4 Jahre danach: EURO 2008 und ihre Nachwirkungen

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Vor vier Jahren erhielt Österreich zusammen mit der Schweiz die wohl einzige und gleichzeitig letzte Chance, für ein Monat den Nabel der Fußball-Welt darzustellen.

Alles in allem war die EURO 2008 ein Riesen-Erfolg, der sowohl sportlich, wirtschaftlich und darüber hinaus bis heute seine Schatten wirft.

Vor dem Auftakt der Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine ist es an der Zeit, einen Blick darauf zu werfen, was von der Heim-EM übrig geblieben ist.

LAOLA1 beleuchtet zusammen mit dem damaligen ÖFB-Generalsekretär und heutigem Generaldirektor Alfred „Gigi“ Ludwig und Ex-Teamchef Josef Hickersberger die 6 Brennpunkte vier Jahre nach der EURO 2008:

  • Erinnerungen

Was ist von der Heim-EURO geblieben? Viele Erinnerungen, die in Fußball-Österreich gut gehütet werden. Gerne blickt man auf die reibungslose Austragung des Großereignisses, das dem Land in mehreren Punkten einen Auftrieb bescherte, zurück. „Es gab Momente, die ich mein ganzes Leben nicht mehr vergessen werde“, bestätigt Hickersberger. Auch bei Ludwig ist die EURO 2008 noch präsent, als wäre sie gestern gewesen: „Was in Erinnerung geblieben ist, war unsere organisatorische Abwicklung. Wir hatten kein einziges Problem. Es war eine super friedliche und schöne EM. Es war in jeder Stadt ein Riesen-Fest mit Fan-Zonen. Eine Schönere als wir sie auf der Ringstraße hatten, wird man nicht mehr kriegen.“ Die sportlichen Leckerbissen wurden demenentsprechend zelebriert, „König Fußball“ regierte das Land. Trotz allem spielt auch ein wenig Wehmut mit: „Was mir noch geblieben ist, war die tolle Stimmung in den Stadien. Vor allem auch unser Konzept der Fußball-Botschaft hat sich super durchgesetzt. Das ist, was bleibt. Und die Wehmut, dass wir es wahrscheinlich auch mit einem Partner nicht mehr schaffen werden“, hakt Ludwig eine Wiederholung so gut wie ab.

  • ÖFB-Entwicklung

Vier Jahre danach ist man sich im ÖFB-Lager einig: Ja, wir haben sehr von der EURO profitiert! Intern war das Event ein Startschuss für viele Ideen, die noch heute fortgeführt und vorangetrieben werden. „Wir haben uns besonders EDV-technisch in Richtung Vermarktung noch mehr professionalisieren können. Es war durch das Zusammenrücken aller Beteiligten bei heimischen Fußball-Themen viel leichter, etwas weiterzubringen“, fasst der Generaldirektor zusammen. Das war nicht immer so. „Insider wissen, wie schwer es war, nur geringe Korrekturen am ÖFB-Cup vorzunehmen. Jetzt sind auf einmal große Würfe möglich.“ Zum Beispiel wurde die Initiative „Challenge 08“ zur Förderung heimischer Talente im „Projekt 12“ fortgeführt. Durch die EURO wurden Mittel akquiriert, um das Frauenzentrum in St. Pölten zu errichten. Insgesamt wurden laut Ludwig durch die „Zukunftswerkstatt des ÖFB“ 23 von 24 Themen umgesetzt. „Nur das leidige Thema zweite und dritte Spielklasse ist weiterhin in Diskussion“, so der 61-Jährige, dessen Bilanz positiv ausfällt: „Eine EURO schafft wirtschaftlich ein nicht zu großes, aber immerhin ein kleines Fundament, um auf dieser Basis in Zukunft wieder Geld in die Entwicklung geben zu können. Wir haben einiges weitergebracht. Jetzt haben wir noch den Herzenswunsch, dass sich das auch auf dem Spielfeld umsetzt.“

  • Sportliche Entwicklung

Auf sportlicher Ebene geht die Berg- und Talfahrt munter weiter. Nachdem man für die Heim-EM fix qualifiziert war, verpasste man sowohl die WM 2010 als auch die EM 2012. Nach Karel Brückner, Dietmar Constantini und Willi Ruttensteiner ist zudem mit Marcel Koller der vierte Teamchef seit „Hickes“ Ära im Amt. Die aktuelle Generation an Spielern macht aber Hoffnung. „Wir haben das Glück, dass viele junge Spieler – nicht nur David Alaba, ich sehe da auch viele andere – sich irrsinnig gerne zur Nationalmannschaft bewegen“, weiß Ludwig. So richtig profitieren konnte das Team vom Auftritt bei der Heim-EM aber nicht. Viel wurde probiert, nicht alles ging auf. „Grundsätzlich ist zu sagen, dass sich die jungen Spieler, für die die Europameisterschaft ein, zwei Jahre zu früh gekommen ist, wirklich positiv entwickelt haben“, stellt Hickersberger klar. Mit dem neuen Schweizer Übungsleiter sieht Ludwig den ÖFB auf einem guten Weg. „Ich sehe eine Teamführung, die mit der Mannschaft zusammenrückt, wo merkbar immer wieder kleine Schritte nach vorne gemacht werden.“ Die Qualifikation für die WM 2014 in Brasilien ist das große Ziel, auch wenn der Generaldirektor weiß, welch schwieriges Unterfangen wartet. „Ich bin Realist und weiß, wie schwer es in der WM-Quali-Gruppe mit den drei EM-Startern Schweden, Irland und Deutschland wird. Ich glaube aber, dass es dem Teamchef gelingen wird, eine sehr starke Mannschaft zu finden.“

