Italiens Hoffnungen ruhen auf einem alten Mann

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Es sind schmale Schultern, die die Last einer ganzen Mannschaft und somit eines ganzen Landes zu tragen haben.

Die Hoffnungen Italiens ruhen auf einem eher schmächtigen alten Mann mit Vollbart, der rein äußerlich nicht gerade so wirkt, als wäre er in der Lage, diese Last zu stemmen.

„Der Busen, der Italien nährt“

Da die Rede von Andrea Pirlo ist, relativiert sich das aber schnell, denn der 35-jährige Altstar aus Flero, einer 8.000-Seelen-Gemeinde in der Nähe von Brescia, ist einer der besten Mittelfeldspieler der Welt.

„Er ist ein wahrer Champion. Er steht für pure Klasse und Intelligenz. Er ist ein Spieler, der aus allen möglichen Bereichen des Spielfelds einen Angriff einleiten kann“, schwärmt Teamchef Cesare Prandelli über seinen Schützling.

Spaniens Nationaltrainer Vincente Del Bosque geht sogar noch weiter und verkündete bereits während der Europameisterschaft 2012: „Pirlo ist der Busen, an dem sich ganz Italien nährt.“

Die Entdeckung der Langsamkeit

Die Lobeshymnen der beiden Spitzentrainer kommen nicht von ungefähr. Pirlo hat fast alles gewonnen, was man als Fußballer gewinnen kann. Er ist Weltmeister, stemmte zweimal den Champions-League-Pokal in die Höhe und hat mit dem AC Milan und Juventus Turin fünf nationale Titel errungen.

Er weiß aber auch, wie sich Niederlagen anfühlen. Istanbul ist ein Wort, das man in seiner Gegenwart besser nicht erwähnen sollte. Nach der legendären Niederlage mit dem AC Milan im Champions-League-Finale 2005 gegen den FC Liverpool dachte er sogar ans Karriereende. „Man kann auch aus den dunkelsten Stunden eine Lehre ziehen. Bei Istanbul ist mir das noch nicht gelungen“, hat er dieses Trauma immer noch nicht ganz überwunden.

Doch es ist nicht seine Titelsammlung, die Pirlo so einzigartig macht. Es ist seine Spielweise. Der moderne Fußball definiert sich häufig über Geschwindigkeit. Wir bejubeln die Sprints von Cristiano Ronaldo, Gareth Bale oder Arjen Robben und bewundern die überfallsartigen Angriffe von Borussia Dortmund sowie die blitzschnellen Konter von Real Madrid.

Pirlos Stil ist das genaue Gegenteil. Er hat die Langsamkeit zum Prinzip erkoren. Pirlo ist quasi die Antithese des modernen Fußballs.

Wenn Pirlo zum Freistoß antritt, droht immer Gefahr

Pirlo der Freistoß-Gott

Und dann wäre da auch die nicht zu unterschätzende Kleinigkeit mit den ruhenden Bällen. Pirlo tritt jeden Freistoß und Eckball, er ist einer der besten Standardschützen der Welt. Unglaubliche 43 Freistoß-Tore erzielte er in seiner Karriere bislang, 23 davon in der Serie A.

Dabei wurde ihm das Talent dazu zwar in die Wiege gelegt, um perfekt schießen zu können, bedurfte es aber viel Training. Jahrelang studierte er die Technik seines großen Vorbildes Juninho, wie er in seiner Biographie „Ich denke, also spiele ich“, schreibt.

„Es geht darum, den Ball von unten mit den ersten drei Zehen zu treffen. Man muss den Fuß zunächst so steif wie möglich halten und dann in der Bewegung locker lassen. Wenn das genauso klappt, wie ich es haben möchte, ist es fast unmöglich, den Schuss zu verteidigen.“

Nicht aus dem Spiel zu nehmen

Angst müssen die Italiener aber nur vor einer Verletzung oder einer plötzlichen Formschwäche ihres Strategen haben, aus dem Spiel nehmen kann man Pirlo nämlich nicht.

