Die Reifeprüfung

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Es ist ihr großer Traum.

Wenn die Spieler vom FC Red Bull Salzburg auf die Champions League angesprochen werden, leuchten die meisten Augen und schnell werden die Erinnerungen aus früheren Tagen wach.

„Ich träume davon seit ich ein Kind bin, seit ich denken kann“, wird Kevin Kampl fast schon sentimental und blickt dabei auf seine Zeit im Nachwuchs von Bayer Leverkusen zurück.

„Sie spielten damals das Champions-League-Finale gegen Real Madrid. Ab da stand fest, ich will da irgendwann einmal mitspielen“, so der Slowene, der letzte Woche einen Vorgeschmack erhielt.

Der Traum von Anfield Road und Real

„Beim Hinspiel habe ich zum ersten Mal die Hymne gehört, da kriegst du Gänsehaut. Die Chance ist jetzt so groß wie nie und wir werden sie auch ergreifen“, ist sich der Blondschopf sicher.

Ähnliche Motive haben freilich auch seine Teamkollegen, Andre Ramalho etwa: „Es gab schon so viele legendäre Spiele in diesem Bewerb, da will man einfach dabei sein. Ich war noch sehr jung, aber Leverkusen gegen Real habe ich später gesehen und das Tor von Zidane war Wahnsinn.“

Stefan Ilsanker, der 2009 im CL-Playoff gegen Maccabi (0:3) sein EC-Debüt für Salzburg gab, hat Liverpool vor seinem geistigen Auge und pusht sich damit: „Ich würde gerne einmal an der Anfield Road spielen. Dafür werde ich alles geben.“

„Wir müssen es auch beweisen“

Noch aber ist es nicht soweit und Tormann Peter Gulacsi betont: „Als Kind schaut sich jeder die Champions League an und es wäre überragend, es zu schaffen. Aber wir müssen es erst schaffen. Wir müssen beweisen, dass wir auch in Malmö das bessere Team sind.“

Die Verwirklichung des großen Traums will eben hart erarbeitet sein – und auch wenn die Chance so groß wie nie für Salzburg in der Red-Bull-Ära ist, so sehen auch die in jüngerer Vergangenheit erfolgsverwöhnten Kicker, dass der Einzug in die Millionenliga alles andere als ein Spaziergang ist.

Nach dem 2:1 im Hinspiel gegen Playoff-Gegner Malmö FF kommt es nun am Mittwoch (20:45 Uhr) zum alles entscheidenden Rückspiel in Schweden. Getreu dem ABBA-Song: "The winner takes it all."

Am Selbstvertrauen scheitert es nicht

Es ist das Finale, das Spiel des Jahres für Red Bull Salzburg, dessen erklärtes Ziel vor Saisonbeginn war, endlich im siebenten Anlauf der Red-Bull-Ära in die Gruppenphase der Königsklasse einzuziehen. Sportchef Ralf Rangnick, dessen 20. internationales RBS-Spiel es ist, dachte da sogar schon weiter: „Wir wollen dort auch eine Rolle spielen.“

Aber ein Schritt nach dem anderen. An der Motivation und am Optimismus wird es in Skandinavien gewiss nicht scheitern. Ilsanker: „Wir sind heiß auf die Partie, das ist jetzt ein wirkliches Finale. Diese Chance wollen wir einfach nützen und dann werden wir mit den Fans in Malmö feiern.“

1020 Anhänger – das Kontigent wurde ausgeschöpft – reisen mehrheitlich am Mittwoch per Flugzeug, Zug, (Doppeldecker-)Bus oder Auto nach Schweden. Auch sie sind optimistisch wie nie, dass es endlich klappt.

Die Causa Sadio Mane (Hier zur Story) tat der positiven Grundstimmung keinen Abbruch, weder bei Spielern, noch bei Funktionären, noch bei Fans.

„Wir haben auch ohne ihn die Spiele in dieser Saison gewonnen“, hält etwa Trainer Adi Hütter fest. Der Vorarlberger kann auf (den robusteren) Marcel Sabitzer oder den bereits CL-erprobten Massimo Bruno („Ich bin bereit“) als Alternative bauen.