  • Euphorie

Volle Stadien, volle Fan-Zonen, Public-Viewing und Team-Utensilien wohin das Auge reicht. Während laut einer repräsentativen GfK-Umfrage nur ein Viertel der Österreicher der EURO 2012 entgegenfiebert, kannte die Euphorie bei der EM im eigenen Land keine Grenzen. Auch aufgrund des Abschneidens der Rot-Weiß-Roten. „Wenn man den österreichischen Markt hernimmmt, kann man sehen, wie schnell sich eine Mannschaft in die Herzen spielt“, so Ludwig. In den Städten ist nach dem ÖFB-Aus nicht viel eingebrochen, aber es ist halt ganz was anderes, wenn die eigene Mannschaft dabei ist.“ So hatte im österreichischen TV das Duell mit Deutschland höhere Einschaltquoten als das Finale. Seitdem ist aber klar erkennbar, dass sich immer mehr Leute hinter die ÖFB-Auswahl stellen. Laut Ludwig lebt die Euphorie von damals noch immer weiter. Neben 36.000 Dreier-Abos in der EM-Quali gegen Deutschland, Belgien und Türkei wurden bereits kurz nach Verkaufsstart 10.000 Zweier-Abos für die WM-Quali gegen Deutschland und Kasachstan abgesetzt. „Das ist ein Wechselspiel zwischen Erwartung und Einschätzung. Wenn das Publikum der Mannschaft Leistung zutraut, kommt es sofort. Das hat sich immer gezeigt.“

  • Stadien

Vier Stadien wurden in Österreich als Austragungsorte auserkoren: Das Happel-Stadion in Wien, die Bullen-Arena in Salzburg, das Tivoli-Stadion in Innsbruck und das Wörthersee-Stadion in Klagenfurt. Viel Geld wurde investiert, um die Stadien auszubauen und um ein Schmuckkästchen in Kärnten zu errichten. „Wien war durch die Größe vorgegeben, Salzburg ein idealer Standort, weil dort eine Mannschaft ist, die nächstes Jahr die Chance hat, sich hoffentlich für die CL zu qualifizieren. Innsbruck hat leider wieder zurückgebaut und in Klagenfurt ist etwas passiert, was vor der EURO niemand absehen konnte – dass ein Verein die Lizenz nicht kriegt und in ein wirtschaftliches Debakel schlittert“, spielt Ludwig auf den SK Austria Kärnten an. Das 32.000 Zuschauer fassende Oval steht seitdem nur für den Regionalligisten SK Austria Klagenfurt, für das ÖFB-Team und Konzerte zur Verfügung. „Ich finde es Wahnsinn, dass dort nichts weitergegangen ist. Schade. Aber wir haben einen Standort – wenn der Baufortschritt auch einmal mit einem Datum festzusetzen ist –, der sowohl für das Cup-Endspiel als auch für weitere Länderspiele eine große Rolle spielt.“ Auch in Polen und der Ukraine wurden Stadien mit großer Kapazität errichtet, die nach der EM wohl nur selten ganz gefüllt sein werden. Doch die Vorgaben der UEFA sind streng. „Das ist die Entscheidung, die man trifft oder nicht. Anders kommt man nicht an die EURO, weil das Interesse so groß ist, dass sie immer einen anderen finden.“

  • Infrastruktur

Die für die EURO 2008 ausgebaute Infrastruktur kommt ganz Österreich zugute. Besonders hervorzuheben sind laut Ludwig aber die geschaffenen Trainingsbedingungen. „Die damaligen Base-Camps haben sicher dazu beigetragen, dass sich heuer so viele Nationalmannschaften bei uns vorbereiten. Diesen Ruf haben wir sicher durch die EURO und die tollen Standorte mitbegründet.“ Das beste Beispiel dafür ist der Welt- und Europameister Spanien, der sich in Schruns-Tschagguns auf die Titelverteidigung vorbereitete. „Die Spanier würden sich wahrscheinlich alles auf der ganzen Welt aussuchen können, sind aber auch wieder nach Österreich gekommen“, kann Ludwig die Wertschätzung für die heimischen Trainingslager-Orte gar nicht oft genug betonen. Der gute Ruf spricht sich seither herum, immer neue Teams kommen nach Österreich, andere wiederum werden zu Stammgästen, wie etwa Kroatien. „Diesen Nutzen ziehen wir ohne Zweifel“, spricht der ÖFB-Generaldirektor ein Schlusswort. So soll es auch sein.


Alexander Karper/Martin Wechtl

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