"Schönste Niederlage" lässt Klinsmann und Co. feiern

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„Hätten wir das auch erledigt“, murmelte Jürgen Klinsmann seinem Gegenüber Joachim Löw beim Shakehand ins Ohr.

Danach fielen sich die beiden Ex-Kollegen und Freunde in die Arme, schließlich hatten beide Seiten Grund zum Feiern.

Die Deutschen, weil sie mit dem 1:0-Erfolg endgültig den Gruppensieg fixierten. Die USA, weil sie aufgrund der knappen Niederlage und dem 2:1 Portugals gegen Ghana ebenfalls ins Achtelfinale einzogen.

Ein Freudentag für die US-Boys, die vor dem Duell Unterstützung aus dem ganzen Land zugesagt bekamen und schlussendlich verdient die K.o.-Phase erreichten.

Niederlage löste in USA Jubelstürme aus

„Das war die schönste Niederlage meiner Karriere, die nehme ich gerne in Kauf“, meinte Co-Trainer Andreas Herzog, der die rot-weiß-roten Fahnen bei der WM hoch hält, im „ORF“.

Mittelfeldmotor Jermaine Jones pflichtete ihm bei. „Wir mussten viel kämpfen, die Deutschen haben eine super Truppe. Es ist eine schöne Niederlage, weil uns keiner auf der Rechnung gehabt hat.“

Damit hatte der Schalke-Legionär Recht, schließlich starteten die USA als klarer Außenseiter in die Hammergruppe. Nun müssen aber Portugal und Ghana die Heimreise antreten.

Gegen Deutschland wurden jenem Land, in dem Fußball bisher nur eine untergeordnete Rolle einnahm, jedoch die Grenzen aufgezeigt.

„Das war nicht unbedingt zu erwarten“

Schon die Ausgangsposition war laut Klinsmann eine mentale Herausforderung, da allen bewusst war, dass bereits ein Unentschieden zum Aufstieg reichen würde.

Geschichten von der „Schande von Gijon“ wurden im Vorfeld wieder aufgewärmt, doch in den sintflutartigen Regenfällen in Recife gab es keine Neuauflauge des Nichtangriffs-Pakts von 1982.

"Wir freuen uns beide. Mich freut es natürlich, dass es die USA und Jürgen in dieser schweren Gruppe geschafft haben. Das war nicht unbedingt so zu erwarten“, lobte DFB-Bundestrainer Löw die Turnier-Leistungen des Gegners.

Wohlwissend, dass seine Elf an diesem Tag souverän, dominant und gut organisiert agierte, jedoch den letzten Pass und den letzten Biss vermissen ließ, um eine frühere Vorentscheidung herbeizuführen.

Zu viel Respekt, aber viel Leidenschaft

Die US-Amerikaner wussten genau, dass sie diesmal nicht die beste Leistung auf den Platz gezaubert hatten, zeigten sich aber mit der Art und Weise des Auftritts zufrieden.

„Es ist großartig. Zu Beginn hatten wir viel zu viel Respekt, daran müssen wir arbeiten. Insgesamt haben wir viel Leidenschaft und Stolz gezeigt. Jeder hat gesagt, dass wir keine Chance haben. Wir haben diese Chance aber genützt“, wusste Klinsmann.

Special-Advisor Berti Vogts, von 1990 bis 1998 deutscher Teamchef, gab zu, dass die USA intern gehofft, jedoch nicht damit gerechnet hatten, aufzusteigen.

Obwohl man sich gegen Deutschland kaum Chancen erspielen konnte, funktionierte das Defensivkonzept, zudem beraubten sich Portugal und Ghana selbst ihrer letzten Chance.

 „Haben Aufstieg überhaupt nicht verdient“

So musste Weltfußballer Cristiano Ronaldo trotz Sieges und Tores im letzten Spiel schon in der Gruppenphase die Segel streichen, Ghana hätte drei Punkte zum Turnierverbleib gebraucht.

„Wir haben uns den Aufstieg überhaupt nicht verdient“, suchte Portugal-Teamchef Paulo Bento gar nicht nach Ausreden.

USA

Deutschland

Ballbesitz

32.50%

67.50%

Zweikämpfe

45.57%

54.43%

Eckbälle

2

3

Torschüsse

4

13

Torschüsse außerhalb Strafraum

2

6

Torschüsse innerhalb Strafraum

2

7

Kopfballchancen

1

4

Abseits

2

7

Fouls

15

9

Für ihn nahm das Schicksal bereits mit der 0:4-Schlappe zum Auftakt gegen Deutschland und dem glücklichen 2:2 gegen die USA seinen Lauf.

Und Ghana? Die Spieler schlichen nach dem 1:2 gegen Portugal wortlos davon. Nach einem Buhruf eines Journalisten drohte Asamoah Gyan, der mit seinem sechsten WM-Treffer Kameruns Roger Milla (5) als erfolgreichsten afrikanischen WM-Torjäger aller Zeiten ablöste, diesem sogar Prügel an.

Deutschland „hat noch Großes vor“

Von Trauerstimmung und Frust ist bei den beiden Aufsteigern keine Spur. Deutschland erfüllte die Pflicht, will sich aber für den weiteren Turnierverlauf noch steigern.

„Es war keine überragende Leistung, aber wir haben kaum Chancen zugelassen. Das einzig Relevante war, das Spiel zu gewinnen“, wusste Innenverteidiger Mats Hummels.

Das Toreschießen überließen die Deutschen wieder einmal Thomas Müller (Müller mit 9. Tor im 9. WM-Spiel), der ankündigte: „Wir haben noch Großes vor.“

Auch für Mesut Özil ist der Achtelfinal-Einzug erst der Anfang: „Wir wollen unbedingt Weltmeister werden. Deshalb sind wir hier. Wir sind nicht hier, um ins Achtelfinale zu kommen und dann auszuscheiden.“

„Jetzt gibt es kein Kanonenfutter“

Löw sieht bei seiner Truppe noch Verbesserungspotenzial und weiß die eigenen Gesetze dieser WM-Endrunde richtig einzuschätzen.

„Diese WM steht unter einem speziellen Stern. Mannschaften wie Costa Rica, die körperlich stark sind, sind weiter, viele Europäer ausgeschieden. Jetzt gibt es kein Kanonenfutter, die WM ist sehr hart. Vor uns haben viele Mannschaften Respekt, so wie wir vor ihnen."

Während es Deutschland nun überraschenderweise mit Algerien zu tun bekommt, treffen die USA auf die favorisierten Belgier.

Eine „schöne Niederlage“, wie im brüderlichen Duell mit Löw und Co., wird den US-Boys in der K.o-Runde aber nichts mehr bringen.

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