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Das Warten auf den Paulo-Sousa-Effekt

Paulo Sousa. Zweifacher Champions-League-Sieger (Juventus 1996, Dortmund 1997). 51-facher portugiesischer Nationalspieler (1991-2002).

Mittlerweile ist Sousa 41 Jahre alt und seit Juni Trainer von Videoton FC, dem ungarischen Meister und Gegner von Sturm Graz in der CL-Quali.

Doch wie verschlägt es einen ehemaligen Weltklasse-Kicker nach Székesfehérvár? Und was muss man sonst über den Klub, der 1985 das UEFA-Cup-Finale erreichte, wissen?

Um das herauszufinden, sprach LAOLA1 mit dem Journalisten Márton Takács, der für das ungarische Online-Portal „sportklub.tv“ tätig ist.

Komischer Umgang mit Vorgänger

„Ich freue mich, dass Sousa da ist. Auch wenn ich es nicht okay finde, wie mit seinem Vorgänger György Mezey umgegangen wurde“, meinte Takács.

Mezey führte „Vidi“ vergangene Saison souverän zum ersten Meistertitel der Klubhistorie. Am Wochenende vor dem Cupfinale – das übrigens verloren wurde – teilte der Verein mit, dass man Mezeys Vertrag nicht mehr verlängern werde. „Die drei Tage hätte man ruhig noch abwarten können.“

Takács weiter: „Die Klubführung hat dann beschlossen, dass man auf jeden Fall einen ausländischen Coach engagieren werde. Man wollte frisches Blut.“ Die Wahl fiel auf Paulo Sousa.

Orbán als Tribünen-Gast

Bisher sammelte der Portugiese lediglich in der englischen Championship (Queens Park Rangers, Swansea, Leicester City) Erfahrung an der Seitenlinie, in Ungarn ist man aber über den Weltstar in den Reihen froh.


Finanziell konnte Videoton einen Namen wie Sousa stämmen, weil Präsident István Garancsi viel Geld in den Klub pumpt. Dass ebendieser Garancsi auch beste Kontakte zur Politik pflegt – Premier Viktor Orbán ist regelmäßig bei Videoton-Heimspielen dabei – schadet dem Verein da nicht.

„Eine andere Dimension“

Aber zurück zu Sousa. Videotons Spieler hatten für ihren Übungsleiter bisher nur lobende Worte übrig. Immer wieder wurde seine professionelle Einstellung hervorgehoben. Auch ein paar Brocken ungarisch beherrscht der 41-Jährige mittlerweile.

„Das ist eine andere Dimension“, war Mittelfeldspieler Sándor Hídvégi von der Intensität des Trainings gegenüber „origo.hu“ begeistert.

4-4-2, 4-3-3 oder ganz was anderes?

Für Sturm wird es schwer sein, sich auf Ungarns Meister einzustellen, denn: „Seinen Stamm hat Sousa wohl noch nicht gefunden“, sagte Takács. „Ich habe die Testspiele zwar nicht live gesehen, aber er hat viel durchrotieren lassen.“

2010/11 spielte „Vidi“ meist mit einem flachen 4-4-2, aber auch öfters mal 4-3-3.

Starkes Mittelfeld

Auf die Frage nach einem Topspieler hatte Takács gleich mehrere Namen parat: „André Alves: Ein schneller Spieler, auch im Kopf. Er kann Dribbeln und hat einen Torriecher (Anm.: Amtierender Torschützenkönig in der ungarischen Liga). Es wird sogar darüber gesprochen, ihn zum ungarischen Staatsbürger zu machen, damit er in der Nationalmannschaft spielen kann.“

„Oder Ákos Elek. Er ist einer der besten Sechser Ungarns. Er ist top in der Balleroberung, robust und auch sehr schnell. In der EM-Quali gegen Finnland (Anm.: 2:1) lieferte er in der Nachspielzeit nach einem Sprint über das ganze Feld den Assist zum Siegtor. Von einem Ungarn habe ich das noch nicht gesehen.“

Allgemein sei das Mittelfeld die größte Stärke Videotons. Mit Ballsicherheit und schnellem Umschalten kam man vergangene Saison oft zum Erfolg.

Weiters ist noch der montenegrinische Tormann Mladen Bozovic hervorzuheben, der immerhin beim EM-Quali-Duell seines Nationalteams im Wembley beim 0:0 gegen England seinen Kasten sauber halten konnte.

Spanier ja, Crespo nein

Auch in Sachen Transfers hat sich schon einiges getan. Sousa kennt den iberischen Markt gut und hat neben seinem Betreuerstab auch schon drei spanische Spieler in unser östliches Nachbarland gelotst.

Walter Fernandez (Tarragona), Hector Sanchez (Villarreal B) und Alvaro Brachi (Espanyol B) sind aus dem Land des Weltmeisters gekommen. Die beiden Letztgenannten haben eine Lücke zu füllen: Beide Stamm-Außenverteidiger verließen Fehérvár in der Saisonpause.

Das Gerücht um eine Verpflichtung Hernan Crespos hat sich indes zerschlagen.

Kampf um die Zuseher

Was in Ungarn für Verwunderung sorgt, ist der geringe Zuschauerzuspruch. Lediglich 4.100 Fans im Schnitt kamen vergangene Saison zu den Auftritten Videotons vor eigenem Publikum. Das ist zwar höher als das Liga-Mittel (2.800), aber für einen Meister dennoch enttäuschend.

Vor allem wenn man bedenkt, dass Székesfehérvár durchaus sportbegeistert ist – siehe Heimspiele von EBEL-Teilnehmer Alba Volan.

Auch das 15.000 Zuseher fassende Sóstói-Stadion gehört eigentlich zu den schöneren und moderneren Stadien Ungarns.

Ob die Hütte gegen Sturm voll wird? „Ich weiß nicht“, meinte Takács. „In Ungarn hängt auch viel von den Eintrittspreisen ab. Das ist den Leuten nicht egal“.


Máté Esterházy

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