Hickersberger über 2005: "Das war Gänsehaut pur"

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ER ist der bis dato letzte Trainer der den SK Rapid erfolgreich in die Gruppenphase der Champions League führte.

ER ist jener Mann, der zusätzlich 2005 den vorletzten Meistertitel mit den Hütteldorfern erringen konnte und der bis dato einzige Coach, der das ÖFB-Team bei einer Heim-Europameisterschaft betreuen durfte.

Sein Name: Josef Hickersberger. Mittlerweile 67 Jahre alt, hat er dem Trainergeschäft längst abgeschworen, der Fußball wird aber immer Teil seines Lebens bleiben.

So wie Rapid, obwohl er auch Erzrivale Austria lange Zeit nicht abgeneigt war. Keiner weiß es besser als „Hicke“, wie man es in die Gruppenphase der Königsklasse schafft.

„Das ist heute eine andere Philosophie, aber Parallelen gibt es bezüglich der spielerischen Qualität“, vergleicht der ehemalige Profi die aktuelle Mannschaft mit jener vor zehn Jahren.

Im großen LAOLA1-Interview lässt Hickersberger das Goldtor von Jozef Valachovic zur CL-Teilnahme 2005 Revue passieren, spricht über die Bedeutung dieses Erlebnisses, Rapids aktuelle Ausgangsposition und zeigt sich verwundert über RB Salzburg.

Hicke mit Sportdirektor Andreas Müller

LAOLA1: Verfolgen Sie noch ihren Ex-Verein Rapid und die derzeitige Erfolgsserie?

Josef Hickersberger: Ja, selbstverständlich. Nicht nur, weil ich bei Rapid als Spieler und Trainer tätig war, sondern weil mein Sohn Thomas schon seit einiger Zeit Assistent von Zoran Barisic ist. Deshalb bin ich da mitinvolviert als leidgeprüfter Vater (lacht). Ich habe auch das Heimspiel gegen Shakhtar Donetsk im Stadion gesehen und schaue immer wieder vorbei.

LAOLA1: Wie gut gefällt ihnen das neue Gesicht und das aktuelle Auftreten Rapids?

Hickersberger: Sehr gut, vor allem die Entwicklung, die diese Mannschaft in den vergangenen zwei Jahren genommen hat. Nach der ersten Saison unter dieser Führung haben sie sehr viele Spieler verloren, fünf oder sechs Leistungsträger sind abgegeben worden. Dann hat es den Herbst über gedauert, bis sich die Mannschaft gefunden hat. Zu Beginn des Jahres 2015 waren sie dann schon die beste Frühjahrsmannschaft, aktuell sind sie die beste Mannschaft in Österreich - und auch jene, die den besten Fußball spielt.

LAOLA1: Wie schätzen Sie die Chancen Rapids auf die Champions-League-Gruppenphase nach dem 0:1 daheim gegen Shakhtar Donetsk ein?

Hickersberger: Da sehe ich die Chancen als nicht besonders groß an. Aber, eine geringe Chance ist im Fußball immer vorhanden. Nur hat Shakhtar im Hinspiel im Happel-Stadion bei mir einen zu guten Eindruck hinterlassen. Die Mannschaft war viel handlungsschneller als Rapid und hat aus meiner Sicht einen sehr routinierten Eindruck gemacht. Zumindest noch routinierter, als es Rapid zum jetzigen Zeitpunkt ist. Zudem muss Rapid auswärts mit zumindest zwei erzielten Toren gewinnen. Das ist schon eine ganz schwierige Aufgabe. Nur mit einer außergewöhnlichen Leistung und sehr viel Glück ist der Aufstieg möglich.

LAOLA1: Sie wissen aber am besten, wie man die CL-Gruppenphase mit Rapid erreicht.

Hickersberger: (unterbricht) Ich weiß nicht, wie es geht. Ich habe mich nur mit meiner damaligen Mannschaft, die über sehr viel Qualität und vor allem mehr Routine verfügt hat, auch mit etwas Glück für die Gruppenphase der Champions League qualifiziert. Wir haben davor Düdelingen gehabt, auswärts hoch und auch das Heimspiel gewonnen. Nach dem 1:1 zu Hause gegen Lok Moskau haben wir auswärts durch ein spätes Tor von Jozef „Pepi“ Valachovic sechs Minuten vor Schluss nach einem Corner noch 1:0 gewonnen. Aber wir haben auswärts wirklich eine sehr gute Leistung geboten, waren damals in vielen Europacup-Spielen in der Fremde fast stärker als im Heimspiel. Das war schon okay.

