Italiens glorreiche Sieben

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Italien vs. Deutschland - Ein Klassiker in sieben Akten

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Es gibt nicht viele Nationen, gegen die die deutsche Nationalmannschaft trotz ihrer ruhmreichen Historie eine negative Bilanz aufweist. Italien ist eine solche.

Die „Squadra Azzurra“ ist der Angstgegner der DFB-Elf.

Das weiß auch Italien-Coach Cesare Prandelli, der im Vorfeld der EM-Halbfinalpartie am Donnerstag meinte: „Ich würde am liebsten immer gegen Deutschland spielen.“

Italiens weiße Weste

Zum ersten Mal trafen sich Italiener und Deutsche 1923 zum freundschaftlichen Vergleich im Mailänder San Siro. Die Hausherren setzten sich mit 3:1 durch. Danach folgten weitere 29 Aufeinandertreffen dieser beiden Teams, in denen Deutschland nur sieben Siege einfahren konnte. Italien gewann dabei doppelt so oft.

Der letzte volle Erfolg Deutschlands liegt mittlerweile gar schon 17 Jahre zurück. Eine Tatsache macht die schlechte Bilanz aber zusätzlich bitter: Im Rahmen eines Turniers gelang noch kein einziger Sieg gegen die Südeuropäer.

Grund genug, einen Blick auf die historischen EM- und WM-Duelle zu werfen.

  • WM 1962
Die erste Turnier-Begegnung ging in Chile über die Bühne. Bereits in der Vorrunde trafen Deutschland und Italien aufeinander. Weder der von Bundestrainer Sepp Herberger überraschend aufgestellte Tormann Wolfgang Fahrian noch sein gegenüber Lorenzo Buffon, ein Cousin von Gianluigis Großvater, ließen jedoch einen Treffer zu.
  • WM 1970

Acht Jahre später folgte eines der legendärsten Länderspiele, das die Fußballwelt je gesehen hat. Die Rivalen standen einander im Halbfinale gegenüber und lieferten sich vor über 100.000 Zuschauern im Aztekenstadion von Mexico City, trotz brütender Hitze, eine packende Partie. Bereits nach sieben Minuten brachte Roberto Boninsegna die Italiener in Front. Kurz vor Schluss schaffte Deutschland jedoch noch den Ausgleich.

„Schnellinger, ausgerechnet Schnellinger werden die Italiener jetzt sagen“,  sprudelte es aus dem deutschen TV-Kommentator Ernst Huberty heraus. Hatte doch gerade Karl-Heinz „Carlo“ Schnellinger, der langjährige Italien-Legionär, der seine Lire zu dieser Zeit beim AC Milan verdiente, in der Nachspielzeit dafür gesorgt, dass diese Partie in eine legendäre Verlängerung ging.

Fünf Tore in der Verlängerung

In dieser schockte „Bomber“ Gerd Müller die „Azzurri“ mit einem frühen Treffer. Italien drehte die Partie aber durch Tore von Tarcisio Burgnich und Luigi Riva. Müller gelang der abermalige Ausgleich, es half jedoch nichts, Gianni Rivera markierte in der 111. Minute den entscheidenden Treffer zum 4:3-Endstand.

Er agierte dabei wie in Trance, gab er später zu: „Wegen der Erschöpfung sah ich alles nur noch weiß. Ich sah, wie sich Sepp Maier bewegte, aber dabei stand er noch". Gerd Müller hat noch Jahrzehnte später an der Niederlage von 1970 zu knabbern. "Das kriegt man nie mehr aus dem Kopf. Ich könnte heute noch wahnsinnig werden. Von der Schlappe gegen die Italiener erhole ich mich nie", wird der DFB-Rekordtorschütze in der „Süddeutschen“ zitiert.

  • WM 1978
Weitere acht Jahre später kreuzten Italien und Deutschland in Argentinien erneut die Klingen. Wie schon 1962 traf man sich auch 1978 wieder in der Gruppenphase und abermals blieb die Begegnung torlos.

  • WM 1982

Die Italiener schafften bei der Weltmeisterschaft in Spanien das Kunststück, mit Unentschieden in jedem der drei Gruppenspiele (gegen Polen, Peru und Kamerun) aufzusteigen. Danach steigerten sie sich und zogen ins Endspiel ein. In ebendiesem traf man auf die Deutschen, die im Turnierverlauf unter anderem mit der „Schande von Gijon“ – dem Nichtangriffspakt mit Österreich – Geschichte schrieben.

