Ein Wellental der Gefühle

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Das französische Wellental der Gefühle

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Genau 30 Jahre liegt der erste große Titel der französischen Fußball-Nationalmannschaft zurück.

Im Jahr 1984 führte Superstar Michel Platini als Regisseur und neunfacher Torschütze die „Equipe Tricolore“ zum Europameister-Titel im eigenen Land.

Für jüngere Fans ist es kaum zu glauben, aber erst seit diesem Triumph gehören die Franzosen zu einer der großen Fußball-Nationen, die bei jedem Großereignis zumindest auf der erweiterten Favoritenliste zu finden sind.

„Graue Jahre“ nach „Goldener Generation“

Davor gab es für den zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch größten Verbands der Welt jahrzehntelang nicht viel zu feiern.

Einzig die „Goldene Generation“ der 50er um Stars wie Just Fontaine oder Raymond Kopa konnte 1958 als WM-Dritter und 1960 als EM-Vierter für kurze Highlights sorgen. Danach gab es eine Ära, die in Frankreich auch gerne als „graue Jahre“ bezeichnet wird.

Zwischen 1962 und 1976 konnte man sich nur für die Weltmeisterschaft in England 1966 qualifizieren, wo man alsbald nach der Vorrunde die Heimreise antreten musste. Mit ein Grund für den Leistungsabfall waren freilich auch die politischen Umstände.

Spielermangel nach Unabhängigkeit der Kolonien

Nach dem Zweiten Weltkrieg lösten sich Marokko, Tunesien (jeweils 1956) und später auch Algerien (1962) von ihrem damaligen Kolonialherren.

Dementsprechend schrumpfte auch das Spielerangebot. Prominentestes Beispiel dafür war Spielmacher Rachid Mekhloufi, der sich nach dem Algerienkrieg öffentlich zu seinem Geburtsland bekannte und nicht mehr der „Grande Nation“ zur Verfügung stand.

Georges Boulogne – der Mann hinter dem Aufschwung

Nach den ersten Krisen-Jahren zog man in Frankreich die richtigen Lehren aus der Tristesse und investierte in die Nachwuchsarbeit. Maßgeblich an dieser Entwicklung beteiligt war Georges Boulogne, der selbst von 1969 bis 1973 als Teamchef wirkte und sich danach als Technischer Direktor des Verbands als Erneuerer des französischen Fußballs einen Namen machte.

Neben der grundlegenden Reform der Trainerausbildung organisierte er auch Sichtungslehrgänge für Nachwuchsspieler in allen Regionen. Zudem gründete er eine landesweite Schülerliga und engagierte sich dafür, dass alle Profi-Klubs eigene Nachwuchszentren ins Leben riefen.

Von Boulognes Taten profitiert der französische Fußball bis heute. Dementsprechend hoch geschätzt wird der im Jahr 1999 verstorbene Pionier noch heute. So wurde nicht nur ein Stadion, jenes des AC Amboise, nach ihm benannt, es gibt auch einen eigenen „Georges-Boulogne-Tag“, an dem sich die jüngsten Fußballerjahrgänge präsentieren.

Die ersten Früchte seiner Arbeit konnte man schon im Jahr 1982 erkennen, als die „Platini-Bande“ bei der WM in Spanien den vierten Platz holte. Zwei Jahre später klappte es wie eingangs schon erwähnt mit dem ersten großen Titel.

Erfolgreichste Ära ab Mitte der 90er

Ab diesem Zeitpunkt war Frankreich, das größte EU-Land, endlich in der Weltspitze angekommen. Zwar gab es nach der Ära Platini wieder eine kurze Durststrecke zu überstehen, Mitte der 90er bildete Teamchef Aimé Jacquet aber schon das Gerüst für die erfolgreichste französische Mannschaft aller Zeiten.

1998 holte Frankreich den bislang einzigen WM-Titel

Nach dem knapp verpassten Final-Einzug bei der EM 1996 krönte sich eine mit Stars gespickte Mannschaft zwei Jahre später zum Weltmeister. Namen wie Zinedine Zidane, Fabien Barthez, Marcel Desailly, Lilian Thuram, Youri Djorkaeff, Didier Deschamps, Thierry Henry und David Trezeguet schrieben Fußball-Geschichte. Wie schon beim ersten EM-Titel fuhren die Franzosen diesen Triumph im eigenen Land ein.