LAOLA1: Wie frisch sind diese Erinnerungen an 2005 bei Ihnen noch bzw. wie oft werden sie wieder aufgewärmt?

Hickersberger: Die sind schon nicht mehr frisch, das ist auch schon wieder zehn Jahre her. Ich habe eigentlich immer erwartet, dass RB Salzburg die Champions League erreichen muss – mit den Mannschaften und dem Budget, das sie immer zur Verfügung hatten. Da war es für mich eher eine Überraschung, dass es Red Bull bisher nicht gelungen ist. Die Austria war ja auch erst vor zwei Jahren in der Gruppenphase – dank Roman Kienast (Anm.: spielte damals unter Hickersberger bei Rapid).

Hicke mit Matchwinner Jozef Valachovic

LAOLA1: Was braucht es Ihrer Meinung nach, um eine CL-Gruppenphase zu erreichen? Wie komplett muss eine Mannschaft für dieses Ziel sein?

Hickersberger: Es braucht schon eine funktionierende, gute Mannschaft, und als österreichischer Klub auch etwas Glück. Es ist nicht so leicht. Vor allem weil der Abstand zu den europäischen Top-Vereinen in finanzieller Hinsicht so enorm ist, dass es immer schwieriger wird.

LAOLA1: Was hat ihre Rapid-Mannschaft damals so speziell gemacht?

Hickersberger: Ich denke, wir hatten eine sehr gute Mischung. Wir hatten mehrere Tschechen und Slowaken in unserer Mannschaft – von Valachovic über Marek Kincl, Peter Hlinka bis hin zu Radek Bejbl. Dazu kamen außergewöhnliche, junge, österreichische Spieler – da rechne ich Steffen Hofmann als Österreicher, obwohl er es damals noch gar nicht war. Zusammen mit Andreas Ivanschitz waren die zwei damals außergewöhnliche Talente, die sehr großes spielerisches Potenzial in die Mannschaft mitgebracht haben. Rapid war damals wirklich eine gute Mannschaft.

LAOLA1: Sehen Sie in gewisser Hinsicht Parallelen zu damals oder handelt es sich heute mit hauptsächlich österreichischen Spielern um eine ganz andere Philosophie?

Hickersberger: Das ist eine andere Philosophie, die für mich sehr erfreulich ist, da derzeit so viele österreichische Akteure bei Rapid spielen. Parallelen gibt es eigentlich nur bezüglich der spielerischen Qualität. Denn mit der Meister-Mannschaft hat Rapid vor zehn Jahren auch sehr guten Kombinationsfußball gespielt, das ist auch jetzt wieder der Fall. Rapid spielt wirklich sehr attraktiv. Uns hat man damals fast vorgeworfen, dass wir nicht typisch für Rapid gespielt haben, was ich immer als Kompliment aufgefasst habe.

Hicke beim Fan-Empfang in Wien

LAOLA1: Wie oft haben Sie sich das spielentscheidende Kopfball-Tor von Valachovic, das den Aufstieg bedeute, seither angesehen?

Hickersberger: Ich kann mich nicht erinnern, dass ich mir das bewusst noch einmal angesehen hätte. Wenn es zufällig irgendwo einmal gezeigt wird, sehe ich es mit großer Freude, da es ein sehr wichtiges Tor war - vor allem für Rapid. Es hat den Verein finanziell wieder auf gesunde Beine gestellt, auch wenn die CL-Teilnahme nicht so viel Geld eingebracht hat, wie es jetzt der Fall wäre. Für Rapid war es damals aber finanziell ein Segen, sportlich weniger.

LAOLA1: Gab es für Sie persönlich einen noch emotionaleren Moment als Rapid-Coach?

Hickersberger: Es hat schon ein paar gegeben, andererseits war es schon sehr schön. Vor allem der Empfang der Mannschaft durch die Fans am Schwechater Flughafen um ca. 5 Uhr in der Früh – das war Gänsehaut pur. Das wird immer unvergessen bleiben. Aber das Gefühl beim Meistertitel nach langer Durstrecke war genauso schön.

