Vom Vorzeige- zum Chaos-Klub?

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Was ist los beim SKN St. Pölten?

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Vor einigen Wochen war in St. Pölten noch alles eitel Wonne.

Als Cup-Finalist qualifizierte man sich für die Europa League. Dort schaltete man in der Qualifikation immerhin Botev Povdiv aus und machte gegen PSV Eindhoven eine gute Figur.

Seitdem ist in der niederösterreichischen Landeshauptstadt kein Stein auf dem anderen geblieben. Sportdirektor Christoph Brunnauer wurde entlassen. Trainer Herbert Gager ging mehr oder minder freiwillig, nachdem Obmann Gottfried Tröstl öffentlich an ihm gezweifelt hatte.

Dazu wurde mit Frenkie Schinkels nun ein neuer Sportdirektor geholt, der das erste Heimspiel seiner Amtszeit nicht im Stadion verfolgen konnte, weil er als TV-Experte einen Vertrag zu erfüllen hat.

„Der Verein hat es binnen weniger Wochen geschafft, nur Negativ-Schlagzeilen zu produzieren. Da wurde viel Positives zerstört, wie das Image als niederösterreichischer Ausbildungsverein oder auch die Erfolge im Cup. Die Außendarstellung war katastrophal. Das tut mir als einer, dem der Verein sehr am Herzen liegt, weh“, kritisiert Ex-Trainer Martin Scherb im Gespräch mit LAOLA1.

„Ein Lehrbeispiel, wie man sich als Verein nicht präsentieren sollte“

Es sei wenig verwunderlich, dass die Zuschauerzahlen nun in den Keller gingen, meint der Ex-Coach des SKN. Gegen den FAC kamen trotz einer Fan-Aktion nur knapp 1.600 Leute, im Cup gegen Grödig waren es gar nur sehr optimistisch angegebene 1.350. „Die letzten Wochen waren ein Lehrbeispiel, wie man sich als Verein nicht präsentieren sollte“, urteilt Scherb, der den Klub zwischen 2007 und 2013 vom Regionalligisten zum Aufstiegskandidaten in der Ersten Liga formte.

St. Pöltens General Manager Andreas Blumauer sieht das naturgemäß anders. Der Oberösterreicher, der erst seit Anfang September das „Wolfsrudel“ anführt, erlebte einen turbulenten Beginn in seiner neuen Funktion.

Obmann Tröstl mit seinem General Manager Blumauer

Scherb stellte schon 2012 ein Konzept vor

Ex-Trainer Scherb wundert sich ein wenig über die Plattitüden des General Managers. Nicht deswegen, weil er sie nicht gut heißen würde. „Ich habe dem Vorstand bereits im Herbst 2012, als es um meine Vertragsverlängerung ging, ein 25-seitiges Konzept vorgestellt“, so Scherb.

Dieses Papier hätte vorweggenommen, was Blumauer nun fordere: Eine einheitliche Spielphilosphie, dazugehörige Trainingsformen sowie die Zusammenarbeit mit der Akademie, Kriterien für die Auswahl von neuen Spielern und eine Kostenschätzung für den möglichen Bundesliga-Aufstieg. „Ich habe damals zum Vorstand gesagt: Das ist die Art und Weise, wie St. Pölten Fußball spielen sollte. Unabhängig davon, wie lange ich noch Trainer bin.“

Blumauer, der exakt ein Jahr nach dem Abgang von Scherb seinen Dienst in St. Pölten antrat, meint dazu: „Ehrlich gesagt kenne ich dieses Konzept nicht. Ich bin hier, um von Null anzufangen. Das, was vorher passiert ist, will und kann ich gar nicht beurteilen. Es geht darum, etwas Neues aufzubauen.“

Es braucht mehr Geld

Bleibt die Frage, ob das große Ziel Aufstieg überhaupt wirtschaftlich realisierbar ist. „Nehmen wir das Beispiel St. Pölten: Sie sind seit drei oder vier Jahren Aufstiegskandidat, können es sich aber nicht leisten, den Kader qualitativ so zu verbessern, dass es wirklich dafür reicht“, kritisierte Paul Gludovatz zuletzt.

„Ich bin hier hergekommen, um nicht alles so weiter zu machen wie es bisher war. Wir wollten einen Umbruch. Es musste Staub aufgewirbelt werden, weil sich sonst nichts geändert hätte“, erklärt der ehemalige Finanzvorstand des LASK.