Nach sechs Siegen en suite zum Auftakt der Meisterschaft, in der Dominanz an der Tagesordnung steht und bislang kein Gegner den Salzburgern das Wasser annähernd reichen konnte, könnte die Brust breiter nicht sein.

„Wir leisten seit zwei Jahren sehr gute Arbeit, spielen sehr attraktiven Fußball. Wir sollten den letzten Schritt machen, den haben wir uns verdient“, betont Ilsanker.

Klasse ja, Reife auch?

Die Klasse dafür hat diese Salzburger Mannschaft, die seit Beginn der Ära Rangnick anno 2012 kontinuierlich geformt und weiterentwickelt wurde.

Aber ist sie auch reif für die Königsklasse? Wird sie vor 21.000 lauten Malmö-Fans im Swedbank-Stadion ihre bislang größte Reifeprüfung bestehen?

CL-Playoff-Rückspiel, Malmö-Salzburg, Swedbank Stadion, SR Skomina (SVN)

In der CL-Quali gelang vor fünf Jahren der letzte Auswärtssieg (2:1 in Zagreb), in der Ära Rangnick noch keiner – es waren aber auch bislang erst zwei Spiele.

Nach dem 1:3 in Istanbul vergangene Saison blieben die „Bullen“ in allen sechs Europa-League-Auswärtsspielen auswärts unbesiegt, gewannen davon fünf und spielten nur ein Mal 0:0 in Basel. Das 3:0 in Amsterdam beeindruckte sogar Übersee, wie ein eigener Artikel zum Thema Pressing von der NY Times belegte.

Der Umgang mit Druck

Der Druck, es schaffen zu müssen, ist nun allerdings ungleich höher, die Kicker geben sich cool. Gulacsi: „Wir haben kein Gepäck, weil wir noch nicht so lange zusammen sind. Wir haben letzte Saison auch schon sehr gut gespielt in der Europa League und haben auch auswärts in einer ausverkauften Ajax-Arena gewonnen.“

„Wir sind absolut reif dafür“, denkt auch Kampl keine Sekunde darüber nach und erklärt: „Die Chance ist so groß wie nie. Wir haben im Hinspiel nicht verloren und auch nicht unentschieden gespielt, sondern gewonnen. Sicher, das Gegentor war bitter und hier erwartet uns ein Hexenkessel, aber wenn wir unsere Leistung so wie in Salzburg auf den Platz bringen, dann kommen wir auch weiter.“

Gegen Sparta Prag benötigten die „Himmelblauen“ von Trainer Age Hareide zwei Tore, ließen aber im Rückspiel der dritten Runde auch einige gute Chancen der Tschechen zu. Kovac setzte etwa alleinstehend am Fünfer den Ball an die Latte.

Die Reife einer Mannschaft zeigt sich in der entsprechenden Chancenverwertung in einem wichtigen Spiel. Der 17-fache schwedische Meister hat die letzten sechs Heimspiele in den internationalen Bewerben nicht verloren und auch allesamt noch zu Null gespielt. Davor setzte es ein 1:4 gegen Kharkiv.

„Wir haben gegen Sparta bewiesen, was wir zu Hause imstande sind zu leisten“, adressiert Halsti Richtung Salzburg. Ilsanker retourniert: „Wenn wir Malmö unter Druck setzen, sie zu Fehler zwingen, kommen wir zu Chancen und treffen."

Kampf den hohen Bällen

Die Abwehr, die in der Zentrale von Andre Ramalho und Martin Hinteregger („Wettlauf mit der Zeit“) oder Ilsanker (und wiederum Keita im Mittelfed) besetzt sein wird, kann sich wie im Hinspiel auf viele hohe Bälle einstellen.

Andreas Ulmer, der den Körper von Markus Rosenberg kennenlernen durfte und mit Bänderverletzung in der Schulter ausfällt, weiß: „Wir dürfen uns nicht viele Standards einhandeln, da sie da sehr robust sind. Im Hinspiel klappte es ganz gut.“

Dennoch kamen die Schweden vor ihrem Tor zu drei dicken Chancen, die Goalie Gulacsi glänzend zu parieren wusste. Sonnenklar ist, Geschenke darf es keine mehr geben. Auch das zeugt von Reife, wenn man die bessere Mannschaft ist.

