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"Irres Potenzial wird in keinster Weise ausgeschöpft"

Von 2008 bis 2010 genoss Gerhard Hitzel als Akademieleiter bei Lokomotiv Moskau einen Einblick in den russischen Fußball.

Trotz des theoretischen personellen Potenzials eines 143-Millionen-Einwohner-Volkes ist der Erfolg in Sachen rundes Leder bestenfalls ein wechselhafter.

Das hat für Hitzel, der jahrzehntelang in Diensten des ÖFB stand und dort vor seinem Abgang die Trainerausbildung leitete, gute Gründe, die er im LAOLA1-Interview nennt. Zudem spricht er über Sturms Europa-League-Gegner, seine Entführung 2009 und Teamchef-Kandidat Franco Foda.

LAOLA1: Wie sind Ihre Erinnerungen an die Zeit bei Lokomotiv Moskau?

Gerhard Hitzel: Ich war rund zweieinhalb Jahre für die Akademie zuständig, und zu Beginn mit Rashid Rachimow und Alfred Tatar auch bei der Kampfmannschaft hautnah dabei. Moskau war sehr teuer und vom Verkehr her problematisch, aber zum Arbeiten war es aus meiner Sicht sehr sehr gut.

LAOLA1: Wie darf man sich die Arbeitsbedingungen vorstellen?

Hitzel: Ich habe von den Einheimischen, die für den Verein gearbeitet haben, sehr großen Respekt entgegengebracht bekommen, hatte jede Unterstützung, wenngleich es bei den älteren Trainern deutlich war, dass sie Neuerungen abwartend bis blockierend gegenüber gestanden sind. Die jungen Kollegen wiederum waren irrsinnig aufgeschlossen und wissbegierig. Sie haben aufgesaugt, was es im Westen Neues gibt. Es gab also zwei Fronten. Die alte Garde, die gesagt hat: „Wir sind gut genug, wir brauchen niemanden aus dem Ausland“, beziehungsweise die Jüngeren, die gesehen haben, dass der Spitzen-Fußball woanders als in Russland gespielt wird.

LAOLA1: Hatten Sie keine Chance, diese Herangehensweise zu ändern?

Hitzel: Ich musste in meiner Akademie gegen Widerstände anrennen, dass diese Leute von Anfang an spielen – das war ein Kampf, und ich bin sicher, dass es vergeblich war. Denn nach meinem Abgang wird es im alten Trott weitergegangen sein – mit lauter Spielern, die 90 Minuten rennen, reinhauen und kämpfen, eben Spieler, die im Moment für die Mannschaft wertvoller sind, obwohl die anderen für die zukünftige Entwicklung mehr Potenzial haben, da viel größere Ressourcen drinnen sind. Und das ist bei allen Vereinen so. Die Trainer sind nur auf den Endzweck, sprich den Sieg, bedacht.

LAOLA1: Talente mit kreativem Potenzial gäbe es vermutlich genügend.

Hitzel: Sicher, sie haben ja talentierte, kreative Spieler, aber die bleiben auf der Strecke. Oft sind es Spieler mit dunklerer Hautfarbe, die aus dem Kaukasus kommen. Die Leute aus dem Kaukasus sind in Moskau jedoch zweite Garnitur, das muss man leider so sagen. Gegen die gibt es einen vehementen Affront, man sagt, sie hätten nichts im Hirn, sie seien dumm. Aber das sind kreative Typen.

LAOLA1: In der Liga ist genügend Geld vorhanden. Ist das ein Mitgrund, warum gerade die Kreativpositionen gerne mit Spielern aus dem Ausland besetzt werden?

Hitzel: Die großen Vereine kennen diesen Mangel natürlich und füllen diese Positionen mit Leuten aus dem meist südlichen Ausland – sprich Südeuropa und natürlich Südamerika, dort vor allem mit Brasilianern. Das ist bei Lok nicht anders. Jede Spitzenmannschaft hat ihre Schlüsselpositionen mit Spielern aus diesen Ländern abgedeckt.

LAOLA1: Wir wissen, wie schwer es in Österreich ist, Strukturen zu verändern. Russland ist um vielfaches größer. Klingt so, als würde es noch dauern, bis ein Umdenken einsetzt…

Hitzel (schmunzelt): Natürlich, vor allem, wenn man noch nicht angefangen hat. Vielleicht hat man in den letzten ein, zwei Jahren angefangen, ich glaube es aber nicht. Ich weiß auch nicht, wer das Umdenken initiieren sollte. Ich bin eher skeptisch.

LAOLA1: Der russische Fußball lebt stark von potenten Geldgebern, und Mäzene wollen Stars sehen. Ein Problem?

Hitzel: Jeder Spitzenklub hat einen Sponsor, der das große Geld hergibt. Bei Lokomotiv war es eben ein Staatsbetrieb, das Ministerium. Aber alle anderen haben einen Mäzen, der alles zahlt. Aktuell kauft Anschi Machatschkala aus dem Kaukasus mörderisch ein, zum Beispiel Roberto Carlos oder Samuel Eto’o. Ich will aber nicht sagen, dass in Russland nichts für den Nachwuchs getan wird. Es wird etwas getan, allerdings mit einer falschen Ideologie. Ich meine, die Akademie von Lok war großartig. Da waren 250 Leute drinnen, es gab ein Internat mit eigener Schule, die mit den staatlichen Schulen überhaupt nichts zu tun hatte. Das war eine Privatschule mit eigenen Lehrern und Räumlichkeiten, vergleichbar mit Stams – das ist schon toll. Die Trainingsanlagen waren in Ordnung. Es wird also schon etwas gemacht, aber das Wichtigste ist die Philosophie, und da hängen sie.

