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Rapids Lehren aus der Europa-League-Saison

Sechs Spiele, 540 Minuten gehören der Vergangenheit an.

Rapid blickt mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf die abgelaufene Europa-League-Saison zurück.

Zwar reichte es nur zu einem einzigen Sieg, die Erfahrungen und Entwicklungen während dieser Zeit sind für jeden Einzelnen jedoch unverzichtbar.

Welche Lehren zieht Rapid aus den Auftritten auf der großen internationalen Bühne?

  • Erfahrung kann man sich nicht kaufen

Um in der Europa League gleich ein Wörtchen um den Aufstieg mitzureden, fehlte Rapid die Routine. In den wichtigsten Phasen der Gruppenphase war unverkennbar, dass viele Spieler noch zu grün hinter den Ohren sind. Die hohen Erwartungen deckten sich somit nicht mit der realitätsnahen Einschätzung der aktuellen Mannschaftskonstellation. Für nicht weniger als 17 Spieler, die zumindest in einer Partie gegen Rosenborg, Kharkiv oder Leverkusen im Kader standen, war es die Europacup-Premiere. "Für viele war es die erste EL-Gruppenphase! Da gibt es einfach so viel zu lernen", musste auch Defensivspieler Harald Pichler gegenüber LAOLA1 zugeben. Dass Fehler und fehlende Abgebrühtheit international im Vergleich zur heimischen Liga unbarmherzig bestraft werden, erfuhr Rapid gleich mehrfach am eigenen Leib.

  • Cleverness als entscheidender Faktor

Hätte sich Rapid in der einen oder anderen Aktion cleverer angestellt, wären die Ergebnisse wohl positiver ausgefallen. Immer wieder in den vergangenen drei Monaten sprachen Trainer und Spieler fehlende Cleverness an - sei es in taktischen Belangen, vor dem gegnerischen Tor, im Zweikampfverhalten, usw. "Wir zahlen jetzt viel Lehrgeld, aber aus Fehlern wird man schlauer und verbessert sich", hielt Terrence Boyd nach dem 0:3 in Leverkusen fest. Das letzte Beispiel: Als man in Trondheim eine 2:1-Führung trotz Übergewicht herschenkte. "Wir müssen einfach viel kluger spielen, nicht so viele Chancen zulassen und die, die wir bekommen, nützen", fasste Deni Alar zusammen. Der jugendliche Leichtsinn wurde somit immer wieder bestraft, doch mit den Jahren kommt auch die Cleverness.

  • Chancenverwertung ungenügend

Vor dem Tor offenbarten die Hütteldorfer in dieser EL-Saison Schwächen. Mehrmals wäre das erste Tor in der Partie zum Greifen nahe gewesen. Mehrmals vergab man aus aussichtsreicher Position. Mehrmals wurde man für den leichtfertigen Umgang mit seinen Möglichkeiten bestraft. Die UEFA-Statistik beweist, dass Rapid bis auf den Doppelpack gegen Leverkusen immer mehr oder zumindest gleich viele Torschüsse abgab als der Gegner. Leider resultierten jedoch in sechs Spielen lediglich vier Treffer daraus. Deni Alar kam nach seiner Hochform in der Qualifikation erst gegen Ende der Gruppenphase in Fahrt, auch Terrence Boyd wird einigen Chancen hinterhertrauern. Eine positive Lehre ist, dass man überhaupt zu so vielen Chancen kam und sich diese zum Teil gut herausspielte.

  • Leichtfertige Gegentreffer

Das Schicksal nahm bereits zum Auftakt gegen Rosenborg Trondheim seinen Lauf. Rapids Hintermannschaft patzte und servierte dem Gegner den Ball beinahe auf dem Silbertablett. Auch im zweimaligen Duell mit Leverkusen machte man vor allem bei Standardsituationen keine gute Figur oder ließ Schürrle durch den Strafraum tanzen. In Trondheim konnte Chibuike vier Gegenspieler düpieren ehe er einschoss. In dieser Hinsicht hat Rapid sicherlich Verbesserungspotenzial auf. 14 Gegentreffer aus sechs Spielen - eindeutig zu viel. Zusammen mit AIK Solna (ebenfalls 14) weisen die Grün-Weißen die meisten der ganzen Europa League auf.

