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"Hoffe, dass andere Trainer Spanien nicht kopieren"

Seit Sonntag ist die EURO endgültig Geschichte. Neben Europameister Spanien durften sich auch die Gastgeber Polen und Ukraine etablieren.

Schon vor dem Großereignis gab Ex-Bundesligaprofi Radoslav Gilewicz seine Expertenmeinung und seine Erwartungen preis.

Nun schließt der Pole die EURO 2012 mit einer Analyse bei LAOLA1.

Haben sich die Befürchtungen bestätigt? Wer hat positiv überrascht und was bringt das Event Polen und der Ukraine?

LAOLA1: Rado, ist bei dir ein lachendes oder weinendes Auge dabei, dass die EURO vorbei ist?

Radoslav Gilwicz: Es ist wirklich schade, dass die EURO zu Ende gegangen ist, da es eine Riesen-Sache für uns alle war. Ich glaube, wir haben uns sehr gut verkauft, nur sportlich hat es leider nicht geklappt. Aber grundsätzlich war es auf jeden Fall ein Riesenerfolg.

LAOLA1: Was hat dir an der EURO besonders gefallen?

Gilewicz: Die EURO hat mir sehr gefallen. Sportlich war das natürlich erste Sahne. Die Spiele waren sehr attraktiv. Bis auf zwei 0:0 im Viertelfinale sind in jedem Spiel Tore gefallen. Das zeigt, dass es wirklich sehr gute Spiele waren, die Begeisterung war in den Stadien zu sehen. Das war sehr positiv.

LAOLA1: Wie fällt deine Bilanz aus? Wie würdest du die EURO 2012 einordnen?

Gilewicz: Ich selber würde das nicht beurteilen, aber die Experten sagen, das war das Beste seit Jahren. Auch Michel Platini hat das offiziell gemeint. Das kommt von allen Seiten, sowohl sportlich als auch organisatorisch. Auch bei den Fans soll die Stimmung so positiv wie schon lange nicht mehr gewesen sein.

LAOLA1: Sind deine Erwartungen, die du im Vorfeld hattest, erfüllt worden?

Gilewicz: Schon, auf jeden Fall. Ich habe aber vor der EM gesagt, dass es wichtig für uns Polen ist, dass wir sportlich zumindest ins Viertelfinale kommen. Das hat leider nicht geklappt und war natürlich eine Riesen-Enttäuschung. Alles andere war aber perfekt. Ich war selbst über zwei Wochen in der Ukraine und kann das somit auch vergleichen.

LAOLA1: Was waren für dich die Tops dieses Großereignisses?

Gilewicz: Top waren die Fans im Stadion. Es war bei jedem Spiel sehr gute Stimmung. Außerhalb der Stadien waren alle Fan-Zonen überfüllt. Das zeigt auch die Begeisterung. Am meisten hat mich Italien mit dieser Mannschaft überrascht. Es gab mit dem Korruptions-Skandal Probleme vor der EM, deswegen habe ich nicht mit Italien gerechnet. Sie haben sich aber von Spiel zu Spiel gesteigert und sind zurecht im Finale gestanden.

LAOLA1: Italien hat zudem mit einem selten dagewesenen Offensivfußball überrascht.

Gilewicz: Ja, das war nicht der typische italienische Fußball, sondern schon moderner. Das Umschalten von Defensive auf Offensive war sehr interessant. Sie konnten wirklich schöne Aktionen setzen und gut in die gegnerische Hälfte spielen. Sie haben einen Pirlo und Montolivo, die sehr viel Qualität haben. Vorne hatten sie zwei Riesen-Stürmer mit Cassano und vor allem Balotelli. Der Junge hat sich zum Glück am Schluss gefunden und auch gezeigt, dass er hohe Qualität hat.

LAOLA1: Was waren für dich die Flops dieser EURO?

Gilewicz: Holland hat am wenigsten gezeigt. Ich habe sie zu den vier Favoriten gezählt. Aber, dass man drei Gruppenspiele mit so einem Kader verliert, ist eine Riesen-Enttäuschung.

LAOLA1: Was kann man nach drei Titeln in Folge über Spanien sagen?

Gilewicz: Absoluter Wahnsinn! Man ist versucht, auch was Negatives zu sagen, etwa dass sie langweilig, zu lange und nur kurze Pässe spielen. Aber trotzdem sieht man, dass sie voll bei der Sache sind, wenn sie um etwas spielen. Spanien ist mental am stärksten und verdient größten Respekt.

LAOLA1: Bist du also auch der Meinung, dass der Sieg absolut verdient war?

