Über die Schmerzgrenze

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"Das gibt Motivation, wenn man nicht anerkannt wird"

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Es ist die Liga des außergewöhnlichen Abstiegskampfes.

Zwei Runden vor Schluss liegen in der Ersten Liga vier Klubs innerhalb von drei Punkten.

Einer davon ist der TSV Hartberg, für den die Saison nach einem Punkt aus acht Runden eigentlich gelaufen schien. Und jetzt hat man es in der eigenen Hand. Zwei Siege gegen den FAC und St. Pölten und der Ligaverbleib ist sicher.

"Es wäre eine kleine Sensation, wenn wir das noch schaffen würden", sagt Kapitän Günter Friesenbichler, der seine ganz eigene Leidensgeschichte dieser Saison erzählen kann.

Als verlängerter Arm seines Bruders Bruno ist er einer der wichtigsten Bestandteile der blau-weißen Elf. Nach einer Mittelfußzertrümmerung hat der 36-Jährige aber immer wieder gesundheitliche Probleme.

Jetzt beißt er durch. Für seine möglicherweise letzte Mission als Profifußballer.

Ein Gespräch über spezielle Maßnahmen, brüderliche Emotionen und Frustrationen im Abstiegskampf.

LAOLA1: Hartberg steht vor dem wohl wichtigsten Heimspiel seit langer Zeit. Wie besonders ist die Partie für dich?

Günter Friesenbichler: Aufgrund der Konstellation ist es ein entscheidendes Spiel. Sollten wir es gewinnen, würden wir uns einen Vorsprung gegenüber dem FAC holen. Wenn wir verlieren und Innsbruck und Horn gewinnen, ist der Zug abgefahren.

LAOLA1: Ist die Vorbereitung auf dieses Spiel auch eine besondere oder verläuft alles wie immer?

Friesenbichler: Man merkt schon, dass es dem Ende zugeht. Wir gehen die Vorbereitung auch ein bisschen anders an und wollen versuchen es so aussehen zu lassen, als ob es ein Auswärtsspiel wäre. Deshalb werden wir außerhalb von Hartberg einkaserniert sein. Das machen wir sonst nie. Aber wir wollen etwas versuchen, weil es zuhause nicht so funktioniert hat.

LAOLA1: Dabei hat man zuletzt in Kapfenberg Big Points holen können.

Friesenbichler: Der Sieg hat uns große Zuversicht gegeben. In Hartberg ist man die Situation gewöhnt. Es geht fast jedes Jahr um das Gleiche. Insofern wissen wir, wo wir stehen und was wir brauchen. Die Stimmung ist so gut wie schon lange nicht. Wir wissen, dass wir es selbst in der Hand haben, weil Horn in der letzten Runde in Innsbruck spielt. Was bedeutet, dass wir durch sind, wenn wir beide Spiele gewinnen. Jetzt geht es erst einmal gegen den FAC. Der hat auf jeden Fall auch das Zeug, in dieser Liga zu bleiben.

LAOLA1: In Hartberg hat es den Anschein, als kokettiere man mit dem Image, dass man ohnehin von niemandem in der Liga gemocht wird. Will man sich so einen psychologischen Vorteil verschaffen?

Friesenbichler: Am Anfang jeder Saison werden wir als Abstiegskandidat Nummer eins gehandelt. So ähnlich ist es mir auch in Wr. Neustadt gegangen. Damals haben wir es auch immer wieder geschafft. Es gibt eine Zusatzmotivation, wenn man nicht so richtig anerkannt und geschätzt wird. Jeder will es den anderen zeigen und sich ins Rampenlicht spielen. Weil es einen als Spieler natürlich auch interessant macht, wenn man den Klassenerhalt mit einem Underdog schafft.

Trotz eines schmerzhaften Mittelfußes haut sich Friesenbichler in Hartberg rein

LAOLA1: Wäre es das eine oder andere Mal vielleicht zum Wohle der Gesundheit klüger gewesen, nicht zu spielen?

Friesenbichler: Da wäre natürlich ein Bright Edomwonyi sehr wichtig gewesen. Er hätte mich extrem entlasten können und wir hätten mehr Optionen gehabt. So habe ich mich so gut wie möglich durchgebissen. Das war für mich teilweise frustrierend, weil man nicht das spielen kann, was man von einem selbst erwartet. Im Endeffekt ist Fußball ein Mannschaftssport, da geht es nicht um einzelne. Bei mir schon gar nicht mehr, weil ich meine Karriere gehabt habe. Priorität hat der Ligaverbleib, dann schauen wir wie es weiter geht.

LAOLA1: Ist eine weitere aktive Karriere abhängig von der Liga?

Friesenbichler: Unter Umständen, ja. Aber genauer will ich darauf nicht eingehen. In erster Linie ist es wichtig, dass ich körperlich fit werde, das wäre schön. Ansonsten müsste ich es mir gut überlegen, ob es nicht besser wäre, mich in eine andere Richtung zu orientieren.

