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"Gegen Karim zu spielen, war nicht mehr lustig"

Solche Geschichten schreibt nur der Fußball.

Eine Männerfreundschaft, die vor rund 15 Jahren auf den Bolzplätzen Bremens ihren Anfang nahm, findet am Donnerstag im EL-Gruppenspiel zwischen Rapid und Bayer Leverkusen ihre Fortsetzung – unterbrochen durch 90 Minuten der Rivalität.

Die Begeisterung für das runde Leder ließ Stürmer Terrence Boyd und Offensivspieler Karim Bellarabi zu Freunden fürs Leben werden. An der Weser aufgewachsen, bahnten sich beide Profis auf unterschiedliche Weise ihre Wege in den Spitzenfußball.

Trotz ihres jungen Alters haben sie bereits einige Schritte in die richtige Richtung gemacht. Bellarabi avanciert bei Leverkusen zum Stammspieler und schaffte erst kürzlich mit der deutschen U21 die EM-Qualifikation. Boyd ist bei Rapid gesetzt und seit diesem Jahr frischgebackener US-Teamspieler.

Im großen LAOLA1-Doppelinterview enthüllen die beiden Bremer Jungs Details aus der Jugend, sprechen über Parallelen sowie Unterschiede und über früh ersichtliche Qualitäten des jeweils anderen.

LAOLA1: Euch verbindet eine langjährige Freundschaft. Wie würdet ihr euer Verhältnis beschreiben?

Karim Bellarabi: Das ist eine lustige Geschichte. Ich kenne Terrence schon lange, wir haben uns durch den Fußball kennengelernt. Früher waren wir halt eher Gegner und haben uns immer bei den Spielen gesehen. Wir kommen ja beide aus Bremen, er aus dem Norden, ich aus der Stadt. Ich habe ihn immer beobachtet und er war auch schon immer ein Freund. Wir haben uns immer super verstanden und auch einmal was unternommen. Irgendwann bin ich raus aus Bremen, da hat mich sehr gefreut, dass Terrence zur Hertha gewechselt ist. Ich habe ihn dann auch zufällig im Zug getroffen, wenn ich von Braunschweig und er von Berlin heimgefahren ist. Man hat immer den Weg des anderen verfolgt.

Terrence Boyd: Wir haben ein enges Verhältnis, sind beide in Bremen aufgewachsen, haben aber nie miteinander gespielt. Seit letztem Jahr haben wir den selben Spielerberater. Wir haben beide immer verfolgt, was der andere so tut. Es war richtig krass, als er vorletztes Jahr auf einmal in Braunschweig bei den Profis gespielt hat. Dann hat ihn die halbe Bundesliga gejagt, als er sie in die zweite Liga geschossen hat. Jetzt bei Leverkusen hat er auch schon gelernt und hineingeschnuppert. Ich freue mich, dass es bei ihm so gut läuft und er anfängt, richtig Radau in der Bundesliga zu machen.

LAOLA1: Konntest du Terrences Wechsel zu Rapid nachvollziehen? Österreich wird in Deutschland doch immer ein bisschen belächelt.

Bellarabi: Ich fand seinen Wechsel super. Rapid Wien ist ein super Verein, der in Österreich immer oben mit dabei ist. Jeder in Deutschland kennt Rapid. Er hat davor in Dortmund gespielt, wo es natürlich schwer ist, den Sprung nach oben zu schaffen, weil sie eine ganz starke Mannschaft haben. Von daher ist das schon verständlich. Ich finde es super, dass er jetzt in Wien spielt, das ist 1. Liga in Österreich, das ist was Großes. Rapid ist auch kein kleiner Verein. Es ist eine superschöne Stadt und es wird auch für uns nicht einfach.

LAOLA1: Terrence, wie positiv siehst du Karims Entwicklung?

Boyd: Wenn er genauso weiter arbeitet, mache ich mir überhaupt keine Sorgen. Er wird auf jeden Fall Stammspieler in der Bundesliga. Und ins deutsche U21-Nationalteam kommt man auch nicht einfach so. Von der Qualität, dem Einsatz und dem Willen, den er hat, wird er seinen Weg aber auf jeden Fall gehen. Er wird auch kein 08/15-Profi werden, sondern einer, der den Unterschied machen wird.

LAOLA1: Seid ihr von Grund auf ähnliche Typen – sportlich als auch privat?

Bellarabi: Ich glaube, wir sind von der Art her schon ähnliche Typen und ähnlich drauf. Wir haben sehr ähnliche Ansichten von der Welt. Fußball ist für uns beide das Leben. Wir freuen uns jeden Tag aufs Neue auf Fußball. Ich kann mir ein Leben ohne Fußball gar nicht mehr vorstellen. Das ist bei ihm genau das Gleiche. Das hat uns auch andere Perspektiven im Leben aufgezeigt. Durch den Fußball kann man halt viele Wege gehen.

Boyd: Auf jeden Fall. Wir sind beide Typen, die viel erreichen wollen. Wir wissen zwar, dass wir es uns auch mal gut gehen lassen und feiern können, aber nur wenn es wirklich läuft, wenn du auch auf dem Platz überzeugst, Gas gibst und immer hundert Prozent gibst. Da lehnen wir uns nicht zurück. Es bringt nichts, wenn wir jetzt sagen, wir haben schon was geschafft, dann war’s das. Dann werden wir uns nicht weiterentwickeln. Auch abseits des Platzes ticken wir ähnlich.

LAOLA1: Der Fußball hat in euer Freundschaft aber schon immer eine zentrale Rolle gespielt, oder?

