Der nicht unrealistische Traum

Aufmacherbild
 

Der nicht unrealistische Traum des Andre Ramalho

Aufmacherbild
 

Er war der unbestrittene Aufsteiger der Saison 2013/14.

Andre Ramalho kam, sah und siegte bei Red Bull Salzburg. Eine Spielzeit zuvor noch mit dem FC Liefering in Andelsbuch und Co. im Einsatz, wurde der 22-Jährige zum Stammspieler bei RBS.

Und nicht nur das. Der Brasilianer hatte in der Bundesliga für den Meister die meisten Einsätze (33) und Einsatzminuten (2835) zu Buche stehen. In der Europa League überflügelte ihn nur Goalie Peter Gulacsi, der im Gegensatz zum Innenverteidiger keine Gelbsperre im Spiel bei Elfsborg absitzen musste.

Dazu war der Aufsteiger mit fünf Saisontreffern der torgefährlichste Defensivspieler der Liga, wenn man Rieds Oliver Kragl (8) mit seinen Einsätzen als Mittelfeldspieler außen vor lässt.

Der Aufsteiger der vergangenen Saison

Ramalho präsentierte sich als abgeklärter Abwehrspieler, der die Mehrheit seiner Partien auf konstant hohem Niveau trocken herunterspielte und mit Salzburg letztlich haushoch Meister wurde, den Cup-Sieg holte und in der Europa League unglücklich im Achtelfinale gegen Basel unterlag.

Keine Frage, der Lockenkopf hatte im Urlaub einiges aufzuarbeiten. „Ich habe natürlich darüber nachgedacht und die Saison war wirklich überragend für mich“, erzählt Ramalho mit dem typischen breiten Grinsen im Gesicht beim LAOLA1-Interview-Termin im Trainingszentrum Taxham.

Auch auf dem Platz zeigte sich der Abwehrspieler stets cool. „Ich habe immer gesagt, dass man bereit sein muss, wenn die Chance kommt. Endlich habe ich sie bekommen und ich habe versucht, immer so gut wie möglich zu spielen. Vergangene Saison ist mir das ganz gut gelungen, konstant zu sein.“

Egal ob gegen Grödig in der Bundesliga oder gegen Ajax in der Europa League – Ramalho spielte seinen Stiefel trocken herunter. Nervosität war dem Profi-Neuling vergangene Saison fremd.

„Ich kannte das vorher nur vom Fernsehen und es war immer ein Traum. Natürlich ist man dann angespannt, aber man muss sich auch voll fokussieren, um ein gutes Spiel abzuliefern.“

Der ganz große Traum: Selecao

Nun steht die Bestätigung dieser Leistungen an und natürlich noch mehr. „Man muss einfach versuchen, immer besser zu werden, sich weiterzuentwickeln und die Ziele zu erreichen. Dieses Jahr geht es darum, in die Champions League zu kommen und unsere Titel zu verteidigen.“

Ramalho hat neben der „Königsklasse“ einen weiteren Traum: Einmal für die Selecao aufzulaufen.

„Davon träume ich seit ich ein Kind bin“, macht der aus Sao Paulo stammende Kicker keinen Hehl daraus. Was für einen Spieler der österreichischen Bundesliga grundsätzlich illusorisch ist, scheint für Ramalho nicht so abwegig zu sein, vorausgesetzt er entwickelt sich auf diesem Level weiter.

„Man muss immer weiter davon träumen. Ich hoffe, es irgendwann zu schaffen. Glücklicherweise haben wir die Möglichkeit, es diese Saison noch einmal zu probieren, in der Champions League zu spielen. Und vielleicht klappt es ja dann auch irgendwann mit der Nationalmannschaft.“

Dazu muss Ramalho natürlich auch der Sprung in eine europäische Top-Liga gelingen.

Aktuell läuft sein Vertrag bis 2015, es ist davon auszugehen, dass Sportchef Ralf Rangnick um eine Vertragsverlängerung bemüht ist. Ramalho setzte sich 2009 gegen 5000 Bewerber für die neue U17-Mannschaft von Red Bull Brasil durch, 2011 wechselte er nach Österreich. 2013 hievte ihn Rangnick nach Top-Leistungen für Liefering gegen den LASK in der Relegation in die Profi-Mannschaft.