LAOLA1: War Lok Moskau damals eigentlich ein ähnliches Kaliber wie Shakhtar Donetsk momentan oder wie schätzen Sie die Kräfteverhältnisse ein?

Hickersberger: Ich glaube, dass Shakhtar über mehr spielerische Substanz verfügt, als es Lok Moskau damals hatte. Vor allem mit den Brasilianern im offensiven Mittelfeld, ist Shakhtar Donetsk gefährlicher, als die Russen zum damaligen Zeitpunkt.

Hicke mit Juves Pavel Nedved

LAOLA1: Die darauffolgende Gruppenphase gegen Bayern München, Juventus Turin und Club Brügge war sportlich dann nicht so erfolgreich.

Hickersberger: (lacht) Das ist sehr nett ausgedrückt! Wir haben keinen Punkt gemacht, waren im ersten Spiel gegen Bayern aber knapp dran. Da hat Valachovic kurz vor Schluss beim Stand von 0:1 einen Elfmeter vergeben. Danach ist vieles schief gelaufen. Wir haben mit Bayern eine Mannschaft zugelost bekommen, die zum damaligen Zeitpunkt in Deutschland ungeschlagen war, Juventus hat auch eine sensationell starke Mannschaft gehabt mit Zlatan Ibrahimovic, Pavel Nedved und Co. Die waren auch in Italien ungeschlagen. Wir hatten sehr starke Gegner, hätten aber durchaus ein paar Punkte machen müssen.

LAOLA1: Wie sehr hat die CL-Gruppenphase die Mannschaft damals geprägt und wie wichtig kann das auch heute für die Entwicklung einzelner Spieler sein?

Hickersberger: Unglaublich wichtig, weil man durch Spiele auf allerhöchstem Niveau – selbst, wenn man sie verliert – internationale Erfahrung gewinnt. Das hat vor allem den Jüngeren in ihrer Entwicklung sehr geholfen und sie zu richtigen Klasse-Spielern reifen lassen. Und das wäre auch jetzt nicht nur ein Riesen-Erfolg, sondern für jeden Einzelnen Erfahrung pur.

LAOLA1: Einer, der nicht genug bekommt und schon unter Ihnen Champions League spielte, ist Steffen Hofmann. Wie sehr würden Sie ihm diesen Erfolg noch einmal gönnen, und war damals schon abzusehen, dass er bei Rapid dieses Standing erreichen würde?

Hicke mit Rapid-Kapitän Steffen Hofmann

Hickersberger: Es war zwar nicht abzusehen, dass er bei Rapid einen derartigen Status erlangt, aber, dass er eine herausragende Spielerpersönlichkeit werden kann. Deswegen habe ich ihn schon in sehr jungen Jahren zum Kapitän gemacht. Und ich würde es ihm von Herzen gönnen, dass er noch einmal Champions League spielen kann.

LAOLA1: Auch Spieler wie Payer, Dober, Ivanschitz oder Hlinka haben durch die Königsklasse einen Schub bekommen. Pflegen Sie noch Kontakt zum einen oder anderen?

Hickersberger: Man sieht sich des Öfteren, Kontakte gibt es aber eher selten. Eine lustige Geschichte habe ich aber parat. Ich habe einmal Valachovic angerufen, ich weiß nicht einmal mehr, was der Anlass war. Ich habe von Hlinka die Nummer bekommen und versuchte ihm zu erklären, wer mit ihm spricht. Er hat mich an der Stimme nicht erkannt und immer wieder gefragt: Trainer? Welcher Trainer? Es war richtig lustig.

LAOLA1: Muss die Champions League für einen zukunftsorientierten Klub wie Rapid einfach auf Dauer das große Ziel sein oder ist der finanzielle Unterschied zu groß?

Hickersberger: Es ist möglich, auch wenn es heuer eher unwahrscheinlich ist. Aber die Zielsetzung für einen österreichischen Spitzenklub – nicht nur für Rapid, sondern auch für RB Salzburg und Austria Wien – muss das Erreichen der Champions League sein.

LAOLA1: Es würde Ihnen also nichts ausmachen, nicht mehr der letzte Rapid-Trainer zu sein, der es in die CL-Gruppenphase geschafft hat?

Hickersberger: Nein, im Gegenteil. Ich wäre wirklich glücklich, wenn es Rapid jetzt schon gelingen würde.


Das Gespräch führte Alexander Karper

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