Der gute Rat des Thierry Henry

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"In der MLS ist es egal, ob du gewinnst oder verlierst"

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Mit 19 Jahren bei 1860 München, mit 22 in der Major League Soccer, mit 24 bei der Kapfenberger Sportvereinigung. Die Vita von Dimitry Imbongo Boele liest sich spannend.

Geboren in Kinshasa, zog der Stürmer aus, um sich seinen Traum vom Profifußball zu erfüllen. Die Station KSV 1919 war damals wohl nicht vorgesehen, sie könnte sich nun aber als Glücksfall erweisen.

Im Februar holten die Falken den Angreifer, der in der Jugend bei ESN Nanterre, einem Klub aus einer Vorstadt von Paris spielte, als einen von drei Stürmern neben David Poljanec (mittlerweile bei NK Krsko/SLO) und Jorge Elias (derzeit verletzt).

Ein großes Talent, zu große Hoffnungen

Es dauerte, bis Imbongo am Platz von sich reden machte. Mangelnde Fitness war seiner Meinung nach der Grund. "Ich war drei Jahre weg von so einem Niveau, weil ich in den USA war. Das war etwas ganz anderes", sagt der 25-Jährige im Gespräch mit LAOLA1.

Ursprünglich war auch der große Schritt nach Übersee nicht geplant. In Deutschland wollte der Durchbruch jedoch nicht klappen. "Der Fußball dort war sehr intensiv. Ich kam von meinem Heimatklub zu 1860 und wusste nicht, wie es ist, in einer Akademie zu sein", musste sich der 1,88 Meter große Angreifer an viel Neues gewöhnen.

Ein BILD-Bericht anno 2010, der sich nicht bewahrheiten sollte

Das sollte zunächst gut funktionieren. Besonderen Anteil daran hatte Ernst Tanner, damals Nachwuchskoordinator bei Sechzig und mittlerweile Leiter der Nachwuchsabteilung des FC Red Bull Salzburg.

"Er hat allen jungen Spielern sehr geholfen. Viele davon spielen jetzt in der zweiten oder ersten Bundesliga. Für mich hat es dann aber nicht mehr gepasst. Ich war mit den Leuten dort nicht zufrieden", erklärt Imbongo sein Scheitern in München.

Zwölf Tore und vier Assists in 45 Einsätzen bei 1860 II waren nicht genug. Großes Talent wird ihm damals oft nachgesagt. Dass er die in ihn gesetzten Erwartungen nur selten erfüllen konnte, ebenfalls.

Das war auch in Darmstadt der Fall, wohin er nach einer einvernehmlichen Vertragsauflösung in München wechselte. Kosta Runjaic, damals Coach der Lilien, lobte seine Vielseitigkeit und hervorragende Ausbildung.

Nach 13 Einsätzen, zwei Assists und keinem Torerfolg hatte er auch beim damaligen Drittligisten keine Zukunft mehr. "Ich war mit mir selbst nicht zufrieden", sagt Imbongo heute über das Intermezzo in Südhessen.

Durch seine Engagements in Foxborough und bei den Colorado Rapids, von denen er 2012 gedraftet wurde, kam er aber den Stars, die schon dort waren, wo er gerne hin will, sehr nahe und konnte sich das eine oder andere von ihnen abschauen.

Eine Begegnung ist ihm bis heute bestens in Erinnerung: "Ich hatte das Glück, Thierry Henry (damals bei den NY Red Bulls, Anm.), live zu erleben. Nach dem Spiel konnte ich kurz mit ihm reden. Ich habe ihn gefragt, wie er mit dem rechten Fuß so stark werden konnte und worauf er als Fußballer besonders geachtet hat. Er hat mir alles erklärt und gesagt, dass man Wert auf die Regeneration legen muss, auf die Ernährung. Und, dass man mehr arbeiten muss als die anderen, wenn man oben bleiben will."