Ex-Trainer Zeidler traut es ihm zu

Dort ist er unbestritten und könnte - wie so einige andere Salzburger auch – einmal ein Thema für RB Leipzig werden, falls der Aufstieg in die Deutsche Bundesliga gelingt.

Und ein brasilianischer Verteidiger, der in einer Top-Liga spielt, wird ob der geringen Anzahl an Hochkarätern im Defensivbereich immer ein Thema für die Auswahl des Rekord-Weltmeisters sein.

Einer, der Ramalho bestens kennt, ist Peter Zeidler, der ihn bei Liefering coachte. Und auch der Deutsche, der schon Selecao-Mittelfeldmann Luiz Gustavo trainierte, meint im LAOLA1-Gespräch: „Das ist überhaupt nicht abwegig. Er besitzt große Spielintelligenz, taktische Intelligenz und hat auch die Physis wie ein Thiago Silva oder David Luiz. Ich ziehe ihn immer als Beispiel für junge Spieler heran.“

Der 51-Jährige bringt dabei auch eine andere Begabung ins Spiel: „Wie schnell Andre Deutsch gelernt hat, das spricht für seine kognitiven Fähigkeiten. Mich als Sprachenlehrer hat das einfach nur beeindruckt.“

Ramalho sei zwar nicht der Schnellste, aber „er antizipiert schnell. Er hat einfach was, was für einen Top-Fußballer spricht. Auch diese mentale Stärke, ihm ist egal, ob er vor 100 Zuschauern oder 30.000 spielt.“

Selbst sein Ex-Trainer, mit dem er noch viel Kontakt hat, traut ihm das zu.

Ich bin noch jung, ich verfolge diesen Traum“

Freilich ist das noch viel Zukunftsmusik, aber eben auch nicht unrealistisch bei dem Tempo, das Ramalho hinsichtlich seiner Entwicklung hinlegt. Das weiß auch der Protagonist selbst: „Ich bin noch jung und habe noch Zeit, deswegen verfolge ich meinen Traum, irgendwann für Brasilien zu spielen.“

Freilich verfolgt der Salzburger auch genau die Weltmeisterschaft im eigenen Land, vor allem eben die Selecao, die sich den Traum vom Gewinn der Heim-WM erfüllen will. Dieses Vorhaben beäugt Ramalho, dessen Namen namhafte Journalisten in Brasilien seit vergangener Saison kennen, durchaus kritisch.

„Gegen Mexiko hat für mich etwas der Plan gefehlt. Manchmal haben zwei Spieler vorne attackiert, dann drei, dann niemand. Dann ist wieder in der Mitte so viel Platz“, hält Ramalho fest.

Brasilien muss sich noch steigern“

„Mir geht auch die Kreativität abseits von Spielern wie Neymar und Oscar ab. Das geht nicht immer gut. Bei Brasilien war es immer so, dass nicht nur einer oder zwei Spieler Partien entscheiden. Jeder kann das normalerweise. Sie hätten auch die Qualität dazu, sie müssen es noch unter Beweis stellen“, so der Verteidiger, der Deutschland als größten Konkurrent um den WM-Pokal sieht.

Seine „Konkurrenz“, also die Stamm-Innenverteidiger Thiago Silva und David Luiz, beobachtet Ramalho ebenso genau. „Ich mag Vieles an beiden, sie sind aber verschieden. Thiago Silva bleibt meistens hinten, er ist wirklich toll im Zweikampf und immer gut positioniert. David Luiz versucht mehr, geht mit nach vorne, das mag ich auch. Beide sind konstant, mir gefallen beide.“

Am Samstag eröffnet die Selecao gegen Chile das WM-Achtelfinale. „Brasilien wird von Spiel zu Spiel besser. Bislang reicht es noch nicht. Sie müssen besser werden, sonst schaffen sie es nicht. Aber ich glaube, sie schaffen es“, zeigt sich Ramalho durchaus optimistisch.

Und wer weiß, vielleicht wird sich der Lockenkopf 2018 beim WM-Turnier in Russland wiederfinden. Wir kommen in vier Jahren vielleicht darauf zurück.

 

Bernhard Kastler 

Zum Seitenanfang»
Mehr zum Thema

LAOLA Meins - Tags folgen