Bellarabi: Die Liebe zum Fußball hat uns schon immer verbunden. Aber wir haben uns auch privat verstanden, auch wenn er immer woanders gespielt hat. Er war damals in Berlin, ich in Braunschweig. Da konnte man sich nicht so oft sehen. Damals war er in Bremen Nord, ich in Bremen. Wir waren immer getrennt, auch als er in Dortmund war und jetzt in Wien und ich bin immer noch in Leverkusen. Da ist immer eine Entfernung gewesen.

LAOLA1: Waren schon in der Kindheit jene fußballerischen Qualitäten zu erkennen, die den anderen heute ausmachen?

Bellarabi: Ich wusste, dass er ein Riesen-Talent hat. Ich habe gesehen, dass der Junge uns körperlich immer einen Schritt voraus war. Er ist körperlich sehr gut gebaut. Als ich nach Leverkusen gegangen bin, habe ich ihm gesagt: Mch weiter, Junge. Du machst das schon, mittlerweile ist er US-Nationalspieler. Es freut mich sehr, dass es noch ein Junge aus Bremen geschafft hat, im Profi-Bereich tätig zu sein. Das ist ja schon einmal was Schönes.

Boyd: Ja, das war schon abzusehen. Wenn man gegen ihn gespielt hat, war das nicht mehr lustig. Er hatte so eine Übersicht und Spielintelligenz, ein starkes Dribbling und war sehr clever und dynamisch. Das war echt heftig. Er wusste schon vorher, was passiert und wie man das Spiel leitet. Es ist schon krass, was für eine Entwicklung er genommen hat. Man schafft es nicht mit Glück, als 22-Jähriger bei so einem Spitzenklub in der Bundesliga spielen zu dürfen. Das hat er sich erarbeitet. Da sieht man, dass er große Qualität hat.

Boyd: Wir sind beide Mischlinge. Für ihn ist es schon recht schwer, wenn man in die deutsche Nationalmannschaft will. Er wird Nationalspieler werden, da bin ich mir sicher. Bis jetzt sieht es gut aus, obwohl er auch für Marokko spielen könnte. Mein Herz hat für die USA geschlagen, deshalb bin ich froh, dass ich nach einem Jahr die Chance bekommen habe, für das A-Team zu debütieren. Ich bereue überhaupt nichts, ich würde die Entscheidung wieder treffen.

LAOLA1: Wird es ein komisches Gefühl, sich nach so vielen Jahren wieder gegenüber zu stehen oder ist die Motivation noch größer als sonst?

Bellarabi: Ich freue mich, ihn wieder zu sehen. Damals, als wir in Bremen gegeneinander gespielt haben, habe ich öfter einmal gewonnen. Das weiß ich noch. Ich denke, auch diesmal. Für 90 Minuten sind wir erst einmal Gegner. Es hat mich für Terrence sehr gefreut, dass sie die Europa League erreicht haben. Bei uns in Leverkusen muss die EL einfach das Ziel sein, wenn nicht noch höher. Ich freue mich, gegen Rapid Wien zu spielen. Sie hatten jetzt nicht den besten Start, aber trotzdem haben sie vor allem daheim ihre Qualitäten. Da müssen wir aufpassen.

Boyd: Ich bin auf jeden Fall motiviert, das wird er auch sein. Wir werden nicht sagen: Cool, wie geht’s dir, ich hoffe, du gewinnst. Da interessiert es keinen, ob wir befreundet sind oder nicht. Wenn es sein muss, hau ich ihn auch um (lacht). Nach dem Spiel werden wir Trikots tauschen, es wird die Familie, Freunde und unser Berater kommen. Wir sind schon Freunde, aber zu ehrgeizig, um dem anderen den Sieg zu schenken. Jeder wird sein Bestes geben. Ich freue mich richtig, gegen ihn zu spielen.


Die Gespräche führte Alexander Karper

LAOLA1: Du hast mit 22 Jahren geschafft, was nicht vielen gelingt: Ein Traumtor gegen Barcelona.

Bellarabi: Das Tor gegen Barcelona werde ich nicht so schnell in meinem Leben vergessen. Barcelona habe ich als kleines Kind schon immer verfolgt, schon als kleines Kind bin ich immer mit dem Trikot von Ronaldinho herumgelaufen. Dass ich überhaupt im Nou Camp spielen darf und bei 0:7 dann noch ein Tor mache, hat mich sehr gefreut. Für mich persönlich war es ein ganz besonderer Moment.

Boyd: Das Tor fand ich lustig, richtig heftig, auch wenn es bei so einem hohen Rückstand war. Da hoffe ich, dass noch viele Tore von ihm kommen werden, das war richtig stark. Da hat sogar Guardiola den Kopf geschüttelt. Ein Klasse-Tor. Sieht so aus, dass ich CL spielen muss, um das zu schaffen. Jetzt werden aber erst einmal kleine Brötchen gebacken.

LAOLA1: Ihr stammt beide aus Familien mit Migrationshintergrund – Karim, du hast dich für das deutsche Nationalteam entschieden, Terrence für die USA.

Bellarabi: Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen, spreche die Sprache perfekt, meine Mutter ist Deutsche. Ich fühle mich wie ein Deutscher und fühle mich hier in diesem Land sehr wohl. Ich bin schon mein ganzes Leben lang hier. Aber man darf nicht vergessen, dass ich auch marokkanische Wurzeln habe. Wenn ich mal dort im Urlaub bin, kommen auch Heimatgefühle auf. Aber zurzeit spiele ich für die U21 und bin jedes Mal glücklich, für Deutschland spielen zu können. Irgendwann für das A-Team zu spielen, wäre mein größter Traum.

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