"Die betreiben andere Sportart"

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"Wir rechnen uns gar nichts aus"

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Und er läuft immer noch.

Joachim Standfest hat in seiner Karriere schon viel erlebt: Anfield-Road, Heim-EURO und zwei Meistertitel mit unterschiedlichen Grazer Klubs.

Die Europa-League-Qualifikationsspiele gegen Borussia Dortmund sind aber auch für den WAC-Routinier ein Highlight. „Ein Wahnsinn, was die letzten Tage bei uns abgegangen ist“, erzählt der Steirer.

Im LAOLA1-Interview spricht der Dauerbrenner der österreichischen Bundesliga über Angebote aus dem Ausland, ein mögliches Karriereende und die nicht existenten Chancen gegen den BVB.

LAOLA1: Du bist mittlerweile 35 Jahre alt. Am Donnerstag triffst du mit dem WAC auf Dortmund. Hättest du gedacht, im Spätherbst deiner Karriere noch einmal so ein Highlight zu erleben?

Joachim Standfest: Eigentlich nicht. Umso schöner, dass ich so eine Partie noch einmal mitmachen darf.

LAOLA1: Freust du dich auf irgendeinen Gegenspieler ganz besonders?

Standfest: Ich glaube, wir können uns auf die gesamte Mannschaft und den Verein freuen. Es ist unglaublich, was Dortmund mittlerweile für eine Fangemeinde hat – auch in Österreich. Ein Wahnsinn, was die letzten Tage bei uns abgegangen ist. Es gab so viele Karten-Anfragen. Da braucht man sich nicht auf irgendeinen Spieler speziell freuen.

LAOLA1: Also hast du dir noch keinen der Dortmund-Stars für einen möglichen Trikottausch herausgepickt?

Standfest: Nein, das passiert spontan. Ich war überhaupt nie ein großer Anhänger davon und will nicht irgendjemandem wegen seinem Leibchen nachlaufen. Wenn es passiert, dann muss es spontan über die Bühne gehen. Sonst behalte ich mir mein eigenes.

LAOLA1: Mit Thomas Tuchel arbeitet ein neuer Trainer bei den Dortmundern. In den Medien und der Fachwelt wird er mit Lob überschüttet. Glaubst du, kann er die großen Fußstapfen von Jürgen Klopp ausfüllen?

Standfest: Das ist ihm schon in Mainz gelungen! Natürlich hat er seine Qualitäten, sonst wäre er nicht so erfolgreich gewesen. Es hat sich ja nicht nur Dortmund um ihn bemüht. Also ich denke schon, dass der BVB mit ihm auf einem guten Weg ist.

LAOLA1: Am Samstag hat die Borussia gegen Juventus getestet. Hast du das Spiel gesehen?

Standfest: Ich habe ein bisschen reingeschaut. Das war brutal. Dortmund war 90 Minuten überlegen. Sie hätten das Spiel nicht nur 2:0, sondern noch höher gewinnen können. Dazu hatte man das Gefühl, sie könnten jederzeit einen Gang höher schalten. Sie haben einfach überragende Einzelspieler, die jederzeit ein Spiel alleine entscheiden können.

Standfest kann sich noch eine zusätzliche Saison vorstellen

LAOLA1: Mittlerweile gibt es viel mehr ÖFB-Legionäre als zu jener Zeit, als du im Nationalteam gespielt hast. Wäre es für dich heutzutage einfacher ins Ausland zu wechseln als damals?

Standfest: Auch ich hatte Angebote, aber ich denke schon, dass es momentan leichter ist. Vor ein paar Jahren hatte der österreichische Fußball noch einen schlechteren Ruf. Das hatte viele Gründe. Es ist jetzt sicher einfacher. Ich hatte auch zwei, drei Mal die Möglichkeit zu einem Wechsel, habe mich aber dagegen entschieden, weil mir andere Sachen wichtiger waren, als meine eigene Karriere. Darüber bin ich nicht unglücklich. Der Fußball war nie das wichtigste in meinem Leben. Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich mich so entschieden habe.

LAOLA1: Kannst du uns vielleicht verraten, welche Klubs an dir interessiert waren?

Standfest: Das tut man nicht! Sonst ärgere ich mich selbst auch noch (lacht). Einmal war Russland im Gespräch, einmal Deutschland. Ganz am Anfang war auch aus Italien eine Anfrage da. Es hätte mehrere Möglichkeiten gegeben. Aber ich bin froh darüber, wie meine Karriere gelaufen ist. Ich traue mich zu sagen, dass ich das Optimum herausgeholt habe.

LAOLA1: Mit dem GAK hast du in der Champions-League-Qualifikation einst gegen Liverpool gespielt. Ihr habt nach einem 0:2 in Graz an der Anfield Road 1:0 gewonnen. Wird die Dortmund-Partie dieses Spiel noch übertreffen können?

Standfest: Das wird man erst sehen (grinst). Die Leute auf der Insel sind vielleicht noch fußballverrückter als die in Deutschland. Dort gibt es einen ganz anderen Zugang. Als wir in Liverpool gewonnen haben, ist niemand früher nach Hause gegangen. Das würde es in Österreich oder Deutschland nicht gegeben. Es ist ungefähr vergleichbar mit dem Spiel gegen Düdelingen. Da bleibt kein Salzburg-Fan im Stadion und applaudiert dem Gegner. Die Mentalität ist eine andere, die Anhänger sind bis zum Schluss geblieben und haben mitgefiebert. Nach der Partie sind die Liverpool-Spieler gleich in die Kabine. Die Fans sind trotzdem geblieben und haben uns applaudiert. Das war unglaublich!

