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Afrikas Nationalteams treten auf der Stelle

Mailand, 8. Juni 1990. Francois Omam-Biyik trifft im Eröffnungsspiel der Weltmeisterschaft zwischen Titelverteidiger Argentinien und Kamerun in der 67. Minute zum 0:1 für die Afrikaner gegen Diego Maradona und Co.

Es war der Anfang eines Fußball-Märchens. Am Ende stand trotz einer unglücklichen Viertelfinal-Niederlage gegen England in der Verlängerung das beste Ergebnis eines afrikanischen Teams in der Geschichte der Weltmeisterschaft.

Experten und Fans waren sich weitestgehend einig, dass die Afrikaner in Zukunft nur schwer zu stoppen sein werden. Der große Pele prophezeite damals einen afrikanischen Weltmeister noch vor der Jahrtausendwende.

Mehr als 20 Jahre später wissen wir, dass er falsch lag. Obwohl die afrikanischen Nationalteams gegenüber den europäischen und südamerikanischen aufgeholt haben, blieb der große Erfolg bislang aus.

Die Gründe dafür liegen vor allem in der Politik und den schwachen Verbandsstrukturen, die die Entwicklung der afrikanischen Nationalteams seit dem Turnier 1990 wesentlich beeinflussen.

USA 1994

Hoffnungsvoll in das Turnier in den Vereinigten Staaten gestartet, konnte Kamerun nicht an die Erfolge der WM 1990 anschließen. Den „unbezähmbaren Löwen“ blieb in einer Gruppe mit dem späteren Weltmeister Brasilien, Schweden und Russland nur der letzte Platz.

Ein Rekord konnte dennoch aufgestellt werden: Altstar Roger Milla trug sich mit seinen 42 Jahren und 39 Tagen im Spiel gegen Russland in die Torschützenliste ein und ist damit bis heute der älteste Torschütze bei einer WM-Endrunde.

Auch Marokko musste sich als Gruppenletzter bereits in der Vorrunde verabschieden. Besser lief es für WM-Neuling Nigeria. Die „Super Eagles“ (Das waren die Helden der Debüt-WM) sicherten sich den ersten Platz in der Gruppe mit Argentinien, Bulgarien und Griechenland. Im Achtelfinale musste man sich dem späteren Vize-Weltmeister Italien erst in der Verlängerung mit 1:2 geschlagen geben.

Etablierung afrikanischer Spieler in Europa

Im Laufe der 90er Jahre bekam der afrikanische Fußball auch in Europa einen immer höheren Stel-lenwert. Mit dem Liberianer George Weah wurde 1995 zum ersten und bisher einzigen Mal ein Afrikaner zum Weltfußballer und Europas Fußballer des Jahres gewählt.

In dieser Zeit schafften auch einige der heutigen Stars den Sprung vom schwarzen Kontinent nach Europa. Große Namen wie Yaya Toure, Didier Drogba oder Samuel Eto'o wechselten gegen Ende der 90er zu europäischen Top-Klubs und machten in weiterer Folge international Karriere.

Die oft unterschätzten und belächelten Fußballer aus Afrika eroberten die Ligen und spielten bald tragende Rollen. Davon profitierten, wenn auch nicht sofort, die jeweiligen Nationalmannschaften.

Frankreich 1998

Bei der WM 1998 umfasste das Teilnehmerfeld erstmals 32 Mannschaften, wodurch Afrika fünf Startplätze zu verbuchen hatte. Kamerun (in einer Gruppe mit Österreich), Marokko, Tunesien und Südafrika scheiterten jedoch schon in der Vorrunde.

Einzig Nigeria überstand nach Siegen über Spanien und Bulgarien als Erstplatzierter die Gruppenphase. Wie 1994 war für die „Super Eagles“ in Frankreich im Achtelfinale Endstation, gegen Dänemark setzte es eine deutliche 1:4-Niederlage.

Akademien als Talenteschmieden

In Frankreich feierten Spieler wie Eto'o ihr WM-Debüt und bestärkten die afrikanischen Verbände in ihrem „europäischen“ Weg.

Ein Teil dieses Weges waren und sind die von immer mehr Top-Klubs aus Europa auf dem schwarzen Kontinent betriebenen Fußballschulen, in denen Talente „produziert“ werden. Allen voran englische, holländische und französische Vereine führen Akademien, beispielsweise in Ghana.