Im Jahr 2000 bewies die „Equipe Tricolore“, dass sie auch auf fremdem Boden große Turniere gewinnen kann: Bei der Europameisterschaft in Belgien und den Niederlanden holt sich Frankreich seinen zweiten EM-Titel. 2001 und 2003 folgen Erfolge im Confed-Cup.

Den standesgemäßen Schlusspunkt der Ära „Zidane“ verpatzte sich der 108-fache Internationale (31 Tore) selbst, als er im WM-Finale 2006 mit seinem heute legendären Kopfstoß gegen Marco Materazzi in der Verlängerung mit Rot vorzeitig vom Platz musste. Im Elfmeterschießen hatte schließlich Italien das bessere Ende für sich.

Folgenschwerer Umbau nach Zidane-Ära

Der danach notwendige Umbau gestaltete sich allerdings überraschend schwierig. Die kulturellen Unterschiede zwischen den Spielern mit Abstammung aus ehemaligen Kolonialländern und den anderen führte zu einer immer größeren Kluft. Aus den vielen Stars wie Franck Ribery, Karim Benzema, Bacary Sagna oder Patrice Evra konnte sich zudem kein Führungsspieler herauskristallisieren, der den Zusammenhalt der Mannschaft fördert.

Durch zahlreiche Skandale wie der allseits bekannten „Prostituierten-Affäre“ rasselte das Image der Nationalelf in den Keller. Unvergessen bleibt das „Fiasko von Knysna“ bei der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika, als es im Trainingslager der Franzosen unter Teamchef Raymond Domenech zu zahlreichen und heftigen Streitereien kam.

Runder Tisch mit Präsident Sarkozy

Nach dem Vorrunden-Aus berief Staatspräsident Nicolas Sarkozy kurz nach der Rückkehr des Teams nach Frankreich sogar eine hochkarätige Politikerrunde zusammen, um über die Zukunft der „Equipe Tricolore“ zu diskutieren.

Eine Diskussion, die auch noch vor der nun in Brasilien anstehenden WM Bestand hat. Vor allem die gesellschaftliche Debatte ist nach wie vor ein großes Thema in der in den letzten Jahren von sozialen Unruhen geprägten Nation.

Streit um Quotenregelung in Nachwuchszentren

Viele wollen einen Bruch zwischen den französischen Ethnien gesehen haben, der sich nun im Fußball widerspiegle. Ehemalige Nationaltrainer wie Laurent Blanc forderten sogar eine Quotenregelung in den Nachwuchszentren, da sie befürchteten, dass die sogenannten „Blacks“, also Spieler aus den frankophonen Teilen Schwarzafrikas und der Karibik, die Franzosen verdrängen und dann in den Nationalmannschaften ihrer Geburtsländer antreten würden.

Deschamps hat keinen leichten Job

Es versteht sich beinahe von selbst, dass viele Parteien auf beiden Seiten versuchten, dies in politisches Kleingeld umzumünzen.

Deschamps muss für gute Stimmung sorgen

Kein Wunder, dass Teamchef Didier Deschamps, der im Jahr 2012 Blanc ablöste, in erster Linie damit beschäftigt ist, das Gemeinschaftsgefühl in der Nationalmannschaft zu stärken und für gute Stimmung zu sorgen.

Einen mutigen Schritt hat er auf diesem Weg bei der Nominierung seines 23-Mann-Kaders für die WM in Brasilien gemacht: Manchester-City-Star Samir Nasri ließ er trotz starker Leistungen bei seinem Verein aufgrund einiger Disziplinlosigkeiten in der Vergangenheit zuhause.

Als „Dank“ durfte sich der 45-Jährige sogleich von Nasris Freundin Anara Atanes via "twitter" als „Shit manager“ beschimpfen lassen. Deschamps konterte mit einer Klage wegen öffentlicher Beleidigung. Von ruhigen Zeiten ist die „Equipe Tricolore“ also weiterhin weit entfernt.

Der 41-fache Internationale sitzt nach der erfolgreichen Qualifikation für Brasilien noch fest im Sattel. Deschamps Vertrag wurde bis zur Heim-EM 2016 verlängert. Spätestens dort soll es für die Franzosen wieder für die absolute Spitze reichen. Zum 30-jährigen Jubiläum wird es sich wohl nicht ausgehen.

Christian Frühwald

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