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Gewalt und Protest statt brasilianischem Fußball-Fest

Schwarzer Rauch zieht über das neu errichtete Nationalstadion in Brasilia und droht die Feierlaune zu ersticken.

Einen Tag vor Beginn des Confederations Cups überraschten etwa 500 Demonstranten das gewaltige Polizeiaufgebot in der brasilianischen Hauptstadt. Mit brennenden Autoreifen blockierten sie für etwa eine Stunde eine der Hauptverkehrsadern vor dem Eröffnungsstadion.

Am Montag zogen bei der größten Protestaktion, die Brasilien in den letzten 20 Jahren erlebt hat, rund 200.000 Menschen durch die Straßen.

Schon in den Tagen zuvor ist es in Rio de Janeiro und Sao Paulo zu groß angelegten Protesten gekommen. Mehrere tausend Menschen gingen gegen Fahrpreiserhöhungen auf Bus- und U-Bahn-Tickets auf die Straße. Die Polizei reagierte mit Tränengas, Gummigeschossen und  massiver Gewalt.

Erinnerungen an die Militärdiktatur

Allein in Sao Paulo wurden über 100 der gut 5.000 Demonstranten verletzt, auch etwa 15 Journalisten wurden Opfer der ausschweifenden Polizeigewalt, die an die 1985 gestürzte Militärdiktatur im größten Land Südamerikas erinnerte.

In Brasilien leben trotz beachtlicher Verbesserungen in den letzten Jahren weiterhin etwa 700.000 Familien in absoluter Armut. In einem Land in dem der gesetzliche Mindestlohn – der bei weitem nicht überall eingehalten wird – umgerechnet 237 Euro beträgt, sind viele Leute nicht mehr bereit, über einen Euro für Fahrkarten der öffentlichen Verkehrsmittel zu bezahlen. Schon gar nicht, wenn diese oft in desolatem Zustand sind.

Die jüngsten Proteste sind Ausdruck dieser gesellschaftlichen Spannungen und Widersprüche, die zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt an die Oberfläche treten. Der Confederations Cup dient Brasilien als Generalprobe für die 2014 stattfindende Fußball-Weltmeisterschaft und der Gastgeber will sich der Weltöffentlichkeit im bestmöglichen Licht präsentieren.

Proteste gegen WM und Confederations Cup

Sportminister Aldo Rebelo weiß, was auf dem Spiel steht und ist überzeugt, dass sein Land die schwierigen Herausforderungen meistern kann. „Die Welt wird sehen, dass Brasilien das Recht auf freie Meinungsäußerung achtet und die Instrumente besitzt, um Übergriffe der Demonstranten oder übertriebene Repression gegen selbige zu verhindern“, versucht der 57-Jährige den schon verbal sehr schmalen Grat zu treffen.

Der Minister ist außerdem sichtlich bemüht zu betonen, dass die Proteste nichts mit dem Confederations Cup zu tun hätten und diesen nicht beeinträchtigen würden. Was in Sao Paulo stimmen mag, da hier keine Spiele des Turniers ausgetragen werden, trifft auf Brasilia nicht zu.

In der Hauptstadt richtete sich die Protestaktion einen Tag vor dem Eröffnungsspiel dezidiert gegen die Organisation der WM 2014 und ihres kleinen Bruders – des Confed Cups. Rund um die brennenden Reifen vor dem Nationalstadion waren zahlreiche Spruchbänder mit der Aufschrift „WM, für wen?“ zu lesen. Bewegungen wie das Volkskomitee der WM, das die Straßenblockade mitorganisierte, kritisieren die hohen Staatsausgaben für Stadion- und Infrastrukturprojekte. Sie fordern, dass die Gelder in Bildung und Gesundheit oder die Errichtung neuer Sozialwohnungen investiert werden.

