Alles halb so schlimm

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Alles halb so schlimm

Viel wurde vor Beginn der WM erzählt und zugegeben, es war ungewiss, was in Brasilien, über 10.000 Kilometer fern der Heimat warten würde. Unfertige Stadien, logistisches Chaos, Streiks, Demonstrationen, Kriminalität – bislang alles halb so schlimm.

Nach drei Tagen Sao Paulo inklusive Eröffnungsspiel fällt das Fazit positiv aus. Den Tribünen hinter den Toren fehlten zwar noch die Dächer, dem Charme der neuen Corinthians-Heimstätte tat das aber keinen Abbruch. Die Arena macht auch so oder gerade deswegen optisch einiges her.

Steht man beispielsweise in Wien offenen Stadionecken zurecht skeptisch gegenüber, sind sie in Sao Paulo, wo durch sie ein herrlicher Blick über die Stadt gewehrt wird, fast schon Stilelement. Die U-Bahnverbindung funktionierte ebenso tadellos, wie die Abfertigung am Flughafen. Die Menschenmassen, die schon zu Mittag in Richtung Stadion pilgerten, fanden gesittet ihren Weg zu ihren Sitzplätzen.

Von Demonstrationen war kaum etwas zu hören, eine 200 Kopf starke Kundgebung soll es gegeben haben. Anlässe, sich um seine Sicherheit Sorgen zu machen, wurden auch nicht gegeben. Solange man es vermeidet, bei Dunkelheit alleine durch die Gassen zu flanieren und nicht bei jeder Gelegenheit mit seinem Handy und ähnlichem herumwedelt, bleibt die große Gefahr anscheinend aus.

Vor diesen Eindrücken wirkt es seltsam, als sich die nette junge Dame, die mir beim Check-in am Aeroporto de Congonhas behilflich ist, beinahe entschuldigt. „Ich glaube, dass die WM gut für uns ist, aber ich denke auch, dass sie zu früh kommt. Wir haben für so einen Event noch viel aufzuholen, zum Beispiel kann kaum jemand von uns Englisch“, sagt sie.

Dass es seltsam ungewohnt ist, die Taxi-Fahrt mit einem Chauffeur anzutreten, dem man keine Information verständlich machen kann, kann ich bestätigen, meine insgesamt positive Bilanz scheint sie aber zu verblüffen. An Freundlichkeit und Kompetenz im Umgang mit den Gästen aus aller Welt attestiert sie ihren Landsleuten Luft nach oben und hofft zugleich, dass die Touristen in den nächsten Jahren trotzdem wiederkommen werden.

In ihren Augen ist dies nämlich zwingend notwendig, um die milliardenschweren Ausgaben für das Turnier zumindest teilweise wieder hereinzubringen. Die enorme finanzielle Belastung Brasiliens scheint ihr wirklich große Sorgen zubereiten. „Ich hoffe, sie kommen wieder, denn sie werden uns retten müssen“, drückt sie es drastisch aus.

Nach meinen Erfahrungen darf Sao Paulo aber gerne als gutes Beispiel dienen. Vermutlich ist es mit der Selbstwahrnehmung wie mit der negativen Vorberichterstattung: Letztlich ist alles halb so schlimm.

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