Der Plan des Thomas von Heesen

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"Basis wird in jungen Jahren gelegt"

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„In St. Pölten gibt es seit fünf Jahren ein Konzept – auch ohne deutsche Hilfe.“

Hausherr Martin Scherb konnte sich bei der Saisonstart-Pressekonferenz der Ersten Liga in der NV-Arena einen Seitenhieb nicht verkneifen. Natürlich meinte es der Trainer des SKN St. Pölten nicht böse, sondern verwies auf aktuellen Gesprächsstoff in Österreich.

Meister Salzburg etwa holte gerade erst mit Ralf Rangnick und Roger Schmidt zwei Deutsche, die den Double-Sieger langfristig in Europa etablieren sollen. Sturm setzt ebenso auf die konzeptionellen Fähigkeiten eines Deutschen (Peter Hyballa) wie auch Altach (Rainer Scharinger) – oder Kapfenberg.

Ein Konzept, das dauern wird

„Wir haben kurz darüber gesprochen, Martin meinte, ich soll das nicht persönlich nehmen“, erzählt Thomas von Heesen im Gespräch mit LAOLA1. „Das tu‘ ich auch nicht“, lächelt der KSV-Trainer, der weiß, „dass auch österreichische Kollegen Konzepte haben. Jeder Trainer hat sein eigenes.“

Was der 50-Jährige auch weiß: Ein Konzept muss nicht gleich Wirkung haben. Es kann Jahre dauern.

Dreijahres-Plan. Dieses Schlagwort konnte in der Vorbereitung immer wieder aus dem „Falkenhorst“ entnommen werden. „Weil ich nur um drei Jahre verlängert habe, ich kann nicht Zehnjahres-Plan sagen“, lacht von Heesen, der seinen neuen Kontrakt als Herzensangelegenheit bezeichnet.

Fünf Monate war der Deutsche im Amt, als der Abstieg der Steirer aus der Bundesliga nicht mehr zu verhindern war. „Da sagt man nicht, man geht jetzt, sondern hilft neue Strukturen und eine neue Ausrichtung zu schaffen.“ So sah es auch Kapfenberg-Präsident Erwin Fuchs.

Von Heesen und sein Co-Trainer Markus von Ahlen krempeln seit Sommer die „Falken“ sportlich von A bis Z um. „Es geht darum, viele junge Spieler aus der eigenen Akademie einheitlich auszubilden. Einheitlich heißt, dass wir einheitlich in allen Altersklassen dieselbe Philosophie fahren. Um dem Klub ein neues Gesicht zu geben“, schildert von Heesen die Umsetzung.

Kapfenberg ist „Second-Choice“

Das zeigt sich mitunter auch am neuen Kampfmannschaftskader. Die 18 Abgänge nach dem Abstieg wurden teilweise mit Spielern von den eigenen Amateuren ersetzt. Neun hat TvH aktuell im Kader. Er nennt sie „Azubis“ (Auszubildende, Anm.), weil sie noch Zeit brauchen. „Der eine oder andere besitzt aber Riesentalent, Mario Grgic ist für mich mit 21 Jahren ein Leistungsträger“, ergänzt von Heesen.

Der Fokus gilt der Jugend, es soll von den ganz Kleinen bis zu den ganz Großen Durchgängigkeit herrschen. Dazu gehört auch Scouting. „Das haben wir noch nicht, das wird sich jetzt ändern“, erklärt der sportliche Leiter der Böhlerstädter. Kapfenberg soll ab sofort junge talentierte Spieler anziehen.

„Wir sind Second-Choice, die großartigen Talente sind in der Vergangenheit nicht zu uns gekommen, sondern zu Rapid, Austria, Sturm, Salzburg. Wir müssen per Scouting Talente entdecken, sie für uns begeistern und gewinnen, um hinterher mit vielen dieser Spieler die erste Mannschaft zu bilden.“

Sollte frühzeitig ein Youngster abgeworben werden, soll schon der nächste, zwei Jahre jüngere bereitstehen, um einzuspringen. „So wie früher bei Ajax. Da haben sie einen Spieler um Millionen verkauft, der nächste stand bereit und spielte die nächsten drei Jahre. Die Basis wird in jungen Jahren gelegt. Das ist die Philosophie.“

Beispiel Ajax

In jeder Altersklasse werden die Kader nun durchforstet, analysiert und wenn nötig, gehandelt.

Zudem sollen sie wissen, dass Talent alleine nicht ausreicht. „Sie müssen auf einem anderen Niveau ausgebildet werden, denn ich glaube, sie sind manchmal zu bequem."

Nicht vom Umfang her anders arbeiten, sondern vom Inhalt. „Vielleicht bringt es in manchem Fall ein Boxtraining oder eine Laufschule. Es gibt verschiedene Ansätze, um junge Spieler auf andere Ebenen zu führen.“

In drei Jahren soll die ganzheitliche Philosophie erkennbar sein. „Dafür braucht es nicht nur qualitativ hochwertige Spieler, sondern auch ebensolche im Umfeld“, weiß TvH um die Schwere der Aufgabe.

Schwer wird auch, den sofortigen Wiederaufstieg zu schaffen. „Obwohl der Absteiger immer der erste ist, der wieder rauf muss. Das ist in Deutschland nicht anders."

Der ehemalige Schüler der rot-weiß-roten Trainer-Legende Ernst Happel tritt aber die Bremse.

„Ich glaube, wir müssen uns erst einmal finden“, schickt von Heesen vor Saisonstart am Freitag bei Titel-Mitfavorit Austria Lustenau (18:30 Uhr, LIVE im LAOLA1-Ticker) voraus.

„Liga wird oft unterschätzt“

Nichtsdestoweniger muss auf die teilweise prominenten Neuzugänge hingewiesen werden. Alleine von Lokalrivale Sturm kamen Joachim Standfest, Thomas Burgstaller, Dominic Pürcher und Marvin Weinberger (TvH: „Er muss noch seine Ausrichtung finden“). Dazu wurde mit Miguel Ramos nun ein Stürmer geholt, zwei weitere Offensivspieler sollen noch kommen. Vorne mitspielen ist Pflicht.

„Wir wollen entsprechend ein Wörtchen mitreden, wissen aber wie alle anderen nicht, wo wir stehen. Jeder versucht sich, über die ersten drei, vier Spiele zu etablieren. Wir wollen natürlich gut starten, um eine vernünftige Basis zu haben“, gibt von Heesen die Marschroute zum Anpfiff vor.

Mit den Neuen wurde die gewünschte Routine geholt, denn der Deutsche weiß über die zweite österreichische Liga auch: „Diese Liga wird oft unterschätzt.“

Von Heesen kennt Zweitklassigkeit aus Deutschland. Die dafür notwendige Kampfbereitschaft ist für ihn ohnehin selbstverständlich – außerdem: „In Bielefeld haben wir mit spielerischen Mitteln den Aufstieg geschafft. Kämpfen ist Grundvoraussetzung, Spielerisches entscheidet am Ende des Tages.“

Große Klappe haben und am Ende eine auf den Hinterkopf zu bekommen – das ist nicht von Heesens Ding, ebenso wie langfristige Ziele. Das gilt für diese Saison wie auch für die kommenden drei Jahre.

Viel Arbeiten ist angesagt. Denn viele Talente sollen entwickelt werden und bis spätestens in drei Jahren in der Bundesliga für Kapfenberg spielen. Wenn nicht schon früher.

Das ist der Plan. Der Plan von Thomas von Heesen.

 

Bernhard Kastler

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