Aufmacherbild

"Geradlinigkeit besitzen nicht mehr viele"

„Ich freue mich schon jetzt auf dieses Spiel.“

Marcel Sabitzer brennt seit dem Schlusspfiff im Hinspiel des Europa-League-Sechzehntelfinals in Villarreal (1:2) auf das Wiedersehen vor rund 25.000 Zuschauern am Donnerstag in Salzburg (19 Uhr).

Es ist für den 20-Jährigen wohl das zweitgrößte Spiel im Klubfußball, seit er im Sommer von Rapid via Leipzig nach Salzburg gewechselt ist.

Während der Offensivspieler beim CL-Playoff-Rückspiel in Malmö (0:3) erst als Joker kam, ist Sabitzer nicht nur ob der Abgänge Kevin Kampls und Alan ganz klar gesetzt.

Vor dem Highlight um den Einzug ins Europa-League-Achtelfinale traf sich LAOLA1 mit dem steirischen ÖFB-Teamspieler, um sich persönlich seinen Weg an die Spitze des österreichischen Fußballs erklären zu lassen.

LAOLA1: Weißt du, wer bei meinem ersten Bundesliga-Spiel, das ich als Zuseher verfolgt habe, getroffen hat?

Marcel Sabitzer: Mein Vater?

LAOLA1: Richtig. An welches Tor deines Vaters erinnerst du dich als erstes?

Sabitzer: Im Cup hat er einmal für Mattersburg gegen den GAK getroffen. Aber an alles vorher kann ich mich nicht wirklich erinnern, nur an seine Zeit in Mattersburg (2002-03, Anm.).

LAOLA1: Warst du oft mit ihm mit?

Sabitzer: Fast immer. Damals in Mattersburg war Werner Gregoritsch der Trainer und da sind wir immer gemeinsam rausgefahren. Ich war fast bei jedem Training und Spiel mit dabei. Ich bin schon früh in die Kreise reingekommen (grinst).

LAOLA1: Deinen heutigen Trainer Adi Hütter kennst du auch schon lange.

Sabitzer: Er kennt eher mich lange (lacht). Von der gemeinsamen Zeit der beiden weiß ich nichts mehr. Natürlich hat man sich aber immer wieder einmal gesehen. Das spielt nun keine Rolle.

Sabitzer gewann mit der SHS Weiz 2007 die Schülerliga

LAOLA1: Hat es jemals für dich eine wirkliche Alternative zum Fußball gegeben?

Sabitzer: Mir hat der Fußball getaugt, das habe ich sehr schnell gemerkt. Böse Zungen behaupten, wenn ich nicht Fußballer geworden wäre, würde ich gar nichts machen (lacht). Ich habe alles auf eine Karte gesetzt und die Schule geschmissen. Ab diesem Zeitpunkt wusste ich, ich muss mit 100 Prozent dahinter sein, damit der Plan aufgeht. Ansonsten hätte ich blöd aus der Wäsche geschaut. So muss ich sagen, habe ich bislang nicht viel falsch gemacht in meinem Leben.

LAOLA1: Wie kam es zum Abbruch? Dürfte ja nach deiner erfolgreichen Schülerliga-Zeit gewesen sein…

Sabitzer: Ja, das war noch mein letztes großes Highlight (lacht). Ich bin damals mit 16 Jahren bei der Admira zu den Profis in die Erste Liga hochgezogen worden. Damit war für mich die Schule beendet. Es ist sich einfach nicht mehr ausgegangen, ich hatte sehr viele Fehlstunden im Halbjahr. Wir haben uns dann an einen Tisch gesetzt und gesagt, dass es gescheiter wäre, wenn ich aufhöre. Meine Mama war natürlich nicht so begeistert, aber im Nachhinein gesehen wird sie wohl auch sagen, dass es die bessere Entscheidung war.

LAOLA1: Dein Vater war dafür?

Sabitzer: Er war auch nicht begeistert. In der Südstadt ist es ja so, dass du im Internat auch die Schule besuchen musst. Dadurch, dass ich die Schule nicht besucht habe, habe ich auch nicht im Internat sein dürfen. So habe ich mit 16 Jahren in eine eigene Wohnung ziehen müssen, das hat meinen Eltern auch nicht besonders gefallen. Da hat es schon Fälle gegeben, wo welche versunken sind, weil sie das nicht verkraftet haben. Ich denke, ich habe das ganz gut gemeistert und sie sind auch stolz auf mich.

