"Bermuda-Dreieck in dem Staatsgelder verschwinden"

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„Wir sprechen hier über Fußball, nicht über Politik.“

Grigori Surkis, Präsident des ukrainischen Verbandes, wollte keine kritischen Fragen über mögliche Korruption beim Stadionbau in der ehemaligen Sowjetrepublik beantworten.

Auch die UEFA war am Tag der Gruppenauslosung für die EM-Endrunde 2012 bemüht, das Positive in den Vordergrund zu stellen. „Was bis jetzt gemacht wurde, hat mich überrascht“, meinte Generalsekretär Gianni Infantino.

Auftragsvergabe ohne Ausschreibung

Wie im anderen Veranstalter-Land Polen, wo Verbands-Chef Grzegorz Lato wegen Korruption angeklagt ist, liegt aber auch in der Ukraine der Verdacht der persönlichen Bereicherung auf Kosten der Steuerzahler nahe.

Ein Regierungsbeschluss aus dem April 2010 ermöglicht es, die Aufträge für Stadion- und Infrastruktur-Projekte ohne vorherige öffentliche Ausschreibung zu vergeben.

Begründet wurde dieser Schritt damit, dass die Vorgänger-Regierung um Julia Timoschenko mit den EM-Vorbereitungen im Rückstand gewesen sei. Dennoch ist offensichtlich, dass einige Regierungsmitglieder am meisten von der neuen Praxis profitieren.

Verdacht gegen Altcom

„Aufträge ohne Wettbewerb zu vergeben, macht es leicht, Staatsgelder zu stehlen“, weiß der Parlamentsabgeordnete Ostap Semerak. Beispiele hierfür sind schnell gefunden.

Ursprünglich sollte das Stadion in Lemberg um 140 Millionen Euro von einer österreichischen Firma gebaut werden. Im Endeffekt wurde der Auftrag an Altcom vergeben. Kostenpunkt: 225 Millionen Euro.

Es wird vermutet, dass Politiker und Staatsbeamte im Hintergrund der Firma aus Donetsk die Fäden ziehen. Die Firmenstruktur reicht bis nach Belize.

Parade-Beispiel Boris Kolesnikow

Serhiy Leshchenko von der ukrainischen Internet-Zeitung „Ukrainska Prawda“ erklärt, dass Altcom insgesamt 640 Millionen an diversen EM-bezogenen Straßen- und Flughafen-Projekten verdient.

Auch Vizepremier und Infrastruktur-Minister Boris Kolesnikow scheint in das Gefecht der Vetternwirtschaft eingebunden zu sein.

Der Cheforganisator des Turniers soll an der Firma AK Engineering beteiligt sein, die als einziger Bieter einen lukrativen Staatsauftrag zur Renovierung der Sportfläche in Kiew abstaubte. 2005 saß Kolesnikow bereits wegen mutmaßlicher Erpressung im Gefängnis.

Holzbank um 60.000 Euro

Die Kosten-Explosion trägt aber noch viel absurdere Züge. Die Stadtverwaltung in Charkiw kaufte zehn neue Holzbänke für eine Metrostation und bezahlte dafür den unglaublichen Preis von fast 60.000 Euro – pro Bank.

Leshchenko bezeichnet das EM-Turnier als „ein Bermuda-Dreieck in dem Staatsgelder verschwinden“. Auch Semerak weiß: „Es wurden bereits Milliarden Dollar aus dem Staatshaushalt verschwendet.“

Weil die Ukraine im Kampf gegen Korruption keinerlei Fortschritte vorweisen kann, verwarf die EU kürzlich ihren Plan, 115 Millionen Euro Hilfe nach Kiew zu schicken.

Platini hegt Zweifel

Zuletzt meinte auch UEFA-Präsident Michel Platini, dass es „vielleicht ein Fehler“ war, die Ukraine das Turnier ausrichten zu lassen. Auch wenn die Aussage kurz danach eilig widerrufen wurde.

Die Ukraine wurde hart von der Wirtschafts- und Finanzkrise getroffen. Die Regierung benötigt Geld vom internationalen Währungsfonds und muss weitere Milliarden-Kredite abbezahlen.

Ungefähr die Hälfte aller EM-Kosten fallen dem Staat zu. Das Geld, das den Firmen und Freunden einiger Regierungsmitglieder zufließt, fehlt also bei anderen Ausgaben wie Bildung und Gesundheit.

Vielleicht ist es also doch an der Zeit, auch über Politik zu reden. Wenn die EURO 2012 Geschichte ist und das Volk die Quittung für die Vetternwirtschaft bezahlen muss, hören sicher weniger Leute zu.

 

Manuel Preusser

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