"Wir wurden in eine Scheiß-Situation gebracht"

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Das schöne Märchen ist Geschichte, die harte Realität die Gegenwart.

Nicht umsonst wird Liga-Neulingen immer wieder ein hartes zweites Jahr prophezeit. Davon kann der FC Blau-Weiß Linz aktuell nur bestens ein Lied singen.

Nach dem Aufstieg 2011 und dem sensationellen fünften Platz samt Derbysieg gegen den LASK in der Vorsaison liegen die Stahlstädter nun nach elf Runden auf dem letzten Platz in der Ersten Liga.

Vor allem die letzten beiden Wochen waren mehr als turbulent. Trainer Thomas Weissenböck wurde beurlaubt, die Kommunikation dieser Entscheidung erwies sich alles andere als glücklich.

Kapitän Tino Wawra bekam das zu spüren, als ihn so genannte Fans vor seinem Zuhause empfingen.

„Da hört sich der Spaß auf, das geht zu weit“, spricht der 33-Jährige, der als Rädelsführer für die Entlassung des Trainers tituliert wurde, im LAOLA1-Interview Klartext.

Bis Winter agieren die Blau-Weißen vorerst mit einem Trainer-Trio, bestehend aus dem eigentlichen sportlichen Leiter Gerald Perzy („Er ist der Teamchef und Motivator“), Thomas Sageder, bereits unter Weissenböck Assistent, und Amateure-Coach Marcel Ketelaer („Sie leiten das Training“).

Das erste Spiel in neuer Konstellation ging mit schalem (Referee-)Beigeschmack 0:1 gegen die Vienna verloren, nun kommt es beim FC Lustenau (18:30 Uhr, LIVE im LAOLA1-Ticker) zum nächsten Duell mit einem direkten Konkurrenten.

Vorab arbeitete LAOLA1 mit Tino Wawra die turbulenten vergangenen Wochen auf.

LAOLA1: Wer hinten drin hängt, der hadert bekanntlich auch mit dem Glück. Ich spreche auf die unfassbare Schiedsrichter-Leistung (Hier das VIDEO) bei eurer 0:1-Heimniederlage gegen die Vienna an.

Tino Wawra: Das war unglaublicher Wahnsinn. Es ist einfach unmöglich, dass alle drei Schiedsrichter am Platz dieses Handspiel (Hinterseer auf der Linie, Anm.) nicht sehen konnten. Das kann mir keiner erzählen, das gibt es nicht. Sogar jeder von der Vienna hat den Kopf geschüttelt. Ich bin ja dann noch zum Schiedsrichter (Markus Hameter, Anm.) gegangen und habe ihm gesagt, dass er Hinterseer fragen soll. Zwei Tage zuvor ist der Schiedsrichter zu Miroslav Klose gegangen und der hat sein Handspiel zugegeben (wodurch das Tor des Lazio-Stürmers gegen Napoli aberkannt wurde, Anm.). Bei uns hat der Schiedsrichter gesagt, er geht nicht hin, weil er ohnehin gesehen hat, dass es kein Handspiel war. Wenn Hinterseer verneinen würde, wäre Hameter aus dem Schneider. Aber sie nehmen dahingehend nichts an. Für ihn wird es in den nächsten Wochen wohl auch nicht gut laufen. Fehler können ja passieren, aber was mich am meisten stört: Sie sind stur, man kann mit ihnen nicht normal reden. Sie werden immer eitler, schnauzen gleich zurück, wenn man sie normal anspricht. Hinsichtlich des Umgangs müssen sich die Schiedsrichter wirklich einmal an die Nase fassen.

LAOLA1: Warum muss sich Blau-Weiß an die Nase fassen? Was lief allgemein falsch in dieser Saison?

