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"Waren nicht auf so rustikalen Gegner eingestellt"

Als im schmucklosen, mit Stacheldraht umzäunten Theodoros-Kolokotronis-Stadion der Schlusspfiff ertönte, konnte man die Rapid-Spieler laut durchschnaufen hören.

„Wir waren am Ende, sind echt tot und geschlaucht. Wir waren richtig fertig und haben es noch gut über die Runden gebracht“, war Terrence Boyd im Gespräch mit LAOLA1 erleichtert.

Ein Blick auf das 1:1 auf der Anzeigetafel konnte getrost riskiert werden, denn mit der Ausbeute in der 3. Quali-Runde der Europa League bei Asteras Tripoli verschafften sich die Grün-Weißen eine aussichtsreiche Ausgangsposition für das Rückspiel.

Lange ist es her, dass Rapid mit einem positiven Ergebnis von einer Auswärtsreise in einem internationalen Bewerb zurückkehrte.

Negativlauf in der Fremde gestoppt

Knapp drei Jahre sind vergangen, seit Rapid am 21. Oktober 2010 - damals noch unter Peter Pacult - mit 2:0 bei ZSKA Sofia erfolgreich war.

Seitdem setzte es auswärts fünf Niederlagen in Folge gegen Besiktas Istanbul, Vojvodina Novi Sad, PAOK Saloniki, Metalist Kharkiv, Bayer Leverkusen und Rosenborg Trondheim.

Auch im sechsten Antreten reichte es nicht zum Sieg. Aufgrund der Tatsache wie das 1:1 zustande gekommen ist, wollte sich aber im Endeffekt keiner beschweren.

„Es war das erwartet harte Stück Arbeit. Wir haben gewusst, dass der Gegner sehr stark ist. Wir haben alles gegeben und fahren einmal mit einem guten Resultat nach Hause“, fasste Trainer Zoran Barisic die 90 Minuten in Worte.

Kampf auf Biegen und Brechen

Was sich auf dem Spielfeld offenbarte, war eine regelrechte Schlacht für die nach dem Ausfall von Branko Boskovic (nahm aufgrund von Rückenbeschwerden auf der Bank Platz) erneut verjüngte Barisic-Elf.

Für den montenegrinischen Routinier rutschte Brian Behrendt, der bei seinem dritten Einsatz für die Profi-Mannschaft sein Startelf-Debüt feierte, in die Mannschaft.

„Es war absolut körperbetont. Ich denke, das ist in der Europa League gang und gäbe. Im Rückspiel können wir uns auf das Gleiche einstellen“, stellte der Deutsche klar. Nach der verletzungsbedingten Auswechslung von Christopher Dibon wurde auch noch Maximilian Hofmann ins kalte Wasser geworfen werden.

Mit einem derart körperbetonten Spiel konnten die Griechen den rot-weiß-roten Vertreter phasenweise einschüchtern.

„Es liegt immer im Ermessen des Schiedsrichters, wie hart er spielen lässt. Wir waren nicht auf so einen rustikal spielenden Gegner eingestellt, aber meine Jungs haben das gut gemacht“, musste selbst der Chefbetreuer zugeben.

„Ich bin Stürmer, natürlich will ich schießen“

Bereits in der Anfangsphase verteilte der teilweise überforderte niederländische Referee Kevin Blom eine Gelbe Karte nach der anderen, in der 27. Minute ging Asteras mit dem ersten Torschuss nach einer Standardsituation in Führung.

Ein besonderes Privatduell lieferte sich Terrence Boyd mit der Innenverteidigung der Hausherren. Kein Zentimeter wurde hergeschenkt, die Belohnung folgte auf dem Fuß.

„Ich war auch überrascht, wie hart die reingegangen sind. Ich wurde die ganze Zeit beim Laufen geschubst. Es war eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis das geahndet wurde“, blickte der Stürmer auf die Zweikämpfe zurück.

Nach einem weiteren Duell im Strafraum zeigte der Schiedsrichter auf den Punkt. Nur fünf Minuten nach dem Rückstand ließ sich Boyd („Der Elfer war auf jeden Fall berechtigt“) die Chance nicht entgehen.

„Steffen Hofmann hat mich schon vor dem Spiel gefragt, ob ich nicht schießen will. Ich bin Stürmer, natürlich will ich schießen. Ich hatte viel Selbstvertrauen und wollte ihn nur links reinknallen. Dann war er etwas halblinks, da hatte ich schon Glück, dass er reingegangen ist.“

Erinnerungen an WAC-Spiel wurden wach

Während Rapid im ersten Durchgang die tonangebende Mannschaft mit guten Möglichkeiten war, sollte sich das Blatt im zweiten Durchgang wenden.

„Das ist ganz normal. Asteras hat in der zweiten Halbzeit versucht, alles nach vorne zu werfen. Sie haben alles hoch nach vorne gespielt. Ich habe keine Torchance gesehen, die sie herausgespielt haben“, analysierte Barisic.

Trotzdem ähnelten die zwei konträren Spielhälften jenen in Wolfsberg, als eine gute Leistung in den zweiten 45 Minuten noch zunichte gemacht wurden.

„Was heißt Probleme?“, will Neuzugang Thanos Petsos von einem Einbruch nichts wissen. „Der Gegner muss natürlich kommen, ein 1:1 ist für den kein optimales Ergebnis. In einer Aktion haben wir ein bisschen Glück gehabt, sonst sind wir schon kompakt und sicher gestanden“, meinte der Deutsch-Grieche, der eine tadellose Leistung ablieferte.

Bessere Karten gegen Gegner mit Herz und Leidenschaft

Torhüter Jan Novota musste in der heißen Phase jedoch öfter eingreifen als ihm lieb war. Mit sehenswerten Paraden vereitelte der Slowake gefährliche Standardsituationen.

„Es ist auch Glück dabei, dass ich genau dort bin. Ich versuche der Mannschaft zu helfen  und bin sehr froh, dass wir heute mit einem positiven Resultat nach Hause fahren“, gab sich Rapids Nummer eins bescheiden.

Wichtiger erachtete er es, dass sein Team diese schwierige Phase überlebt hat und trotz Zitterns dank des wichtigen Auswärtstores alle Trümpfe für das Rückspiel in der eigenen Hand hält.

„Natürlich haben wir die bessere Ausgangsposition, aber der Gegner hat Herz und Leidenschaft und wird alles daran setzen, weiterzukommen. Wir haben die besseren Karten, aber noch ist nichts gewonnen“, blieb Petsos zurückhaltend.

Keine Zeit zum Ausruhen

Kollege Boyd schätzte die Situation ähnlich ein: „Ich sehe die Chancen bei 60:40, es liegt an uns. Wir können uns jetzt nicht ausruhen und sagen, ein 0:0 reicht. Das ist das Schlimmste, was du machen kannst. Jetzt müssen wir im Hanappi richtig auf Sieg spielen, damit nichts anbrennt. Wir müssen volle Pulle geben.“

Zum Ausruhen bleibt ohnehin keine Zeit. Nach der Ankunft in Wien ging es um 4:30 Uhr (!) zum Auslaufen, bevor das Bett rief - um die Regeneration zu fördern. Schon am Sonntag wartet das wichtige Auswärtsspiel bei Sturm Graz.

Spätestens dann gilt es, den Schalter von Europacup auf Bundesliga umzustellen, was in den letzten Jahren nur selten gelang.

Die Ausbeute von einem Sieg und einem Remis im Jahr 2012 in Bundesliga-Auswärtsspielen nach Europacup-Auftritten in der Fremde war eindeutig zu wenig.


Aus Tripoli berichtet Alexander Karper

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