LAOLA1: Österreich hat nicht viele Trainer im Ausland. Kann man gewisse Skepsis auch damit begründen, dass der österreichische Fußball einen nicht so großen Stellenwert hat?

Hitzel: Das sehe ich auch so.

LAOLA1: Wo würden Sie Lok unter den Vereinen in Russland einordnen?

Hitzel: Lokomotiv gehört zu den traditionellsten Vereinen, hat eine große Anhängerschaft. Der Klub ist zwar nicht in aller, aber in sehr vieler Munde – Lok ist ein Name im russischen Fußball. Da es der Eisenbahnerverein war, ist er also eher dem Bereich Arbeiterverein zugeordnet.

LAOLA1: Vom russischen Fußball heißt es seit Jahren, er sei ein schlafender Riese. Zwischenzeitlich gab es auch einige Achtungserfolge. Wie sehen Sie die Entwicklung?

Hitzel: Es ist ein schlafender Riese, allerdings einer, der sehr, sehr tief schläft. Ich habe an der Basis im Nachwuchs gearbeitet: Russland hat ein irres Potenzial, das jedoch in keinster Weise auch nur annähernd ausgeschöpft wird.

LAOLA1: Woran liegt das?

Hitzel: Interessant ist folgendes: Man kann die Nachwuchsarbeit ungefähr daran messen, wie viele junge Spieler im Ausland tätig sind, denn gerade die europäischen Spitzenklubs gieren ja nach jungen, talentierten Spielern für hohes Niveau – und es ist kaum ein junger, russischer Spieler im Ausland. Und das ist schon ein Parameter. Aus meiner Sicht krankt es in Russland in höchstem Maß an der Förderung der Kreativität. Es wird unheimlich viel im körperlichen und anaeroben Bereich gearbeitet, und das tötet die Kreativität. Talentierte, kreative Spieler, die logischerweise in der Regel körperlich schwächer sind, haben eigentlich keine Chance, dass sie sich entwickeln können, weil im Nachwuchs das Resultat an erster Stelle steht.

LAOLA1: Im Dezember 2009 haben Sie hierzulande für Schlagzeilen gesorgt, weil sie entführt wurden. Was ist passiert?

Hitzel: Es war eine klassische Entführung - wie im Film! Ich bin aus der U-Bahn rausgekommen, zwei Leute haben mich geschnappt und in ein Auto gezerrt. Wir sind eineinhalb Stunden durch Moskau gefahren. Dann sind wir auf einen Parkplatz gefahren. Sie sind ausgestiegen, haben mir Augen, Mund, Hände und Füße mit einem Plastikband verbunden und haben mich im parkenden Auto sitzen lassen.

LAOLA1: Der Schreck Ihres Lebens?

Hitzel: Die eineinhalb Stunden waren ein Wahnsinn, wenngleich ich in der letzten halben Stunde das Gefühl hatte, dass sie mir nichts tun werden. Aber bis dahin war für mich alles möglich. Dann haben sie jedoch gesagt, ich soll mich beruhigen. Da habe ich gemerkt, dass es wahrscheinlich okay gehen wird.

LAOLA1: Hat diese Entführung den Entschluss, nach Österreich zurückzukehren, beschleunigt?

Hitzel: Beschleunigt würde ich nicht sagen. Der Verein hat einen massiven Druck von Seiten der FIFA und der UEFA gekriegt, auch der ÖFB hat bei den entsprechenden Stellen des Außenministeriums sehr stark interveniert. Der Verein hat dann eine Lösung mit mir gesucht, allerdings erst drei oder vier Monate später.

LAOLA1: Wie schätzen Sie Sturms Chancen im Heimspiel gegen Lok ein?

Hitzel: Lokomotiv hat sich in letzter Zeit personell sehr stark verändert, vor allem mit einem neuen Trainer, den ich sehr schwer einschätzen kann. Mit dem früheren russischen Trainer, der bis zum Sommer im Amt war, hätte ich Sturm große Chancen gegeben. Jetzt ist es schwer zu sagen, auch weil sie einige neue Spieler bekommen haben, aber die Chancen sind auf jeden Fall intakt.

LAOLA1: Sie haben Jahrzehnte beim ÖFB gearbeitet, Sturms Trainer Franco Foda gilt als Favorit auf den Teamchef-Posten. Was würden Sie von dieser Lösung halten?

Hitzel: Er wäre eine sehr gute Lösung. Er hat bewiesen, dass er eine Mannschaft formen kann – und das ist die Hauptaufgabe im Nationalteam. Das hat er bei Sturm Graz wirklich hervorragend gemacht, da kann man nur den Hut ziehen. Außerdem arbeitet er schon sehr lange in Österreich, hat einst im Nachwuchs begonnen, er kennt den österreichischen Fußball also.

LAOLA1: Wie stehen Sie eigentlich Aussagen von einzelnen Spitzen-Funktionären, dass es egal sei, ob der Teamchef Maier oder Huber heißt, gegenüber?

Hitzel: Ich würde sagen, dass wir eine sehr gute Mannschaft haben. Der ÖFB hat ein Ziel erreicht - nämlich viele Spieler ins Ausland zu bringen, um sie dann als Nationalspieler zurückzubekommen. Dieses Ziel ist größtenteils erreicht, wenn man sich die Mannschaft anschaut. In dieser Richtung hat der ÖFB sicher einen Schritt vorwärts gemacht. Und jetzt wird es an der Zeit sein, diese vorhandenen Ressourcen zu nützen. Das ist bisher nicht gelungen, aber ich kann mir vorstellen, dass das in absehbarer Zeit Früchte tragen wird.

Das Gespräch führte Peter Altmann

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