Mesut Özil - der streitbare Stratege

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Mesut Özil ist ein Schatten seiner selbst und steht in Deutschland schwer in der Kritik. Nicht das erste Mal in seiner Karriere, denn die Vorwürfe sind altbekannt:

Özil kann den Karren nicht aus dem Dreck ziehen. Der 25-Jährige zeigt nur dann seine unweigerliche Klasse, wenn die Mannschaft ohnehin in Galaform agiert. Sollte es den Mitspielern aber an Kreativität und Einfallsreichtum fehlen, reiht sich Deutschlands Nummer acht nahtlos ein, taucht ab und ist meist einer der schlechtesten Spieler auf dem Platz.

Der Anti-Kämpfer

Schlechte Spiele hat jeder Profi in seiner Laufbahn. Die einen mehr, die anderen weniger. Das Problem, dass sich aber ergibt, wenn Özil seinem eigentlichen Leistungspensum hinterherhinkt, ist seine mangelnde physische Präsenz.

Arsenals Spielmacher ist ein filigraner Techniker, kein Kämpfer. Ein Ballstreichler, kein robuster Haudegen. Zeigt er keine gute spielerische Leistung, taucht er komplett unter und überlässt die Drecksarbeit seinen Kollegen. Dann wirkt es, als wäre die Mannschaft nur mit zehn Spielern auf dem Platz.

"Mir taugt es, wenn jemand richtig beißen kann. Aber mir taugt es gar nicht, wenn jemand nicht beißt. Wie Mesut Özil“, schießt unter anderem Ski-Ass Felix Neureuther im "Münchner Merkur" gegen den DFB-Teamspieler. Der beste Freund von Özils Nationalteamkollegen Bastian Schweinsteiger ist nur einer von gefühlten 80 Millionen Teamchefs in Deutschland, die den Deutsch-Türken auf dem Kieker haben.

Körpersprache als großer Feind

Egal ob im Nationalteam, bei Real Madrid oder seinem derzeitigen Arbeitgeber Arsenal. Diese Kritik ist der ständige Begleiter des schmächtigen Spielmachers.

„Gegen Frankreich war er der schlechteste Mann auf dem Platz und bereits zum fünften Mal im fünften Spiel gehört er zu den absoluten Schwachstellen im Team“, sagt Ex-Nationalspieler Mario Basler gegenüber „eurosport“ und fordert Teamchef Joachim Löw auf, den Spielmacher auf der Bank zu lassen. „Ich hoffe, dass Jogi auch da mal reagiert.“

In der Tat spielt der England-Legionär keine gute WM, doch sein größter Feind ist nicht seine spielerischer Auftritt sondern vor allem seine Körpersprache.

Meist lässt er die Schultern hängen, wirkt teilnahms- und lustlos. Oft sieht es so aus, als wäre ihm das Spiel, welches gerade an ihm vorbeiläuft, völlig egal.

"Man muss das Selbstbewusstsein auf dem Platz richtig rüberbringen - da könnten sich einige der Jungs, Mesut Özil ganz besonders, schon noch was abschauen bei unserer 90er-Truppe“, sagt Andreas Brehme, der im Finale 1990 per Elfmeter den entscheidenden Treffer zum Titel erzielt hat.

Der Teufelskreis

TV-Experte und Europameister von 1996, Mehmet Scholl, meinte bei der „ARD“ der Nationalspieler hätte die Lust verloren, weil er ständig nur auf die Socken bekommen würde und mit der harten Gangart bei dieser WM nicht klarkäme. Doch der Grund für die uninspirierten Auftritte liegt wohl eher im Naturell des Kritisierten.

Mesut Özil ist sensibel. So wie er an seinen guten Tagen den Ball streichelt, braucht auch der 25-Jährige verbale Streicheleinheiten und das ständige Vertrauen seiner Mitspieler. Das haben sowohl der Bundestrainer als auch Mitspieler wie Sami Khedira des Öfteren bestätigt.

Es ist ein Teufelskreis. Spielt er schlecht, kommt Kritik auf. Diese engt den Spielmacher ein und lässt ihn nicht sein volles Leistungspensum abrufen.

Löw baut auf Özil

Doch während die Hobby-Bundestrainer eine Personalrochade und für Özil einen Platz auf der Bank fordern, hält Löw an seinem wohl besten Techniker fest. Allerdings stellt ihn der Bundestrainer nicht auf seiner Lieblingsposition als Strippenzieher in der Zentrale auf, sondern lässt den Spielmacher über links kommen.

Zwar kennt Özil diese Position bereits aus vielen Auftritten bei seinen Vereinen, den besten Eindruck hinterließ er aber meist als „Zehner“. Auch weil er mit seiner Spielweise die Absicherung der Doppelsechs braucht. Diese hält dem Zauberer den Rücken frei, erlaubt ihm offensive Freiheiten und macht sein mangelndes Engagement in der Rückwärtsbewegung wett.

Somit könnte es auch ein Mitgrund sein, warum Benedikt Höwedes als Innenverteidiger hinter Özil auf Außen gesetzt ist. Der Schalker ist nicht gerade der größte Offensivgeist, sondern hat seine Qualitäten ganz klar in der Defensive.

Er muss den Raum hinter seinem Mitspieler zustellen, auch wenn ihm dieser die Mithilfe verwehrt. Höwedes sah bei diesen Versuchen nicht immer gut aus, was zum einen an der mangelnden Unterstützung und zum anderen an der ungewohnten Position als Außenverteidigers lag.

Zusätzlich sind die beiden Sechser Sami Khedira und Schweinsteiger nicht im Vollbesitz ihrer Kräfte und „vergessen“ dadurch schon mal rechtzeitig zu verschieben, um die Löcher zu stopfen.

Vertrauen in seine Qualitäten

Löw scheint dies aber in Kauf zu nehmen. Wohl auch, weil er hofft, dass sein „Sorgenkind“ bei dieser WM doch noch zu seiner Form findet.

„Özil kann immer den Unterschied machen“, sagt nicht umsonst dessen Vereinstrainer Arsene Wenger. Daran glaubt auch der Bundestrainer.

Doch für Özil ist es nun höchste Zeit, bei diesem Turnier aus seinem eigenen Schatten zu treten.

Sebastian Rauch

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