Gewalt und Rassismus: „Eine Schande für Kroatien“

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#BudiPonosan. Sei stolz. Unter diesem Hashtag verbreitet der kroatische Fußballverband (HNS) erfreuliche Nachrichten auf Twitter.

Rein sportlich gesehen hat Kroatien allen Grund, stolz zu sein. Die „Feurigen“ qualifizierten sich seit 2002 mit Ausnahme der WM 2010 für alle Großereignisse, bei der EM 2008 schaffte man es sogar bis ins Viertelfinale. In der aktuellen EM-Qualifikation liegt man noch ungeschlagen zwei Punkte vor Italien sowie vier vor Norwegen und ist damit auf dem besten Weg nach Frankreich.

Dennoch gibt es immer wieder Schlagzeilen, auf die man ganz und gar nicht stolz sein kann.

Kroatien im Visier der UEFA

Zuletzt sorgte ein in den Rasen des Poljud-Stadions in Split eingebranntes Hakenkreuz beim EM-Qualifikationsspiel gegen Italien für einen Skandal. Die UEFA leitete ein Disziplinarverfahren ein. Dem Verband droht eine saftige Geldstrafe - zwischen 7.000 und 35.000 Euro werden erwartet - bis hin zum Ausschluss von der EM-Endrunde 2016. Die endgültige Entscheidung fällt am 16. Juli.

"Ich bin nicht glücklich über Kroatien. Sie haben ein Team, das guten Fußball spielt, aber wenn du ein paar hundert Arschlöcher im Stadion hast, ist das nicht akzeptabel“, echauffierte sich UEFA-Präsident Michel Platini bereits vor den Vorfällen in Split über die Entwicklungen im Staat an der Adria. "Wenn es ein Land wäre, das noch nie mit solchen Fans zu tun hätte, wäre es etwas anderes. Aber die kennen das Problem."

In der Tat war es nicht der erste Vorfall: Rassismus, extremer Nationalismus und Gewalt sind im kroatischen Fußball keine Seltenheit.

Eine Reihe an Verfehlungen

Bei einem Freundschaftsspiel gegen Italien in Livorno 2006 formierten sich 200 kroatische Fans in ihrem Block zu einem Hakenkreuz.

2008 fielen die kroatischen Anhänger bei der Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz mit rassistischem Verhalten auf – die UEFA sprach eine Strafe in Höhe von 12.570 Euro aus. Der FIFA musste der HNS im selben Jahr 18.800 Euro bezahlen, nachdem Emile Heskey im WM-Qualifikationsspiel gegen England mit Affenlauten verunglimpft wurde.

Auch bei der EM 2012 in Polen und der Ukraine gab es rassistische Sprechchöre von Seiten der kroatischen Fans. Der dunkelhäutige Italien-Stürmer Mario Balotelli wurde gar mit Bananen beworfen. Die Folge: 80.000 Euro Strafe.

Im WM-Quali-Spiel gegen Serbien 2013 skandierten die Anhänger „Killt die Serben“. Nach der erfolgreichen WM-Qualifikation gegen Island rief Josip Simunic via Mikrofon im Zagreber Maksimir-Stadion "Za dom spremni!" - "Für die Heimat bereit!“. Ein faschistischer Gruß der Ustascha-Bewegung, die im Zweiten Weltkrieg Tausende Serben, Juden und Muslime in Konzentrationslagern umbrachte. Die FIFA sperrte Simunic für zehn Spiele – er verpasste dadurch die WM in Brasilien.

„Eine Schande für ganz Kroatien“

2014 tönten beim EM-Quali-Spiel gegen Italien rassistische Parolen der kroatischen Anhänger durch das Stadion in Mailand. Nach Pyro-Würfen auf das Spielfeld und die Zuschauerränge stand die Partie vor dem Abbruch. Auch im März 2015 kam es im Spiel gegen Norwegen zu derartigen Zwischenfällen, woraufhin Kroatien das EM-Quali-Duell gegen Italien am 12. Juni vor leeren Rängen austragen musste. Dennoch kam es zu dem Hakenkreuz-Skandal.

"Das ist Sabotage, ein krimineller Akt. Das ist eine Schande für ganz Kroatien und wir verurteilen das", sagte Verbandssprecher Tomislav Pacak. Wer das nationalsozialistische Symbol vor dem Spiel in den Rasen des Poljud-Stadions einbrannte, ist bis dato noch nicht geklärt.