LAOLA1: Scheitern konnte für dich also gar keine Alternative sein.

Sabitzer: Das habe ich gewusst. Ich habe mir oft gedacht, dass ich einfach alles zu 100 Prozent angehen muss, sonst kann es nicht reichen und dann weiß ich nicht, was ich tue. Das treibt aber einen auch immer mehr an, alles aus sich herauszuholen. Das habe ich bei der Admira gut hinbekommen, ich wurde gut unterstützt, auch von Seiten Didi Kühbauers. Ich bin froh, dass ich genau dort Fuß fassen konnte. Das ist ein familiärer Verein und ein Umfeld, das zu diesem Zeitpunkt sicher besser für mich war, als etwa bei Rapid oder Red Bull Salzburg. Dass es dann so schnell gegangen ist, mit nun schon drei Profi-Stationen, das ist eigentlich ein Wahnsinn. Ich habe über 100 Bundesliga-Spiele, zehn Einsätze im Nationalteam und um die 20 internationalen Spiele gemacht. Mit dem habe ich auch nicht gerechnet, gehofft natürlich schon. Ich weiß es zu schätzen, was ich da erreicht habe.

LAOLA1: Gab es ein Spiel oder ein Tor, das dich endgültig auf den Weg zum Profi-Fußballer brachte?

Sabitzer: Eigentlich nicht. Ich war nur eben schon immer beim Fußball dabei und bin etwa beim GAK in der Kurve gestanden und habe meinen Papa angefeuert. Da habe ich mir nur gedacht: Wie geil wäre denn das, wenn ich da unten wäre und sie feuern mich an? Das darfst du ja eigentlich keinem erzählen.

LAOLA1: Warst du bei jedem Spiel im Stadion?

Sabitzer: Ich war Nachwuchsspieler und oft auch Balljunge. Und wenn nicht, war ich in der Kurve. Das war gerade die Zeit, wo der GAK das erste Mal Meister wurde. Den Titel habe ich mit den Fans erlebt und wir sind damals sogar auswärts in die Südstadt zur Meisterfeier mitgefahren. An das kann ich mich alles noch gut erinnern. Das hat mir sehr getaugt damals.

LAOLA1: Hättest du in der Kurve einen GAK-Spieler, der zu Sturm gewechselt wäre, beschimpft?

Sabitzer: Also in meinem Alter damals natürlich nicht. Heutzutage scheitert es an etwas, wenn man sich im Internet ansieht, welche übelsten Worte zwölf-, dreizehnjährige Kinder finden. Da weiß ich auch nicht, was in den Eltern vorgeht, die nicht darauf achten. Und wahrscheinlich wissen die nicht einmal, um was es da geht. Die schwimmen im Fluss mit. Ich kann mich da nicht reinversetzen und finde es komplett fehl am Platz.

LAOLA1: Du warst diesbezüglich nicht das einzige Opfer im Herbst, Florian Kainz erging es nicht besser.

Sabitzer: Da fehlen dir einfach die Worte. Ich weiß nicht, was sich die Leute da denken. Wir sind Fußballer und da wechselst du auch deinen Arbeitgeber. Das ist im normalen Leben ja nicht anders, außer dass es hier in der Öffentlichkeit passiert und Emotionen dabei sind. Wenn man sich sportlich und finanziell verbessert, dann weiß ich nicht, was das Problem ist. Wenn jemand Maurer ist und eine andere Firma sagt ihm, er könnte einen besseren Posten bekommen und er verdient dementsprechend, dann wird er auch nicht sagen: Das mache ich nicht, ich bleibe bei meiner alten Firma, denn die ist die beste. Jeder Mensch wird sich in jeder Hinsicht verbessern wollen. So sehe ich keinen großen Grund, warum man sich da so aufregen muss. Ich kriege es logischerweise mit. Das Traurige ist, dass du einen Monat zuvor der gefeierte Held bist und dann der größte Söldner und Judas, den es gibt. Die Rapid-Fans sind geil, wenn sie die Mannschaft unterstützen. Da gibt es in Österreich nichts Besseres. Deswegen finde ich es schade, dass einige solche Mittel ergreifen mussten.