Wawra: Ich glaube, wir haben uns von der Vorbereitung ein wenig blenden lassen, in der wir gegen Gegner wie Frankfurt und Nikosia ein wenig zu gut ausgesehen haben. Da haben wir wohl gedacht, es geht von alleine. Wir sind dann mit einem Remis gegen Hartberg gestartet, da hatte eigentlich jeder mit einem Sieg gerechnet. Wir haben weiter gegen zwei andere vermeintlich kleinere Gegner nicht gewonnen und so sind wir in die Scheiße hineingekommen. Es gab zudem auch Unstimmigkeiten mit dem Trainer, nicht nur seitens weniger, sondern der meisten Spieler. Diese Mannschaft mit diesem Trainer, das hat einfach nicht gepasst, das hat sich in dieser Zeit sehr zugespitzt. Außerdem haben wir auf dem Platz viel zu viele Chancen ausgelassen, das ist auch der Unterschied zum Vorjahr, wo David Poljanec (der Stürmer wechselte im Sommer zu Paderborn, Anm.) aus keiner Möglichkeit ein Tor machte. Und was auch noch mitspielt, dass bisher kein Spieler – aus welchen Gründen auch immer – an die Form der Vorsaison herankommen ist.

LAOLA1: Du hast die Unstimmigkeiten mit Ex-Trainer Weissenböck angesprochen. Die gab es allerdings nicht erst seit dieser Saison. Hat sich seine Entlassung abgezeichnet?

Wawra: Es hat die Fälle Hassler (durfte nicht mehr mittrainieren, Anm.) und Offenbacher (ging noch im Laufe des Leihgeschäfts zurück nach Salzburg, Anm.) gegeben, bei denen es in eine Richtung gegangen ist, die die meisten Spieler nicht nachvollziehen konnten. Die ersten Probleme haben zuvor schon im Wintertrainingslager begonnen und sich durchgezogen. Sportlich gesehen kann man aber überhaupt nichts Schlechtes sagen, von seiner Kompetenz und vom Training her hat alles gepasst.

LAOLA1: Dann scheint es an der Sozialkompetenz gehapert zu haben.

Wawra: Vom menschlichen Aspekt her hat es zwischen der Mannschaft und ihm nicht funktioniert. Vielleicht kommt er mit jungen Spielern alleine besser klar, so wie etwa bei den LASK Juniors zuvor. In Ried (Weissenböck war 2007/08 Cheftrainer, Anm.) hatte er wiederum, so wie ich es von Kollegen gehört habe, dasselbe Problem wie bei uns. Vielleicht kann er wirklich einfach mit den Jungen besser umgehen und mit den Alten nicht so. Das ist mein Schluss, den ich aus dem Ganzen ziehe.

LAOLA1: Es hat eine Mannschaftssitzung gegeben, wo sich die Spieler vor dem Spiel in Hartberg (3:1) gegen den Trainer ausgesprochen haben. Wie lief das ab?

Wawra: Es war keine Abstimmung, es war eine Sitzung mit Mediatoren, die zwischen Mannschaft und Trainer hätten vermitteln sollen. Da war auch Gerald Perzy (sportlicher Leiter, nun Interims-Coach, Anm.) dabei und bei ihm haben die Alarmglocken geschrillt, weil er gemerkt hat, dass so viele Leute im Team ein Problem mit dem Trainer haben. Er hat dann gefragt, wer glaubt, dieses mit dem Trainer sei noch zu kitten. Dieser Meinung waren nur drei Leute. Es war jetzt nicht so, wer für oder gegen den Trainer sei. Das hat mich gestört, dass das immer so geschrieben wurde, weil es so klang, als hätten wir ihn abgeschossen. Die Entscheidung liegt immer beim Verein.

LAOLA1: Der hat sie getroffen und genau nach dem ersten Sieg in Hartberg veröffentlicht. Das Team soll es vorher gewusst haben, oder nicht. Der Trainer angeblich auch, oder nicht. Wie war’s wirklich?

