Tatar: "Wir sollten die erste Geige spielen"

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Ein Interview mit Alfred Tatar zu führen, kann zweifellos unterhaltsam sein.

Frage: Hätten Sie einen schwierigeren Typen wie Ilco Naumoski gerne trainiert? Antwort: „Über so etwas mache ich mir nur in philosophischen Zirkeln Gedanken.“

Frage: Sind Sie auch wegen der professionellen Strukturen nach Mattersburg gewechselt? Antwort: „Professionelle Strukturen ist ein Schlagwort im österreichischen Fußball, das sehr oft von den Protagonisten verwendet wird, ohne zu wissen, worum es sich dabei handelt.“

Frage: Worum handelt es sich denn? „Das zu erklären ist nicht meine Aufgabe, denn ich selbst kenne diese professionellen Strukturen ja auch nicht.“ Alles klar.

Tatar ist Tatar

Der neue Trainer des Bundesliga-Absteigers SV Mattersburg ist in dieser Hinsicht freilich kein unbeschriebenes Blatt, nämlich was originelle Aussagen in Gesprächen mit Journalisten betreffen.

Vergangene Saison hielt der 49-Jährige, der am 8. August seinen 50er feiert, als Vienna-Trainer über den Wiener Spielstil fest: „Wir wollen eine ganz moderne Variante des Brechstangen-Fußballs ausarbeiten und sind sozusagen die Anti-These zum FC Barcelona.“

Bei der Saisonstart-Pressekonferenz legte Tatar gleich nach. Vom Moderator hinsichtlich seines Vienna-Ausspruchs auf professionelle Unterschiede zwischen Bayern und dem SVM angesprochen, meinte er:  "Zuerst einmal haben wir keinen Präsidenten, der Steuerhinterzieher ist. Und Pep Guardiola ist zwar ein schillernder Trainer, aber er ist mit kurzen Hosen beim Training. Das ist auch nicht professionell."

Der Wechsel von Franz Lederer zu Alfred Tatar ist gewiss auch für Journalisten eine Umstellung, vom eher medienscheuen Coach zum Philosophen unter den Bundesliga-Trainern.

Neuanfang nach Schock

In erster Linie ist es aber ein Neuanfang. Einer, den noch am 18. Mai keiner für möglich hielt, aber acht Tage später plötzlich logisch war. An diesem Tag verlor Mattersburg gegen die Admira 0:1 und musste nach einem unglaublichen Final-Krimi doch noch den Gang in die Erste Liga antreten.

Nach dem 34. Spieltag hatten die Burgenländer noch fünf Punkte Vorsprung auf den Abstiegsplatz. Eine Woche später war der Abschied aus dem Oberhaus nach der zehnten Saison besiegelt.

„Das war nicht zu erwarten, nicht in den schlimmsten Befürchtungen vorhanden, obwohl wir immer gesagt haben, der Käse ist noch nicht gegessen. Es war ein Schock, aber man hat sich dann sehr schnell ein neues Ziel gesetzt. In Selbstmitleid baden ist nie gut“, erklärt Lederer bei LAOLA1.

Klub entschied Trainerwechsel

Der 49-Jährige, der am 25. November seinen 50er feiert, unterhielt sich in der Folge „selbstkritisch“ mit Obmann Martin Pucher. Der Klub entschied sich letztlich dafür, die Position neu zu bekleiden.

Lederer: „Es waren ganz normale Gespräche, in denen man darüber nachdachte, was vernünftiger wäre, und so ist man zu dem Entschluss gekommen. Als ich dann gefragt wurde, ob ich mir meine neue Position vorstellen könnte, fühlte ich mich geehrt.“

Nach fast neun Jahren wurde aus dem Trainer der sportliche Leiter Lederer. Nicht Sportdirektor.

„Den Titel ‚Direktor‘ mag ich nicht, den gibt es in der Bank oder in der Schule. Ich habe ja keine Direktion“, lacht der bis zuletzt noch am längsten dienende Trainer der Bundesliga.

Stamm der Mannschaft blieb

Sein Nachfolger soll den SV Mattersburg zurück ins Oberhaus führen, auch wenn das nicht auf diese Weise tituliert wird. „Wir müssen uns die Liga erst einverleiben und dann kann man schauen und vielleicht solche Ziele setzen. Das jetzt zu sagen, wäre respektlos gegenüber anderen“, so Lederer.