„Bis die Täter gefunden sind, kann man nur spekulieren, aber basierend auf den Ereignissen in der Vergangenheit scheint es unwahrscheinlich, dass die Tat ideologisch motiviert war. Vielmehr könnte es ein Versuch gewesen sein, dem Verband zu schaden“, schrieb Aleksandar Holiga, einer der angesehensten kroatischen Fußball-Journalisten, in seinem Blog.

„Wer auch immer dahinter steckt, hat genau gewusst, wie empfindlich die UEFA auf Rassismus und Faschismus reagiert“, meinte auch der kroatische Kolumnist Dario Dunatov. „Es war eine kalkulierte Provokation, verbunden mit der Hoffnung, dass sich jemand von draußen den Laden ein bisschen genauer anschaut.“

Davor Suker: Umstrittener Verbandspräsident

Korruption, Machtmissbrauch, Manipulation

Der Sport war und ist in Kroatien untrennbar mit Korruption und Machtmissbrauch verbunden, Spielmanipulationen und dubiose Transfers sollen auf der Tagesordnung stehen.

„In den letzten Jahren übernahm eine kleine Gruppe von Personen die vollständige Kontrolle im kroatischen Fußball, die ganze Macht liegt in den Händen eines siebenköpfigen Komitees“, erklärte Holiga.

Einer davon ist HNS-Präsident Davor Suker. Wie die ARD erst kürzlich enthüllte, soll der ehemalige Stürmer und nunmehriges Mitglied im Exekutivkomitee der UEFA in den Wettskandal von 2009 involviert gewesen sein. Schon in der Vergangenheit fiel Suker negativ auf, als er sich zum Beispiel am Grab des kroatischen Kriegsverbrechers Ante Pavelic ablichten ließ.

Dem Präsidenten wird vorgeworfen, die Entwicklungen im kroatischen Fußball jahrelang ignoriert und toleriert zu haben. So sagte Suker nach dem Spiel gegen Norwegen im März, er sei „stolz, dass es zu keinen gravierenden Vorfällen gekommen ist“.

Der mächtigste Mann im kroatischen Fußball

Ein Name schwebt aber über allem: Zdravko Mamic, Klub-Boss von Dinamo Zagreb und Vizepräsident im kroatischen Verband. „Er kontrolliert alles, hat starke Beziehungen zur Politik, Justiz, Polizei und den Medien“, so Holiga.

„Wir werden schon lange systematisch benachteiligt, weil der kroatische Fußball von einem einzigen Mann und einem einzigen Klub regiert wird. Der Klub ist Dinamo, und der Mann heißt Zdravko Mamic“, beschrieb Martin Brbic, Präsident von Hajduk Split, die Situation in seinem Heimatland.

Zustände, die den kroatischen Fans sauer aufstoßen. Im November des Vorjahres gingen deshalb rund 30.000 Menschen in Split auf die Straße, um mehr Fairness im Fußball und den Rücktritt der HNS-Spitze zu fordern.

„Im Kampf gegen den Verband haben es die Anhänger in der Vergangenheit mit legalen Mitteln versucht, aber mit wenig Erfolg. Die Radikalen unter ihnen sind zur Überzeugung gekommen, dass der einzige Weg dem Verband zu schaden – und vielleicht auch die Politik zu involvieren – jener ist, ihn in der Weltöffentlichkeit zu blamieren und seine Inkompetenz aufzuzeigen“, zeichnete Holiga ein Bild der Fanszene. „Dass sie damit dem Nationalteam massiv schaden, ist anscheinend zweitrangig.“

Bitte um Gnade bei der UEFA

Der Schaden könnte nach dem jüngsten Vorfall tatsächlich ein beträchtlicher sein. Ein möglicher Ausschluss Kroatiens von der EM 2016 lässt die Verantwortlichen zittern.

Kroatiens Ministerpräsident Zoran Milanovic ersuchte die UEFA nach dem Hakenkreuz-Skandal um eine milde Strafe. Drastische Sanktionen würden die Nationalmannschaft "zerstören", hieß es in einem Brief an UEFA-Präsident Michel Platini. 

"Ich würde mir wünschen, dass wir wieder eine Geldstrafe bekommen oder ohne Zuschauer spielen müssen. Die Spieler haben ja nichts verbrochen", nahm Teamchef Niko Kovac seine Mannschaft in Schutz.

Piara Powar, Exekutiv-Direktor von Football Against Racism in Europe (Fare) zeigte sich gegenüber dem „Guardian“ hingegen schonungslos: „Es ist unentschuldbar, unabhängig vom Kontext. Angesichts ihrer bisherigen Strafen ist eine Disqualifikation Kroatiens sehr wahrscheinlich, auch wenn es eine Schande für ein Team mit solcher Qualität wäre“.

 

Daniela Kulovits

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