Nuri Sahin: Das fehlende Puzzlestück

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Ein Muster ist erkennbar.

Kaum parkt die gegnerische Mannschaft den Bus vor dem eigenen Tor, bekommt Borussia Dortmund Probleme. Das war schon in der katastrophalen Hinrunde so und machte sich auch in den letzten beiden Spielen gegen Hamburg und Köln bemerkbar.

„Von 63 Prozent Ballbesitz waren wahrscheinlich 90 Prozent in Räumen, die völlig irrelevant sind“, merkte Jürgen Klopp nach der Partie gegen die „Geißböcke“ völlig richtig an.

Das zweite 0:0 in Folge setzte dem BVB-Coach sichtlich zu. Frustriert vom eigenen Unvermögen lästerte er über die destruktive Spielweise des Gegners: „Die Kölner spielen nur auf Konter. Wir waren nicht die erste Mannschaft, die damit Probleme hatte. Die sind nur aus dem Konter gekommen. Aber da ist es kein Wunder, dass sie zu Hause keine Spiele gewinnen.“

„Müssen einen besseren Plan haben“

Der BVB-Coach hat ein Problem. Denn Juventus Turin wird im Rückspiel des Champions-League-Achtelfinales genau dieselbe Strategie verfolgen wie der „Effzeh“. Für den Aufstieg in die nächste Runde brauchen die Dortmunder aber zumindest ein Tor.

„Es kann sein, dass auch sie auf ihre Konterchancen lauern“, rechnet auch Kevin Kampl mit einer defensiven „Alten Dame“, nachdem die Partie in Turin mit einem 2:1-Heimsieg endete. Deswegen forderte der Ex-Salzburger nach dem Köln-Spiel: „Wir müssen in den nächsten drei Tagen schauen, wie wir gegen so tief stehende Gegner die Lücke finden und einen besseren Plan haben.“

Marco Reus schlug in dieselbe Kerbe. Er will gegen Juve von seinen Offensiv-Kollegen mehr Dynamik sehen: „Besonders in der ersten Halbzeit haben wir uns viel zu wenig bewegt. Wir haben nicht das gespielt, was wir uns vorgenommen haben.“

Das fehlende Puzzlestück

Die Probleme des BVB aber nur an fehlender Bewegung festzumachen, wäre zu kurz gegriffen. Es fehlt vor allem an Impulsen aus der Mittelfeld-Zentrale. Shinji Kagawa und Henrikh Mkhitaryan befinden sich derzeit total außer Form. Gegen die Turiner könnte deswegen Ex-„Bulle“ Kampl auf der Zehn zum Einsatz kommen.

Dahinter wird der zuletzt groß aufspielende Nuri Sahin schmerzlich vermisst. Bis zu seiner Verletzung bildete er auf der Doppelsechs gemeinsam mit Ilkay Gündogan ein Erfolgspärchen, das die Borussen zu vier Siegen in Folge führte. Nun ist Sahin so etwas wie das fehlende Puzzleteilchen im empfindlichen Mannschaftsgefüge der Dortmunder.

Ohne den 26-Jährigen hängt im Spielaufbau zu viel von Gündogan ab. Denn Sebastian Kehl und Sven Bender, die weiteren Alternativen im defensiven Mittelfeld, bringen nicht die nötigen spielerischen Qualitäten mit, um tiefe Abwehrreihen á la Köln oder Hamburg zu knacken.

Gündogan profitiert von Sahin

Die Zahlen lesen sich beeindruckend: Ohne Sahin hat die Borussia in dieser Saison nur 1,07 Punkte per Spiel geholt, mit ihm jedoch 2,16 Punkte. Dieselbe durchschnittliche Anzahl an Toren verbuchte Dortmund mit dem Vereins-Urgestein, ohne ihn schoss man nur 1,28 Tore.

Aufgrund von Verletzungen konnten Sahin und Gündogan erst in der Rückrunde gemeinsam durchstarten. Bis zum Muskelfaserriss des türkischen Nationalspielers vor der Partie gegen Hamburg verlief die Zusammenarbeit hervorragend.

Sahin hielt seinem Kollegen als defensiverer Sechser den Rücken frei. Zudem half er der Abwehr mit seinen Qualitäten im Passspiel bei der Eröffnung. Gündogan konnte sich währenddessen auf eine offensivere Rolle konzentrieren.

Als Verbindungsspieler zwischen Offensive und Defensive trieb er das Spiel an. Von seinen Steilpässen profitierten nicht zuletzt die beiden Angreifer Reus und Pierre-Emerick Aubameyang, die während der Siegesserie in der Bundesliga zusammen insgesamt neun Tore schossen. Nicht umsonst erhielt Gündogan von Sportdirektor Michael Zorc ein Extra-Lob: „Er ist ein echter Achter mit Spielmacherqualitäten.“

Es ist ein Dilemma

Genau diese Vorzüge konnte der ehemalige Nürnberger, der aufgrund einer Stauchung der Wirbelsäule von August 2013 bis Oktober 2014 aussetzen musste, zuletzt aber nicht mehr ausspielen. An der Seite von Kehl oder Bender blieb zu viel Verantwortung an ihm hängen.

Zweifellos haben auch die beiden Sahin-Alternativen ihre Qualitäten. Diese liegen aber mehr im Spiel gegen den Ball. Gegen defensive Gegner wie Köln oder Hamburg braucht es jedoch Sechser, die sich durch Ballsicherheit und Kreativität auszeichnen. Deswegen musste sich Gündogan selbst die Bälle aus der Abwehr holen. So fehlte er weiter vorne als Anspielstation und Mann für die gefährlichen Pässe.

Die Dortmunder stecken in einem Dilemma. Ohne Sahin fehlt es ihnen an einem zweiten spielstarken defensiven Mittelfeldspieler. Gegen Juventus wäre jedoch ausgerechnet so einer gefragt.

Nun ist Trainer Klopp gefordert. Die Schuld – wie nach dem Spiel gegen Köln – beim Gegner zu suchen, macht keinen Sinn. Er muss eine Lösung für die Probleme seines Teams finden.

 

Jakob Faber

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