Letzte Chance für Terry, Lampard und Co.

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Mittwoch, 13. Mai 1998. Chelsea-Kapitän Dennis Wise stemmt, unter dem Jubel von 20.000 mitgereisten Londoner Fans, die Trophäe für den Europapokal der Pokalsieger in den Nachthimmel von Stockholm. Die „Blues“ hatten soeben ein denkbar enges Finale gegen den VfB Stuttgart mit 1:0 für sich entschieden.

Lange war es 0:0 gestanden, ehe Chelseas Spieler-Trainer Gianluca Vialli in Minute 71 seinen Landsmann Gianfranco Zola für Tore Andre Flo auf den Rasen des Rasunda Stadions schickte.

Nur 20 Sekunden später nahm Fan-Liebling Zola einen weiten Pass in die Spitze halbvolley und jagte den Ball unter die Latte. Es war das Goldtor zum 1:0-Sieg und das konnte auch der Keeper im Stuttgarter Kasten, ein gewisser Franz Wohlfahrt, nicht verhindern.

Vialli und Wise mit dem Pokal der Pokalsieger

Lange, lange ist es her

Spätestens ein Blick auf die weiteren Fußball-Größen, die an diesem Finale teilnahmen, versetzt einen in Fußball-Nostalgie. Bei den - von Joachim Löw gecoachten - Schwaben fütterten etwa Krassimir Balakov und Zvonimir Soldo damals noch Fredi Bobic mit Vorlagen und in der Abwehr standen Thomas Berthold und Murat Yakin ihren Mann. 

Für die „Blues“ schnürten unter anderem Frank Leboeuf sowie Mark Hughes die Schuhe und auch der aktuelle Coach der Londoner, Roberto di Matteo, zählte zu den Chelsea-Helden dieses Abends.

Nachdem man sich zum vorletzten Titelträger des Pokals der Pokalsieger kürte, gab es zum Drüberstreuen noch einen weiteren 1:0-Sieg im europäischen Super Cup gegen Real Madrid. Es sollten die bisher letzten internationalen Trophäen bleiben, die der FC Chelsea erringen konnte.

Internationaler Titel fehlt Abramovich

Diese Triumphe liegen lange zurück. Zu lange, auch für Roman Abramovich. 2003 übernahm der schwerreiche Russe den Klub aus London mit dem Ziel, ihn zu großen nationalen wie internationalen Erfolgen zu führen.

Geld spielte dabei zumeist keine Rolle, die Brieftasche des Oligarchen öffnete sich Transferperiode für Transferperiode aufs Neue. Drei Meistertitel in der Premier League und ebenso viele FA-Cup-Triumphe konnten die „Blues“ seither einfahren. Der große internationale Wurf gelang der Millionen-Truppe aber nie.

Zum sechsten Mal steht Chelsea nun schon im Halbfinale der Champions League, einmal schaffte man es ins Endspiel. Dieses konnte 2008 aber Manchester United, nach einem 1:1 in der regulären Spielzeit und einer torlosen Verlängerung, im Elfmeterschießen für sich entscheiden.

Pechvogel Terry

Die tragische Figur war dabei Kapitän John Terry. Nachdem Cristiano Ronaldo als dritter ManUnited-Schütze vergab, konnte Terry beim Stand von 4:4 die Entscheidung herbeiführen. Im strömenden Regen von Moskau rutschte der Kapitän beim Schuss aber aus, der Ball klatschte an den Außenpfosten und der so nahe Triumph rückte wieder in die Ferne.

Bei 6:5 für Manchester vergab dann Nicolas Anelka und der Traum, die Nummer eins Europas zu sein, war einmal mehr geplatzt.

Terry, der Pechvogel von damals, führt auch heute noch die Mannschaft an und zeigt sich dabei als Vorbild in Sachen Einsatz und Kampfgeist. Gegen Barcelona lief der Verteidiger mit zwei gebrochenen Rippen auf. Die Verletzung hatte er sich bereits im Viertelfinale gegen Benfica zugezogen.

