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Das "Reinheitsgebot" von Athletic Bilbao

Bilbao liegt im Baskenland.

Die Fußballer des Athletic Club sind demnach Basken.

Was als logische Schlussfolgerung anmutet, stellt in Wirklichkeit ein nahezu einzigartiges Phänomen im modernen Fußball dar.

Im Kader des Sechstplatzierten der letztjährigen „La Liga“-Saison finden sich keine Ausländer.

Nach dem 2:2 im Hinspiel steht Red Bull Salzburg, in dessen Reihen sich Spieler aus 14 verschiedenen Nationen befinden, auch am Donnerstag (ab 19:00 Uhr im LIVE-Ticker) wieder die inoffizielle baskische Nationalmannschaft gegenüber.

Angesichts des zweiten Duells beantwortet LAOLA1 vier Fragen, die sich dem einen oder anderen nach dem Hinspiel gestellt haben. 

Wer ist ein Baske?

Da sich im Team von Marcelo Bielsa allerdings mit Fernando Amorebieta auch ein venezolanischer Teamspieler befindet, wird klar, dass der Terminus „Baske“ nicht klar definiert ist.

Der 26-jährige Abwehrchef wurde in Cantaura in Venezuela geboren, das nach eigenen Angaben aber eher zufällig. Bereits als Zweijähriger verließ er mit seinen aus dem Baskenland stammenden Eltern Südamerika wieder Richtung Heimat. Danach dauerte es 20 Jahre, ehe der ehemalige Nachwuchsspieler Spaniens ins Land seiner Geburt zurückkehrte.

Fälle wie den von „La Grulla“ (Der Kranich), wie Amorebieta von den Fans genannt wird, finden sich in der Geschichte von Athletic zuhauf.

Mal reicht ein baskischer Großvater aus, um den Ansprüchen gerecht zu werden, mal bedarf es einer gefälschten Geburtsurkunde. Auf der anderen Seite kam etwa der im kastilischen Medina de Pompar geborene Chus Pereda in den 50er Jahren nicht für den Klub in Frage, obwohl er sogar Kapitän der U16-Auswahl der baskischen Provinz Biskaia war.

Was ist das Baskenland?

Um zu erörtern, wer Baske ist, muss man wissen, was als Baskenland angesehen wird.

Gemäß dem Verständnis der Klubführung zählen neben der spanischen Provinz Pais Vasco (Baskenland) auch die Regionen Navarra (mit der Hauptstadt Pamplona und dem bekannten „La Liga“-Klub Osasuna) und La Rioja zum Hoheitsgebiet.

Darüber hinaus wird auch ein nicht unbeachtlicher Teil Südwest-Frankreichs zur Kulturnation Baskenland gerechnet. Aus dieser Region, genauer gesagt aus dem kleinen Ort Saint-Jean-de-Luz, stammt etwa Bixente Lizarazu. Der französische Ex-Weltmeister und jahrelange Bayern-Profi lief in der Saison 1996/97 für Bilbao auf.

Als einigendes Band zwischen den verschiedenen Provinzen dient die baskische Sprache, über deren Herkunft im Übrigen immer noch gerätselt wird. Das von auffällig vielen „k“ und „z“ dominierte Idiom ist mit keiner bekannten Sprache der Welt verwandt.

War das schon immer so?

Dass die Kultur-Politik einen derart großen Einfluss auf einen Fußballverein hat, erklärt sich aus der Geschichte Spaniens und dem Bedeutungsgewinn der Baskischen Nationalpartei.

In den Anfangsjahren des 1898 gegründeten Vereins fanden sich nämlich noch jede Menge „Ausländer“, allen voran Briten. 1911 wurde Athletic gar der spanische Pokalsieg aberkannt, da andere Teams gegen die eingesetzten Legionäre Protest eingelegt hatten.

Der aufkommende baskische Nationalismus sorgte danach für eine Homogenisierung des Spielerkaders und die Einführung des ungeschriebenen Gesetzes, fortan nur noch Basken einzusetzen.

Ist das legal?

Was guten Grundes von Kritikern als Rassismus bezeichnet werden kann, ist ein Vorsatz, an den sich die Klubführung seit nunmehr 100 Jahren hält, aber kein offizielles Vereinsstatut. Weltweit gibt es mit Chivas Guadalajara (Mexiko) und CD Saprissa (Costa Rica) noch zwei weitere Vereine, die eine ähnliche Philosophie verfolgen.

Die „Fußballerische Apartheid“, wie der baskische Journalist Patxo Unzueta die „Basques only“-Politik einst genannt hatte, lässt sich also nicht verbieten. Man mag es sehen, wie man möchte, aber sportlich betrachtet gebührt Athletic Bilbao höchster Respekt.

Wo anderorts Vereine ihr Vertrauen auf die eigene Jugend betonen, ist man im Nordosten Spaniens vielmehr dazu verpflichtet. Bei knapp 2,7 Millionen Basken, von denen nur wenige als potentielle Spieler in Frage kommen, ist es beeindruckend, dass seit der Ligagründung 1928 stets die oberste Spielklasse gehalten werden konnte.

Obwohl der Klassenerhalt allein nicht Anspruch eines Klubs sein kann, der bereits acht Mal Meister und unglaubliche 23 Mal Pokalsieger geworden ist.

Und der auch dieses Jahr seine Traditionen auf der großen europäischen Fußballbühne präsentiert.

 

Christian Eberle

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