Gilewicz: Absolut, ich hoffe nur, dass die anderen Trainer nicht nachmachen, in Zukunft ohne Stürmer zu spielen. Das wäre für mich der absolute Wahnsinn, wenn das ein Trend wird. Besser wäre es, auf die italienische Mannschaft mit zwei Stürmern zu schauen. Ich glaube, nur Spanien kann ohne echten Stürmer und mit sechs Mittelfeldspielern spielen.

LAOLA1: Du warst mehrere Wochen unterwegs. Hat organisatorisch alles geklappt?

Gilewicz: Ich war lange in der Ukraine, wo es von allen Seiten Kommunikationsprobleme gab. Wenn es um die Ukraine ging, hatten alle immer die gleiche Meinung. Die EURO war nicht das Wichtigste für sie, aber das ist keine Kritik. Sie haben eigene Probleme, während es für uns ein riesiges Ereignis war. Sie wollten das ganze Land positiv verkaufen und müssen alles Positive aufnehmen. Es ist ganz wichtig, die Geschichte mit Sol Campbell (Anm.: Campbell riet englischen Fans ab, in die Ukraine zu reisen, da sie sonst womöglich in einem Sarg zurückkehren) zu vergessen. So eine blöde Aussage, er sollte sich schämen. Denn es gab überhaupt keine Probleme außer bei Polen gegen Russland, das war aber zu erwarten. Sonst war alles friedlich, ein riesiges Fußball-Fest.

LAOLA1: Hat sich deine Skepsis gegenüber der Ukraine bestätigt?

Gilewicz: Ich war sehr überrascht, dass sie als Land so sympathisch und freundlich waren. Ich war wirklich positiv überrascht. Man hat auch bei den Spielen gemerkt, dass sie sich freuen, die EURO zu haben. Natürlich gab es Probleme, aber keine großen. Grundsätzlich hat ganz Polen für die EURO gelebt. Wenn ich es mit der Ukraine vergleiche, war es auch schön, aber irgendwie Nebensache. Trotzdem war es positiv und wichtig für sie, sich zu zeigen und zu beweisen, dass die politischen Probleme nicht das Wichtigste sind.

LAOLA1: Inwieweit hat sich das Scheitern der beiden Gastgeber auf die Euphorie ausgewirkt?

Gilewicz: Ein bisschen schon. Aber trotzdem waren polnische Fans mit Fahnen bei jedem Match dabei. Das hat mich total überrascht. Natürlich hat das Ausscheiden weh getan, aber trotzdem haben wir alle anderen Mannschaften auch unterstützt. In der Ukraine war die Erwartungshaltung anders. Aber wenn andere Mannschaften gespielt haben, hat das nicht so viel Interesse geweckt.

LAOLA1: Polen hat ein junges Team mit vielen Stars, die noch ihre Chance bekommen werden, oder?

Gilewicz: Das ist aber keine Ausrede, das muss man ehrlich sagen. Polen hat mit Tschechien, Griechenland und Russland eine ausgeglichene Gruppe gehabt, in der man aber weiterkommen sollte. Grundsätzlich weiß der Trainer am meisten, wo die Probleme lagen. Das Viertelfinale wäre einfach drin gewesen. Ein Spiel gegen Deutschland wäre ein Highlight gewesen. Leider haben wir das nicht geschafft.

LAOLA1: Glaubst du, dass Polen und Ukraine auch im Nachhinein von der EURO profitieren können?

Gilewicz: Ich hoffe. Polen hat gezeigt, dass das Land bereit ist, so eine Veranstaltung zu machen. Vor einem Jahr hat uns das noch keiner zugetraut. Viele Länder wollten uns die EURO wegnehmen und trotzdem haben wir eine tolle EURO gesehen, wo alle zufrieden waren. Das war die Bestätigung. Ich hoffe für die Zukunft, dass wir vielleicht noch ein Ereignis bekommen. Die EURO hat gezeigt, dass wir bereit sind und professionell arbeiten. Das hat mich sehr gefreut.

LAOLA1: Wie geht es bei dir persönlich weiter, wenn nicht mehr Tag für Tag ein Fußballspiel wartet?

Gilewicz: Es freut mich natürlich riesig, dass die EURO jetzt endlich vorbei ist. Ich bin völlig platt, auch mental. So als hätte ich die ganze Saison gespielt. Ich war dieses Jahr sehr viel unterwegs, deshalb freue ich mich, im Juli Zeit für die Familie zu haben. Meine 16-jährige Tochter hat mir gesagt: „Als du noch gespielt hast, warst du noch zuhause – jetzt nicht mehr.“ Das zeigt, dass ich sehr beschäftigt bin. Aber ich finde es besser, etwas zu machen, anstatt zuhause zu sitzen. Viele Kollegen haben Probleme, was sie nach ihrer Karriere machen sollen. Ich habe genug zu tun. Auch wenn ich müde bin, bin ich darüber nicht traurig.


Das Gespräch führte Alexander Karper

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