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Die argentinische Eroberung Spaniens

Sie sind zu fünft.

Marcelo Bielsa bei Athletic Bilbao, Diego Simeone bei Atletico Madrid, Mauricio Pochettino bei Espanyol Barcelona, Mauricio Pellegrino bei Valencia und Hector Cuper bei Orduspor.

Sie sind die einzigen argentinischen Trainer, die in Europas höchsten Spielklassen engagiert sind.

Umso erstaunlicher, dass mit Bielsa und Simeone zwei von ihnen um den zweitwichtigsten Titel auf europäischer Klubebene, die Europa League, kämpfen. (Finale LIVE ab 20:45 Uhr bei rantv powered by LAOLA1.tv)

Dass diese beiden ebenso wie Pochettino und Pellegrino, der am Montag zum neuen Chefcoach bei Valencia bestellt wurde, in Spanien engagiert sind, überrascht hingegen weniger. Nicht zuletzt aufgrund der nicht vorhandenen Sprachbarriere haben dort argentinische Trainer eine lange Tradition.

Der „Sklaventreiber“ machte den Anfang

Angefangen hat alles mit Helenio Herrera. Sie nannten ihn den „Sklaventreiber vom Rio de la Plata“, doch der Erfolg gab ihm zunächst Recht. 1950 und 1951 durchbrach der Mann aus Buenos Aires die Vorherrschaft von Real Madrid und dem FC Barcelona, als er mit Atletico Madrid zwei Meistertitel in Folge holte.

Mit Barca fuhr er 1959 das Double und 1960 die Meisterschaft ein, ehe er sich mit Superstar Laszlo Kubala, der am längeren Ast saß, überwarf. Sein Problem mit prominenten Spielern wurde Herrera auch zum Verhängnis, als er 1962 bei der WM in Chile als spanischer Teamchef Ferenc Puskas und Alfredo di Stefano unter seinen Fittichen hatte und weit hinter den Erwartungen zurückblieb.

Doch anschließend erlangte er internationalen Ruhm als Erschaffer von „La Grande Inter“, wenngleich er sich ob seiner Defensiv-Taktik als „Totengräber des Fußballes“ bezeichnen lassen musste. Den Schlusspunkt als Trainer setzte er 1981, als er mit dem FC Barcelona die Copa del Rey holte.

Max Merkels Nachfolger

Während Herreras erster Zeit in Katalonien machte auch sein Landsmann Juan Carlos Lorenzo von sich reden. 1960 gelang ihm nach einem Durchmarsch aus der dritten Liga mit Mallorca der erstmalige Aufstieg in die höchste Spielklasse.

Es sollte nicht der letzte Triumph des vierfachen argentinischen Meisters auf spanischem Boden bleiben. 1973 übernahm er vom Österreicher Max Merkel die Meistermannschaft von Atletico und stieß mit ihr sensationell ins Finale des Europapokals der Landesmeister vor. Dort mussten sich die Madrilenen aber dem FC Bayern geschlagen geben.

Die Legende und ihre Valencia-Affinität

Während sein Name in der Hauptstadt weitgehend in Vergessenheit geraten ist, ist Alfredo di Stefano immer noch in aller Munde. Der Argentinier, der auch für Kolumbien und Spanien Länderspiele bestritt, versuchte sich nach seiner legendären Spielerkarriere bei Real Madrid auch als Trainer.

Cuper erstaunte mit Mallorca

1967 war der FC Elche seine erste Station. Anschließend versuchte es der ehemalige Goalgetter drei Mal bei Valencia. Mit Erfolg. Bei seinem ersten Engagement wurde er 1971 Meister, beim zweiten gewann er 1980 den Europacup der Pokalsieger und beim dritten sicherte er dem Klub 1987 den Wiederaufstieg in die erste Liga. 1990/91 durfte es di Stefano vier Monate als Real-Coach versuchen.