Der Letzte, der das versucht hat, war Jogi Löw, als er im EM-Halbfinale 2012 zwischen Italien und Deutschland Toni Kroos auf den 35-Jährigen ansetzte und dafür sein eigenes System opferte. Italien gewann 2:1, Pirlo war Dreh- und Angelpunkt der „Squadra Azzurra“ und leitete das 1:0 ein.

Das folgende Finale war eines der wenigen Spiele, in denen Pirlo nicht zu gewohnter Form auflief - Italien ging mit 0:4 unter.

Ein Titel zum Abschied

Diese Schmach will er in Brasilien ausmerzen. Nach der WM wird Pirlo seine Karriere in der Nationalmannschaft beenden, zuvor will er seine „Squadra“ aber noch einmal nach ganz oben führen.

„Wenn die ersten Takte der Hymne ertönen, dann repräsentierst du alle. Jeder Solist wird zum Teil eines Orchesters. Hätte je ein Klub Druck ausgeübt, nicht zum Team zu gehen, meine Reaktion wäre keine freundliche gewesen. Italien ist viel wichtiger als Milan, Juventus, Inter oder sonst irgendein Klub“, stellt er die „Squadra Azzurra“ über die drei größten Klubs Italiens, für die er alle gespielt hat.

Nicht umsonst steht ein ganzes Land nicht nur hinter einer Mannschaft, sondern vor allem auch hinter Andrea Pirlo.

 

Fabian Santner

Immer anspielbar

Das hat natürlich physiologische Ursachen. Er ist mit seinen mittlerweile 35 Jahren nicht mehr der Schnellste. Wenn man ehrlich ist, war er das noch nie. Pirlo muss aber nicht schnell sein, er hat sein eigens Tempo, seine eigene Geschwindigkeit und zwingt diese dem Spiel auf.

Seine Bewegungen sind auf das Wesentliche reduziert, bei ihm gibt es fast keine Sprints, aber er ist ständig anspielbar, weil er immer in den freien Raum läuft. Passen, anbieten, passen, anbieten. Für seine Mitspieler ist das Gold wert, für seine Gegner zermürbend, denn selbst wenn er in Bedrängnis ist, behauptet Pirlo den Ball aufgrund seiner Beweglichkeit und überragenden Technik so gut wie immer.

Er muss dem Ball nicht hinterherrennen, der Ball kommt zu ihm und er verteilt ihn dann weiter. Er bestimmt den Rhythmus des Spiels, dirigiert die Abläufe. Nicht umsonst nennen sie ihn in Italien „l’architetto“, den Architekten.

Pirlo macht abhängig

„Ich war erst seit zwei Wochen in Turin, als er mir sagte: 'Du kannst mir den Ball wirklich spielen, auch wenn ich mehrere Gegner um mich rum habe.' Ich dachte mir: Das kannst du nicht machen, du bringst ihn ja in Schwierigkeiten und er macht eine schlechte Figur“, so Juventus-Verteidiger Stephan Lichtsteiner.

„Dann habe ich ihn aber doch angespielt, denn er hat mir noch einmal gesagt, ich solle mir keine Gedanken machen. Da sah ich, wie er sich aus der Bedrängnis befreite und die Seite wechselte - und seitdem mache ich mir überhaupt keine Sorgen mehr.“

Genau das kann für die „Squadra Azzura“ aber auch zum Sargnagel werden. Die Abhängigkeit von Pirlo ist dermaßen hoch, dass die Mannschaft ohne ihn beinahe orientierungslos wirkt. Dies ist aber auch nicht weiter verwunderlich. Wenn einem plötzlich eine Anspielstation fehlt, die es sonst immer gibt, tut sich jeder Fußballer, egal auf welchem Niveau, schwer.

Am augenscheinlichsten wurde das bei der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika, als der Spielmacher verletzt ausfiel. Italien musste als amtierender Weltmeister nach einer sieglosen Vorrunde die Heimreise antreten.

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