Es wäre für Österreichs Fußball wichtig, alleine der Einzug bringt vier Punkte für die UEFA-Fünfjahreswertung. Der Millionenregen ist für den Verein aus bekannten Gründen weniger essentiell, wäre aber nach vielen Ausgaben wohl auch schön.

Vor allem aber ist es der große Traum einer Mannschaft, eines Klubs und des gesamten Kaders, der nach Malmö mitflog.

„Für Salzburg“

Kampl: „Wir haben eine überragende Mannschaft, eine tolle Truppe. Wir kommen alleine schon gerne zu jedem Training. Wir sind bereit. Ganz Salzburg hat es sich nach vielen Jahren verdient.“

Schwegler bringt die Sehnsucht auf den Punkt: „Es wäre die Krönung der letzten Jahre, von allem, was wir hier aufgebaut haben. Das wollen wir uns einfach nicht mehr nehmen lassen.“

Nun gilt es, das zu beweisen. Um im siebenten Anlauf endlich im siebenten Himmel zu landen.

 

Aus Malmö berichtet Bernhard Kastler

Salzburg hat beim 2:1 zweifellos bewiesen, dass es das bessere Team sein kann.

Mit der individuellen Klasse und seiner offensiven Spielweise hatte es mehr vom Spiel (57:43 Prozent Ballbesitz) und war gefährlicher (27:12 Torschüsse, 8:4 auf das Tor). Daran soll sich im Rückspiel nichts ändern.

„Wir spielen nicht auf ein 0:0. Das ist nicht unser Plan. Es wäre der größte Fehler, wenn wir uns hinten reinstellen und Malmö die hohen Bälle spielen kann“, gibt Hütter die Marschroute vor. Von Sekunde eins an geht es wieder vorwärts.

Der Schlüssel namens Chancenauswertung

Gulacsi will in der Ibrahimovic-Stadt Malmö sein Team de facto „zlatanieren“ sehen: „Wir wollen jedes Spiel dominieren und wir können jedes Spiel dominieren. Wir haben das erste Spiel dominiert und wollen das zweite auch dominieren.“ Ilsanker ergänzt: „Wir kennen auch nur dieses eine Spiel.“

Doch was die Salzburg-Fans auch kennen, ist die mangelnde Chancenauswertung auf europäischer Bühne. Ein Dauerbrenner.

Vor einem Jahr scheiterte man in Runde drei der CL-Quali an Fenerbahce, weil in 180 Minuten ein Dutzend guter Chancen nur zu zwei Toren führte.

Chancen endlich auch verwerten

Im Achtelfinale der Europa League ließ Salzburg in Basel (0:0) sowie in Salzburg (1:2) Chancen en masse aus und schied aus. Auch jetzt im Hinspiel gegen Malmö verabsäumte es Kampl, alleine vor Goalie Olsen das 3:0 zu besorgen und damit einen riesigen Schritt Richtung Gruppenphase zu machen.

Hütter, der vor 20 Jahren für Austria Salzburg in der entscheidenden Quali-Runde gegen Maccabi Haifa im Hinspiel auswärts das wichtige 1:1 beim 2:1-Sieg besorgte und später als einer der ersten Österreicher in der CL spielte, ist nicht beunruhigt.

"Es ist in erster Linie wichtig, dass wir zu Chancen kommen. Vor dem Tor müssen wir einfach Mut und Entschlossenheit zeigen", so der Coach, dem ein Einzug als Trainer "noch mehr bedeuten würde".

Salzburg kam im Hinspiel zu Chancen und wird auch im Rückspiel zu welchen kommen, auch weil Malmö ein Tor braucht.

Mittelfeldspieler Markus Halsti meint: „Wir werden offensiver sein, wir brauchen ja ein Tor. Aber es wird ähnlich, wir können auch unser Spiel nicht zu sehr öffnen.“

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