Ein neues System

Ein Rat, den er sich seither zu Herzen genommen hat. Ein Bekannter "von früher" stellte Imbongo, der nach zweieinhalb Jahren USA Sehnsucht nach seiner Familie hatte, den Kontakt nach Kapfenberg her. "Ich wollte einfach etwas anderes sehen, war aber nicht ganz fit. Also konnte ich nicht gleich zu einer größeren Mannschaft wechseln", erklärt er seinen Wechsel in die zweithöchste österreichische Spielklasse.

Nach vereinzelten Einsätzen im Frühjahr gelang ihm in Runde 36 der Vorsaison sein erstes Tor in der Kampfmannschaft. In der Sommerpause verzichtete er auf Urlaub und blieb in der Obersteiermark, um zu trainieren. Das sollte sich bezahlt machen. Nach vier Spielen dieser Saison steht Kapfenberg an der Tabellenspitze, Imbongo gehört zur ersten Elf und hat in den letzten beiden Partien getroffen.

Der Fehler und die Chance

Es folgte die Möglichkeit, in die USA zu wechseln, zu New England Revolution. Für einen 22-Jährigen, der davon träumt, einmal in Europas Topligen zu spielen, ein Schritt zurück. Dessen war er sich damals aber nicht bewusst.

"Es gab kein hartes Fitness-Training, keine Läufe unter der Woche oder so. Es wurde dort so trainiert, wie die Amerikaner eben sind: Alles easy, alles entspannt", schildert Imbongo den vergleichsweise leichten Trainingsalltag in der MLS.

Auch in puncto Mentalität sei die nordamerikanische Topliga kein Aushängeschild. "Es ist egal, ob man gewinnt oder verliert. Du hast keinen Druck, auch die Trainer haben keinen Druck. Du kannst auch nicht in eine zweite Liga absteigen. So kann keine Spannung in der Kabine aufkommen", kam der dortige Fußball nicht seinem Verständis von Profisport gleich. Die Liga sei zwar nicht schlecht, es sei aber für ihn viel zu früh gewesen, dort hin zu wechseln.

"Vater" Kurt Russ versucht, Imbongos Potenzial auszuschöpfen

Grund für den unerwartet guten Saisonstart ist mitunter ein System-Wechsel. Aus Mangel an Mittelstürmern setzt Trainer Kurt Russ nun auf eine 4-3-3-Grundausrichtung. "In der Vorbereitung haben wir den richtigen Ansatz gefunden. Mit Sergi Arimany haben wir jetzt in der Mitte einen sehr starken Spieler, der die Bälle halten kann und kopfballstark ist. Auf der Seite gibt es dann unter anderem Joao Victor Santos Sa, Dominik Frieser, Florian Flecker und mich", sieht Imbongo sein Team offensiv gut aufgestellt.

Nicht zuletzt liegt das auch an den Qualitäten seines Coaches. Wie im Vorjahr schafft es Russ bislang, mehrere Abgänge wett zu machen und ein kompaktes Team auf den Rasen zu schicken.

Vater Kurt und Kind Dimitry

"Er ist wie unser Vater", sagt Imbongo, "wenn er sieht, dass es bei dir nicht so gut läuft, dann nimmt er sich Zeit und versucht dir zu helfen. Das hat aus unserem Team eine eingeschworene Truppe gemacht."

Und aus ihm einen Stürmer, der wieder in die Erolgsspur zu finden scheint: "Er kennt mein Potenzial und weiß, was ich besser machen kann. Er sagt: Nach zwei Toren kannst du nicht zufrieden sein und erwarten, dass alles gut wird. Es hat gut angefangen, aber man muss damit rechnen, dass schlechte Zeiten kommen. Da muss man stark sein."

Bleibt Imbongo stark, kann er sich vielleicht doch noch in Europa durchsetzen. Den Glauben an einen Wechsel nach England hat er noch nicht aufgegeben.

"Ich rede gar nicht von der Premier League, auch von der Championship. Das ist eine sehr starke Liga. Ich liebe den englischen Fußball. Die Stadien sind immer voll und die Fans singen von der ersten bis zur letzten Minute", schwärmt der 25-Jährige und sagt: "Ich bin noch ein Kind. Ich will meinen Traum erreichen."

 

Andreas Terler

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