Das Finale wurde zu einer klaren Angelegenheit für Italien, das seinen dritten Weltmeister-Titel feierte. Nachdem Antonio Cabrini bereits in Halbzeit eins einen Strafstoß vergeben hatte, brachte Paolo Rossi sie "Azzurri" nach einer knappen Stunde in Führung. Danach dominierten sie das Spiel, Marco Tardelli und Alessandro Altobelli erhöhten auf 3:0.

WM-Titel schuld an Cassanos Verrücktheit?

Der Ehrentreffer von Paul Breitner kurz vor Schluss war nur noch Ergebniskosmetik. Ganz Italien lag sich in den Armen, in dieser Nacht zum 12. Juli des Jahres 1982, in der auch ein gewisser Antonio Cassano das Licht der Welt erblickte. Der aktuelle Team-Stürmer äußerte einmal den Verdacht, diese Begebenheit sei eine mögliche Erklärung für seine exzentrische Art: "In der Nacht, in der ich geboren wurde, waren alle Ärzte Baris besoffen, weil sie Italiens WM-Sieg feierten. Glaubt ihr, dass das etwas mit mir zu tun haben könnte?"

Einer der Helden von damals, Paolo Rossi, der mit insgesamt sechs Turnier-Toren Schützenkönig wurde, wusste schon vor der EURO in Polen und der Ukraine um die Chance seiner Italiener: „Wenn am Anfang niemand an Italien glaubt, holt es am Ende immer das Beste aus sich heraus. So kann das auch diesmal wieder sein.“

  • EM 1988 und 1996
Für die Turnier 1988 und 1996 wurden Italiener und Deutsche ein weiteres Mal in dieselbe Vorrunden-Gruppe gelost. Fast schon traditionell endeten die Spiele unentschieden: 1988 sorgten bei Deutschlands Heim-EM Roberto Mancini und Andreas Brehme für ein 1:1, 1996 in England trennte man sich wieder einmal torlos.

  • WM 2006

Das bis dato letzte Aufeinandertreffen sollte eines werden, das an Spannung und Dramatik kaum zu überbieten war. Im Halbfinale der Heim-WM galt es für Deutschland nur noch Italien auszuschalten, um in das ersehnte Endspiel von Berlin einzuziehen. Doch wie so oft fand sich zwischen diesen beiden Teams in 90 Minuten kein Sieger, nach 0:0 musste in Dortmund die Verlängerung entscheiden.

Dramatische Entscheidung

Die Truppe von Marcelo Lippi setzte in der Extrazeit alles daran, die Entscheidung herbeizuführen, das bestätigte auch der Coach: „Wir wollten ein Elfmeterschießen vermeiden, weil das immer eine Lotterie ist.“  Italien bestimmte die Verlängerung und traf durch Gilardino und Zambrotta zwei Mal Aluminium, ehe Fabio Grosso Italien wenige Minuten vor dem Abpfiff doch noch in Front schoss.

Alessandro del Piero setzte in der Nachspielzeit im Konter den Schlusspunkt zum 2:0. Die Gastgeber fanden sich im Tal der Tränen wieder, Italien wurde zum vierten Mal Weltmeister.  „Natürlich hat man das noch im Kopf“, erklärte Philipp Lahm, der 2006 schon am Feld stand.

Die sieglose Zeit soll enden

Lukas Podolski war damals ebenfalls mit von der Partie. Auf die Frage nach der deutschen Turnier-Bilanz gegen Italien antwortete „Poldi“ der „Bild“ zuletzt: „Noch nie gewonnen, oder? - Dann ist es an der Zeit, diese Serie zu brechen.“

Ähnlich optimistisch gaben sich Vertreter der jüngeren Generation wie Mesut Özil: "Was in der Vergangenheit war, das zählt nicht für uns.“  Tormanntrainer Andreas Köpke schlug in dieselbe Kerbe:

"Jetzt ist es eine völlig andere Situation. Wir wollen diesmal eine andere Geschichte schreiben." Die Italiener sind jedoch zuversichtlich. „Wir haben die richtige Einstellung, um Deutschland zu schlagen“, erklärte Kapitän Gianluigi Buffon.

Ein Klassiker

Deutschland gegen Italien. „Kaiser“ Franz Beckenbauer würde wohl auch über diese Begegnung sagen „we call it a Klassiker“.

Am Donnerstag wird das nächste Kapitel einer langen Geschichte geschrieben. Vielleicht diesmal mit einem Happy End für die Deutschen. Angstgegner hin oder her.

 

Christoph Kristandl

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