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Im Paradies

Es war mehr als ein Trostpreis.

Nach dem „Unspiel des Jahres“ von Malmö und dem geplatzten Traum der Champions League, hielt sich die Vorfreude auf die Europa League bei Red Bull Salzburg naturgemäß in Grenzen.

Doch die Glücksfee bescherte dem österreichischen Meister mit Celtic Glasgow ein Los, das vom Schmerz und Trauer über das Verfehlen des großen Saisonziels zumindest etwas hinwegtröstete.

Vorfreude bei Rangnick und Co.

Schließlich ist der Celtic Park eine der kultigsten Adressen im Fußball überhaupt, mitunter auch Schauplatz des ältesten Derbys der Welt („Old Firm“) und bietet britische Kick-Atmosphäre pur.

„Ich werde zum ersten Mal in meiner ganzen Laufbahn dort sein. Alles, was ich bisher darüber gehört habe, klingt schon einzigartig. Da können sich die Jungs darauf freuen“, ist auch Sportchef Ralf Rangnick schon voller Vorfreude auf den Flair am Donnerstagabend (21:05 Uhr).

Seinen Spielern geht es nicht anders. „Das ist für jeden von uns ein großes Highlight. Als die Auslosung feststand, war es das Spiel, auf das wir alle heiß waren“, sagt Kevin Kampl, der mit Slowenien zuletzt in einer anderen Fußball-Kathedrale, dem Wembley, mit 1:3 England unterlag.

Nach Rooney kommt Red Bull

Jenes England gewann wiederum erst vor einer Woche den Klassiker gegen Schottland mit 3:1, Wayne Rooney erzielte zwei Tore und schlug auch sein Rad vor der Kulisse in Glasgow. 50.000 von 60.000 möglichen Zuschauer waren da, gegen Salzburg werden es an die 40.000 sein.

In der EM-Qualifikation gegen Irland war das Stadion voll. Die Schotten gewannen durch einen wunderschön herausgespielten Corner per Tor von Shaun Maloney nach Assist von Celtic-Kapitän Scott Brown und wahrten damit die Chancen auf eine erfolgreiche Teilnahme in Frankreich.

„Wenn du eine große europäische Nacht dort schon erlebt hast, verstehst du die Einzigartigkeit, die der Celtic Park ermöglicht“, schrieb etwa die „Daily Mail“ zuletzt über die Arena, die es seit 1892 gibt und die 100 Jahre später renoviert wurde. Der Rekordbesuch soll bei 83.500 liegen.

Die Celtics-Fans waren 2009 auf Rapid nicht gut zu sprechen

Der Celtic Park liegt in Parkhead, in einem östlichen Stadtteil der 600.000-Einwohner-Stadt Glasgow, der größten Schottlands und drittgrößten des Vereinigten Königsreichs. Nachdem die Abstimmung im September negativ ausfiel, ist Schottland auch weiterhin ein Teil davon.

2014 fanden passenderweise die Commonwealth Games in Glasgow sowie dem Celtic Park statt, deswegen wichen „The Bhoys“ für ihr CL-Quali-Heimspiel gegen Legia Warschau in die Hauptstadt nach Edinburgh aus. Das Spiel ging nach Legias Wechselfehler 3:0 anstatt 0:2 aus.

„Ärger im Paradies“

Die Mannschaft des norwegischen Trainers Ronny Deila stieg zwar am grünen Tisch dank Auswärtstorregel auf, schied aber nach einem 0:1 im Celtic Park gegen Maribor im Playoff aus.

Indiz genug, um zu wissen, dass sich Celtic mit seinem neuen Coach (LAOLA1-Portrait) in dieser Saison im Umbruch befindet und wie Dinamo Zagreb schon bessere Zeiten erlebt hat.

Ärger im Paradies gibt es aktuell weniger, konnte man doch die letzten fünf Liga-Spiele für sich entscheiden, führt mit einer Partie weniger die Tabelle an und hat auch in der Europa League die besseren Karten als Dinamo Zagreb auf den Aufstieg. Salzburg hat diesen schon in der Tasche.