Die Großklubs profitieren nicht zuletzt auch vom Migrationswillen vieler afrikanischer Talente, die sich in Europa eine Profi-Karriere und viel Geld erhoffen.

Einige wenige schaffen es und werden zum Star und können das in Europa erworbene Know-how auch mit in die Nationalteams nehmen - wie unter anderem das Beispiel Senegals bei der WM 2002 zeigte.

Japan und Südkorea 2002

Kamerun, Südafrika und Tunesien kamen wie vier Jahre zuvor auch beim Turnier in Japan und Südkorea nicht über die Gruppenphase hinaus, auch für Nigeria war nach zwei Achtelfinal-Teilnahmen in Folge bereits in der Vorrunde Endstation.

Das Überraschungsteam der WM 2002 war Senegal. Die Westafrikaner qualifizierten sich unerwartet für das Turnier in Asien und sorgten mit dem 1:0-Sieg über Weltmeister Frankreich im Eröffnungsspiel für die erste Sensation.

Die „Löwen der Teranga“ bezwangen im Achtelfinale Schweden mit 2:1 und zogen damit als zweites afrikanisches Team in ein WM-Viertelfinale ein. Dort musste man sich der Türkei mit 0:1 nach Golden Goal geschlagen geben.

Trainer als Import-Schlager

21 der 23 Spieler Senegals hatten einen französischen Arbeitgeber, trainiert wurde die Mannschaft ebenfalls von einem Franzosen: Bruno Metsu.

Ausländische Trainer wie Metsu hatten und haben bei afrikanischen Teams eine lange Tradition. Die Nationen erhoffen sich von den zumeist europäischen Coaches taktische Finessen, vor allem vor Großereignissen.

Für Trainer wie Sven Göran Eriksson (Elfenbeinküste März-Juni 2010) oder Carlos Alberto Parreira (Südafrika 2007-2008 und 2009-2010) zählen dabei nur kurzfristige Erfolge, anstatt langfristige Auf-bauarbeit. Die vorhandene Kluft zwischen europäischer Professionalität und afrikanischer Unbe-kümmertheit konnten sie alle nie richtig schließen.

Bei der WM in Japan und Südkorea schien die Zeit der Trainer-Importe ein Ende genommen zu ha-ben: Drei von fünf afrikanischen Mannschaften setzten auf heimische Teamchefs - mit mäßigem Erfolg. Vier Jahre später beim Turnier in Deutschland stand mit Luis Oliveria Goncalves (Angola) wieder nur ein afrikanischer Trainer an der Outlinie.

Deutschland 2006

Neben Tunesien schafften es 2006 mit Angola, Togo, Ghana und der Elfenbeinküste vier Teams erstmals zu einer Endrunde. Von dem Quintett überstand Ghana als einziger Vertreter des schwarzen Kontinents die Vorrunde.

Im Achtelfinale gegen Brasilien hielten die „Black Stars“ lange gut mit, mussten sich schlussendlich aber mit 0:3 geschlagen geben. Das Spiel stand später sogar unter dem Verdacht, manipuliert wor-den zu sein.

Der ewige Streit um die Prämien

Ebenfalls für Aufsehen sorgte bei der WM in Deutschland Togo, das durch einen Prämienstreit mit dem Verband in die Schlagzeilen geriet.

Noch am Tag vor dem zweiten Gruppenspiel gegen die Schweiz verhandelten die Spieler mit den Verantwortlichen über die ausstehenden Zahlungen, sogar ein Boykott des Matches stand im Raum. Das Spiel wurde schlussendlich doch angepfiffen und endete mit einer 0:2-Niederlage der Afrikaner.

Der Streik ist ein Paradebeispiel dafür, wie schwerwiegend die Verbandsprobleme in Afrika sind. Es dominieren nach wie vor schwache Strukturen und Korruption, die Politik spielt eine tragende Rolle.

So auch bei der Wiederwahl des umstrittenen kamerunischen Verbandspräsidenten Iya Mohammed, bei der die Politik massiv Einfluss genommen haben soll. Die FIFA schloss Kamerun daraufhin von der Qualifikation für die anstehende WM in Brasilien aus, nahm die Suspendierung wenig später nach Zugeständnissen seitens der Afrikaner aber wieder zurück.

