreich sein kann“, erzählt der 59-Jährige. Dass der Charakter, die Neigung sich aufzubäumen, die Opferbereitschaft und der Wille einer Mannschaft wichtig sind, habe er schon in seiner langjährigen Zusammenarbeit mit Daniel Passarella gelernt.

Wie groß das ‚Wir‘ bei Sabella geschrieben wird, bekräftigt auch Jose Basanta. „Die Bescheidenheit, die Bemühung und die Freundschaft sind für ihn das Wichtigste“, verrät der Verteidiger. „Das Team hat es geschafft, das umzusetzen und den Menschen in Argentinien und der ganzen Welt dieses Gefühl zu vermitteln“, weiß Basanta auch um die neue Außenwirkung als verschworene Einheit.

Neuer Trainer?

Ob Argentinien unter Sabella fußballerisch nun einen Fort- oder einen Rückschritt gemacht hat, kann man sehen wie man will. Fakt ist, nach 24 Jahren stehen die „Gauchos“ wieder in einem WM-Finale. Glaubt man den Gerüchten, soll das Endspiel der letzte Auftritt Sabellas auf der Trainerbank sein, auch wenn er selbst sich bedeckt hält.

„Ich habe noch mit niemandem darüber gesprochen, was ich in Zukunft machen werde, nicht einmal mit meiner Familie“, erklärt der Mann aus Buenos Aires. Das Thema sei ob der Wichtigkeit des Finals aber ohnehin völlig irrelevant.

„Es wird das wichtigste Spiel meines Lebens sein“, stellt er unmissverständlich klar und gibt einen kleinen Einblick in seine Gefühlswelt: „Mein Land in diesem Endspiel zu vertreten ist eine große persönliche Genugtuung und das auch noch in Brasilien. Ich habe immer großen Respekt vor Brasilien gehabt, weil sie die meisten WM-Titel gewonnen haben. Das Finale hier zu spielen macht uns besonders stolz.“

Perfektes Spiel notwendig

Noch stolzer würde es ihn naturgemäß machen, mit dem Pokal nach Argentinien zurückzukehren. Dafür muss er aber Deutschland schlagen, vor dem Sabella ebenfalls großen Respekt zeigt. „Man muss die Räume dicht machen, darf die Bälle nicht leicht verlieren oder herschenken. Ihr Spiel in die Diagonale und in den Rücken der Abwehr ist Weltklasse“, weiß er um die Stärken der DFB-Elf.  „Man muss gegen sie das perfekte Spiel abliefern.“

Ob es mit den neuen Qualitäten der „Albiceleste“ letztlich ausreicht, wird das Finale am Sonntag zeigen. Was Sabella aber verspricht, ist voller Einsatz von jedem Einzelnen. „Wir werden uns aufopfern und alles geben, damit Argentinien erneut Weltmeister wird. Wir hoffen, dass wir dem argentinischen Fußballvolk diese Freude bereiten können“, sagt er und schickt schon eine Vorgabe an seine Spieler voraus:

„Das Minimum ist, dass wir für den Mitspieler und die Farben unseres Landes alles geben.“

 

Christoph Kristandl aus Rio de Janeiro

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