Die Zeit läuft den Stars davon

Gut möglich, dass Terry dabei auch im Hinterkopf hat, dass es für ihn und einige weitere Chelsea-Haudegen die letzte Möglichkeit in ihrer Karriere sein könnte, doch noch den europäischen Thron zu erklimmen.  Die Chance auf eine neuerliche Final-Teilnahme ist nach dem 1:0-Erfolg im Hinspiel an der Stamford Bridge groß, das Endspiel in München scheint in Reichweite.

Die Wunschliste des Roman Abramovich

Bereits vor dieser Saison wurde eine Verjüngung eingeleitet. Mit Juan Mata kam ein 23-Jähriger, der in den kommenden Jahren die Fäden im Mittelfeld der Londoner ziehen soll und bereits jetzt zu den bestimmenden Persönlichkeiten im Spiel der “Blues“ zählt. Zudem wurde mit Oriol Romeu (20) ein weiteres Mittelfeld-Talent, ausgerechnet aus der B-Mannschaft des FC Barcelona, verpflichtet. 

Auch das Rennen um den bulligen Sturm-Tank Romelu Lukaku entschied Chelsea im Sommer für sich. Der 18-Jährige kommt allerdings in seiner ersten Saison in England gar nicht zurecht, weshalb eine Leihe im Raum steht. Im Winter holte man Gary Cahill (26), der auf Sicht gesehen John Terry als Abwehrchef ablösen soll. 

Seit geraumer Zeit bemühen sich die Londoner auch um Portos Hulk (25), Luka Modric (26) von Liga-Konkurrent Tottenham sowie Lilles Super-Talent Eden Hazard (21). Insgesamt 30 Spieler soll eine Liste umfassen, die Roman Abramovich angefertigt hat. Daraus darf sich dann der neue Trainer seine Favoriten aussuchen.

Letzte Chance sich ein Denkmal zu setzen

Bis andere Akteure kommen, müssen die alten noch ihre Knochen hinhalten. Nach dieser Saison wird es aber zum Umbruch kommen, die Zeit der Mit-30er im blauen Trikot läuft ab und der Oligarch setzt seine Hoffnungen in neue, frischere Kräfte. Die Ära einer Chelsea-Generation geht langsam zu Ende.

Ob die „Blues“ in dieser Champions League nun über ihren Möglichkeiten spielen oder noch einmal zeigen, dass sie es können, ist Ansichtssache. Fakt ist, Spieler wie Terry, Lampard, Drogba, etc., die beinahe das gesamte letzte Jahrzehnt des Vereins geprägt haben, bekommen noch einmal die Chance, ihre Karrieren mit einem Champions-League-Triumph zu krönen. Wahrscheinlich ihre letzte.

 

Christoph Kristandl

Neben der Chelsea-Zeit von Terry (31 Jahre alt) neigen sich auch jene von Frank Lampard (33), Didier Drogba (34), Ashley Cole (31), Florent Malouda (31) und Michael Essien (29) langsam dem Ende zu. Vor dem Hintergrund, dass die „Blues“ derzeit in der Premier League nur Rang sechs belegen, scheint es für die Routiniers in dieser Saison „last exit“ zu heißen, wollen sie ihre internationalen Ambitionen doch noch erfüllen.

Zudem darf sich nach der verheerenden Saison unter Andres Villas Boas kein Akteur mehr seines Arbeitsplatzes sicher sein. Di Matteo gelang es zwar, die Mannschaft wieder zu stabilisieren, Abramovich sprach seine arrivierten Stars aber nicht von jeglicher Schuld an der verpatzten Boas-Ära frei.

Der Umbruch steht bevor

Der Russe plant für Sommer den großen Umbruch. Ohne Engagement im internationalen Geschäft wäre der Zeitpunkt ideal, dem großen Reinemachen würden aber auch verdiente Spieler zum Opfer fallen.

Gerade der Achse Cech-Terry-Lampard-Drogba könnte es an den Kragen gehen. Die beiden Engländer sind nicht mehr unumstritten, Cech ist lange nicht mehr so souverän wie zu seiner besten Zeit und Drogba wäre schon lange Ersatz, könnte Fernando Torres endlich die Leistung abrufen, die von ihm erwartet wird.

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