„Wir werden auch von den zahlreichen Bauprojekten profitieren“

Präsidentin Dilma Rousseff ist naturgemäß anderer Meinung. Die starke Frau im Staat erklärt, dass die hohen Ausgaben für die WM nicht mit Kürzungen im Sozialbereich einhergingen und betont, dass die neuen Infrastrukturprojekte für die Entwicklung des Landes von großer Bedeutung seien:

„Sie fragen, was wir durch die WM gewinnen. Außer der Freude am Fußball, der Freude, Brasilien spielen zu sehen und außer dem Confederations Cup gewinnen wir eine Verbesserung der Sicherheitslage. Wir werden auch von den zahlreichen Bauprojekten profitieren, die fundamental für unser Land sind.“

Insgesamt sind rund 170.000 Brasilianer von Zwangsumsiedlungen betroffen. Meist werden die Menschen aus den Stadtzentren in weit entlegene Vororte abgeschoben, wo soziale Basiseinrichtungen – wie Krankenhäuser und Schulen – fast völlig fehlen und die Erwerbsmöglichkeiten noch geringer sind, als in den Favelas im Zentrum.

In den meisten Fällen werden die Betroffenen weder von den Behörden über ihre anstehende Umsiedlung informiert noch anschließend angemessen dafür entschädigt. Diejenigen, die einen Arbeitsplatz haben, müssen weite und eben auch vergleichsweise teure Anreisen mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in Kauf nehmen. Etwa 35 Millionen Menschen haben in Brasilien keinen Zugang zum öffentlichen Verkehr, weil sie es sich schlicht nicht leisten können.

Die Armen profitieren kaum von WM-Projekten

Die brasilianische Regierung ist dennoch davon überzeugt, dass die großen Bauprojekte nicht nur unerlässlich für die anstehenden Großveranstaltungen sind, sondern auch der wirtschaftlichen Entwicklung des ganzen Landes dienen. Präsidentin Rousseff fasst diese Haltung zusammen: „Die Investitionen, die für die Weltmeisterschaft und die Olympischen Spiele vorgesehen sind, sollen die Lebensqualität im Land dauerhaft verbessern – und zwar in allen beteiligten Regionen.“

Für die von Zwangsumsiedlungen betroffenen Leute in Rio muss das wie ein schlechter Scherz klingen. Aber auch diejenigen, die in ihren Wohnungen und Häusern bleiben dürfen, werden wohl deutlich weniger von den Sportevents profitieren, als ursprünglich erhofft.

„Viele der neuen Verkehrsstraßen gehen an den Bedürfnissen der Bevölkerung vorbei, die Fahrzeit von den ärmeren Vierteln zu den Arbeitsplätzen im Zentrum wird kaum verkürzt“, meint Orlando Dos Santos Junior. „Die Chance, eine bürgerfreundliche, demokratische Stadt zu schaffen, wurde versäumt“, beklagt der Professor für Stadtplanung an der Universität in Rio de Janeiro.

Hohe Gewinne für Investoren, Grundbesitzer und die FIFA

Dabei hatte Rios Bürgermeister Eduardo Paes noch großspurig verkündet: „Die Olympischen Spiele sind ein fantastischer Vorwand, um Rio zu ändern.“ Veränderungen gibt es zweifellos. Nicht nur in der Olympia-Stadt, sondern auch an den restlichen WM-Austragungsorten. Diese gehen aber nur selten mit einer Verbesserung der Lebensqualität der armen Bevölkerungsschichten einher. Die Investitionen verbessern lediglich die Anbindung der Touristenviertel an Flughäfen und Sportstätten.

Thiago Hoshino von einem lokalen Basiskomitee in Curitiba deutet an, wer am Ende von den Umstrukturierungen profitieren könnte: „Die Ausrichtung eines solchen Großevents wie der WM bewirkt Brüche in der Gesellschaft, politische, soziale und territoriale. Für die Wirtschaft, für die Immobilienbesitzer und für diejenigen, die die Möglichkeit haben, sich Rechts- und Landtitel zu besorgen und die schon immer das Recht auf ihrer Seite wussten, für sie bahnt sich der große Reibach an.“

Auch der einheimische Ex-Fußball-Star Romario sieht die Weltmeisterschaft kritisch: „Die FIFA marschiert bei uns ein, wird einen Gewinn von rund vier Milliarden Real (umgerechnet 1,7 Milliarden Euro) einstreichen und besteht noch darauf, dass die Regierung für alle eventuellen Schäden bürgt.“

