Jorge Pinto – Ein fußballverrückter Hitzkopf

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„Pura Vida“ – das volle Leben.

Der gebräuchliche Gruß in Costa Rica könnte auch das Lebensmotto von Teamchef Jorge Luis Pinto sein.

Mit 61 Jahren und nach einer wahren Odyssee ist der gebürtige Kolumbianer am Ziel seiner Träume angelangt - der Teilnahme an der Endrunde einer Fußball-Weltmeisterschaft.

„Wovon ich mit Kolumbien geträumt habe, geht nun mit Costa Rica in Erfüllung“, erklärt der in San Gil geborene Coach, der in seiner 30-jährigen Tätigkeit zwölf Klubs – davon einige mehrmals – in Kolumbien, Costa Rica, Peru, Venezuela und Ecuador trainierte sowie den Posten als Teamchef in Kolumbien (2007-2008) und bereits einmal in Costa Rica (2004-2005) ausüben durfte.

„Fußball ist mein Leben“

Begonnen hat seine Karriere vor 30 Jahren. Damals, Anfang der 80er, lernte Pinto im Zuge seines Sport-Studiums Brasiliens Weltmeister-Coach Carlos Alberto Parreira kennen und war so fasziniert von dessen Ausführungen, dass er mit der Ausbildung zum Fußball-Trainer startete.

Seither gilt Pinto als Fußball-Verrückter, als Taktik-Fanatiker und als jemand, der ständig auf der Suche nach neuen Erkenntnissen ist.

„Fußball ist mein Leben, meine Leidenschaft, mein Metier und meine Ablenkung“, heißt es in der Einleitung auf seiner Homepage, die sich mit der Entwicklung des Spiels auseinandersetzt und auf der der Kolumbianer über Taktiken und verschiedenste Spielzüge philosophiert.

Bei den letzten fünf WM-Endunden war der bekennende Mourinho-Fan als Zaungast vor Ort, um sich von den Weltbesten inspirieren zu lassen.

Skandale und Eskapaden

Doch wo gehobelt wird, da fallen Späne.

Denn neben seiner akribischen Arbeit ist Pinto auch für sein Temperament bekannt. Nicht nur einmal kam er deswegen in „Teufels Küche“.

Aufgrund der zahlreichen Skandale und Kontroversen wurde ihm schnell der Spitzname The „Explosive One“ verpasst.

Ein kleiner Auszug seiner Eskapaden:

  • Als Chefcoach von Deportivo Cucuta (Kolumbien) lieferte sich der Weltenbummler 2006 während dem Match gegen Real Cartagena mit dessen Trainer Julio Comesana eine wilde Schlägerei. Es folgte eine Sechs-Spiele-Sperre.
  • 2009 gab es den nächsten heftigen Ausraster – wieder auf der Betreuerbank von Cucuta. Nachdem der vierte Offizielle von ihm beschimpft, bedroht und gestoßen wurde, setzte es sogar eine Sperre über zehn Spiele.
  • Auch mit Kritik kann Costa Ricas Teamchef nicht wirklich gut umgehen. Nachdem letztes Jahr die WM-Qualifikation geschafft wurde und ein Fan in einer Radio-Talkshow die Leistungen der Mannschaft als schwankend beurteilte, griff Pinto zum Hörer, wurde live in die Sendung geschaltet und bezeichnete den Anrufer als eine ignorante, unbedeutende Person, die besser Spanisch lernen sollte als ein Urteil über die Nationalmannschaft abzugeben.
  • Unvergessen bleibt seine Meinung über mexikanische Journalisten: „Das sind Clowns getarnt als Journalisten.“

Pinto trainierte viele Mannschaften

Prominente Assistenten

Dem 61-Jährigen stehen mit Paolo Wanchope und Luis Marin zwei erfahrene Ex-Internationale zur Seite.

Wanchope, der bei der WM 2006 in Deutschland beim Eröffnungsspiel gegen den Gastgeber zwei Tore erzielte, sieht sein Land trotz der durchwachsenen Vorbereitung (u.a. 0:4 gegen Chile, 0:1 gegen Südkorea) dank Pinto auf dem richtigen Weg.

„Wir wollen der Welt zeigen, dass wir auch guten Fußball spielen. Wir sind jung und talentiert. Im letzten Jahr haben wir uns vor allem im Bereich der taktischen Disziplin verbessert“, so der 37-Jährige, der in seiner aktiven Karriere in der Premier League bei Derby County, West Ham United und Manchester City zur Kult-Figur wurde.

Sex „in Maßen“

Apropos Kult.

Anders als Brasiliens Coach Luiz Felipe Scolari macht Pinto seinen Spielern beim Thema Sex keine genauen Vorgaben.

Seine Jungs dürfen während der WM "in Maßen" Sex haben, sagt er dem kolumbianischen Radiosender RCN: "Es entspannt und ist ganz natürlich."

Pura Vida – das volle Leben eben.

 

Martin Wechtl

Schwere Aufgabe

In Brasilien werden zweifelsohne Pintos sportlichen Fähigkeiten gefragt sein. Mit Italien, Uruguay und England warten in Gruppe D am Papier scheinbar übermächtige Gegner auf die Zentral.

Die Quali-Ergebnisse machen jedoch Hoffnung. Costa Rica belegte in der letzten CONCACAF-Runde den zweiten Platz hinter der USA, kassierte in zehn Spielen nur sieben Gegentore und gewann alle fünf Heimspiele. Die direkte Teilnahme wurde geschafft, Mexiko musste ins Playoff.

Für ein Land mit gerade einmal  4,8 Millionen Einwohnern eine starke Leistung. „Die Größe des Landes ist aber nicht wichtig. Es ist die Qualität, die entscheidend ist. Und Costa Rica hat viel Qualität. Wir alle lieben Fußball. Das ist die Einstellung, die man braucht, ansonsten wird man nicht erfolgreich sein“, gibt sich Pinto kämpferisch.

Europäischer Stil

Der Fußball-Lehrer lässt „Los Ticos“ in einem 4-5-1-System auflaufen. Dank seiner gesammelten Erfahrungen und Studien sowie dem Einfluss von Spielern wie Arsenals Joel Campbell (zuletzt an Olympiacs Piräus verliehen) und Fulhams Bryan Ruiz soll ein europäischer Stil praktiziert werden. Generell lebt das Team von seiner kollektiven Stärke.

„Ich möchte, dass meine Spieler Druck auf den ballführenden Gegenspieler ausüben. Mit einer gewissen Portion Aggressivität – nicht unfair, sondern ausgewogen. In Ballbesitz verlange ich taktisch kluge Entscheidungen“, gibt der Headcoach die Marschroute vor.

Über die  Gruppengegner meint Pinto: „Italien ist ein sehr taktisches Team. Ich weiß genau, wie sie auftreten werden. Uruguay ist sehr robust mit sehr guten Offensivspielern. England  spielt einen schnellen Fußball, manchmal fehlt ihnen aber die Genauigkeit.“

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