Der Wunderheiler und der verrückte Doktor

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Pelé, Garrincha, Jairzinhio, Romario, Ronaldo und wie sie alle heißen - die brasilianische Nationalmannschaft brachte zahlreiche Legenden hervor.

Doch nicht nur auf dem Platz machten sich Brasilianer einen Namen, auch als Teil des Betreuerstabs der Selecao kann man sich in die Historie eintragen. Zwei legendäre Figuren schafften dies auf höchst unterschiedliche Weise.

Der eine trug die Kicker vom Zuckerhut, wenn nötig, buchstäblich auf Händen, der andere hätte beinahe die Nationalmannschafts-Karriere von Pelé und Garrincha verhindert. Die Geschichten von Kult-Masseur Mario Américo und Psychologe Dr. João Carvalhaes.

Von der "Schwarzen Kuh" vom Feld getragen

1912 in Minas Gerais im Südosten Brasiliens geboren, verdiente der stämmige Bursche Mario Américo zunächst sein Geld in den ortsansässigen Minen, ehe er Ende der 30er Jahre als Boxer seine Vorliebe für den Sport entdeckte. Parallel zur Karriere als Faustkämpfer begann er als Masseur zu arbeiten und bildete sich in diesem Bereich weiter.

Bei Vasco da Gama durfte Américo erstmals seine heilenden Hände an Profikicker legen, es folgte der Wechsel zum damaligen Spitzenklub Portuguesa und schließlich das Engagement beim Nationalteam.

"Medizinmann" nannte ihn die Presse, "Die Schwarze Kuh" wurde einer seiner Spitznamen unter den brasilianischen Fans. Américos Auftritte während der Spiele sorgten stets für amüsante Momente. Krümmte sich ein Spieler vor Schmerzen auf dem Rasen, lief er auf das Feld, behandelte ihn mit seinen selbstgemischten Heilmitteln und trug den Verletzten, wenn es sein musste, auf seinen breiten Schultern oder den kräftigen Armen vom Platz.

Legaler Wunderheiler und Balldieb

Stets dabei: Sein legendärer Ledergürtel, in dem geheimnisvolle Tinkturen und Salben Platz fanden. Dabei wurde ihm nachgesagt, auch verbotene Substanzen, Wunderdrogen und geheimnisvolle Pillen anzuwenden.

"Von wegen", wies Dieter Hochmuth, einer der bekanntesten Sportphysiotherapeuten Deutschlands, diese Anschuldigungen in einem Gespräch mit dem Magazin "11Freunde" zurück. "Ganz vorne lagen Schwamm und Eis in Styropor, die restlichen Taschen waren gefüllt mit selbst hergestellten Salben und Tinkturen. Alles rein pflanzlich", versicherte der Deutsche, der mehrere Praktika bei Américo absolvierte. "Die Salbenträger waren Bienenhonig, Wachs und Fett, angemischt mit heimischen Kräutern. Das war kein Hokuspokus."

Das Entscheidende sei aber ohnehin etwas anderes gewesen. "Der psychologische Aspekt. Du musst in der Lage sein, deinem Patienten das Gefühl zu vermitteln, dass das, was du tust, das absolut Richtige für ihn ist. Und in dieser Disziplin war Mario Américo ein wahrer Meister", erklärte Hochmuth, warum sich der Masseur mannschaftsintern großer Beliebtheit erfreute.

Insgesamt durfte Américo drei Weltmeistertitel mit der Selecao feiern und schreckte auch nicht davor zurück, dem Schiedsrichter den Endspielball aus der Hand zu schlagen, um diesen für den brasilianischen Verband zu sichern, wie etwa nach dem WM-Finale 1958 (5:2) gegen Gastgeber Schweden.

Kapitale Fehleinschätzung

Den Legenden-Status Americos erreichte ein anderer Zeitgenosse im Betreuerstab der Brasilianer nicht annähernd, berühmt wurde aber auch Dr. João Carvalhaes. Der Psychologe ging mit einer grandiosen Fehleinschätzung in die Historie der Selecao ein, als er vor der WM 1958 bei der Kadereinberufung zurate gezogen wurde.

Da die brasilianischen Spieler dazu neigten, in entscheidenden Situationen die Nerven zu verlieren, konsultierte der Verband Carvalhaes. Mittels Tests, bei denen unter anderem gezeichnet werden musste und Fragen zu beantworten waren, sollte die Eignung der potenziellen WM-Teilnehmer eruiert werden.

Während sich etablierte Spieler wie Zito, Nilton Santos und Didi intern für die Aufstellung der jungen, unerfahrenen Garrincha und Pele einsetzten, empfahl Carvalhaes, die beiden nicht zum Turnier mitzunehmen. Zu verheerend seien die Testergebnisse der Beiden ausgefallen.

Infantil? Dumm? Aber fußballerisch begabt

Pelé erinnert sich in seiner Autobiographie an das Urteil des Psychologen zu seiner Person: "Pelé ist offensichtlich infantil. Es fehlt ihm der Kampfgeist." Mit Garrincha ging Carvalhaes noch um einiges härter ins Gericht. Zu dumm sei er und tauge nicht einmal als Fahrer des Mannschaftsbusses.

Diese Beschreibung kam nicht ganz unerwartet. Dass es sich beim Krummbeinigen nicht um einen großen Intellektuellen handelte, verdeutlichen Anekdoten wie jene von Garrincha und seinem tragbaren Radio auf der Reise zu einem Freundschaftsspiel in Japan.

In Brasilien erfreute sich Garrincha noch an den portugiesischen Stimmen, die aus den Lautsprechern strömten. In Japan angekommen, zeigte er sich allerdings irritiert von den Geräuschen, die das Gerät von sich gab und den Gesprächen, die er nicht verstand. In dem Glauben, das Radio sei kaputt, verschenkte er es wieder.

Mit seiner fußballerischen Qualität stand Garrinchas Wesen aber nicht im Widerspruch und das sah auch Trainer Feola so. "Mit ihrer Einschätzung mögen Sie vielleicht sogar recht haben, Doktor. Aber fest steht, dass Sie nichts von Fußball verstehen", gab er wenig auf die Meinung Carvalhaes‘ und setzte sowohl auf Pelé als auch Garrincha.

Das Ergebnis ist bekannt: Brasilien wurde Weltmeister und die Selecao blieb über acht Jahre in insgesamt 40 aufeinanderfolgenden Partien, in denen Pelé und Garrincha gemeinsam aufliefen, ungeschlagen.

 

Christoph Kristandl

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