Wawra: Wir Spieler wurden am Donnerstag vor dem Spiel informiert, wir hatten aber nicht gewusst, ob es auch dem Trainer gesagt wurde. Das hat uns keiner gesagt. Wir waren teilweise der Meinung, er weiß es ohnehin, denn vor dem Auswärtsspiel in Hartberg war er ungewohnt ruhig und unemotional. Es war einfach eine ganz komische Situation. Es war sehr unglücklich, wie es der Verein gelöst hat, und auch unfair. So einen Abgang hat sich kein Trainer verdient und schon gar nicht er, hatte er doch vorige Saison sehr viele Erfolge mit dieser Mannschaft. Man hätte es gleich am Donnerstag mit ihm regeln müssen und ihn nicht nicht noch am Freitag auf die Bank setzen sollen. Es war auch uns Spielern gegenüber nicht in Ordnung, weil sie uns in eine unangenehme Situation gebracht haben. Wir haben teilweise lügen müssen, weil uns gesagt wurde, es darf nichts nach außen dringen. Sie haben uns in eine Scheiß-Situation gebracht, das habe ich den Verantwortlichen auch gesagt. Sie würden es auch nicht noch einmal so machen. Man merkt auch, dass wir erst im zweiten Jahr im Profigeschäft sind, da ist die Routine, mit der Öffentlichkeit umzugehen, noch nicht so gegeben.

LAOLA1: Apropos Öffentlichkeit, du hattest nach der Entlassung von Weissenböck Besuch von „Fans“. Was ist genau passiert?

Wawra: Ich bin aus meinem Auto ausgestiegen und wollte zu meinem Wohnungseingang gehen. Da sind ein paar Fans gestanden, die aber, glaube ich, eher zufällig in der Straße waren. Sie haben mich gesehen und ich habe mir dann einiges anhören können. Sie sind nicht handgreiflich geworden, aber haben eben über mich gesagt, dass ich der Rädelsführer bei der Entlassung des Trainers gewesen sei. Es war ziemlich deftig.

LAOLA1: Ist das ausgeräumt worden?

Wawra: David Wimleitner und ich haben zwei Tage später über unseren Medienbeauftragten Alex Hofer eine Fansitzung einberufen, aber nur mit den Leadern der Fanklubs. Da wurde dann alles ausgeräumt. Ich habe ihnen erzählt, dass es ein wenig unlustig ist, wenn das ins Private hineingeht. Wenn sich vielleicht dann noch meine Freundin fürchten muss, mit mir irgendwo hinzugehen, dann hört sich der Spaß auf und es geht einfach zu weit. Das war aber nicht nur wegen diesem Fall, sondern ich wollte das allgemein einmal aufklären. Im Internet wird ja teilweise derselbe Scheiß geschrieben. Das sind wahrscheinlich ohnehin dieselben Leute, nicht die echten, sondern Schönwetter-Fans. Ich wollte das aufklären und ich denke, dass das auch weitergetragen wurde.

LAOLA1: Lagen generell ein wenig die Nerven blank in den vergangenen Wochen?

Wawra: Das hat mich auch enttäuscht, dass bei den Fans teilweise die Nerven komplett blank gelegen sind. Wir hatten damals gerade erst ein Viertel der Meisterschaft gespielt und alle haben schon geredet, dass wir sicher absteigen. In Wahrheit musst du nur zwei Spiele gewinnen und du bist wieder bei der Partie rund um Hartberg und FC Lustenau dabei. Ich weiß, was wir können, und ich glaube nicht, dass wir absteigen. Ich weiß nicht, warum jetzt alle so die Nerven weghauen. Das ist für mich unverständlich. Aber es ist auch die erste Härteprüfung für diesen Verein, der eben erst im zweiten Profijahr steht. Vergangenes Jahr wurde alles irgendwie durch die rosarote Brille gesehen, da sind wir alle auf Wolke sieben geschwebt. Jetzt durchleben wir ein Tief und das gehört zum Reifeprozess dazu. Vielleicht sagen wir einmal, dass es gut war, so wie es kam – weil wir viel daraus gelernt haben.

 

Das Gespräch führte Bernhard Kastler

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