  • Konzentration über 90 Minuten

Gute Phasen waren im Spiel der Hütteldorfer immer wieder zu erkennen. 90 zufriedenstellende Minuten waren jedoch kein einziges Mal der Fall. Noch fehlte die Konzentration, um über die gesamte Spielzeit hellwach zu bleiben und sein Spiel unweigerlich durchzuziehen. "Man nimmt es sich immer vor, aber es gelingt halt nicht immer. Wir müssen daran arbeiten, dass es uns bis zur 90. oder sogar 93. Minute gelingt. Dann werden sich positive Ergebnisse einstellen", war sich Schrammel sicher. 45 Minuten können noch so gut sein, wenn es in der darauffolgenden Halbzeit an allen Ecken und Enden krankt.

  • Zu dünner Kader für Europa League
"Unser Problem in dieser Europa-League-Saison war, dass aus der zweiten Reihe sehr junge Spieler nachrücken mussten. Durch viele Verletzungen haben wir somit auf viele unerfahrene Spieler gebaut", blickte Schöttel zurück. Die fehlende Dichte im Kader war zwischenzeitlich unübersehbar. Die Auswärtsreise nach Leverkusen traten mit Bajrami, Randak und Okungbowa sogar drei Amateure an, die bis dahin nur ein einziges Mal mit den Profis mittrainieren durften. Rapid wird aber auch daraus seine Lehren ziehen. Eine weitere Spielzeit auf internationaler Ebene wird mit einem Kader, der als Alternativen nur Youngster parat hat, wohl nicht in Angriff genommen werden. Schließlich avanciert nicht gleich jeder ins kalte Wasser geworfene Jungspund zum Star von morgen.

  • Lernen von internationalen Top-Gegnern

"Die Spieler lernen am Feld jede Minute, wenn sie gegen solche Gegner Fußball spielen. Wie sie sich bewegen, wie sie in Zweikämpfe gehen, wie die Raumaufteilung ist – da sehen sie einen Gegner, den es in der österreichischen Liga so nicht gibt", merkte Schöttel die wohl wichtigste Komponente der EL-Prüfung an. Internationalen Größen gegenüber zu stehen, kann einzelne Spieler positiv verändern, da ist sich der Chefbetreuer sicher. Auf und abseits des Feldes brachte der Europacup Eindrücke, die weiterhelfen können. "Man nimmt aus jedem Spiel was mit. Aus Leverkusen das Stadion – eine unglaubliche Anlage. In Kharkiv sieht man, dass man auch anders leben kann und es Menschen dort nicht so gut geht. Man muss immer am Boden bleiben. Vom Spielerischen her ist keine Frage, dass Kharkiv viele Brasilianer drin hat und sehr aktiv nach vorne spielt. Leverkusen ist wiederum sehr robust. Da kann man überall lernen", bestätigt Schrammel diese Theorie.

  • Persönliche Weiterentwicklung

Spieler reifen von Spiel zu Spiel - auch in der heimischen Liga. In der schwierigen Phase in der Europa League war es jedoch - vor allem in Abwesenheit von Steffen Hofmann und anderen Routiniers - von Nöten, in die Bresche zu springen. Die persönliche Entwicklung bei einigen Akteuren konnte Trainer Schöttel von Spiel zu Spiel beobachten und stellte fest. "Wenn man Burgstaller oder Alar sieht, sind sie mittlerweile durch die vielen Spiele, die sie bei uns bekommen, gewachsen." Bei Ersterem ist die Wandlung ebenso zu spüren wie bei Zweiterem. „Ich glaube, jeder auf dem Platz muss Führung übernehmen. Man kann sich nicht immer hinter den anderen verstecken", ließ Alar vergangene Woche wissen. Für den weiteren Lebensweg sind Erfahrungen dieser Art unerlässlich.


Alexander Karper

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