Final-Verlierer Cuper

Ebenfalls Erfolge feierte Hector Cuper. Der Kettenraucher sorgte auf Mallorca für Furore. 1997 übernahm er die Insulaner und schaffte es auch prompt ins Finale der Copa, wo er sich aber dem FC Barcelona geschlagen geben musste. In der Supercopa gelang ihm die Revanche. Zudem beendete er die Spielzeit 1998/99 auf dem unglaublichen dritten Platz.

Valencia schnappte sich den Erfolgscoach und musste feststellen, dass dieser zwar für sehr gute Ergebnisse sorgte, in Endspielen aber glücklos war. 2000 und 2001 zog Cuper mit den „Fledermäusen“ ins Champions-League-Finale ein, doch gegen Real Madrid und den FC Bayern war kein Titel zu gewinnen.

Nach nur wenigen Monaten endeten die letzten beiden Spanien-Stationen des nunmehr 56-Jährigen bei Betis (2007) und Racing Santander (2011).

Erfolglose Weltmeister

Andere große Namen bissen sich an der spanischen Liga hingegen die Zähne aus.

Etwa Cesar Luis Menotti, der von 1983 bis 1984 beim FC Barcelona auf der Bank saß. Der Fußball-Romantiker, der 1978 mit Argentinien Weltmeister wurde, behauptet heute noch, schon damals probiert zu haben, die Guardiola-Spielweise einzuführen. Mit Copa und Ligapokal 1983 und Supercopa 1984 stemmte „El Flaco“ zwar drei Titel, ruhmreich war seine Zeit in Katalonien deswegen aber noch lange nicht.

Bilardo und Maradona enttäuschten Sevilla

Carlos Bilardo gelang es 1986 ebenfalls, als Teamchef der „Gauchos“ die WM zu gewinnen. 1992/93 trainierte er Diego Maradona abermals, doch das Duo kam mit dem FC Sevilla in der Endabrechnung nicht über Rang sieben hinaus. Eine herbe Enttäuschung.

Lediglich Trainer-Randnotizen in der iberischen Fußballgeschichte sind Namen wie Carlos Bianchi, Alfio Basile, Wacker-Legende Nestor Gorosito, Jose Omar Pastoriza, Pedro Dellacha und Oscar Ruggeri, um nur einige zu nennen.

Der Lehrer und sein Schüler

An Bielsa und Simeone wird man sich hingegen erinnern. Der Lehrer und sein Schüler. Zwei Fußballverrückte. Oder wie die „AS“ schreibt: „Zwei Generäle mit klaren Ideen und Eisenhand in Samthandschuhen.“

Der Atletico-Coach bezeichnet das Finale von Bukarest als „ein Spiel unter Freunden“. Der 42-Jährige hat die letzten 30 seiner insgesamt 106 Länderspiele unter Teamchef Bielsa bestritten und orientiert sich in seinem neuen Job teilweise an den Ansichten des 56-jährigen Bilbao-Trainers.

Als Bielsa Fehler machte…

Und er konnte „El Loco“ auch schon ein Schnippchen schlagen. Am 21. März 2012 trafen die beiden Trainer zum bisher einzigen Mal aufeinander. Die Madrilenen siegten mit 2:1. Vor allem in der zweiten Hälfte hatte Atletico klar die Nase vorne, nach dem Schlusspfiff nahm Bielsa die Niederlage auf seine Kappe, sprach von Fehlern in seiner Taktik.

Doch wer Bielsa kennt, weiß, dass sich der Mann aus Rosario im Vorfeld des Endspiels in unendlicher Akribie mit dem Gegner auseinandersetzen wird, damit ihm ein solches Malheur nicht noch einmal passiert.

Nicht umsonst ist er einer von nur fünf argentinischen Trainern, die in Europas ersten Ligen einen Job haben.


Harald Prantl

Finale Atletico Madrid vs. Athletic Bilbao LIVE ab 20:45 Uhr bei rantv powered by LAOLA1.tv.

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