Er will offensiver an das Ziel Bundesliga-Aufstieg herangehen, als das bisher getan wurde: „Wir spielen seit Jahren im Mittelfeld der Ersten Liga mit und jetzt geht es darum, dass wir aufsteigen. Nicht unbedingt in dieser Saison, aber in nächster Zeit. Deswegen hat jetzt etwas passieren müssen.“

Vereinsphilosophie soll erarbeitet werden

Als neuer starker Mann beim SKN verfolgt der Oberösterreicher eine klare Strategie: „Bis jetzt war es immer so, dass sich mit jedem Trainer-Wechsel die Philosophie geändert hat, jeder hat neue Spieler gebracht und sein eigenes Konzept verfolgt. Das wird es in Zukunft nicht mehr geben.“

Stattdessen will Blumauer eine eigene Vereinsphilosophie ausarbeiten, die von der Kampfmannschaft über die Juniors bis zum Nachwuchs durchgezogen werden soll. „Die Spieler sollen nicht mehr vom Trainer ausgesucht werden, sondern nach einem klaren Konzept, einer Scouting-Struktur ausgewählt werden“, so der General Manager.

Diese Strategie umsetzen soll Sportdirektor Schinkels. Im Zuge dessen war zuletzt von einer „holländischen Philosophie“ die Rede, die der gebürtige Niederländer implementieren soll. Blumauer will das nicht bestätigen: „Wir wollen eine eigene Vereinsphilosophie hineinbringen, ob das jetzt eine holländische oder eine andere ist, ist zunächst einmal sekundär.“

Das entsprechende Konzept soll mit dem neuen Sportdirektor in den nächsten Wochen ausgearbeitet werden. Sobald man damit fertig ist, wolle man die Pläne öffentlich machen. „Wir wollen auch transparenter werden“, so Blumauer.

Auch Blumauer gibt zu, dass momentan noch zu wenig Geld da ist, um den Bundesliga-Traum zu realisieren. „Wir müssen das Budget aufstocken. Das ist meine Aufgabe“, erklärt der ehemalige Geschäftsführer beim Red-Bull-Projekt Spielberg. „Dafür müssen wir die nötigen Strukturen schaffen. Es gibt verschiedenste Überlegungen: Von alternativen Finanzierungsformen über Gespräche mit Sponsoren bis hin zu einer Reduzierung der Kosten.“

Die 2013 eröffnete neue NV Arena ist in diesem Zusammenhang sowohl Segen als auch Fluch. „Ein großes Stadion hat auch hohe Kosten. Deswegen fließt eben nicht das ganze Geld in die Mannschaft, wie das vielleicht bei Grödig der Fall ist“, sagt SKN-Insider Scherb.

Blumauer nimmt die Ausgaben für das Stadion gerne in Kauf. „Die Infrastruktur hier ist ein Glücksfall. Das wurde gebaut, um den Aufstieg zu schaffen. Wenn wir in der Bundesliga sind, dann haben wir eines der schönsten Stadien überhaupt.“

Die Hoffnungen ruhen auf Blumauer und Schinkels

Bis es dazu aber überhaupt kommt, wird es noch mindestens eineinhalb Jahre dauern. Denn heuer geht sich der Aufstieg mit zwölf Punkten Rückstand auf Leader LASK wohl kaum aus.

„Die Voraussetzungen für Bundesliga-Fußball in St. Pölten sind gegeben. Wenn man es gesund machen will, dauert es länger. Wenn man Risiko geht und die vielen Baustellen kurz zuschüttet, dann kann es schneller gehen. Dafür brauchst du aber Kohle“, spricht Ex-Trainer Scherb die vielen Querelen innerhalb des Vereins an. „Zu meiner Zeit hat die Führungsqualität und eine klare Kompetenzaufteilung gefehlt. Die handelnden Personen haben sich durch Streitigkeiten aufgerieben.“

Die Installierung eines General Managers bewertet er deswegen positiv. „Das war unbedingt notwendig. Es braucht jemanden, der Ziele vorgibt und deren Umsetzung kontrolliert.“

Insofern liegt es nun an Blumauer, den von ihm eingeschlagenen Weg gemeinsam mit Schinkels durchzuziehen. Dass der Sportdirektor dabei mit seinen Engagements im Fernsehen und als Zeitungs-Kolumnist an Nebenschauplätzen tätig ist, wirft kein gutes Licht auf den Klub.

Scherb plädiert jedoch dafür, Schinkels Zeit zu geben. „Alles andere wäre unfair.“

 

Jakob Faber

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