Verschwundene Revolutionäre

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Der Unabhängigkeitskampf auf dem Fußballplatz

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Am 15. April 1958 waren sie plötzlich weg.

In der entscheidenden Phase der Meisterschaft und kurz vor dem Cup-Finale hatten viele französische Klubs dasselbe Schicksal zu beklagen: Einige ihrer wichtigsten Spieler waren spurlos verschwunden.

Insgesamt zwölf Fußballer algerischer Herkunft hatten das Land in den Nächten zuvor heimlich verlassen – darunter Stars wie der von Real Madrid umworbene Verteidiger Moustapha Zitouni. Acht der „Verschwundenen“ sollten kurz darauf eigentlich für das französische Nationalteam bei der Weltmeisterschaft in Schweden auflaufen.

Es ging um mehr als Fußball

Doch die Algerier hatten andere Pläne. Nach ihrer heimlichen Ausreise nach Tunesien stellten sie zusammen mit einigen aus Algerien angereisten Spielern die erste Nationalmannschaft ihres Heimatlandes. Es ging aber um viel mehr als Fußball.

Seit Mitte der 1950er-Jahre befand sich Algerien in einem blutigen Unabhängigkeitskrieg gegen die Kolonialmacht Frankreich, der insgesamt etwa 350.000 Menschen das Leben kostete. In diesem Kontext beschloss der politische Arm der algerischen Unabhängigkeitsbewegung – die Front de Libération Nationale (FLN) – den Aufbau einer eigenen Fußball-Mannschaft.

„Das Ziel der Aktion bestand darin, das französische Volk wachzurütteln, da nur die wenigsten Franzosen wussten, was in Algerien tatsächlich geschah. Es war ein gelungener Geniestreich in der Kommunikationspolitik der FLN. Plötzlich fragten sich die Franzosen, warum und wohin die bekannten Spieler verschwunden waren“, erklärt Rachid Mekhoufi, der damals für AS Saint-Étienne spielte.

„Mit jenem Exodus hatten wir dem französischen Volk zu verstehen gegeben, dass in Algerien Krieg herrschte, und dass wir in erster Linie Algerier waren, die auf diese Weise die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf sich ziehen wollten“, führt der ehemalige französische Nationalspieler weiter aus.

„Wir waren Revolutionäre“

Mohamed Maouche stellt rückblickend fest: „Wir waren Revolutionäre. Ich kämpfte für die Unabhängigkeit.“

„Ich habe viele Freunde in Frankreich, aber das Problem ist größer als wir alle“, wusste auch Monaco-Star Moustapha Zitouni. „Was würdest du tun, wenn dein Land sich im Krieg befindet und du gerufen wirst?“

Politisch war die Etablierung des FLN-Teams ein Erfolg für die Unabhängigkeitsbewegung, auch wenn sich die Kämpfe noch bis 1962 hinzogen. In der französischen Bevölkerung wuchs die Solidarität mit den Bewohnern der nordafrikanischen Kolonie. Zahlreiche französische Fußballer, darunter Raymond Kopa, Just Fontaine und Roger Piantoni, schickten Zitouni eine Postkarte von der WM in Schweden und zeigten so ihre Unterstützung.

„Alle haben geweint“

Auch sportlich lief es für das FLN-Team sehr gut. Nach der Vorbereitungsphase in Tunis schlugen die Algerier das tunesische Nationalteam in einem Trainingsspiel Anfang Mai 1958 mit 5:1. Anschließend konnte Marokko mit 2:1 bezwungen werden, ehe zwei weitere Kantersiege gegen Tunesien (6:1 und 4:0) folgten.

Doch der Sport war sekundär. „Wir repräsentierten Algerien“, meint Mekhloufi. „Als die algerische Fahne gehisst wurde und die Nationalhymne erstmals in einem Stadion gespielt wurde, waren wir von unseren Emotionen überwältigt. Alle haben geweint.“

Aufgrund der politischen Lage konnte das FLN-Team in den folgenden Jahren allerdings keine offiziellen Länderspiele bestreiten. Die FIFA drohte allen Mitgliedern, die Spiele gegen die Algerier bestritten, mit dem Ausschluss.

„Wir hätten Weltmeister werden können“

In der Zeit des Kalten Krieges blieben der Mannschaft also nur Spiele gegen Teams aus den damals sozialistischen Ländern, die in der Phase der Dekolonisierung tendenziell auf der Seite der Kolonien standen.

In zahlreichen Welt-Tourneen bereisten Zitouni und Co. zwischen 1958 und 1962 zahlreiche Länder Osteuropas und Asiens und bestritten dort insgesamt über 90 Spiele gegen einheimische Stadt-, Klub- sowie Nationalmannschaften – von denen sie über 60 gewinnen konnten.

1961 besiegte das FLN-Team die Nationalmannschaft Jugoslawiens mit 6:1. Wenige Wochen später konnte die A-Mannschaft Rumäniens mit 5:2 bezwungen werden. „Ich glaube, wir hätten Weltmeister werden können, wenn sie uns hätten spielen lassen“, gibt sich FLN-Stürmer Mekhloufi selbstsicher.

Die Erben des FLN-Teams

Ein Jahr später erlangte Algerien die Unabhängigkeit von Frankreich. Das neue Nationalteam ging direkt aus der FLN-Mannschaft hervor. Viele der Revolutionäre der späten 1950er-Jahre dominierten den algerischen Fußball noch über Jahrzehnte.

Mekhloufi führte Algerien 1982 bei der WM-Endrunde in Spanien als Trainer zu einem beachtlichen 2:1-Sieg gegen Westdeutschland, aufgrund der „Schande von Gijon“ wurde die zweite Runde dennoch verpasst. 1990 konnte die Mannschaft unter Ex-FLN-Spieler Abdelhamid Kermali zum bislang einzigen Mal Afrikameister werden.

Inzwischen ist das eigene Nationalteam eine Selbstverständlichkeit. Wenn vor dem ersten WM-Spiel gegen Belgien am 17. Juni die Nationalhymne ertönt, werden keine Tränen fließen, denn anders als zwischen 1958 und 1962 geht es Algerien in Brasilien „nur“ um Fußball. Eine Tatsache, die auch dem revolutionären Kampf zu verdanken ist, den das FLN-Team zwischen 1958 und 1962 auf den Fußballplatz trug.

 

Manuel Preusser

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