"Man ist schnell vergessen"

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„Es gibt schon Leute, die fragen: ‚Was ist mit dem Saurer passiert? Wo ist der eigentlich?‘“

Die Antwort: Christoph Saurer hat im Sommer beim SC Wiener Neustadt unterschrieben, fällt wegen einer leichten Oberschenkel-Verletzung aber vermutlich zum Saisonstart aus. Zwei Jahre lang hat der 29-Jährige keinen Profi-Fußball mehr spielen können. Jetzt will er beweisen, dass er es noch kann.

Doch der in Wien aufgewachsene Burgenländer will sich bei den Niederösterreichern nicht nur als Fußballer, sondern auch als Mensch beweisen. „Ich will als Persönlichkeit mehr Präsenz zeigen“, sagt der Mittelfeldspieler, der zuletzt beim LASK war, im LAOLA1-Interview.

Der SCWN-Kicker spricht über Zweifel, Schmerzmittel, seine Trainer-Ausbildung und die Rückholaktion eines ehemaligen Weggefährten.

LAOLA1: Wie fühlt es sich an, zurück in Wiener Neustadt zu sein?

Christoph Saurer: Damals, im Frühjahr 2012, waren Günter Kreissl und Mario Posch schon da. Und mit Andreas Schicker habe ich in einer Mannschaft gespielt. Aber sonst ist die Truppe komplett anders, das Rundherum ist jedoch gleich. Für mich war es damals – nach diesem halben Jahr bei Rapid, wo ich unter Schöttel praktisch gar nicht gespielt habe – schön, wieder auf dem Platz zu stehen. Mir hat es getaugt, wir sind aber dann im Sommer finanziell nicht zusammengekommen. Also bin ich nach Innsbruck gegangen. Aber man trifft sich eben immer zweimal.

LAOLA1: In Sachen „schön wieder zu spielen“ könnte sich der Kreis schließen.

Saurer: Genau. Es passt perfekt. Der Verein hat sich neu aufgestellt und ich versuche, wieder zurück ins Business zu kommen. In dieser Situation können beide Seiten gewinnen.

LAOLA1: War es das, was dich an Wiener Neustadt gereizt hat?

Saurer: Kreissl hat von Anfang an zu mir gesagt, dass er mich haben will. Wenn man so lange verletzt ist, ist es nicht selbstverständlich, dass dich einer anruft und sagt: „Komm‘ sofort her! Ich will dich! Du bist mein Lieblingsspieler!“ Ich glaube, es wird eine schöne Zeit.

LAOLA1: Er hat wirklich gesagt, dass du sein Lieblingsspieler bist?

Saurer: Ja.

LAOLA1: Das ist ein gewisser Druck.

Saurer: Gar nicht. Es ist einfach eine schöne Anerkennung. Ich war länger nicht im Business und dann kommt ein ehemaliger Weggefährte daher. Ich brauche in meiner Phase jemanden, der auf mich baut.

LAOLA1: Wie erlebst du die Stimmung im Verein?

Saurer: Die ganze Mannschaft wurde ausgetauscht, die negativen Erlebnisse vom Abstieg sind weg. Jeder, der da ist, sucht seine Chance und will sich zeigen. Es ist für jeden positiv, hier sein zu dürfen. Die Jungen und ich, der älteste. (lacht)

LAOLA1: Du bist tatsächlich der älteste Spieler im Kader.

Saurer: Ja, die Zeit vergeht so schnell. Ich bin jetzt 29 Jahre alt.

LAOLA1: Also wirst du eine Führungsrolle einnehmen müssen.

Saurer: Das will ich auch, das ist mein Anspruch. Ich habe schon viel erlebt. Natürlich muss ich zuerst einmal zurückfinden. Ich will den Jungen so helfen, wie mir früher die älteren Spieler geholfen haben.

Christoph Saurer war schon einmal in Wiener Neustadt

LAOLA1: Hattest du nie Zweifel?

Saurer: Sicher hatte ich die. Ich habe probiert und probiert. Vor der letzten Operation hat es geheißen: Entweder es wird wieder oder es wird nicht und ich muss aufhören. Es ist Gott sei Dank wieder geworden.

LAOLA1: Was hättest du getan, wenn es nicht funktioniert hätte?

Saurer: Ich habe schon während der Verletzung in Deutschland mit einer Ausbildung zum Sportbetriebswirt angefangen. Es kann so schnell gehen und es ist vorbei. Daran denkt man vorher ja gar nicht. Welcher Fußballer denkt schon daran, dass er in einem Jahr womöglich nicht mehr spielen kann? Man denkt nur von Training zu Training und von Match zu Match. Außerdem habe ich angefangen, die UEFA-B-Lizenz zu machen.

LAOLA1: Lernt man bei diesem Trainerkurs etwas, was einem als aktiver Fußballer auch noch weiterhilft?

Saurer: Schon. Am Anfang ist es schwer, von Spielersicht auf Trainersicht umzustellen. Man denkt nicht nur an sich, sondern an das ganze Team. Als Spieler beschäftigt man sich nicht so intensiv mit Aspekten wie kontinuierlicher Spielaufbau, Konterspiel, Raumdeckung, da schaut man nur auf seine Position. Es ist interessant, die Kehrseite zu sehen.

LAOLA1: Kommen wir zum vergangenen halben Jahr. Du hast im Winter beim LASK unterschrieben.