„Paradise“ nennen die Celtic-Fans auch ihre Arena. Im Kontext eines österreichischen Vereins gab es aber schon einmal wirklich „Ärger im Paradies“. Vor fast genau 30 Jahren trafen sich Celtic und Rapid in Glasgow zum Rückspiel des Achtelfinal-Duells im Cup der Cupsieger (Hinspiel: 3:1).

Celtic ist auf Österreich nicht gut zu sprechen

Die Partie wurde mit 0:3 aus Sicht der Wiener abgebrochen. Rudolf Weinhofer war zu Boden gegangen und gab an, von einem Wurfgeschoß getroffen worden zu sein. Der Mittelfeldspieler verließ Parkhead mit einer Platzwunde am Kopf. Fußball-Schottland sprach von einer Inszenierung und berief sich stets auf TV-Bilder. In Österreich wird dieser Abend freilich anders gesehen.

„Er ist getroffen worden, das ist Fakt. Wir wollten abtreten, aber unser Präsident hat gesagt, wir müssen weiterspielen, sonst werden wir gesperrt. Also haben wir unter Protest weitergespielt“, erzählte später Hans Krankl, der ob der gehässigen Partie auch dem schwedischen Schiedsrichter Johansson die Schuld gab: „Er war viel zu schlecht und der ganzen Atmosphäre nicht gewachsen.“

Das Wiederholungsspiel fand im Old Trafford statt, Rapid gewann durch ein Tor von Peter Pacult, der später am Weg in die Katakomben niedergetreten wurde. „Das war das einzige Match in meiner Karriere, wo ich wirklich Angst gehabt habe. Man hat den Hass der Leute gesehen“, so Krankl.

Als Rapid 2009 in der Europa-League-Gruppenphase in den Celtic Park zurückkehrte, war es vor der Partie das bestimmende Thema. „Cheaters“ und „Unforgiven“ hatten die Celtic-Fans per Banner ihre Gegenüber wissen lassen. Die damals rund 3000 mitgereisten Wiener zeigten sich von ihrer besten Seite: gesangstark. Mario Sonnleitner hätte es wohl „europäische Weltklasse“ bezeichnet.

Salzburg will für ÖFB-Premiere sorgen

Celtic hat dennoch in Glasgow noch nie gegen einen österreichischen Gegner verloren (zwei Siege, ein Remis) und die alten Wunden sind noch immer nicht geheilt. „Es wäre gut für Celtic, einen österreichischen Klub zu schlagen. Das war eine Farce damals“, hofft Ex-Spieler Willie McStay.

Mit Salzburg kommt allerdings ein Kaliber in den Celtic Park. Die „Bullen“ sicherten sich wie vergangene Saison bereits nach Spieltag vier den Aufstieg und das durch ein 5:1 in Zagreb.

Salzburg, das von 300 Fans nach Schottland begleitet wird, hat die meisten Tore erzielt und in dieser und der vergangenen Saison kein Auswärtsspiel in der Europa-League-Gruppenphase verloren. Bis auf das Remis in Basel im Achtelfinale gab es überhaupt nur Siege in sieben Partien.

In Schottland hat überhaupt noch nie ein ÖFB-Klub gewonnen. Bei 13 Versuchen setzte es zudem zwölf Niederlagen. „Wir könnten die erste Mannschaft sein, die das schafft und unser Ziel ist es auch, alles klar zu machen“, gab Trainer Adi Hütter beim Abflug nach Schottland als Ziel aus.

Die Vorteile des Gruppensieges

Der Gruppensieg als Konsequenz bringt freilich Vorteile: Wie vergangene Saison würde man gesetzt sein und nicht auf andere Gruppensieger oder die stärksten CL-Dritten treffen. Zudem hätte man im Rückspiel Heimrecht. Das hatten die „Bullen“ etwa im CL-Playoff noch nie.