Auch der nigerianische Fußball wurde Opfer politischer Machenschaften. Nigerias Präsident Good-luck Jonathan wollte den Verband 2010 auflösen und die Nationalmannschaft für zwei Jahre von allen internationalen Wettbewerben zurückziehen, um den nigerianischen Fußball zu reformieren. Grund dafür waren die schlechten Leistungen bei der WM in Südafrika.

Südafrika 2010

Neben Nigeria konnten mit Ausnahme von Ghana auch die restlichen afrikanischen Vertreter bei der WM im eigenen Land nicht überzeugen. Algerien, Kamerun und die Elfenbeinküste schieden ebenso in der Gruppenphase aus wie Südafrika, womit der Gastgeber zum ersten Mal in der Geschichte der WM bereits in der Vorrunde scheiterte.

Lediglich Ghana schaffte den Aufstieg ins Achtelfinale, wo man die USA mit 2:1 nach Verlängerung bezwang. Im darauf folgenden Viertelfinale mussten sich die „Black Stars“ Uruguay im Elfmeterschießen mit 2:4 geschlagen geben.

Norden und Süden im Hintertreffen

Neben Gastgeber Südafrika nahmen mit Nigeria, Ghana, der Elfenbeinküste und Kamerun vier Nationen aus West- bzw. Zentralafrika teil. Der einst so mächtige Norden war nur durch Algerien vertreten, das sich in der Qualifikation überraschend gegen Ägypten durchsetzen konnte.

Der lange Jahre dominierende Fußball in Nordafrika hat in den vergangenen Jahrzehnten die Entwicklung verpasst. Während westafrikanische Talente über die Akademien den Sprung nach Europa schaffen, verbleiben viele Spieler aus den nördlichen Staaten in den heimischen Ligen, in denen oft gutes Geld gezahlt wird.

Dort regiert nicht selten das Chaos. In Ägypten etwa gab es, durch die politische Situation bedingt, zwei Jahre lang keinen regulären Spielbetrieb.

In Südafrika zeigt sich ein ähnliches Bild. Nach zwei WM-Teilnahmen in Folge 1998 und 2002 schei-terte man in der Qualifikation für das Turnier in Deutschland in der zweiten Runde an Ghana, ebenso wenig konnte man den Schwung der Heim-WM 2010 nützen.

Nach dem Turnier traten einige wichtige Spieler wie beispielsweise Steven Pienaar aus der Nationalmannschaft zurück, der Nachwuchs fehlt. In Südafrika stehen Rugby und Cricket an erster Stelle, Fußball spielt nur eine Nebenrolle. Auch für die WM 2014 konnte sich die „Bafana Bafana“ nicht qualifizieren.

Brasilien 2014

Für das Turnier am Zuckerhut zwar qualifiziert, in einer Gruppe mit Belgien, Russland und Südkorea aber ohne realistische Chancen ist Algerien. Nigeria könnte in Gruppe F gegen Bosnien-Herzegowina und den Iran um Platz zwei hinter Argentinien mitkämpfen.

Die Elfenbeinküste trifft in Gruppe C mit Kolumbien, Griechenland und Japan auf Gegner auf Augenhöhe. Eine durchaus machbare Aufgabe, wäre da nicht ein Prämienstreit, der für schlechte Stimmung im Team sorgt.

Auch bei Kamerun wird über die Prämien für die WM gestritten. Abgesehen davon wartet mit Gastgeber und Mitfavorit Brasilien, Kroatien und Mexiko ein schweres Los.

Nicht weniger leicht hat es Ghana. Den „Black Stars“, die es als einziges afrikanisches Team zweimal in ein WM-Viertelfinale geschafft haben, steht mit Deutschland, Portugal und den USA bereits in der Vorrunde eine fast unlösbare Aufgabe bevor.

Änderungen notwendig

Zu den Favoriten zählt bei der WM in Brasilien demnach keines der Teams vom schwarzen Kontinent.

Daran wird sich wohl erst etwas ändern, wenn die zentralen Probleme wie die Arbeit in den Verbänden, die politische Einflussnahme und die Korruption aus der Welt geschafft werden.

Bis dahin bleibt Afrika zumindest die Erinnerung an die großen WM-Momente wie jene in Italien 1990.

Daniela Kulovits

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