LAOLA1: Gibt es schon den berühmten Plan B?

Friesenbichler: Den gibt es, aber es ist noch nichts spruchreif. Es wäre eher nichts im Bereich Fußball, es geht in eine andere sportliche Richtung.

 

Das Gespräch führte Andreas Terler

LAOLA1: Hast du wirklich den Eindruck, dass Hartberg von Gegnern oder Schiedsrichtern nicht wirklich anerkannt wird?

Friesenbichler: Dazu will ich eigentlich nicht allzu viel sagen, weil es wahrscheinlich für uns nicht gut wäre. Wir kämpfen eben mit unseren Mitteln. Die sind begrenzt, vor allem auch finanziell. Wir sind ein kleiner Verein und müssen uns die Anerkennung teilweise sehr hart erarbeiten. Wir haben aber auch schon gezeigt, dass wir höher einzustufende Gegner hinter uns lassen können.

LAOLA1: Kann man sagen, dass der Kampf und die harte Arbeit die zentralen Attribute sind, die diese Mannschaft auszeichnen?

Friesenbichler: Absolut. Durch die Trainercausa haben wir einen ganz schlechten Start in die Saison gehabt. Nach acht Runden sind wir bei einem Punkt gestanden, da waren wir für die meisten eh schon abgestiegen. Dann haben wir aber einen kleinen Lauf gestartet. Das Trainerteam um meinen Bruder Bruno und Co-Trainer Marko Kovacevic leistet Toparbeit. Ich bin schon so lange dabei, dass ich das sagen kann. Mittlerweile sind wir so gefestigt, dass wir mit fast jedem in dieser Liga mithalten können. Nur gegen Mattersburg haben wir vier Mal verloren. Dass wir spielerisch nicht so überzeugen können, weil uns da die Qualität fehlt, ist klar. Wir legen uns aber ein Konzept zurecht. Das funktioniert über Kampf, über Leidenschaft und über Teamgeist.

LAOLA1: Was war zu Saisonbeginn rund um Trainer Ivo Istuk in Hartberg eigentlich los?

Friesenbichler: Die Sprachbarriere war sehr groß, Herr Istuk hat überhaupt kein Wort Deutsch gesprochen. Da war es in den Trainingsarbeiten einfach schwierig. Dabei haben wir im Vorjahr mit 44 Punkten den Punkterekord geschafft. Und dann gab es wieder einen großen Umbruch. Mein Bruder hat erst wieder eine Zeit lang gebraucht, um die Mannschaft kennen zu lernen. In dieser Phase sind eben die Erfolge ausgeblieben, dann bist du weit abgeschlagen und es war sehr schwer, überhaupt noch heranzukommen. Du gehst in jedes Spiel hinein und musst etwas holen, um dabei zu bleiben. Das war sehr nervenaufreibend, weil es in jedem Spiel um alles gegangen ist. Aber wie gesagt, wir haben uns jetzt in diese Situation gebracht. Wir können es aus eigener Kraft schaffen. Jeder will beweisen, dass wir ligatauglich sind.

LAOLA1: Als Außenstehender hat es nicht gerade selbstverständlich gewirkt, dass dein Bruder sofort wieder das Traineramt übernimmt.

Friesenbichler: Das ist es auch nicht. Mein Bruder hat aber eben eine Vergangenheit in Hartberg. Es ist ihm eine Herzensangelegenheit, zumal er ja mit diesem Klub auch aus der Regionalliga aufgestiegen und vor dem GAK Meister wurde. Jeder hätte sich das wahrscheinlich nicht angetan, weil die Konstellation sehr schwierig war, immerhin war die Vorbereitung vorbei, als er wieder Trainer geworden ist. Umso höher ist seine Arbeit und die des Trainerteams einzuschätzen.

LAOLA1: Zu welchem Zeitpunkt habt ihr gemerkt, dass man den Tournaround schaffen kann?

Friesenbichler: Mitentscheidend dafür waren die Verpflichtungen von Bright Edomwonyi und Hans-Peter Berger - zwei absolute Führungsspieler. Bright hat einen super Lauf gehabt und viele Tore gemacht. Es hat ein bisschen gedauert, aber dann war dieses Spiel in Grödig gegen Liefering - unser erster Sieg. Sie waren damals Erster und wir Stockletzter. Wenn man merkt, dass man den Ersten auswärts schlagen kann, dann setzt das in der Mannschaft Kräfte frei. Hans-Peter Berger ist für mich mit Abstand der beste Tormann in dieser Liga. Auch als Persönlichkeit ist er sehr wichtig, ich kenne ihn ja schon aus meiner Zeit in Ried. Diese zwei Spieler waren ein Glücksgriff für Hartberg. Mit ihnen ist es bergauf gegangen und wir haben Selbstvertrauen gewonnen. Schade ist natürlich, dass wir Bright nicht über den Winter hinaus behalten durften. Ich hätte sehr gerne mit ihm zusammen gestürmt. Er hat uns aber Richtung Sturm Graz verlassen, was auch irgendwo verständlich ist. Ich denke, mit ihm hätten wir wahrscheinlich jetzt schon genügend Punkte am Konto. Dann könnten wir uns um andere Sorgen kümmern.