LAOLA1: Die Kritiker hast du nach deinem Wechsel zu Salzburg im Herbst verstummen lassen.

Sabitzer: Ich muss ehrlich sagen, dass ich innerlich etwas Genugtuung verspüre. Man hat immer wieder gehört, dass ich sowieso nicht spielen und untergehen würde. Ich denke, dass ich die Kritiker ruhig gestellt habe. Ich war im Herbst echt fokussiert, so dass ich es mir und allen anderen zeige. Das ist mir gelungen.

LAOLA1: Ärgert dich so eine Aussage, wie sie Peter Pacult im Herbst getätigt hat? (siehe hier)

Sabitzer: Mich hat das damals schon ein wenig geärgert. Aber wenn man sich die Zahlen im Herbst ansieht, dann hab ich diese Kritik ja ohnehin recht deutlich widerlegt. Aber dieses Thema ist erledigt.

LAOLA1: Admira, Rapid, Salzburg – es ging kontinuierlich nach oben. Du bist von Leipzig verliehen, willst du Sommer nach Deutschland oder eilt das nicht?

Sabitzer: Über dieses Thema kann ich noch nicht wirklich etwas sagen. Ich habe in Leipzig Vertrag und jener in Salzburg endet im Sommer. Was passieren wird, wird sich wohl im März oder April entscheiden. Mit mir hat noch keiner darüber gesprochen, ich konzentriere mich auf Red Bull Salzburg.

LAOLA1: Du hast früh alleine gewohnt und hast mit 20 einiges zu erzählen. Bist du auch ein Leader-Typ?

Sabitzer: Oft hat es nicht mit Erfahrung zu tun. Manche brauchen es, als Führungsperson zu gelten. Andere spielen zehn Jahre Bundesliga und wollen im Hintergrund bleiben. Ich will einfach nur zu 100 Prozent gewinnen, weil ich nicht verlieren kann. Dann sage ich auf dem Platz schon auch Dinge, weil ich eigentlich nicht der Typ dafür bin. Ich werde mich nie wohin stellen und sagen, ich bin hier nun der Führungsspieler. Dafür gibt es auch andere Personen. Aber wenn es sein muss, sage ich etwas.

LAOLA1: Ich kann mich diesbezüglich noch an unser Gespräch in Malmö erinnern. Da ging es unter anderem auch um die hitzige Atmosphäre, die manche Spieler mehr mitgenommen hatte als andere.

Sabitzer: Es gibt Spieler, die beeinflusst das, andere nicht. Bei Rapid habe ich Erfahrungen gemacht, da war jedes große Spiel mit großen Emotionen verbunden. Gegen Austria und Salzburg war rausgehen, fighten und gewinnen angesagt. Für mich ist das normal und in mir drin. Damals habe ich auch nichts gegen einen Mannschaftskollegen gesagt, sondern allgemein gemeint, dass wir uns als Team die Schneid abkaufen haben lassen. Das war so.

LAOLA1: „Was will Malmö in der Champions League?“ war in diesem Gespräch ein im Nachhinein heiß diskutierter Sager in Fußball-Österreich.

Sabitzer: Das war damals natürlich in der Emotion. Aber viele wollen ja scheinbar Leute, die nichts mehr sagen. Wenn dann einer einen raushaut, dann sagt jeder: Was will der eigentlich? Der ist ja erst 20, bla bla bla. Wenn ich glaube, das sagen zu müssen, dann sage ich das und fertig. Im Nachhinein habe ich mir auch einmal gedacht, vielleicht hätte ich das nicht gesagt. Aber ein halbes Jahr später spricht ja auch keiner mehr darüber.

LAOLA1: Das zu sagen, was man denkt, hast du wohl auch von deinem Vater sowie von Didi Kühbauer auf den Weg mitbekommen, oder?

Sabitzer: Mein Vater war als Spieler auch ein Kerzengerader, das weiß man. Er hat das gesagt und gemacht, was er sich gedacht hat. Für Didi Kühbauer gilt dasselbe. Er kann dir auch mal ins Gesicht sagen: „Heast, Depperter, wos is mit dir?“. Das ist Geradlinigkeit, die auch nicht mehr viele Menschen besitzen.

 

Das Interview führte Bernhard Kastler

Mehr zum Thema Zum Seitenanfang»