Lokale Händler werden vertrieben

In dieser Aussage des Ex-Weltmeisters steckt ein weiterer Punkt, der in der brasilianischen Gesellschaft für Empörung sorgt. Die FIFA und ihre Sponsorenpartner errichten in den Stadien und deren Umfeld Quasi-Monopole, wo sie ihre Gewinne weitgehend von Steuern und Abgaben befreit abschöpfen können. Gleichzeitig wird es den einheimischen Ladenbesitzern de facto verboten, ihre Produkte in einem Umkreis von zwei Kilometern um die Spielstätten zu verkaufen.

Als Rousseffs Vorgänger Lula da Silva 2007 die Weltmeisterschaft und zwei Jahre später auch die Olympischen Spiele 2016 für Rio de Janeiro an Land zog, schwammen nicht nur die Politiker der regierenden Arbeiterpartei (PT) auf einer Welle der Euphorie. Auch die Bevölkerung erhoffte sich viel von den anstehenden Großveranstaltungen: Arbeitsplätze, verbesserte Infrastruktur und Entwicklung.

Demonstrationsverbot in Belo Horizonte

Sechs Jahre später und ein Jahr vor der Weltmeisterschaft ist von dieser positiven Stimmung wenig übrig. Auch direkt vor dem Eröffnungsspiel des Confederations Cups zwischen Brasilien und Japan kam es zu Protestaktionen vor dem Stadion in Brasilia.

Mit Pfefferspray, Gummigeschossen und Schlagstöcken hinderte die Polizei über tausend Aktivisten daran, sich der um 500 Millionen Dollar neu errichteten Spielstätte zu nähern. Einige Duzend Demonstranten wurden verletzt, etwa 30 festgenommen. Zuvor hatten die Demonstranten wie bereits am Vortag eine wichtige Straße in der Hauptstadt blockiert.

Das Volkskomitee der WM kündigte indes weitere Protestaktionen im ganzen Land an. Die Behörden reagierten prompt. So wurde etwa im gesamten Bundesstaat Minas Gerais, wo mit Belo Horizone eine Stadt liegt, in der sowohl beim Confederatons Cup als auch bei der WM 2014 gespielt wird, Demonstrationen während des aktuellen Turniers verboten.

Dante versteht die Proteste

Die Kritik der WM-Gegner beschränkt sich aber nicht auf die hohen Ausgaben für Bauprojekte rund um die Großveranstaltungen. Die Demonstrationen richten sich auch gegen die Zwangsräumungen, die im ganzen Land durchgeführt werden, um Platz für neue Stadien, Straßen und Flughäfen zu schaffen.

Prominente Unterstützung bekommt die Protestbewegung von den Vereinten Nationen (UNO). Die UN-Sonderberichterstatterin für das Recht auf angemessenes Wohnen, Raquel Rolnik, beklagte kürzlich: „Die Vergangenheit hat gezeigt, dass Großereignisse meist mit Zwangsräumungen und Vertreibungen einhergehen. Das ist in Brasilien leider nicht anders.“ 

Auch der brasilianische Nationalspieler Dante stellt sich hinter die Demonstranten: „Ich kann die Leute verstehen. Brasilien ist ein großes Land voller Unterschiede. Nun schaut die ganze Welt auf uns. Das ist eine gute Chance für die Menschen zu zeigen, was sie denken.“

Fußball gegen Zwangsräumungen

Auch in Rio nützen die Menschen diese Möglichkeit. In einem alternativen Fußballturnier machten Aktivisten auf die zahlreichen Vertreibungen aus den Favelas aufmerksam. Laut den Organisatoren verloren über 29.000 Menschen in der Stadt am Zuckerhut ihre Behausung aufgrund WM- und Olympia-bezogener Bauprojekte.

„Man kann einer Familie nicht einfach so den Broterwerb versagen. Was hier vorgeschlagen wird, ist eine temporäre Enteignung“, empört sich Roque Pellizzaro Junior vom landesweiten Zusammenschluss der Ladeninhaber CNDL.