 

Das Gespräch führte Jakob Faber

LAOLA1: Was rechnet ihr euch aus?

Standfest: Gar nichts. Wenn wir uns ehrlich sind, betreibt Dortmund fast eine andere Sportart. Wir hoffen, dass sie keinen guten Tag erwischen oder uns unterschätzen. Natürlich wollen wir uns vor der super Kulisse nicht gehen lassen, sondern dagegen halten und uns so teuer wie möglich verkaufen. Dann schauen wir, was rauskommt.

LAOLA1: Der WAC pflegt eine abwartende Spielweise. Damit habt ihr letzte Saison zum Beispiel Salzburg in Bedrängnis gebracht. Auch Dortmund tat sich mit solch defensiv stehenden Teams schwer. Kommt euch das entgegen?

Standfest: Ich denke schon. Wir sind eine Mannschaft, die ihre Stärken im Konterspiel hat. Aber Dortmund ist natürlich noch einmal zwei Klassen über Salzburg zu stellen. Das ist europäische Spitzenklasse. Man wird sehen, was rauskommt. Ich hoffe, dass sie ein bisschen nachlässig sind und wir die Räume für Konter ausnützen können. Wenn wir einen offenen Schlagabtausch zulassen, werden sie uns zerlegen.

LAOLA1: Gegen die Austria hat das Konterspiel beim 0:2 am Sonntag nicht so gut geklappt. Woran lag das?

Standfest: In erster Linie am Gegner selbst. In der ersten Hälfte haben sie ein sehr gutes Pressing aufgezogen, damit haben sie uns Probleme bereitet. Danach hat sich auch die Austria zurückgezogen. Sie haben erst ab der Mittellinie attackiert. Da ist es schwer, Konter zu fahren. Man muss aber auch sagen, dass wir uns die Tore selbst geschossen haben. Ihnen ist es nicht wirklich gelungen, uns auszuspielen.

LAOLA1: Im TV-Interview hast du davon gesprochen, dass die Austria quasi null Torschüsse gehabt hat. Musst du diese Meinung mit ein wenig Abstand revidieren?

Standfest: Nein. Bis zum 1:0 haben sie nur eine Tor-Chance gehabt, wenn ich mich richtig erinnere. Auch danach gab es nur diese eine gefährlich Situation, als unser Tormann mit einem Verteidiger zusammengekracht ist. Natürlich haben sie mit einem Spieler mehr und zwei Treffern Vorsprung im Rücken noch öfters auf das Tor geschossen. Aber davon habe ich im Interview nicht mehr gesprochen. Für mich war das Spiel nach dem 2:0 und der Roten Karte quasi vorbei.

LAOLA1: Was ist für den WAC in dieser Saison in der Bundesliga drinnen? Seid ihr wieder ein Europacup-Anwärter?

Standfest: Schwierig zu sagen. Wir müssen schauen, uns im Mittelfeld zu etablieren, auch wenn die Ansprüche vielleicht gestiegen sind. Man braucht nur das Spiel gegen die Austria hernehmen. Sie haben ein drei oder vier Mal so hohes Budget wie wir. Dann verlieren wir das Spiel unglücklich und alle tun so, als hätten wir versagt. Da muss man aufpassen. Die Wahrnehmung wurde durch diesen Europacup-Einzug ein bisschen verzerrt. Wir haben einen kleinen Kader, da kann viel passieren. Plötzlich verletzen sich ein paar Spieler, du verlierst zwei Spiele und schon bist du hinten drinnen. Ziel muss es sein, den Verein weiter in der Bundesliga zu etablieren, anstatt jedes Jahr nach dem Europacup zu streben. Das kann schon alleine von unserem Umfeld her nicht unsere Zielsetzung sein.

LAOLA1: Dein Vertrag läuft mit Saisonende aus. Eigentlich wolltest du deine Karriere danach beenden. Ist wirklich Schluss?

Standfest: Geplant ist es, aber ich habe gelernt, niemals nie zu sagen. Die Saison läuft sowieso noch lange. Nachdem ich eigentlich schon vor drei Jahren mit dem Fußballspielen aufgehört habe, ist das alles noch ein schöner Bonus für mich. Wenn die Leistungen passen sollten, ich noch Lust habe und der Verein mir ein passendes Angebot vorlegt, dann kann ich mir durchaus vorstellen, noch ein Jahr dranzuhängen.

LAOLA1: Könntest du dir auch vorstellen, noch einmal für einen anderen Verein in der ersten oder zweiten Spielklasse aufzulaufen?

Standfest: Das ist schwer zu beantworten. Eigentlich war geplant, nach diesem Jahr aufzuhören. Aber wenn es die Umstände zulassen, warum nicht? Ich habe das Glück, dass ich das selbst entscheiden kann, sofern die Nachfrage des WAC oder eines anderen Klubs da ist.

LAOLA1: Als Jugendlicher warst du Skispringer und hast sogar gemeinsam mit dem späteren Vierschanzentournee-Sieger Wolfgang Loitzl trainiert. Hättest du dir damals erträumen lassen, dass deine Fußballer-Karriere einmal so verlaufen wird?

Standfest: Nein. Fußball-Profi zu werden, war nicht mein Ziel. Das ist einfach so passiert, nachdem ich ab meinem 13. Lebensjahr Schritt für Schritt nach oben gewandert bin. Ich war oft zur richtigen Zeit am richtigen Ort und habe auch die richtigen Leute um mich gehabt. Zum Beispiel Werner Gregoritsch, der mich zum GAK geholt hat. Es ist manchmal eben Glückssache, aber die Chance muss man nutzen.

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