LAOLA1: Wie würdest du eigentlich dein persönliches Verhältnis zu deinem Bruder als Trainer beschreiben?

Friesenbichler: Es ist nicht immer ganz einfach, aber prinzipiell habe ich ein sehr gutes Verhältnis zu ihm. Ich weiß genau, welche Vorstellungen er von Fußball hat. Von dem her ist es für mich als Kapitän der Mannschaft immer gut, das Sprachrohr zur Mannschaft zur sein und auch zu ihm zurück. Das funktioniert nicht immer, es gibt auch Meinungsverschiedenheiten. Aber da muss ich als Spieler natürlich zurückstecken und das mache ich, wenn es hart auf hart kommt. Hoffentlich gelingt uns noch einmal den Klub in der Liga zu halten, zumal es heuer eine kleine Sensation wäre, wenn wir es schaffen würden.

LAOLA1: Ich kann mich an eine Auswechslung in Innsbruck erinnern, nach der du dann deine Wut an der Ersatzbank ausgelassen hast. Wie kann man sich die Gespräche zwischen euch nach so einer Aktion vorstellen?

Friesenbichler: Das wird danach zur Sprache gebracht. Wir diskutieren sehr viel über Fußball, auch außerhalb des Platzes. Es sind Emotionen. So sind wir. Ich denke auch nicht, dass wir uns im Fußballgeschäft so etabliert hätten, wenn wir nicht so emotional wären. Das gehört zu unserer Art und Weise dazu. Man tut sich nicht immer damit etwas Gutes, weil man oft belächelt wird und etwas nicht so rüberkommt, wie man es will. Trotzdem hat es uns immer ausgezeichnet und das wird auch so bleiben.

LAOLA1: In Interviews verweigert dein Bruder auch einmal gewisse Auskünfte oder lässt sich auf Wortgefechte mit Reportern ein. Tut er sich damit einen Gefallen?

Friesenbichler: Er könnte es sich viel leichter machen, dieser Meinung bin ich auch. Aber in seinem Fall ist es so - und das weiß ich - dass er sich hundertprozentig hinter die Mannschaft stellt. Das verlange ich auch von einem Trainer. Intern kann man alles besprechen. Wenn er sich immer hinter die Spieler stellt, klingt das vielleicht ab und zu komisch, wie in manchen Interviews, aber das ist ein Schutz für die Mannschaft und ich finde das auch richtig so.

LAOLA1: Ein Rezept gegen die Heimschwäche hat auch er nicht finden können. Ist die Erwartungshaltung vor eigenem Publikum für den selbsternannten Underdog zu groß?

Friesenbichler: Vielleicht erlegen sich die Spieler auch selbst teilweise zu großen Druck auf, um den Fans zu entsprechen. Erklären kann ich es mir nicht. Normalerweise solltest du als Team, das gegen den Abstieg spielt, zumindest die Heimspiele gewinnen. Bei uns ist es genau umgekehrt.

LAOLA1: In der Auswärtstabelle ist Hartberg sogar Vierter.

Friesenbichler: Wahnsinn. Eigentlich als Abstiegskandidat nicht vorstellbar. Jetzt wollen wir für unsere Fans zumindest einen einzigen Heimsieg im Frühjahr einfahren. Wobei wir auch sehr viele kritische Fans haben, wenn es nicht so läuft. Das muss ich hier auch loswerden. Jenen Fans, die aber immer hinter uns stehen und trotzdem immer wieder ins Stadion kommen, wollen wir die drei Punkte schenken.

LAOLA1: Auch für dich persönlich war diese Saison eine Leidenszeit. Wie fit bist du eigentlich im Moment?

Friesenbichler: Der Mittelfuß macht seit der Zertrümmerung immer wieder Probleme. Zwischen den Spielen brauche ich ein bisschen mehr Regenerationszeit, als noch vor der Verletzung. Dazu bin ich in ein Alter gekommen, in dem ich viel Erholung brauche. Da komme ich nicht so viel zum Trainieren wie noch vor vier, fünf Jahren. Das ist alles nicht ganz so einfach. Für mich ist diese Saison sicher nicht positiv verlaufen. Eigentlich habe ich in den letzten Jahren zumindest immer zehn Tore gemacht, heuer war es gerade einmal eines. Ich versuche mich trotzdem einzubringen. Mit meiner Erfahrung kann ich der Mannschaft helfen. Wenn es dann dazu reicht, dass wir nicht absteigen, habe ich meine Mission erfüllt.

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