Tatar sieht es ähnlich. Überhaupt scheinen die beiden einander gut zu verstehen. So sagt der sportliche Leiter: „Es ist so unkompliziert, wie man sich es vorstellen kann. Ein permanentes Austauschen darüber, was man besser machen kann. Wir sind in vielen Dingen auf einer Welle.“

Lederer kümmert sich nicht nur um die Profis, sondern auch um die Amateur-Mannschaft, den Nachwuchs und die Akademie, auf die man in Mattersburg sehr stolz ist. Alle Bereiche sollen dabei paritätisch abgedeckt werden.

Hinsichtlich der Kaderplanung war der neue Sportchef dabei so gut wie gar nicht gefordert, blieb doch die Bundesliga-Mannschaft größtenteils zusammen. Mit Ilco Naumoski verließ zwar eine SVM-Ikone den Verein, aber es blieben andere wie Patrick Bürger, Manuel Seidl oder Michael Mörz. Ihre Verträge haben nämlich auch Gültigkeit für die Erste Liga. Die Spieler nahmen es offenbar so hin.

„Da muss man der Weitsicht der Verantwortlichen danken. Da ist auch einige Arbeit erspart geblieben“, weiß Lederer.

Tatars Orchester-Vergleich

Sportlich gesehen ist die Generalprobe für den Meisterschaftsstart am Freitag in Liefering geglückt. Der SVM setzte sich in der 1. ÖFB-Cup-Runde gegen Neo-Regionalligst Blau-Weiß Linz klar mit 5:1 durch. Der Einstand von Tatar war also ein erfolgreicher.

Lange musste der frühere Ried- und Admira-Trainer über ein Engagement im Burgenland nicht nachdenken. „Man hat in einigen Gesprächen zueinander gefunden und es war auf der Überlegensseite positiv, dass Mattersburg andere Möglichkeiten besitzt als die Vienna.“

Was  ausformuliert das bedeutet: „Man hat gute Trainingsbedingungen und eine sehr gute Akademie, mit der man Spieler ausbilden und die erste Mannschaft versorgen kann. Von den Trainingsbedingungen und den wirtschaftlichen Strukturen sind wir sicherlich so aufgestellt, dass wir die erste Geige spielen sollten. Das heißt aber nicht automatisch, dass wir ein Orchester haben, das den Wiener Philharmonikern entspricht. Da muss noch einiges an Feintuning gemacht werden. Das haben wir im Trainingsprozess gemacht, werden es die gesamte Saison hindurch weiterführen und am Ende hoffen wir, dass wir die Paukenschlag-Symphonie fehlerfrei absolvieren.“

Ging es bei der Vienna stets um das Halten der Klasse – „Viva la Relegation“-T-Shirts mit Tatar-Konterfei sind noch bestens im Gedächtnis – versucht Tatar nun die Klasse gen oben zu verlassen.

Es geht um Dominanz

Mit den Fans, die Tatar mit entsprechender Art Fußball zu spielen zurückgewinnen will, soll sich der Erfolg einstellen. Am Platz müssen dafür Lösungen erzielt werden.

„Meine Aufgabe ist, zu vermitteln, dass die Spieler dominant spielen müssen. Weil wir von den anderen die Favoritenrolle zugeschoben bekommen und diese Klubs gegen uns in den meisten Fällen defensiv operieren werden. Da muss man in der Lage sein, Antworten  auf die defensiven Pläne zu haben, daher müssen wir auch offensive Pläne entwickeln. Am besten ist es, wenn die Pläne eine Dominanz haben, die dann bis zum Tor durchbringen und die nötigen Erfolge zeitigen.“

Mattersburg blickt nach der bitteren Enttäuschung im Mai  teilweise neu aufgestellt nach vorne und der anstehenden Erste-Liga-Saison optimistisch entgegen. Die Burgenländer gehen als Mitfavorit neben Altach, Austria Lustenau und St. Pölten in die neue Spielzeit.

Dem Duo Tatar/Lederer soll der Wiederaufstieg gelingen. An der Harmonie wird es dabei nicht scheitern, denn Letzterer sagt über Ersteren mit einem Lächeln: „Wir sind froh, dass wir ihn haben. So wie er ist.“

 

Bernhard Kastler

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