Doch da wartet im Celtic Park, eines der drei Prachtarenen neben dem westlich gelegenen Ibrox Stadium (Rangers/51.000) und dem südlicheren Hampden Park (Nationalstadion/52.000), einiges an Arbeit. „Es ist eine spielerische Mannschaft, eine untypisch britische mit sehr guten Spielern“, sagte Hütter bei der Abschluss-Pressekonferenz. „Für Celtic geht es um alles, wir wollen Platz eins.“

Der Coach, der sich zwischen dem wieder fitten Alan und Marcel Sabitzer im Sturm entscheiden wird sowie Christian Schwegler zurück auf der Bank hat, glaubt nicht, dass Celtic blind anlaufen wird, man müsse aber vor allem auf die Flanken aufpassen. „Wir brauchen ein perfektes Spiel.“

Die Hausherren werden kämpfen wie die Löwen, vielleicht gar wie die „Lisbon Lions“, jene Kultruppe, die 1967 als erste britische Mannschaft das Triple holte – inklusive Meistercup per 2:1 gegen Inter Mailand. Jimmy Johnstone und Trainer Jock Stein sind heute Denkmäler in Parkhead.

400. Old Firm steht bald an

Der von Bruder Walfrid, ein irischer Mönch, anno 1887 gegründete Klub ist katholisch, Erzrivale Rangers, nach Zwangsabstieg mittlerweile wieder Zweitligist, protestantisch. Dort durften bis 1989 nur Protestanten spielen, während bei Celtic Konfessionen weniger eine Rolle spielten.

Der 45-fache Meister wird Ende Jänner endlich wieder auf die Rangers (54-facher Rekordmeister) treffen, das 400. Duell wird im Liga Cup ausgetragen. Ein Wiedersehen von Erzrivalen, das Freude machen wird, denn die beiden vermissen sich offensichtlich sehr, zumindest was die Duelle angeht.

„Wir werden wohl noch ein Jahr brauchen, bis wir wieder da sind“, sagt ein Rangers-Fan ob des Rückstandes von neun Punkten auf Hearts in der Tabelle der Championship.

Da hat es Salzburg gut, schon am Donnerstag steht das Duell an. „Ich freue mich sehr darauf, ich habe mir gleich auch YouTube-Videos angesehen“, stimmte sich Stefan Ilsanker zurecht ein.

Alle mit ins Paradies

Die UEFA platzierte auf ihrer Tour den Sieger-Pokal vor dem legendären Park. Vielleicht auch ein gutes Zeichen.

Es wird „You'll never walk alone“ erklingen und für Gänsehaut sorgen.

Darauf wollten auch die verletzten Salzburger Kaderspieler nicht verzichten, bis auf Isaac Vorsah sind alle mit in Glasgow, auch die Ehefrauen und Freundinnen der Spieler.

Als erster fragte Andreas Ulmer, ob er auch mitkönnte. Der Linksverteidiger ist gelbgesperrt.

Die Chance auf das Paradies lässt man eben ungern aus.

 

Bernhard Kastler

 

Celtic Glasgow - Red Bull Salzburg 
Glasgow, Celtic Park, 21.05 Uhr, SR Halis Özkahya/TUR

Celtic: Gordon - Matthews, Denayer, Van Dijk, Izaguirre - Brown, Kayal - Forrest, Johansen, Wakaso - Scepovic

Ersatz: Zaluska - Ambrose, Mulgrew, Tonev, Griffiths, McGregor, Commons, Stokes

Es fehlt: Lustig (Oberschenkelverletzung), Guidetti (nicht spielberechtigt)

Salzburg: Gulacsi - Ankersen, Ramalho, Hinteregger, Schmitz - Ilsanker - C. Leitgeb, Bruno, Kampl - Soriano, Alan

Ersatz: Walke - Schwegler, Keita, Caleta-Car, Laimer, Sabitzer

Es fehlen: Schiemer (Beckenverletzung), Ulmer (gesperrt), Quaschner (Muskelbündelriss im Oberschenkel), Berisha (nach Kreuzbandriss), Rodnei (Adduktorenprobleme), Vorsah (Knieverletzung), Lazaro (Muskelverletzung)

Parallelspiel: Astra Giurgiu - Dinamo Zagreb (21.05 Uhr MEZ)


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