Zuerst sauer, dann der Jubel

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Italien im kollektiven Siegesrausch

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Zwei Jahre nach dem blamablen Gruppenphasen-Aus als Titelverteidiger bei der WM in Südafrika ist die "Squadra Azzurra" wieder eine Fußball-Supermacht.

Nach dem 2:1 im Halbfinale über Deutschland haben die Italiener auch vor Welt- und Europameister Spanien keine Angst mehr. Berauscht von ihrem Triumph über die DFB-Elf prognostizierte der Deutsch-Italiener Riccardo Montolivo für das Finale am Sonntag in Kiew: "Die Chancen stehen 51:49 - für uns."

Ein Traum für Millionen Italiener

Nach dem Sieg über konsternierte Deutsche schwelgten die Italiener in Superlativen.

"Das war das schönste Spiel meiner Trainerkarriere. Es war fast perfekt", meinte Cesare Prandelli, der auch gegen die Deutschen mutig spielen ließ. Trotz des Wettskandals, den Gerüchten um Gianluigi Buffons angeblich wieder aufgeflammte Wettleidenschaft und der Affäre um Antonio Cassanos schwulenfeindliche Äußerungen setze der vierfache Weltmeister zu einem nicht für möglich gehaltenen Höhenflug an.

"Vor 20 Tagen war das nur ein Traum, jetzt ist es ein Traum, den Millionen Italiener mit uns erleben", sagte Abwehrspieler Giorgio Chiellini.

Partynacht in ganz Italien

Minuten nach dem Erfolg strömten tausende Tifosi auf die Piazza del Popolo in Rom, sprangen in Brunnen und kletterten auf Monumente.

Es war der Startschuss zu einer langen Partynacht von Mailand bis Palermo. "Das ist ein Sieg für die Millionen von Fans in der von Krisen gebeutelten Heimat", erklärte Mittelfeldspieler Claudio Marchisio. Selbst Italiens 86-jähriges Staatsoberhaupt Giorgio Napolitano war hingerissen, rief in Warschau an und gratulierte: "Es gibt keine Worte, um zu beschreiben, wie großartig ihr seid."

"Spanien ist Favorit"

Aus dem Außenseiter ist plötzlich ein Titelanwärter geworden, der die vierjährige Dominanz der Spanier beenden könnte. "Wir haben bewiesen, dass wir mit Spanien mithalten können", erklärte Marchisio, auch wenn der in offiziellen Spielen ungeschlagene Prandelli einräumte: "Spanien ist Favorit."

 Schon beim 1:1 im ersten Gruppenspiel brachte der Europameister von 1968 das Star-Ensemble um Andres Iniesta und Xavi an den Rand einer Niederlage.

Seit dieser Partie am 10. Juni in Danzig ist das Team immer mehr zusammengewachsen, das Selbstvertrauen immens gestiegen. "Beim 2:0 habe ich es in den Gesichtern der Deutschen gesehen: Italien hat gewonnen", meinte Daniele De Rossi.

Buffon mächtig sauer

Dennoch stand der Sieg in der zweiten Hälfte auf wackligen Beinen, doch der Sturmlauf Deutschlands brachte nichts mehr ein. Nach dem Schlusspfiff stürmte Goalie Buffon wutentbrannt in die Kabine und las seinen völlig entkräfteten Mitspielern wegen der vergebenen Chancen zum 3:0 die Leviten:

"Eine EM ist eine ernste Sache. Da spielt man nicht mit dem Feuer", schimpfte der Juve-Star, weil Italiens Sieg am Ende noch in Gefahr geriet. "Wenn sie den Ausgleich geschafft hätten, wäre es 10:2 in der Verlängerung für Deutschland ausgegangen", meinte Buffon. Ähnlicher Meinung war Prandelli: "In einer Verlängerung hätten wir 2:5 verloren."

Vieles erinnert nun an den WM-Gewinn von 2006. Damals wie heute überschattete ein Wettskandal die Vorbereitung der Mannschaft. Und wie schon vor sechs Jahren scheinen diese Turbulenzen eher zu beflügeln als zu stören. "Wenn man träumt, träumt man immer von etwas Großem", bekannte Prandelli mit Blick auf das Finale.

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