Auch die Straßenhändler, die das Bild vieler brasilianischer Städte prägen, sind zunehmender Repression ausgesetzt. In Belo Horizonte und Salvador wurden viele der informellen Händler aus dem Stadtzentrum vertrieben, wobei die Behörden äußerst gewalttätig vorgingen und viele Arbeitsmittel sowie persönlichen Besitz beschlagnahmten.

Arbeitsplätze ja, aber zu welchem Preis?

In Sao Paulo, wo die FIFA erst bei der WM 2014 zu Gast ist, wird schon jetzt vielen Händlern ihre Lizenz entzogen, wodurch ihre Verkaufstätigkeiten nicht nur in den WM-Zonen illegal werden. Die traditionellen Märkte in Rio sollen zumindest ab 13 Uhr geschlossen werden. Die deutsche Heinrich-Böll-Stiftung spricht in diesem Zusammenhang von einer massiven Verletzung des Menschenrechts auf Arbeit.

Auf der anderen Seite schaffen die großen Bauprojekte für die Sportevents zahlreiche Arbeitsplätze in dem riesigen Schwellenland. Allerdings lohnt sich auch hier ein näherer Blick.

Seit Beginn der WM-Vorbereitungen weist die FIFA in regelmäßigen Abständen darauf hin, dass die Bauarbeiten nicht schnell genug voranschreiten und diverse Fristen für die Fertigstellung der monumentalen Projekte sehr schnell näher rücken. Die brasilianische Regierung gibt diesen Druck an die beteiligten Bauunternehmen weiter. Diese wälzen ihn wiederum auf die Arbeiter ab.

Prekäre Arbeitsbedingungen und Korruption

Die Angestellten müssen massenweise Überstunden schieben und werden dafür kaum entlohnt. Soziale Absicherung – wie zum Beispiel Krankenversicherung – genießen sie nicht. Außerdem sind die Unternehmen bemüht, gewerkschaftliche Organisation in ihren Betrieben zu unterbinden. Gewerkschaftliche Führer werden entlassen oder sogar gerichtlich verfolgt. Auch von Mobbing und Gewaltanwendung ist die Rede.

Eine Folge der prekären Arbeitsverhältnisse sind zahlreiche Streiks, die bereits bis April 2012 in acht der zwölf WM-Stadien zu insgesamt 18 Baustopps führten. Die Forderungen der Arbeiter zielten meist auf Lohnerhöhungen, Zuschläge für Überstunden, soziale Unterstützungsleistungen und die Gewährleistung des Transports zum Arbeitsplatz ab.

Natürlich werden die Bauprojekte auch von Korruptions-Vorwürfen begleitet. Odebrecht, Camargo Correa, Andrade Gutierrez, OAS, Delta und Galvao unterstützten allesamt den Wahlkampf der PT im Jahr 2006. Laut einer Studie der Universitäten von Boston und Kalifornien bekamen die Baukonzerne jeden investierten Real in den 33 Monaten nach der Wiederwahl von Lula da Silva 8,5-fach in Form von Bauaufträgen zurück. Auch Aldo Rebelo erhielt finanzielle Unterstützung von Odebrecht, ehe er Sportminister wurde.

Weltmeisterschaft, für wen?

Für wen ist die Weltmeisterschaft 2014 also? Nicht nur die zahlreichen Demonstranten in Brasilia und Rio de Janeiro haben deutlich erkannt, dass sie nicht die Nutznießer sind. Die Skepsis gegenüber dem Megaevent scheint inzwischen Tief in der Bevölkerung verwurzelt zu sein.

Besonders deutlich wurde das, als FIFA-Präsident Joseph Blatter und Präsidentin Dilma Rousseff den Confederations Cup am Samstag mit einigen schönen Worten eröffnen wollten. Blatters Floskeln wurden von einem gellenden Pfeifkonzert im Nationalstadion von Brasilia übertönt. Als er um etwas Respekt bat, stieg der Lärmpegel weiter an. Rousseff beschränkte sich schließlich auf sehr wenige Worte, die ebenfalls von lauten Buhrufen und Pfiffen begleitet wurden.

 

Manuel Preusser

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