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CL-Aus als Abgesang des besten Klubs der Welt?

„In der nächsten Saison wird man einige Entscheidungen treffen müssen.“

Schon wenige Minuten nach dem Schlusspfiff im Camp Nou und mitten in die Enttäuschung über das Ausscheiden im Champions-League-Halbfinale gegen den FC Bayern blickte Gerard Pique bereits in die Zukunft.

Der FC Barcelona ging gegen den deutschen Rekordmeister mit dem Gesamtscore von 0:7 unter und flüchtete sich erst gar nicht in Ausreden. „Wenn eine Mannschaft derart überlegen ist, muss man ihr einfach nur gratulieren.“

„Am Ende wird gesprochen“

Was den Katalanen bleibt, ist der Schlussspurt um die Meisterschaft, die in den nächsten Runden fixiert werden sollte. Und eben der Blick auf die Zeit danach.

„Am Ende der Spielzeit werden die Noten vergeben, dann wird über alles gesprochen – so wie wir es jedes Jahr machen“, nahm Präsident Sandro Rosell zur Aussage des Team-Verteidigers Stellung.

Zu bereden gibt es tatsächlich einiges, muss sich Barca doch Vorwürfen entgegenstellen, die teils schon vor dem CL-Aus aufgetaucht sind, durch selbiges aber neu und umso stärker befeuert wurden.

Barca ist übersättigt:

Die Katalanen haben das Kunststück zu Wege gebracht, sechs Mal in Folge ins Halbfinale der Königsklasse einzuziehen. Drei Mal konnte der wichtigste Bewerb im Vereinsfußball seit 2006 gewonnen werden. Spieler, die bei all diesen Errungenschaften schon Teil der „Blaugranes“ waren, dürfen sich zudem mehrfacher spanischer Meister, Weltmeister und Europameister nennen. Xavi, einer dieser „hochdekorierten“ Fußballer, hielt allerdings auch nach der 0:3-Schlappe fest, „dass diese Mannschaft hungrig ist.“ Dem 33-jährigen Chefstrategen, Pique oder Iniesta die Lust abzusprechen, ins CL-Finale einzuziehen, weil man dieses Gefühl schon kenne, grenzt an Einfältigkeit. Diesen Willen, den etwa der FC Bayern nach zwei verlorenen Endspielen in drei Jahren an den Tag legt und der zu einem Erfolgsgaranten stilisiert wurde, vermisste man auf Seiten des Champions-League-Siegers 2011 dennoch. Zugute halten kann man den Vereinsverantwortlichen in Barcelona zumindest, dass doch auch Spieler verpflichtet wurden, deren Titelhunger nach Jahren in London (Achtung Seitenhieb!) eigentlich unersättlich sein müsste.

Barca ist überaltert:

Ein klassischer Lösungsansatz nach einer Enttäuschung dieser Größenordnung ist der Ausspruch „Jetzt muss ein Schnitt gemacht werden“, der unter Fangruppen vermehrt auftaucht. Damit ist im Normalfall auch eine Überalterung suggeriert, die im Fall von Barca aber zweifelsohne hinterfragt werden muss. Gestern standen mit Valdes, Xavi und Villa gerade einmal drei Akteure jenseits der 30 auf dem Feld. Alle drei mit Legenden-Status im Klub oder Nationalteam. Im Kader finden sich mit Pinto, Puyol und Abidal nur noch drei weitere „Oldies“, die in dieser Saison aber ohnehin eher fürs interne Mannschaftsklima wichtig waren. Diese Spieler von heute auf morgen verabschieden zu wollen, ist eine Herabwürdigung ihrer Verdienste. Dass in der Zukunft Nachfolger gefunden werden müssen, ist jedoch kein Geheimnis und wird in der katalanischen Hauptstadt vehement verfolgt. Während hinter Valdes (Guaita?), Puyol (Hummels?) und im weiteren Sinne auch Villa (Neymar?) noch dicke Fragezeichen stehen, scheint zumindest das Xavi-Erbe intern unter Thiago und Fabregas ansatzweise aufteilbar zu sein.

Barca ist ohne Messi nur die Hälfte wert:

„Bei einem so starken Spieler wie ihm ist es normal, dass du seine Abwesenheit spürst“, lautete das simple Urteil von Tito Vilanova über den 90-minütigen Bankdrücker Lionel Messi. Die Muskelverletzung des 25-Jährigen hat einmal mehr offenbart, was auch schon in den letzten Duellen mit Real Madrid zum Vorschein kam: Ist „La Pulga“ nicht präsent, ob nun verletzt oder von den Manndeckern abgemeldet, wirkt Barca harmlos und teilweise ideenlos. „Man hat gesehen, wie die Spieler Messi immer suchen, aber der war nicht da“, formulierte es Franz Beckenbauer auf „Sky“ überspitzt. Fakt ist, der kleine Argentinier hat die Last des Spielmachers und Vollstreckers so lange alleine getragen, dass nun kein Einspringer bereit steht. Einer der Transfers in der Sommerpause sollte dieses Ungleichgewicht, die viel beschriebene „Messidependencia“, ein wenig ausgleichen, auch wenn Vilanova darauf verwies, dass „man nicht viele Wechsel vornehmen, sondern die vorhandenen Spieler wieder fitbekommen muss. Der Kader ist immer noch gut, mit einer Basis von sehr jungen Spielern.“

Barca ist zu leicht ausrechenbar:

Wie oft wurde von Kommentatoren und Experten während der Duelle mit den Bayern das Fehlen eines „Plan B“ beim FC Barcelona angeprangert? Eine Mannschaft, die über Jahre und Jahrzehnte hinweg einen Stil kreiert hat, der Generationen von Spielern und Trainern als Vorbild dient, wird ob seiner taktischen Steifheit plötzlich gerügt – eigentlich ein Abstrusum. Doch die Kritik drückt das aus, was Josep Guardiola mit seinem hybriden 3-4-3 in Ansätzen zu verändern versuchte. Das Tiki-Taka stößt gegen eine tief stehende Doppel-Viererkette an seine Grenzen. Vilanova hatte eine Weiterentwicklung der Variabilität angekündigt, wurde in seinem Bestreben aber vom neuerlichen Ausbruch seiner Krebserkrankung gestoppt. Barca ist so trotz genialer Einzelspieler beherrschbar, wenn das gegnerische Team über ebenso viele geniale Opponenten verfügt. Bayern hat es geschafft, durch großartige Leistungen der Defensiv-Abteilung, in die auch Schweinsteiger und selbst Robben und Ribery eingegliedert wurden, den spanischen Tabellenführer nicht zur Entfaltung kommen zu lassen. Wie das im Vorjahr auch schon dem FC Chelsea (man erinnere sich an Außenverteidiger Drogba) gelungen war.

All diese Vorwürfe und Titel a la "Ende einer Ära" tauchen in Momenten der Niederlagen auf. Viel zu schnell geraten da selbst die jüngsten Erfolge in Vergessenheit.

Barca ist immer noch überlegener Tabellenführer in La Liga und hat die theoretische Chance, nach der Rekord-Hinrunde diese Spielzeit wie Real im Vorjahr mit 100 Punkten abzuschließen.

Für die europäische Krone wird es allerdings der anfangs angekündigten „Entscheidungen“ bedürfen.

Was, oder besser gesagt wer, darunter zu verstehen ist, werden die kommenden Wochen zeigen.

Christian Eberle

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