Saurer: Ja, aber dann haben sie Daxbacher rausgeworfen.

LAOLA1: Hat es trotzdem etwas gebracht? Immerhin konntest du in der Regionalliga bei Pasching spielen.

Saurer: Es war nicht das, was ausgemacht war. Martin Hiden ist Trainer geworden und hat mir gesagt, dass ich in der zweiten Mannschaft spiele. Mein ursprüngliches Ziel war, dass ich vielleicht die letzten drei Saisonspiele bei den Profis spielen kann, damit die Leute sehen, dass ich wieder da bin. Aber der Fußball ist eben kein Wunschkonzert. Bei Wiener Neustadt habe ich jetzt eine Bühne.

LAOLA1: Du hast vor über zwei Jahren zum letzten Mal Profi-Fußball gespielt. Hast du das Gefühl, dass dich die Leute vergessen haben?

Saurer: Es gibt schon Leute, die fragen: „Was ist mit dem Saurer passiert? Wo ist der eigentlich?“ Ich habe das Gefühl, dass ich noch das Zeug dazu habe, zu spielen. Das will ich mir beweisen. Man ist im Fußball schnell vergessen.

LAOLA1: Abschließend: Was ist für den SC Wiener Neustadt in dieser Saison möglich?

Saurer: Wichtig wird sein, dass wir einen guten Start hinlegen. Die Mannschaft muss sich finden, da ist jedes positive Ergebnis wichtig. Wir wollen in Ruhe arbeiten können. Die Jungen sollen keine Gedanken an den Abstieg haben, das würde sie blockieren.

Das Gespräch führte Harald Prantl

LAOLA1: Gibt es einen Spieler, an den du dich in diesem Zusammenhang besonders gerne erinnerst?

Saurer: Da kann ich viele aufzählen. Roman Mählich hat mir bei den Austria Amateuren viel geholfen. Beim LASK waren es Jürgen Panis, Ivo Vastic, Michael Baur und Christian Mayrleb – das waren gute Vorbilder. Sie haben mir gezeigt, wie man sich in diesem Business zurechtfindet. Worauf muss man aufpassen, was kann man machen? Diese Dinge weiß man zu Beginn ja nicht. Es braucht jemanden, der einem das alles zeigt. Leider gibt es von diesen älteren Spielern immer weniger, obwohl die Jungen solche brauchen würden.

LAOLA1: Ich kann mir schwer vorstellen, dass du einer bist, der in der Kabine laut wird und auf den Tisch haut.

Saurer: Das war ich früher sicher nicht. Aber ich habe meine Erfahrungen gemacht und bin gereift. Ich hatte während meinen Verletzungen viel Zeit, um zu überlegen: Wo kann ich mich verbessern? Ein Punkt ist, dass ich nicht nur auf dem Platz als Fußballer, sondern auch als Persönlichkeit mehr Präsenz zeigen will. Jetzt stehe ich vor der Herausforderung, das umzusetzen. Ich kann schon „gachzornig“ werden.

LAOLA1: Wie geht es dir körperlich?

Saurer: Das wird man sehen. Ich versuche, in der Vorbereitung so viele Spiele wie möglich zu machen. Mir ist wichtig, dass ich mich am Platz wohlfühle. Alles andere kommt von alleine. Mir macht das Kicken wieder Spaß. Wenn das nicht so wäre, wenn ich den Biss nicht mehr hätte, wäre ich nicht hier.

LAOLA1: Wie lange hat es dir keinen Spaß gemacht?

Saurer: Mein letztes Match mit Wacker Innsbruck war in Wolfsberg, als wir in der letzten Runde 2012/13 den Klassenerhalt geschafft haben. Dann bin ich am rechten Meniskus operiert worden. Da ist alles gut gelaufen. Doch während ich verletzt war, habe ich mir am anderen Knie eine Patellasehnenverletzung zugezogen. Danach hatte ich immer wieder Folgeoperationen – zuerst die Patellasehne, dann die Kniescheibe, die fixiert werden musste. Anschließend hatte ich eine gute Reha bei Mike Steverding (Anm.: Reha-Experte und Physiotherapeut beim ÖFB-Team) in Deutschland.

LAOLA1: Kein gutes Jahr.

Saurer: Es war schirch! Ich wollte Michael Streiter im Kampf um den Klassenerhalt helfen. Ich habe Schmerztabletten genommen, um zu trainieren. Ich wollte, aber ich konnte nicht – das war schlimm. Ich habe zusehen müssen, wie meine Mannschaft abgestiegen ist.

LAOLA1: Es bringt ja auch nichts, dauernd Schmerzmittel zu nehmen.

Saurer: Man macht sich damit einfach kaputt. Als mein Vertrag im Sommer 2014 ausgelaufen ist, habe ich natürlich keinen neuen mehr gekriegt. Schon damals wollte mich Karl Daxbacher zum LASK holen, aber ich habe absagen müssen, weil ich einfach nicht konnte. Ich musste mich operieren lassen.

LAOLA1: Du warst ein halbes Jahr arbeitslos. Wie war das?

Saurer: Ungewohnt. Ich war lange im Krankenstand, war nur von Oktober bis Jänner, also drei Monate lang, beim AMS. Es war irgendwie komisch. Mir war immer klar, dass ich sofort wieder ins Fußballgeschäft einsteigen will, das habe ich dem AMS auch mitgeteilt – und es hat funktioniert.

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